Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Schatzsuche Oktober 2025 – Lese- und Hinschaustoff

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. 

Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. 

CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe der befreundeten Buchhandlungen

Chatwins (Berlin), 
Wendeltreppe (Frankfurt)
und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg)

auf interessante Neuerscheinungen hin.

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokalen Buchhandlungen besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. Man kann das nicht oft genug sagen – und tun.

** **

Claudia Denker, Chatwins, Berlin:

Gerade hat Claudia Gehrke vom Konkursbuchverlag mir geschrieben, dass Regina Nösslers neuer Kriminalroman »Ein widerliches kleines Gefühl« (da schauderts mich schon sehr angenehm) quasi auf dem Weg zu mir ist. Unter den deutschsprachigen Autorinnen ist sie meine liebste.  

Leute, der Oktober wird gut! Am 13. erscheint der neue Roman von Lavie Tidhar bei Suhrkamp, »Adama« (deutsch von Conny Lösch), »Eine Geschichte Israels, wie sie so noch nie erzählt wurde« sagt der Verlag. Nach »Maror« glaube ich das gerne.

Und das zweite dicke Buch bei Suhrkamp, derselbe Erscheinungstermin: »Kälter« (Suhrkamp) von Andreas Pflüger. Die Insel Amrum kenne ich gut. Normalerweise ist sie sehr friedlich, ausgerechnet dort beginnt dieser Agententhriller, das kann ich kaum glauben. Aber freuen kann ich mich drauf.

Hier dachte ich erst, ich hätte mich verlesen, aber nein – es wird ein neues Buch von Thomas Pynchon geben: »Schattennummer« (Rowohlt, deutsch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren). Ich vermute, da erwartet uns ein verrückter Trip, 1932 in Amerika.

Noch verrückter wahrscheinlich: Gary Victors »An der Kreuzung der Parallelstraßen« (litradukt, deutsch von Peter Trier), 136 Seiten Wahnsinn in Haiti.

Ein großer Fan von Dystopien bin ich nicht, aber hier schaue ich genauer hin. Nach ein paar Seiten lesen hat mich »Tödliche Transparenz« von Lilia Hassaine (Lenos, deutsch von Anne Thomas) neugierig gemacht.

So, und hier noch aus der Rubrik »Keine Krimis – trotzdem empfohlen«:

Thorsten Nagelschmidt ist mir das erste Mal aufgefallen, als er einen Abend mit John Niven sehr schön moderierte, nun habe ich mir sein neues Buch geschnappt. Es ist großartig. Um seiner Weihnachtsdepression zu entkommen, flieht der Autor in »Nur für Mitglieder« (März Verlag) im Dezember nach Gran Canaria. Dort plant er, die kompletten Staffeln »The Sopranos« anzusehen und eventuell darüber zu schreiben. Entstanden ist eine autobiografische Erzählung, die mich sofort gekriegt hat.

Man braucht sich mit Filmen nicht gut auszukennen, um an diesem Buch Spaß zu haben. Renatus Töpke: »The Shark is not Working. Die größten Desaster der Filmgeschichte« (Schüren Verlag).

Ich gehe seit Kurzem manchmal auf ein Laufband (man sagte mir, Sport sei gesund), und prompt erscheint das schöne Sachbuch von Yves Pagès mit dem Titel »Endlose Ketten. Eine illustrierte Geschichte des Laufbands« (Edition Nautilus, deutsch von Felix Kurz). Was es da alles zu sehen gibt: Bänder für Tiere, für Menschen, das Band als Foltergerät, Transportgerät, Sportgerät. Eine sehr lehrreiche und vergnügliche Lektüre – und ach, da fällt mir ein – viel Spaß allen, die zur Buchmesse fahren und denkt auf dem Laufband an mich!

** **

Jutta Wilkesmann und Hildegard Gansmüller, Wendeltreppe, Frankfurt:

Und hier kommen die Tipps – wie immer bunt gemischt: 

Tomas Duszynski: Glatz (Jaron)

Christine Rechl: Die wunderbaren Schafe der Amelie und der Tote im Englischen Garten (Gmeiner)

Christoph Simon: Die geschenkte Leiche (Atlantis)

Andreas Izquierdo: Über die Toten nur Gutes (DuMont) – Siehe auch bei uns die Besprechung von Joachim Feldmann, d. Red.

Voosen/Danielsson: Schwüre die wir brechen (Kiepenheuer & Witsch)

und ansonsten einen schönen, reichen Herbst!

** **

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg:

Aus den sardischen Bergen nun zurück, hier meine Lesetipps für den Oktober:

– Andreas Pflüger, Operation Rubikon, Suhrkamp 2020, 798 S., 14 Euro: Ich habe im Urlaub meine letzte „Pflüger-Lektüre-Lücke“ geschlossen. Fast 800 Seiten Hochspannung, auch wenn ich nicht weiß, ob ich jemals so viel über Hohlspitzgeschosse, Pointer und Abhörgeräte lernen wollte.

– Andreas Pflüger, Kälter, Suhrkamp 2025, 496 S., 25 Euro: Luzy Morgenroth arbeitet 1989 als Provinzpolizistin auf Amrum. Nein, es handelt sich nicht um einen Regio-Krimi! Erst tauchen russische Killer auf, dann geht die Mauer auf und dann beginnt die Jagd auf den gefährlichsten Terroristen der Welt. Action satt und ein Wiedersehen mit einigen Vertrauten aus Pflügers früheren Romanen. Ich bin begeistert, auch, weil der Autor am 5. November 2025 bei uns im Buchladen zu Gast sein wird. Der Kartenvorverkauf läuft bereits!

– Erskine Childers, Das Rätsel der Sandbank (Ü: Wolfgang Gottschalk), Kampa 2025, 384 S., 25 Euro: Es soll Menschen geben, die diesen vor über 100 Jahren geschriebenen Segel- und Spionageroman noch nicht kennen. Zwei englische Studienfreunde segeln Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Dulcibella durchs norddeutsche Wattenmeer. Gerade ist im Kampa Verlag eine wunderschön gestaltete Neuausgabe dieses Klassikers erschienen. 

– Christoph Nußbaumeder, Das Herz von allem, Rowohlt 2025, 448 S., 25 Euro: Dies ist natürlich mehr ein historischer Abenteuer- als ein Kriminalroman. Johannes Gottstein, ein deutscher Auswanderer, schließt sich 1796 in Nordamerika einer Expedition an und zieht mit einem Haufen wilder Kumpanen ins Land der Lakota. 

– Mario Rigoni Stern, Tönle (Ü: Gerda Lederer), Kampa 2025, 160 S., 22 Euro: Rigoni Stern, 1921 in Asiago in den italienischen Alpen geboren und eben dort 2008 gestorben, erzählt die Lebensgeschichte des Bauern, Handlungsreisenden und Schmugglers Tönle Bintarn, der erst vor den Gendarmen fliehen muss und dann in die Wirren des Ersten Weltkriegs gerät. Dies ist ein Antikriegsbuch von zeitloser Aktualität, angereichert mit wunderschönen Naturschilderungen. Was kein Wunder ist, denn der Autor hat auch lange als Förster gearbeitet. Eine echte Wiederentdeckung!

Einen goldenen Oktober wünscht uns allen

Torsten Meinicke (Buchladen Osterstraße)

** **

Tipps aus der Redaktion

Thomas Wörtche:

Gerade reingekommen – der neue Roman von Regina Nössler: Ein widerliches kleines Gefühl (Konkursbuch), was schon mal ein genialer Titel ist. Geht auch gleich gut los, mit der absolut plausiblen Frage, wie bringt man jemanden um und entsorgt die Leiche, ohne erwischt zu werden. Gar nicht so einfach, heuzutage.

Als Parallelstück auf der Sachbuchebene zu Gustavo Faverón Patriaus „Unten leben“ empfehle ich dringend Philippe Sands: Die Verschwundenen von Londres 38. Über Pinochet in England und einem Nazi in Patagonien S. Fischer, Ü: Thomas Betram und Henning Dedekind. Der Nazi in Patagonien ist Walter Rauffs, der Erfinder der mobilen Gaskammern. Ein Scheusal, das im Schatten von Eichmann, Mengele und Barbie wenig bekannt geblieben war. Wichtiger Kontext zur Lateinamerika-Nazi-Connection.

Sehr lustig – Renatus Töpke: The Shark is not working. Die größten Desaster der Filmgeschichte (Schüren). Pleiten, Pech und Pannen, fun facts ohne Ende über das oft arg mühsame Geschäft des Filmemachens. Zu Verschlagworten unter Wahnsinn, Alptraum, Nervenzusammenbruch, reale Prodduktionsbedingungen.

Aus der Abteilung Spielereien mit Bildungsgütern – Bernd Schuchter: Kleiner Atlas der nie geschriebenen Bücher (Limbus Preziosen). Wäre ja spannend gewesen, wenn Michel de Montaigne seinen Essay „Über Tyrannei“ wirklich geschrieben hätte. Hat er aber nicht. Und welche Impulse zur Frauenbewegung hätte Olympe de Gouges noch geben können, wäre sie 1793 nicht dem terreur zum Opfer gefallen? Um nur zwei Bespiele dieser gegen den Strich gebürsteten Kulturgeschichte zu nennen. Vergnüglich.

Nützlich – Michael de Ridder: Der Patientenwegweiser. Kompetent und selbstbestimmt durch den Gesundheitsdschungel (DVA). In meinem langen, langen Leben bin ich auf lediglich drei vertrauenswürdige Ärzte getroffen. Einer davon ist Michael de Ridder, als er noch Chef der Notaufnahme im Urban war. Und wenn ich je zu Ärzten ginge, dann würde ich mich an diesen seinen Wegweiser halten. Kompetent, kritisch, informiert. Jedem Schwurbel, jedem Wunderglauben abhold, wider Beutelschneiderei und Götter-in-Weiß-Phantasien, pragmatisch, rational, umfassend informiert und sehr intelligent. Ein Buch mit hohem Gebrauchswert.

Alf Mayer:

Liz Moore: Long Bright River. Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. C.H. Beck, 25 Euro. Nach dem – auch internationalen – Erfolg von „Gott des Waldes“ ist der Debütroman von Liz Moore jetzt ebenfalls als Hardcover erhältlich. Er schien bereits 2020 als Broschur, 2021 als Taschenbuch. Unter Beibehalt des Buchtitels wurde er bereits sehenswert und intensiv als Serie verfilmt. Amanda Seyfried in der Hauptrolle ist eine Wucht. So verslumt hat man eine amerikanische Innenstadt lange nicht gesehen. (Hoffen wir, dass so etwas nicht zu Trumps Gelüsten zum Militäreinsatz im Inland beiträgt; er bezieht bekanntermaßen seine „Informationen“ aus Medienbildern, sieht aktuell Portland dank „Fox“-Berichten mit wiederaufgewärmtem Bildmaterial der „Black Lives Matter“-Proteste noch heute brennen.) Wie auch immer: Wir haben eine Streifenpolizistin, die ein Auge auf ihre auf der Straße lebende, drogenabhängige Schwester zu halten sucht. Dann ist sie verschwunden. Und ein Serienkiller geht um… Klingt dümmer als es ist. Dieser Roman hat poetische Qualität.

Franziska Meier: Giovanni Boccaccio. Dichter in schwarzen Zeiten. Eine Biographie. C.H. Beck, 32 Euro. 415 Seiten, mit 19 Abbildungen und 1 Karte. Pandemie, Klimawandel, Bankenkrise, Staatsverschuldung und der politische Umschwung zur Oligarchie: all das gab es bereits am Anfang der Renaissance und Giovanni Boccaccio (1313 – 1375) war ein Seismograph dieser Erschütterungen in seiner Zeit. Die Literaturwissenschaftlerin Franziska Meier zeigt ihn in ihrer funkelnden Biographie als unruhigen Zeitgenossen eines krisengeschüttelten Jahrhunderts am Beginn der Neuzeit. Hier nebenan in dieser Ausgabe präsentieren wir einen Auszug aus seinem Debütroman „Finocolo“ (erstmals auf Deutsch gerade in der Anderen Bibliothek).

Linda Maria Koldau: Titanic. Das Schiff, der Untergang, die Legenden. C.H. Beck, 16 Euro, 304 Seiten, mit 47 Abbildungen und 1 Karte. Der Fall „Titanic“,  neu aufgerollt. Die Autorin erklärt anschaulich, was wir – heute – über den Luxusdampfer, seine Passagiere, die Umstände des Untergangs und das Wrack wissen und macht deutlich, warum die Katastrophe so viele anrührende Geschichten rund um Liebe und Tod hervorgebracht hat.

** **

Wir haben keine Rubrik für Personalien, deswegen hier unsere Gratulation für Heide Sommer. Ihr wurde jetzt im September vom Verein deutscher Sprache, Hamburg, der Elbschwanenorden verliehen. Zum einen für ihre klare Sprache, aber auch stellvertretend für die Millionen von Frauen, die ebenfalls als Vorzimmerdamen und Chefsekretärinnen den Texten ihrer Chefs mehr als nur den letzten Schliff gegeben haben. Heide Sommer ist mit ihren 85 immer noch eine der exponiertesten Vertreterinnen ihres Berufs. Sie hat für Theo Sommer bei der „Zeit“, aber auch für Carl Zuckmayer, Rudolf Augstein, Joachim Fest, Günter Gaus, Fritz Raddatz, Helmut und Loki Schmidt gearbeitet sowie heute noch für Klaus von Dohnanyi. In ihrer Autobiographie Lassen Sie mich mal machen (hier bei uns von Peter Münder besprochen) berichtet sie über ihre Zeit bei diesen Persönlichkeiten der Literatur und Gesellschaft. Darüber hinaus ist sie auch als Übersetzerin von 21 Büchern und Theaterstücken hervorgetreten, hat zahlreiche Bücher lektoriert. – Herzlichen Glückwunsch, liebe Heide.

** **

«MEYERAMA – Das Spiel von Macht und Leidenschaft»: Ausstellung zum 200. Geburtstag von Conrad Ferdinand Meyer vom 3. Oktober 2025 bis 11. Januar 2026 im Museum Strauhof Zürich. – Die Theatergruppe MASS & FIEBER (deren Mitglieder Brigitte und Niklaus Helbling CulturMag-Lesern bekannt sein dürften) verwandelt das Museum Strauhof in Zürich in ein «Meyerama», setzt das Schaffen des grossen Zürcher Dichters und Schriftstellers auf spielerische Weise ins Bild. Zentrale Szenen aus Meyers Novellen werden mit Hilfe von 47 Darstellerinnen und Darstellern als «tableaux vivants» oder Film Stills eingerichtet, als lebendige Bilder. Der untere Stock des Museums wird zur Galerie und zeigt elf lustvoll arrangierte Szenen in grossformatigen Fotografien. Meyers Figuren sind oft zwischen Pflicht, Glauben, Loyalität und persönlichem Vorteil hin- und hergerissen. Historische Konflikte werdenbei ihm zur Bühne für zeitlose Fragen und menschliche Grenzsituationen wie Treue, Verrat, Rache oder Vergebung. Zum Programm gehören szenische Lesungen, Führungen (begrenzte Teilnehmerzahl) und Vorträge, etwa Reto Hänny über «C.F. Meyer, mein Karl May».

Tags :