Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Schatzsuche Mai 2024 – Lesestoff

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. 

Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. 

CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe der befreundeten Buchhandlungen

Chatwins (Berlin), 
Wendeltreppe (Frankfurt)
und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg)

auf interessante Neuerscheinungen hin. 

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Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokalen Buchhandlungen besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. Man kann das nicht oft genug sagen – und tun.

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Claudia Denker vom Chatwins pausiert diesen Monat. Die Redaktion springt ein. Was Sonja Hartl, Alf Mayer und Thomas Wörtche im Visier haben, siehe weiter unten.

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Jutta Wilkesmann und Hildegard Gansmüller, Wendeltreppe, Frankfurt:

Bei strahlendem Sonnenschein ebenso sonnige Grüße aus der Wendeltreppe:

Alexander Oetker: Zyprische Geheimnisse (Atlantik)

Camilla Trinchieri: Toskanisches Vermächtnis (Insel)

Marcel Huwyler: Der rote Spatz (Atlantis)

Camilla Sten: Ein gefährliches Talent (HarperCollins

Alfred Bodenheimer: In einem anderen Land (Kampa)

Anjali Deshpande: Mord (Draupadi, übersetzt von Almuth Degener)

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Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg:

Dies sind meine Leseempfehlungen für die nächsten Wochen:

– Mathijs Deen, Der Retter (Ü: Andreas Ecke), mareverlag 2024, 378 S., 23 Euro: Liewe Cupido, „der Holländer“, ermittelt nun schon in seinem dritten Fall an der Nordseeküste.  Mathijs Deens Reihe wird mit jedem Band besser und hat wirklich nichts mit Regiokrimi-Dutzendware zu tun!

– Sybille Ruge, 9 mm Cut, Suhrkamp 2024, 231 S., 17 Euro: Mord und Korruption bei einer Stiftung mit Sitz in Zürich. Der Stifter schickt undercover Eve Klein zur Aufklärung. Ruge spart zwar an einem wirklich spannenden Plot, legt in puncto Coolness und Nobelmarkenkenntnis dafür immer noch eine Schippe nach. – Alf Mayer war bei einem Lokaltermin mit ihr und hat sich mit ihr über (ihre) Stoffe unterhalten, die Red.

– -Roberto Saviano, Falcone (Ü: Annette Kopetzki), Hanser 2024, 544 S., 32 Euro: Eine Biografie? Ein Roman? Ein Krimi? Völlig egal! Saviano setzt hier dem Antimafia-Kämpfer Giovanni Falcone ein würdiges Denkmal. Das Ganze mit viel Empathie und Recherche garniert. – Von Alf Mayer groß in dieser Ausgabe besprochen, d. Red.

– Lavie Tidhor, Maror (Ü: Conny Lösch), Suhrkamp 2024, 640 S., 20 Euro: Nicht ganz zu Unrecht schon als „Blockbuster-Buch“ bezeichnet. 40 Jahre Israel, zwei Cops, das Ganze garniert mit Autobomben, Verbrechen und Korruption.

– Szczepan Twardoch, Kälte (: Olaf Kühl), Rowohlt 2024, 428 S., 26 Euro: Der Ich-Erzähler Konrad Widuch ist ein König der Abschweifung und ein unzuverlässiger Chronist. Aber zu erzählen hat er viel, beginnend beim Matrosenaufstand in 1918 in Kiel. Es folgen eine Moskaufahrt mit Radek, ein Feldzug mit Budyonnis Reiterarmee, Gulag, Flucht und vieles mehr. Explizite Gewaltdarstellungen einschließlich Kanibalismus und ganz viel Eis und Kälte. Die aktuellen Bezüge sind vom Autor eindeutig gewollt.

Sonnige Wochen und viel Zeit zum Lesen wünscht
Torsten Meinicke

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Sonja Hartl, Alf Mayer und Thomas Wörtche sind neugierig auf:

Jakob Nolte: Die Frau mit den vier Armen. Erscheint bei Suhrkamp Nova, angeblich ein „Hannover Noir“.

Megan Abbott: Wage es nur (Dare Me, übersetzt von Karen Gerwig), ein rabenschwarzer Psychothriller aus der Welt der Cheerleader. Band 60 in Frank Nowatzkis Pulp Master Reihe. Wir gratulieren.

Gerald Kersh: Hirn und zehn Finger (Ü: Angelika Müller, Pulp Master). Schon lange angekündigt, endlich da: Gerald Kershs Verneigung vor dem jugoslawischen Widerstand gegen die Nazis.

Szczepan Twardoch: Kälte (übersetzt von Olaf Kühl, Rowohlt Berlin), auch bei Torsten Meineke auf der Liste. Ein desillusionierter russischer Revolutionär, einst in der Reiterarmee, übersteht den Gulag, wird Schamane bei den Ljaudis in Sibirien.

Hernan Diaz: Treue (Trust; Ü: Hannes Meyer, btb). Jetzt als Taschenbuchausgabe, intelligente Metafiktion über Gier, hemmungslose Spektulation in jeglicher Hinsicht und die Ursprünge der FDP (Scherz) mit einem Wallstreet-Banker der 1920er im Mittelpunkt.

Mike Nicol: Hitman (Ü: Mechthild Barth, btb). Endlich wieder etwas von Mike Nicol. Privatdetektiv Fish Pescado unter dem Schatten der Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme im Jahr 1986. Wir sind gespannt.

David Grann: Der Untergang der „Wager“. Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei (Ü: Rudolf Mast, C. Bertelsmann), lässt jetzt schon Thomas Wörtches Fregattenkapitäns-Herz höherschlagen. Grann schrieb ja auch die Vorlage zu KILLERS OF THE FLOWER MOON von Martin Scorsese, merkt Sonja Hartl an. Wir reisen ins Jahr 1742. Ein Segelboot strandet an der Küste Brasiliens, an Bord 30 Männer, die einzigen Überlebenden des königlichen Eroberungsschiffs »The Wager«, das in einem Sturm zerschellte. Sechs Monate später: Drei Schiffbrüchige werden in Chile an Land gespült und erklären die 30 Männer zu Meuterern, die skrupellos gemordet hätten … Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? En britisches Kriegsgericht wird entscheiden. Grann spinnt aus dem Archivmaterial eines historischen Kriminalfalls eine atmosphärisch dichte Abenteuererzählung.

Eli Cranor: Bis aufs Blut (Ü: Cornelius Hartz, Atrium) transportiert in einen Trailer Park irgendwo in den Ozarks. Billy Lowe bringt seine Wut und seinen Schmerz mit auf das Football Feld. Cranor selbst hatte solch eine Karriere. Vielgerühmtes Debut, Edgar Award. Don’t Know Tough hieß der Originaltitel.

Liza Cody bringt uns mit Die Schnellimbissdetektivin (Ü: Iris Konopik, Ariadne) eine frühere Polizistin, die jetzt Sandwich in Digbys Imbissbude macht und sich mit kleinen Privat­schnüffeleien durchschlägt.

Für den 20. Mai angekündigt: Lisa Sandlin: Der Auftrag der Zwillinge (Ü: Andrea Stumpf, Suhrkamp, TW-Edition). Wunderbare Nachricht: Ein neuer Fall für Delpha Wade und Tom Phelan. Die Zwillingsschwestern Ruby und Emerald beauftragen die Ermittler, herauszufinden, wer sie langsam vermutlich mit Arsen vergiftet. Beide sind schon todkrank, und sie sitzen in demselben Gefängnis, in dem auch Delpha einst eingesperrt war. Wir sind Beaumont, Texas, im Dezember 1973, während der Watergate-Affäre.

Gary Phillips: One-Shot Harry (deutsch von Karen Gerwig, Polar Verlag). In den USA erscheint gerade Band 2, Gary Phillips, den wir schätzen, ist auf den Geschmack gekommen. Sein Koreakriegsveteran Harry Ingram verdient sich 1963, in die letzten Tagen des Goldenen Zeitalters von LA und Hollywood, den Lebensunterhalt als Nachrichtenfotograf und Prozessbevollmächtigter. Rassismus und der Kampf um Bürgerrechte inklusive.

Ron Rash: Der Friedhofswärter (Ü. Sigrun Arenz, ars vivendi). Richard Russo sieht ihn als »einen der besten amerikanischen Autoren«, bei uns ist er recht unbekannt. Rash transportiert uns ins Kaff Blowing Rock, North Carolina, zu Beginn der 1950er Jahre.

Nana Kwame Adjei-Brenyah hingegen schießt uns mit Chain Gang All-Stars (Ü: Rainer Schmidt, Hoffmann und Campe) wie eine Flipperkugel in ein ROLLERBALL-Amerika der nahenZukunft. Zwei moderne Gladiatorinnen kämpfen mit Sense und Hammer bewaffnet auf Leben und Tod gegen andere Straftäter – und das ganze Land fiebert am Bildschirm mit. Alf Mayer wird Andrew Nette, der ein Buch über Norman Jewisons Film von 1975 schrieb und im Mai auf Deutschland-Besuch kommt, dazu befragen.

Silver Nitrate heißt Silberne Geister von Silvia Moreno-Garcia im Original (Ü: Frauke Meier, Limes). Es geht, alle undogmatisch-feministischen Krallen ausgefahren, um eine Frau in der Männerdomäne Filmbusiness, ausgerechnet in Mexiko, um Zauber & Fluch hochentzündlicher alter Silbernitrat-Filme, mexikanischer Horrorfilme genauer, dazu Séancen und ein untoter Nazi-Okkultist. Moreno-Garcia bedient sich hemmungslos, lustvoll und klug aus dem Fundus von Schauerroman, Noir-Krimi, Science-Fiction und Fantasy. Sie gefiel Alf Mayer schon mit »Mexican Gothic« (»Der mexikanische Fluch«) und »Die Tochter des Doktor Moreau«.

Buzzy Jacksons Wir waren nur Mädchen (Ü: Christine Strüh, Aufbau, im Original To Die Beautiful) ist eine Saga aus dem niederländischen Widerstand, hat leider noch nicht viel Öffentlichkeit. Buzzy ist mit dem von Alf Mayer übersetzten Benjamin Whitmer (»Flucht«, Polar Verlag) zusammen und die Tochter des Krimiveteranen Jon A. Jackson, ja der von »The Blind Pig« (1978). Mit Schrott würde sie sich nicht sehen lassen.

Abteilung nonfiction:

Michael Connelly: Cops und Killer (übersetzt von Sepp Leeb, Kampa). Originaltitel: Crime Beat. A Decade of Covering Cops and Killers. Seine Reportagen aus den 80er- und 90er-Jahren.

Melanie Möller: Der entmündigte Leser. Für die Freiheit der Literatur. Eine Streitschrift. Literatur muss frei sein, wild, darf böse sein und muss auch weh tun können, findet Melanie Möller. Sie müsse ein Freiraum bleiben für ungeschützte Gedanken und scharfe Worte. Dafür liefert die Autorin einen wilden Ritt durch mehrere Jahrhunderte Literaturgeschichte im Kampf für die Freiheit des Worts. Kontrovers und interessant. 

Thomas Sparr: Zauberberge. Ein Jahrhundertroman aus Davos (Berenberg) stapft alphabetisch durch das Terrain von Thomas Manns Roman.

Und ebenfalls aus dem kleinen, feinen Verlag für ungewöhnliche Blicke auf die Welt kommt Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto von Ursula Muschler über Bertolt Brechts Lebensstil (Berenberg).

Patrick Radden Keefe: Sage nichts. Mord und Verrat in Nordirland (Ü. Pieke Biermann, hanserblau) zitiert als Motto Viet Thanh Nguyen: »Alle Kriege werden zweimal geführt, das erste Mal auf dem Schlachtfeld, das zweite Mal in der Erinnerung.« In GB und USA bereits hoch gelobt.

Raquel Erdmann hat für Joseph Süsskind Oppenheimer (Steidl Verlag) acht Meter Archivbestand akribisch durchgesehen und nimmt uns mit in die deutsch-jüdische Vergangenheit zu einem Schauprozess. »Ein Justizmord« sagt der Untertitel.

Die Parallelen zur heutigen Zeit sind bei Tara Zahra: Gegen die Welt (Ü: Michael Bischoff, Suhrkamp) mit Händen zu greifen. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe wurden in der Zwischenkriegszeit Nationalismus und Abschottung zum Mantra zahlreicher Politiker. Migration und ökonomische Verflechtung lösten Ressentiments und Existenzängste aus. Ein Gemisch aus Nationalismus, Protektionismus und Fremdenfeindlichkeit breitete sich rund um den Globus aus. Hundert Jahr her… und nicht vergangen.

Streaming:
Thomas Wörtche empfiehlt nach wie vor FALLOUT (Amazon Prime): trashig, bunt, gemein, abstoßend, bedenklich, sehr lustig. Walton Goggins als Ghoul … 

Sonja Hartl empfiehlt AMERICAN FICTION: »Der läuft nur bei Amazon Prime, ist aber wirklich gut (nach einem Roman von Percival Everett).« 

In der ZDF-Mediathek wartet INFINITI (Frankreich/ Belgien), mit unheimlich viel Landschaft und Weite in Kasachstan gedreht und in Baikonur. Viel wunderbar original-sowjetisches Innendekor im Raumfahrtzentrum, unverbrauchte Darsteller, Sabotage auf der Internationalen Raumstation ISS, Binnenkämpfe um private oder internationale Raumfahrt, dazu Steppe und Schamanismus und ein Schuss Schrödinger, samt Katze – ungewöhnlich qualitätsvoll und exotisch.

Und im Kino, so der Film noch läuft: MONKEY MAN, das Regiedebut von Dev Patel (SLUMDOG MILLIONAIRE): reines, rohes Kino, ab 18 – in dieser Ausgabe bei uns besprochen.

Graphic Novels:
Sonja Hartl schätzt die Comic-Version von Khalil Gibran Der Prophet (avant-Verlag). Die libanesisch-französische Comicautorin Zeina Abirached hat den Text, eins der am meisten übersetzten und verkauften Bücher aller Zeiten, anlässlich des hundertjährigen Erscheinens in eine poetische Bilderzählung übersetzt.

Alf Mayer ist elektrisiert von den bisher zwei Hardcover-Bänden Modesty Blaise. Die kompletten Comicstrips aus dem Bocola Verlag, dessen Spezialität es ist, die großen Zeitungscomics in exklusiven Sammler-Editionen herauszubringen. Nach »Prinz Eisenherz« ist nun Peter O’Connells Modesty dran: weltweit erstmals in großformatigen (ca. 27 cm Breite) Hardcover-Bänden gedruckt. Die zwei Bände enthalten acht der insgesamt 95 Zeitungsabenteuer. Eine Checklist macht klar, welch ein Abenteuer-Universum dort draußen noch wartet.

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