Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Roland Keller: Mit Henry Jaeger im Bahnhofsviertel

Zurück ins wilde Wirtschaftswunder

Es müssen zur Buchmesse nicht immer Bücher sein. Warum nicht einen Sprung in die Wirklichkeit wagen? Mit einem perfekten Führer zurück in die 50er-Jahre.

Laufen wir einfach vom Bahnhof geradeaus durch die Kaiserstraße und dann links und rechts durch die Flussstraßen, die sich von der Mosel über die Weser bis zum Neckar erstrecken. Mit Flussidyll haben die Straßen allerdings ebenso wenig zu tun wie die Kaiserstraße mit der Huldigung deutscher Herrscher. Geschieht ihnen recht, könnte man sagen, denn im Frankfurter Bahnhofsviertel lässt sich nichts so leicht unter den Teppich kehren.
Gut, ich war lange nicht mehr da. Vielleicht hat sich inzwischen einiges verändert, und all das, was Jakob Stein in seinem True-Crime-Krimi „Schuld und Unschuld – Die Wandlung des Henry Jaeger“ aus der Wirtschaftswunderzeit herübergerettet hat, ist nur noch Geschichte. (Siehe auch bei uns: Frankfurt, von unten … und ein halb vergessener Schriftsteller, von Alf Mayer, sowie ein Textauszug aus dem Roman – d. Red.)

Damals, in der ersten Hälfte der 50er-Jahre, als der Spiegel mal wieder einen Reißer brauchte, wurde die Bande um Karl-Heinz Jaeger zur „klügsten und raffiniertesten Räuberbande der Bundesrepublik“ hochgejazzt.
In Steins Rückblick, der zugleich eine Reise in die frühe Pubertät der Republik ist, stellt sich das etwas anders dar. Die Frankfurter True-Crime-Jungs, gereift in Schwarzmarktzeiten, sind eine Bande, die auf schnellere Art als ihre Zeitgenossen den Segen des Wirtschaftswunders genießen will. Mit entsprechender Tag- und Nachtarbeit.
Dass sie bei ihrem größten Coup, dem Überfall auf eine Rentenauszahlungsstelle der Bundespost, ein gutes Drittel der Beute liegen lassen, verdient allerdings nicht unbedingt die Attribute klug und raffiniert. Schlau war es bestimmt auch nicht, sich dafür zwölf lange Jahre Haft einzufangen.

Neuauflage im B3 Verlag

Jakob Stein erzählt ihre Aktivitäten im und ums Milieu spannend, atmosphärisch und mitreißend, wie einen Ausflug in eine andere, unbekannte Welt: in eine Zeit der Parallelwährung, in der Taxifahrer lieber Dollars nahmen und die alleinerziehende Mutter die Kinder für ein paar Stunden zu den Nachbarn schickte, wenn der Kohlenmann kam (damals ein Synonym für schwarze GIs oder einfach für GIs mit Kohle). Vom Whiskey, von den Lucky Strikes und den Dollars bekamen die Nachbarn nach der schnellen und direkten privaten Völkerverständigung auch ihren Teil ab.

Doch zurück zum Buch und zu der Frage, warum der zweite Teil des Titels, „Die Wandlung des Henry Jaeger“, so gut zur Buchmesse passt.

Fraglos war Jaeger Teil der Bande, doch ihn trieb immer etwas anderes an: das Schreiben, mit Dostojewski als Vorbild. In der Revision sollen die Raubüberfälle sogar als Recherche für Jaegers literarische Ambitionen angeführt worden sein.

Im Gefängnis verwirklicht Jaeger tatsächlich seinen Jugendtraum und wird Schriftsteller. Auf Toilettenpapier, weil man ihm alles verweigert, was er zum Schreiben braucht – quasi zur Verhinderung einer Resozialisierung –, schreibt er seinen ersten Roman, „Die Festung“, und schmuggelt ihn aus der Haft. Der Verleger Kurt Desch veröffentlicht ihn 1962 mit Erfolg. 1963 wird Jaeger vorzeitig entlassen. Danach fängt er als Volontär bei der Frankfurter Rundschau an, wird später Lokalredakteur und konzentriert sich später ganz auf die Schriftstellerei. Im Jahr 2000 ist Jaeger gestorben.

Sein Leben erinnert an andere Schriftstellerkarrieren, die in der Haft begannen. Horatius Haeberle, der als Anlageberater in die Schusslinie der Banken geriet und wegen unerlaubter Bankgeschäfte mehrere Jahre in Haft saß, veröffentlichte 1971 die Wirtschaftsgroteske „Herby Derby“. Später folgten weitere Romane sowie Filme, bei denen er als Produzent und Regisseur arbeitete. Unerwähnt bleiben darf auch Burkhard Driest nicht. Er wurde wegen Bankraubs verurteilt, schrieb 1972 „Die Verrohung des Franz Blum“ und war danach als Roman- und Drehbuchautor sehr produktiv und erfolgreich.

Noch einmal zurück zu „Schuld und Unschuld – Die Wandlung des Henry Jaeger“. Beim Lesen sah ich die Menschen, Straßen, Häuser, Kneipen und Etablissements des Frankfurter Bahnhofsviertels vor mir, als wären sie wieder auferstanden. Dabei habe ich das Viertel erst ab Anfang der 70er-Jahre erlebt, in meinen letzten jungen Jahren, als Mitarbeiter einer Konzernniederlassung in der Neckarstraße. Frühmorgens, auf dem Weg vom Bahnhof ins Büro, war das Viertel noch müde und erholte sich von den kurzen Nächten. Doch schon ab zwölf, beim schnellen Mittagessen im Imbiss (noch ohne Döner), begann es sich zu verwandeln und legte die Müdigkeit ab. Nach Feierabend, auf dem Heimweg, wurde man gefragt, ob man nicht bleiben wolle. Freundlich, fast vertraulich, nachbarschaftlich, man sah sich ja täglich. Aber eben doch mit einem Hauch des Verführerischen, als Einladung zum Vorabendprogramm. Die Höhen und Tiefen des Nachtprogramms erfuhr ich nur aus zweiter Hand, von einem Aushilfsstudenten, der nebenbei als Taxifahrer jobbte.

Im Rückblick weiß ich nur, dass die Arbeit in dem Büro sehr langweilig war und für mich der Grund, mich für den Rest des Lebens von Konzernen fernzuhalten. Das Leben drumherum aber war spannend, pulsierend, menschlich, voller Schuld und Unschuld.

Roland Keller

Jakob Stein: Schuld und Unschuld. Die Wandlung des Henry Jäger. B 3 Verlag, Frankfurt 2026. 388 Seiten, Hardcover, 28 Euro.

Siehe auch:
Jakob Stein: Der Gröschaz. Ein biografischer Roman über Henry Jaeger, den größten Schriftsteller aller Zeiten (2019)

Henry Jaeger: Die Festung (B3 Verlag, Frankfurt 2012, EA München 1962)
Henry Jaeger: Das Freudenhaus (B3 Verlag, Frankfurt 2013, EA München 1966)
Henry Jaeger: Jakob auf der Leiter (B3 Verlag 2020, EA München 1973
)
Henry Jaeger: Der Club
(B3 Verlag, Frankfurt 2026, EA Zürich 1969)

Alf Mayer: Der Frankfurter Krimiautor Jakob Stein – Die Literaturgeschichte wie eine Sternenkarte lesen … und sei es im Kriminalroman, CrimeMag September 2026

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