Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Textauszug: Henry Jaeger im Spielkasino Bad Homburg

Das Kurhaus Bad Homburg mit Spielbank, 1865 © wiki-commons

Ein angehender Autor auf Dostojewksis Spuren

Ein Textauszug aus dem Henry-Jaeger-Roman „Schuld und Unschuld“ von Jakob Stein

Jakob Stein: Schuld und Unschuld. Die Wandlung des Henry Jäger. B 3 Verlag, Frankfurt 2026. 388 Seiten, Hardcover, 28 Euro. – Siehe auch die Besprechung von Alf Mayer hier in dieser Ausgabe nebenan: Henry Jaeger, halb vergessener Autor aus Frankfurt

Henry war nach Bad Homburg gefahren, sogar mit dem Zug, wie einst Dostojewski selbst. Es war ein kalter, doch sonniger Tag. Der Himmel stahlblau, die Sonne ein fast weißer Ball darin, die Felder kahl und weiß bestäubt. Hier oben hatte er mit vierzehn Jahren als Flakhelfer gedient. Von den ehemaligen Stellungen bei Weißkirchen war nichts mehr zu sehen. Sie waren mit Pflug und Egge ausradiert. Es ging schon auf zwei Uhr, als er auf dem kleinen Bahnhof in Bad Homburg vor der Höhe eintraf.

Kaum jemand stieg aus. Henry schlenderte am Gleis entlang, stellte sich vor, wie vor etwa einhundert Jahren die Kurgäste hier ankamen. Wie ein Spurenleser versuchte er, Hinweise auf damals zu finden, untersuchte die Stahlträger, die die Überdachung am Gleis trugen, betrachtete intensiv den quadratischen Turm, der das Empfangsgebäude um das Doppelte überragte, lief von links nach rechts, als könnte ihm Dostojewski höchstpersönlich begegnen. Henry hatte keine Ahnung, dass dieser Bahnhof 1860 noch gar nicht stand. Der alte Frankfurter Bahnhof lag einst etwa zweihundert Meter entfernt von hier und war längst verschwunden.

Als recherchierender Autor hätte er so etwas nachlesen, in Archiven und Bibliotheken in Erfahrung bringen können. Auf diese Idee kam Henry nicht. Noch nie in seinem Leben hatte er sich im Entferntesten mit Forschung und Historie beschäftigt. Recherchieren war für ihn mehr so eine Art ausbaldowern, wie es Karl-Heinz vor seinen Dingern tat. Er dachte, er müsse nur lange genug vor Ort sein und alles genau beobachten, so wäre ihm schon bald alles vertraut. Ferner glaubte er an einen inspirierenden Funken, der ihn aus dem alten Gemäuer, von den Plätzen und Häusern anspringen würde, wenn er nur lange genug dort verweilte. So war es häufig bei seinen Erkundungen an fremden Orten. Er musste nur lange genug um einen Laden herumschleichen und plötzlich wusste er, wie sie die Sache anpacken würden. Ähnliches erwartete er jetzt. Henry war fest davon überzeugt, dass das Wandeln über die Wege und Straßen seinen Geist in die Zeit Dostojewskis versetzen würde. Die Louisenstraße ging er mehrmals auf und ab und nahm schließlich in einem Café Platz. Von dort beobachtete er eine halbe Stunde die wenigen Passanten.

Von der Louisenstraße schlenderte Henry zum Kurpark. Die Brunnen waren verschlossen, kaum ein Mensch auf den Wegen zu sehen. Im Park waren mehrere Bäume gefällt worden, einige von ihnen sehr alt. Henry stellte sich vor einen der Stämme und betrachtete die Jahresringe. Sein Leben war nur der äußere Rand, dachte er. Viel weiter innen, hundert Ringe zurück, in dieser schmalen, kurvigen Bahn, hatte Dostojewski gelebt. Henry ist völlig begeistert von diesem Gedanken.

Er zieht sein neues Notizbuch, das er sich eigens für diesen Ausflug gekauft hatte, und den neuen Stift aus seiner Manteltasche. Mit eisigen Fingern kritzelt er auf die schneeweißen Seiten, was ihm gerade in den Sinn kommt. Er ist plötzlich wie berauscht. Alles um ihn herum bekommt einen tieferen Sinn. Die gebrochenen Sonnenstrahlen, die kahlen Bäume, die glitzernden Wiesen, die Zeit, festgehalten im Holz, sind Botschaften an ihn. Es sind kleine Kristalle wie das Eis an den Zweigen, die sich im Nachhinein zu weiten Flächen ausdehnen werden. Er muss diese Eindrücke nur festhalten, darf sie nicht entwischen lassen, sie irgendwie mit Worten bannen. Hätte ihn jemand aus seinem anderen Leben, aus dem des Karl-Heinz Jäger, der Eiche, hier gesehen, er hätte sich verwundert die Augen gerieben. [Als Ganove steht man nicht vor einem Juwelier und schreibt in sein Notizbuch.] Hätte ein solcher Jemand ihm über die Schulter geblickt und das Geschriebene gelesen, er wäre in lautes Lachen ausgebrochen. Was tat die Eiche da? Was sollte das werden?

So plötzlich Henry die Inspiration überfallen hatte, so plötzlich war sie wieder vorüber. Von einem auf den anderen Augenblick fiel ihm nichts mehr ein, war kein Bild, kein Gedanke mehr in seinem Kopf, den es festzuhalten lohnte. Er blickte sich mehrmals um und wartete, ob ihm noch etwas auffiele, aber nein, es war vorbei. Henry klappte sein Notizbuch zu und steckte es in die rechte Manteltasche.

In der linken spürte er den Roman von Dostojewski, den er vor Ort mit der Umgebung vergleichen wollte. Trotz der Kälte setzte er sich auf eine Bank, zog „Der Spieler“ heraus, schlug das Buch wahllos auf und las:

Ich habe meine Blätter zusammengesucht und wieder
durchgelesen; vielleicht habe ich es nur in der Absicht
getan, mich zu überzeugen, ob ich sie nicht wirklich in
einem Irrenhaus geschrieben habe. Jetzt bin ich allein,
mutterseelenallein. Der Herbst rückt heran, das Laub wird
gelb. Ich sitze in diesem trostlosen Städtchen (oh, wie trostlos
sind die kleinen deutschen Städte!), und statt zu überlegen,
was ich nun weiter tun soll, lebe ich in den Empfindungen
der jüngsten Vergangenheit, in frischen Erinnerungen
und überlasse mich dem Gedanken an jenen Wirbelsturm,
der mich damals packte und umherschleuderte und mich
nun wieder irgendwohin ausgeworfen hat. Manchmal
habe ich die Vorstellung, als würde ich mich immer
noch in diesem Wirbel herumdrehen, und als werde im
nächsten Augenblick jener Sturm wieder heranbrausen
und im Vorbeijagen mich mit seinem Flügel erfassen,
und als würde ich wieder aus dem Geleise herausgerissen
werden und alles gesunde Urteil verlieren und im Kreise
herumgetrieben werden, immer im Kreise, im Kreise …

Henry blickte von den Zeilen auf. Seltsam berührt ließ er seinen Blick über die winterlichen Wiesen und zwischen den nackten Bäumen umherwandern. Wieder hatte ihm Dostojewski aus der Seele gesprochen, ohne dass er genau sagen konnte, warum. Augenblicklich fühlte er sich in eine Stimmung zwischen Euphorie und Melancholie versetzt, die ihm wie eine Voraussetzung für die eigene schriftstellerische Arbeit erschien. Henry verharrte, hätte gerne das Gefühl in sich behalten, aber es löste sich unter seiner Selbstbetrachtung auf, wie ein Blatt sich unter dem konzentrierten Licht einer Lupe versengt.

Er stand auf, ging zur Spielbank hinüber und betrat das kleine Gebäude, das er von früheren Besuchen her kannte. An der Garderobe gab er Hut und Mantel ab, wechselte an der Kasse sein Spielbudget in Jetons und postierte sich am Kopfende des Roulette. Er sah zu, wie die um diese Tageszeit wenigen Spielerinnen und Spieler mit möglichst unbeteiligter Miene um den Tisch saßen. Niemand sprach ein Wort. Noch wurde nicht gesetzt. „Faites vos jeux. Ihre Einsätze bitte“, forderte der Croupier an der Bank die Anwesenden auf. Mehr wie nebenbei wurden einige Jetons platziert, meist auf Rouge oder Noir, Pair oder Impair. Der zweite Croupier warf die kleine Kugel gegen die Laufrichtung des Kessels in den Zylinder. Ihr Surren war durch den gesamten Raum zu hören. Als habe ihnen der Ton der Kugel etwas zugeflüstert, setzten weitere Spieler auf Carrés oder Colonnen.

Die Kugel lief noch immer, ihr Gesang wurde dumpfer. Da, der erste Einsatz auf eine Zahl, die Dreizehn. Es folgte die Siebzehn, die Dreiundzwanzig, die Null. „Rien ne va plus“. Die Kugel tat einen ersten Sprung, hüpfte noch zwei Mal über die Fächer und landete schließlich in der Neunundzwanzig. „Vingt-neuf, Noir, Impair. Neunundzwanzig, schwarz, ungerade“, verkündete der Croupier mechanisch und zog alle Jetons bis auf zwei mit seinem Rechen ein. „Noir, schwarz“, wiederholte er nochmals und warf zwei gleichwertige Spielmarken in das Feld: ein Fünfer und ein Zehner. Kleine Einsätze, kleine Gewinne. Die beiden Spieler taten so, als hätten sie nichts anderes erwartet, als sei der Erfolg von ihnen vorausgesehen worden und daher eine Selbstverständlichkeit und keiner Rede wert. Kein Lächeln, keine Freude. Der eine zog mit der Fingerspitze den gewonnenen Zehner zu sich heran und ließ den ersten an Ort und Stelle liegen. Der andere nahm beide Fünfer vom Tisch und setzte sie auf den Turm vor ihm, der nur aus diesen mickrigen Jetons bestand. In der nächsten Runde setzte er einen Stein auf Rouge und gewann wieder.

Henry beobachtete das Spiel noch eine Weile und studierte die Anwesenden. Am deutlichsten fiel ihm ihre Ängstlichkeit auf. Keiner spielte mit mehr als zehn Mark, keiner wollte etwas riskieren. Henry dachte an das Buch, das er draußen in seiner Manteltasche gelassen hatte. Bei Dostojewski glich das Spiel einem Orakel. „Gewinn oder Verderben.“ Der Einsatz entschied über Wohl und Weh ganzer Familien. Das Leben der Protagonisten hing vom Ausgang des Spieles ab. Die Spieler hier vor ihm waren jämmerliche Geizlinge, die ihr Schicksal in kleinste Scheibchen schnitten.

Henry trat an den Tisch und setzte einen Hunderter auf die Siebenundzwanzig. Alle schauten ihn an. Die Kugel surrte, hüpfte und landete in der Vier. Der Spieler mit den Fünfern schüttelte den Kopf, ein anderer lächelte tröstend zu ihm herüber. Henry horchte in sich hinein: Nichts. Er spürte keinen Stich, keinen Gram. Der Verlust war ihm völlig gleichgültig.

Henry setzte nochmals hundert Mark auf die Neunzehn und verlor, anschließend auf die Acht-undzwanzig und verlor wieder. Er spürte immer noch nichts, während sich der Spieler mit den Fünfern vor ihm wie vor Schmerzen wand. „So werden Sie alles verlieren“, raunte er Henry zu. „Um Gottes willen. Hören Sie auf.“ Henry setzte auf Siebenundzwanzig und Dreißig, indem er seinen Jeton zwischen die beiden Zahlen legte. Die Dreißig kam. „Trente, Rouge, Pair. Dreißig, rot, gerade.“ Ein leises Raunen war zu hören. Der Croupier an der Bank zählte einmal zehn, einmal sieben Hunderter ab und schob den Gewinn gemeinsam mit dem Einsatz herüber. Henry verzog keine Miene. Nichts, er spürte nichts, keine Freude, keine Genugtuung, das Geld war ihm völlig egal. Er empfand lediglich eine Art Bestätigung, dass er bleiben und weiterspielen solle. Der Mann mit den Fünfern war kreidebleich und presste die Lippen zusammen. Die Jetons standen einen kurzen Moment neben ihm. Er warf einen verstohlenen Blick darauf und presste „Glück ist nicht von Dauer“ hervor. Henry nahm die Spielmarken, ließ sie in seine Jacketttasche fallen und ging zur Bar.

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