Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Nonfiction kurz – Sachbücher Februar 2026

Sachbücher vom weiten Feld, von Alf Mayer besprochen:

Oliver Bullough: Everybody Loves Our Dollars – How Money Laundering Won
Bodo V. Hechelhammer: Techniker der Macht – Wolfgang Döring: Die FDP zwischen Rechtsnationalismus und Rechtsstaatlichkeit
Reece Jones: Nobody Is Protected: How the Border Patrol Became the Most Dangerous Police Force in the United States
Caroline Moorehead: A Sicilian Man. Leonardo Sciascia, the Rise of the Mafia and the Struggle for Italy’s Soul
Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg
Hans-Jürgen Tast: das Stahltier. Die Bahn im Schatten deutscher Geschichte
Klass Voß: Washingtons Söldner. Verdeckte US-Interventionen im Kalten Krieg und ihre Folgen

Im Dezember 2025 bei uns besprochen:
Mirco Becker: Damals in Frankfurt. Die Jahre 1846 – 1945
Tilmann Bendikowski: Die Spur des Silbers. Wie die Jagd nach Edelmetall unsere Welt verändert hat
Seth Harp: The Fort Bragg Cartel: Drug Trafficking and Murder in the Special Forces.
Dan Jones: Kreuzfahrer. Der epische Kampf um das Heilige Land
Max Spöcker: Your ticket is not guilty. This is the end of your fart
Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager

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Buch der Stunde – über die US-Grenzpolizei

(AM) Ein Gastessay in der New York Times machte mich wieder auf Reece Jones aufmerksam, die Überschrift lautete: »The Border Patrol Was Always Out of Control«. Das war jetzt Ende Januar 2026, als die Welt sich verwundert die Augen rieb, was denn in Minnesota derart faschohaft uniformiert und mit vollem Segen aus dem Weißen Haus aus dem Ruder lief: Die Grenzpolizei der USA hunderte Meilen von jeder Grenze entfernt, ein Anführer im Gestapo-Mantel und mit Koppelriemen über der Brust, eine Fresse wie der Doppelgänger von Sean Penn in One Battle After Another (man kann sich so etwas scheinbar doch ausdenken), Faschismus und Rassismus aus allen Poren. Und jetzt schauen wir hin, endlich, weil »weiße« Amerikaner, weil Zivilisten erschossen worden sind.

Reece Jones ist ein Guggenheim Fellow, ein Universitätsprofessor auf Hawaii, sein Schwerpunkt Geografie und Umwelt, er ist Chef vom Dienst des Journals »Geopolitics«. Seine Bücher »Border Walls« und »Violent Borders« und »White Borders« gewannen Preise, aufmerksam wurde ich auf ihn 2022 durch Nobody Is Protected: How the Border Patrol Became the Most Dangerous Police Force in the United States. Das habe ich nun wieder aus dem Regal geholt. Es ist das Buch der Stunde.

Es zeigt und bietet Hintergrund dazu, dass und wie im Namen der nationalen Sicherheit die U.S. Border Patrol schon seit Jahrzehnten Bürgerrechte missachtet. Ihre Wurzeln sind von Beginn an rassistisch. Sie entstand 1924 als eine Behörde des Arbeitsministeriums und half mit, den Saisonarbeiter-Bedarf zu regulieren. Seit in Folge vn 9/11 die Frage der Einwanderung immer mehr unter dem Gesichtspunkt der Terrorabwehr betrachtet wurde, verdoppelte sich die Mannstärke innerhalb kurzer Zeit. Border Patrol und ICE sind zwei separate Behörden, sie gehören aber beide zum Heimatschutz-Ministerium und operieren immer öfter gemeinsam. Tja, und Gregory Bovino, jener Fascho im Gestapomantel, war in Minnesota mit voller Absicht dessen Gesicht.

No more deaths – No más muertes heißt eine Database für die Toten an der Südgrenze der USA. Nicht nur in Minnesota sind diese Grenzschützer außer Kontrolle.

Reece Jones: Nobody Is Protected: How the Border Patrol Became the Most Dangerous Police Force in the United States. Counterpoint, Berkeley/ CA 2022. 288 Seiten. Website des Autors hier.

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Ziemlich abgefahren, aber auf die gute Art

(AM) Es sind jetzt schon eine ganze Menge Jahre, die ich Hans-Jürgen Tast und seine Zeitschrift Kulleraugen kenne, die er zusammen mit seiner Frau, der Fotografin Brigitte Tast, so etwa im 47. Jahr macht. Und immer wieder gelingt es den »Kulleraugen«, mich zu überraschen. Dieses Mal mit einer verrückten Reise durch die Kulturgeschichte der Eisenbahn: das Stahltier. Die Bahn im Schatten deutscher Geschichte.

Einmal eingestiegen in dieses mit 62 Farbfotografien auf 60 Seiten ausgestattete Paperback im Heftformat nimmt die Tour schnell Fahrt auf, führt an die verrücktesten Stationen, verknüpft Kindheits- und Reiseerinnerungen, Biographisches und Popgeschichte, Eisenbahn-Fan-Hardcore und Philatelie, Politik, KULTUR- und Filmgeschichte mit teils atemloser Poesie. Das Heft ist reine Bewegung. Wie bei einer Zugreise weiß man nie, was als nächstes kommt und woran der Blick sich festsaugen wird. An dem Film »Tracks« von Henry Jaglom etwa aus dem Jahr 1976 – mit Dennis Hopper als ziellos zugfahrenden Vietnam-Veteranen, ohne Drehgenehmigung und Story quer durch die USA gedreht (»He doesn’t seem like he’s connected«). An den nie zur Aufführung gelangten Kulturfilm »Das Stahltier« von Wilhelm Otto Zielke, zum 100. Geburtstag der Bahn 1933 in Auftrag gegeben? Die Ambition dabei, unter dem Einfluss des sowjetischen Konstruktivismus: ein »absoluter Film«, die Kamera unter anderem an ein Lokomotiven-Rad montiert. Die Reichsfilmkammer gibt ihn nicht frei, erst 1954 kommt er in die Kinos. »Insbesondere die Darstellung der Bahnarbeiter, die auch als Laiendarsteller eingesetzt werden, entsprach nicht der nationalsozialistischen Ikonographie« (filmportal.de).

Die Liedtexte, die Hans-Jürgen Tast immer  wieder einmontiert, sind eine Wucht. Wir hören Abgefahrenes von Howard Carpendale, Christian Anders, Udo Lindenberg, Pete Seeger, Elvis Presley, Iggy Pop oder Cliff und Rexonah. Steigen Sie ein.

Hans-Jürgen Tast: das Stahltier. Die Bahn im Schatten deutscher Geschichte. Kulleraugen – Visuelle Kommunikation Nr. 59. Kulleraugen-Verlag, Schellerten 2026. 60 Seiten, 62 Farbfotografien, 8,90 Euro. – Internet: www.kulleraugen-verlag.de

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Die richtigen Fragen gestellt

(AM) Das Buch ist ein Bestseller. Eigentlich ermutigend. Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945 stellt die richtigen Fragen. Dass Götz Aly sich für die Antworten dann über 700 Seiten Platz nimmt, macht die Qualität dieses Buches aus. Es gibt für ihn nicht eine, sondern mehrere Antworten. Je nach Phase – im Frieden, in der erfolgreichen ersten und in der von der absehbaren Niederlage bestimmten zweiten Hälfte des Kriegs – fallen sie unterschiedlich aus.

Viele Deutsche, die bei all den Verbrechen der Nazizeit mitwirkten, waren keine NSDAP-Mitglieder, sie kamen »aus der Mitte der Gesellschaft«. Die Regierung, die Staat und Gesellschaft zusehends verschmolz, konnte »auf Millionen von aktiven Unterstützern, von gleichgültigen, fungiblen Mitläufern und mehreren Hunderttausend an den Schreibtischen, in der Logistik und der Verwaltung sowie in den Stätten zur Menschenvernichtung tätigen Exekutoren« bauen. Weshalb Aly bevorzugt, von Hitlerdeutschland und den Deutschen, nicht von »den Nationalsozialisten« spricht.

Wie viel Opportunismus, wie viel Feigheit, wie viel Mitmachen, wie viel politisch effektloses Nichtmitmachen haben deutsche Männer und Frauen damals an den Tag gelegt? Götz Aly findet, wer den Aufstieg der nationalsozialen Massenbewegung verstehen möchte, muss sich in die Verhältnisse und Lebensbedingungen dieser Zeit hineindenken und sich die Unterschiede zur Gegenwart klarmachen. Dazu erklärt er den sozialen Rahmen, die vielfältigen Techniken politischer Machtausübung, die kriegerischen Dynamiken und die davon beeinflussten menschlichen Verhaltensweisen in nüchternen Worten. Er hält nichts von Pathos. Auch nicht dem der Erinnerungskultur. In seinem großen Buch benennt er »sieben Todsünden«, die zusammen eine explosive Mischung hervorbringen können: »opportunistische Trägheit und Anpassungsbereitschaft, der nagende Neid auf die Erfolge anderer, aggressive Unduldsamkeit gegen irgendwas und irgendwen, Habsucht, Gier nach dem kleinen Vorteil, die hochmütige und selbstgerechte Einbildung, einer überlegenen Wertegemeinschaft anzugehören, die Freude am kurzen Spaß, an der schnellen Triebabfuhr« (S. 665).

Die Methoden der Macht, die damals von der deutschen Führung angewandt wurden, die verführerischen wie die robusten, sind nicht ungewöhnlich gewesen, betont er. »Für sich genommen, sind sie alle noch in Gebrauch, derzeit zumeist in vergleichsweise milderen Formen.«

Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025. Hardcover, 768 Seiten, 34 Euro. – In der taz, deren Mitarbeiter Aly lange Jahre war, ist zu dem Buch ein schön ausführliches Interview erschienen. Link hier.

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Döring Hechelhammer Techniker

Nachkriegsdeutschland, seziert

(AM) Sie haben in letzter Zeit bei uns wenig von unserem Autor Bodo V. Hechelhammer gelesen (beim Jahresrückblick 2025 aber war er schon dabei), weil er mit einem Buchprojekt beschäftigt war: Techniker der Macht – Wolfgang Döring: Die FDP zwischen Rechtsnationalismus und Rechtsstaatlichkeit. Es ist die Biografie eines der umstrittensten Politiker der FDP. (Nein, nicht Christian Lindner, und die FDP war auch einmal eine andere Partei.)

Döring war als Berufsoffizier mit Leib und Seele gezeichnet von zahlreichen Fronteinsätzen im Zweiten Weltkrieg, musste sich erst einmal neu orientieren. Er schloss sich den nordrhein-westfälischen Freien Demokraten an und trieb dort als Hauptgeschäftsführer die rechtsnationale Sammlungsbewegung voran. Initiierte ein Misstrauensvotum, das den Sturz der NRW-Landesregierung herbeiführte und die Bildung der ersten sozialliberalen Koalition ermöglichte. Um die Wiedervereinigung voranzutreiben, führte er direkte Gespräche mit Politikern der DDR. Im Bundestag trat er entschieden gegen Konrad Adenauers Deutschlandpolitik und die atomaren Aufrüstungspläne von Franz Josef Strauß auf und verteidigte während der Spiegel-Affäre seinen Freund Rudolf Augstein sowie den Rechtsstaat – das alles, bevor er tragisch verstarb. Weniger bekannt ist, dass er über Jahre hinweg mit dem BND zusammenarbeitete, wenngleich der Geheimdienst im Auftrag des Bundeskanzlers ihn und die FDP selbst ausspionierte.

Nur wenige Autoren kennen »den Dienst« so sehr von innen wie Bodo V. Hechelhammer (seine Texte bei uns hier). Sein Porträt des Politikers Döring ist ein geradezu exemplarischer Tauchgang in die komplexen Tiefenschichten der westdeutschen Nachkriegsrepublik, in dieser Dichte und Tiefe ein Ausnahmefall. Einen exklusiven aus dem Textauszug finden Sie in dieser Ausgabe hier nebenan. Es ist ein veritaber Politkrimi aus den Tagen vor dem Rücktritt von Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister, 1962.

Bodo V. Hechelhammer: Techniker der Macht – Wolfgang Döring: Die FDP zwischen Rechtsnationalismus und Rechtsstaatlichkeit. Brill | Schöningh, Paderborn 2025. 427 Seiten, 49,90 Euro.

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Schwindelerregende Recherche

(AM) Am Tag als ich diese Rezension schrieb, ging durch die Nachrichten, dass es in Frankfurt eine Razzia in den Türmen der Deutschen Bank gegeben habe – wegen Geldwäsche-Verdacht. Darin verwickelt der russische Oligarch Roman Abramowitsch. Ihm begegnen wir auch in Everybody Loves Our Dollars – How Money Laundering Won, gerade im Londoner Verlag Weidenfeld & Nicholson erschienen, noch keine deutsche Übersetzung in Sicht oder angekündigt.

»A jaw-dropping exposé« nennt der Guardian das gerade erschienene neue Buch von Oliver Bullough. In der Tat mag einem an manchen Stellen das Kiefer herunterklappen, was man hier alles über Geldwäsche erfährt und wie selbstverständlich sie im internationalen Finanzwesen geworden ist. Von wegen Einzelfälle. Dies ist systemisch. Dazu passen die »Börsengesichter«, wie ich sie nenne, unserer harmlosen »Wirtschaftsnachrichten«, wo es nirgends ein Muckraking gibt, wie der britische Journalist Oliver Bullough es vorexerziert. »Land des Geldes. Warum Diebe und Betrüger die Welt beherrschen« (2020, Moneyland) hieß sein erster Streich, »Der Welt zu Diensten. Wie Großbritannien zum Butler von Oligarchen, Kleptokraten, Steuerhinterziehern und Verbrechern wurde« (2023) sein zweiter. (Bei uns hier und hier.)

An manchen Flughäfen der Welt gibt es inzwischen fast so viel Hunde, die Geld erschnüffeln können, wie Drogenhunde, aber der Krieg gegen die Geldwäsche ist ebenso verloren wie der gegen die Drogen. Der markt dafür wächst und wächst. Angeblich wird die Welt ja bargeldloser. Hahaha. Warum pumpen dann die westlichen Zentralbanken stetig Papiergeld hoher Nominationen in unfassbaren Quantitäten auf den Markt? 70 Prozent aller 100-Dollarnoten sind außerhalb der USA in Umlauf. Im April 2024 erreichte der Wert aller in Umlauf befindlichen Dollarnoten die irrsinnige Höhe von $2.345 Billionen und dürfte inzwischen höher sein. Jede Dekade seit 1970 hat sich das verdoppelt. Aber auch Euro-Noten im Wert von 1,552 Billionen sind in Zirkulation, Schweizer Franken, Japanische Yen oder das britische Pfund ebenfalls in Rekordhöhe. Eingepreist und Teil des Profits ist dabei, dass viele dieser Scheine in schmutzigen Geschäften verschwinden – an der regulierten Welt vorbei. Die Scheine finanzieren organisiertes Verbrechen, Waffenhändler, Terroristen, Schurkenstaaten. Und sie alle brauchen Wäschereien. Deshalb blüht die Geldwäsche wie noch nie. – Die Arbeit der Lobbyisten auch. Die Bafin schickte der Deutschen Bank zeitweise einen Sonderbeauftragten ins Haus, der Fortschritte beim Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung überwachen sollte. Er wurde Ende 2024 abgezogen.

Oliver Bullough: Everybody Loves Our Dollars – How Money Laundering Won. Weidenfeld & Nicholson, London 2026. 336 Seiten, 25 GBP.

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Ein Literat von großem Format

(AM) Hundert Jahre alt wäre Leonardo Sciascia am 8. Januar 2021 geworden. Er ist einer der großen europäischen Autoren – ja! – der Kriminalliteratur, aber eben noch viel mehr. Der 2025 verstorbene Felix Hofmann nannte ihn in seinem Porträt für uns einen »Mentalitätsforscher«. Er war fähig, »noch aus der staubtrockenen Bürokratensprache die Mentalitäten seiner Leute herauszulesen, darunter auch die unerträglichsten, und war zugleich fähig, das auszuhalten. Was ihn von anderen Schriftstellern am deutlichsten unterscheidet, ist dies: er fiktionalisiert nicht die Realität, wie es das übliche Verfahren aller erzählenden Literatur ist, sondern er durchschaut die Realität als Fiktion und verwandelt diese Fiktion in Chroniken von Ereignissen unter Verwendung einer Dokumentarsprache, die eben dadurch eine Verbindlichkeit bekommt, wie sie konventionelle Romane und Erzählungen niemals erreichen können.«

Sciascia ist eine singuläre Erscheinung im 20. Jahrhundert. So wie man Borges nicht auf Argentinien, so kann man Sciascia (nicht auf Sizilien/ Italien reduzieren. Er gehört zur Weltliteratur. Sein »Tag der Eule« von 1961 wird als der erste Roman über die Mafia angesehen, auch Roberto Savino setzte ihm in »Falcone« ein literarisches Denkmal. Sciascia (1921 – 1989) galt als Gewissen der italienischen Gesellschaft, ein Mann von untadeliger Haltung und ein großer Literat. Siehe auch „Leonardo Sciascia: Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ (Edition Converso, Bad Herrenalb 2021) – hier ein Textauszug bei uns, aus „Tod des Inquisitors“. Der von ihm 1969 mitbegründete Verlag Sellerio in Palermo übrigens tat von Anfang an, was heute Programm bei Suhrkamp ist: ein Haus für Weltliteratur, Geisteswissenschaften, politische Essays und gleichberechtigt auch für Kriminalliteratur zu sein.

Die in Italien aufgewachsene britische Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Caroline Moorehead (Jahrgang 1944) widmet ihm jetzt eine Biografie, die zugleich eine Sozialgeschichte Italiens ist: A Sicilian Man. Leonardo Sciascia, the Rise of the Mafia and the Struggle for Italy’s Soul. Moorehead hat Sachbücher über das Rote Kreuz, über Pazifisten und über Terroristen, über Bertrand Russell, Freya Stark, Iris Origo, Madame de la Tour du Pin und Martha Gellhorn geschrieben. Es ist zu wünschen, dass ihr Buch einen deutschen Verlag findet.

Caroline Moorehead: A Sicilian Man. Leonardo Sciascia, the Rise of the Mafia and the Struggle for Italy’s Soul. Chatto & Windus, London 2026. 320 Seiten, 25 GBP.

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Im Maschinenraum des Kalten Krieges

(AM) Ein Zitat des großen Historikers Jacob Burckhard steht diesem Buch voran: »Außerdem ist es nicht meine Schuld daß sich Alles mit Allem berührt.« Eigentlich ist die große Studie Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg bereits 2010 in der Hamburger Edition des (dort beheimateten, von Jan Philip Reemtsma gegründeten) Instituts für Sozialforschung erschienen, jetzt aber ist das Buch im Open Access frei zugänglich. Und es lohnt sich. Immer noch. Die »Dialektik der Aufklärung« erhält hier eine neue Dimension.

Der Sozialforscher Tim B. Müller stieg für seine Arbeit in den Maschinenraum des Kriegseinsatzes der Humanwissenschaften, hat sehr materialreich dazu recherchiert. Solcherart ist die Geschichte des Office of Strategic Services (OSS) und seiner intellektuellen Helfer noch nicht erzählt worden. Alle Hauptpersonen des Buches gehörten der Forschungs- und Analyseabteilung des OSS an. Es waren deutsch-jüdische Emigranten und jüngere amerikanische Gelehrte: Herbert Marcuse (1898–1979), Franz Neumann (1900–1954), Otto Kirchheimer (1905–1965), Felix Gilbert (1905–1991) und Hans Meyerhoff (1914–1965) sowie die US-Historiker Carl Schorske (geboren 1915), Stuart Hughes (1916–1999) und Leonard Krieger (1918–1990), der US-Soziologe Barrington Moore (1913–2005) und dr Literaturwissenschaftler Norman O. Brown (1913–2002). Statt auf dem Promenadendeck des Denkens begegnen wir ihnen bei der Gegnerforschung, bei der intellektuellen Architektur des frühen Kalten Krieges. Solche Einblicke waren uns noch nicht vergönnt.

Marcuse leistete der Legende, er habe einige Jahre in der Höhle des Löwen überwintern müssen, schon früh Vorschub. Nur was er »außerdienstlich« verfasst habe, ließ er Max Horkheimer bereits 1946 wissen, sei von Belang für sein Werk. Das Gegenteil trifft zu, weist Tim B. Müller nach: Was Marcuse »dienstlich« produzierte, sollte sich als Grundlage des späteren Werks erweisen. Und »nicht anders verhielt es sich bei seinen Freunden«.

Die Studie weicht auch den gelegentlichen Kompromissen der Gruppe mit dem Diskurs und den Praktiken des McCarthyismus nicht aus. Und unterm Strich, mit 736 Seiten Buchumfang dick gezogen, ist dies auch ein weiterer Baustein, der mich immer schon in der Biographie des bei der »Frankfurter Rundschau« irrwitziger Weise ausgelöschten Exilanten Und Verlegers Karl Anders fasziniert hat (siehe »Biografischer Schnelldurchlauf“): das sozialdemokratisch-liberale Projekt, »die stärkste, integrativste und noch über ihren Niedergang hinaus wirkende ideologische Kraft des Kalten Krieges« (Tim B. Weiner).

Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg 2010. Gebunden, 736 Seiten, 35 Euro. – Jetzt im Open Access frei erhältlich. Link dazu hier.

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Idealer Nährboden für Södner, geradezu eine Blütezeit

(AM) Sie sind viel zu wenig im Blickfeld. Die Medien versagen. Übrigens weithin auch die Kriminalliteratur, J. Quinell und seine Legionärs-Figur Creasey sind schon lange her (»Man on Fire« u.a., fünf Romane 1980 – 1996)1. Umso wichtiger, dass, wenn auch mit langsameren Mühlen, die Wissenschaft dem Phänomen »Söldner« auf der Spur bleibt. Ein wichtiger historischer Baustein hierzu ist die Studie Washingtons Söldner. Verdeckte US-Interventionen im Kalten Krieg und ihre Folgen des Historikers und Politikwissenschaftlers Klaas Voß. Das 2014 erschienene Buch aus dem Haus des Hamburger Instituts für Sozialforschung ist nun im Open Access frei erhältlich. Manche moralethische Gewichtung darin ist heute freilich Makulatur, die Moralschweine Trump und Putin lassen grüßen.

Erzählt wird die wenig beachtete Vorgeschichte der damals mit Blackwater-Söldnern im Irak-Krieg (2003 – 2011) aktuellen Rückkehr des Söldnertums, der »private contractors« und der damit einhergehenden, dann auch von Putin auf der Krim gepflegten »Grüne Männchen«-Praxis der »plausible deniability«. Das gängige Narrativ, das wir kennen, lautete so: Der Kalte Krieg war zu Ende, massive Budgetkürzungen der Militärs führten zu einem Überschuss an hochgradig geschultem Personal auf dem freien Markt. Privatisierung und Outsourcing westlicher Sicherheitsapparate schufen in Verbindung mit wachsender Instabilität im Globalen Süden die entsprechende Nachfrage für dieses Angebot. Aber, so belegt es Klaas Voß hier eindringlich an den Fallbeispielen Kongo, Angola, Rhodesien und Nicaragua: Die Söldner waren weder neu, noch kehrten sie zurück.

Der Kalte Krieg war keine Periode ohne Söldner, er war vielmehr eine Blütezeit des modernen Söldnertums. Im Wettstreit der Supermächte und im Kontext ihrer Stellvertreterkriege fand der moderne Söldner einen idealen Nährboden. Das Buch ist folglich keine Studie über private Sicherheits- und Militärfirmen, es beschäftigt sich mit ihren wenig organisierten Vorgängern: den unabhängigen, häufig ad hoc rekrutierten und mobilisierten Söldnern des Kalten Krieges. Im Mittelpunkt steht ihre Nutzung durch einen der wichtigsten Auftraggeber von Söldnern im Konflikt zwischen Ost und West, die Supermacht USA. Und es zeigt sich: Söldner waren fast drei Jahrzehnte lang ein wichtiger Bestandteil amerikanischer Interventionspolitik. Schon 1962 legte die Kennedy-Administration mit dem National Security Action Memorandum 162 (NSAM 162) die strategische Grundlage für spätere Söldneroperationen. Durch den verstärkten Einsatz von so genanntem Drittstaatenpersonal beziehungsweise ausländischen Freiwilligen unter amerikanischer Kontrolle sollten die USA »verdeckte und abstreitbare Operationen« in den entlegenen Dschungeln, Hochlanden und Wüsten der globalen Peripherie durchführen können. Das taten sie auch. Das Buch folgt ihren Spuren.

Klass Voß: Washingtons Söldner. Verdeckte US-Interventionen im Kalten Krieg und ihre Folgen. Hamburger Edition, Hamburg 2014. Gebunden, 590 Seiten, 38 Euro. – Jetzt im Open Access frei erhältlich. Link dazu hier.

  1. A.J. Quinnell (i.e. Philip Nicholson, 1940 – 2005): Der Söldner/ Mann unter Feuer (Man on Fire, dt. 1980); Die Spur des Söldners (The Perfect Kill, dt. 1992); Der blaue Ring (The Blue Ring, dt. 1994), Black Horn, 1994, Message from Hell, 1996.

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