Geschrieben am 1. Dezember 2025 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2025

Nonfiction kurz – Dezember 2025


Mirco Becker: Damals in Frankfurt. Die Jahre 1846 – 1945
Tilmann Bendikowski: Die Spur des Silbers. Wie die Jagd nach Edelmetall unsere Welt verändert hat
Seth Harp: The Fort Bragg Cartel: Drug Trafficking and Murder in the Special Forces.
Dan Jones: Kreuzfahrer. Der epische Kampf um das Heilige Land
Max Spöcker: Your ticket is not guilty. This is the end of your fart
Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager

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Erinnern – für alle Zeiten

(AM) Ausdrückliche Hochachtung, dass der Ullstein Verlag dieses 2016 erstmals auf Deutsch erschienene Standardwerk nicht nur lieferbar hält, sondern jetzt auch in einer überarbeiteten Neuauflage herausgebringt. 32 Bildseiten gehören auch dazu. Der 1971 in München geborene Nikolaus Wachsmann lehrt seit 2005 Neuere europäische Geschichte am Birkbeck College der University of London; sein vielfach ausgezeichnetes Buch erschien 2015 zuerst in London und in englischer Sprache, die deutsche Übersetzung hat er offenkundig selbst besorgt. Die gewaltige Studie ist ganz der angelsächsischen Sachbuch-Schule verbunden, bleibt stets anschaulich, ist an Strukturen interessiert, ohne die Opfer zu vergessen, verzichtet auf Pathos. Wachsmann ist ein Historiker, der Generalisierungen ablehnt – und Historiker, die generalisieren.

Ausgangspunkt für ihn war, dass es »mehr als 80 Jahre nach der Gründung Dachaus […] keine umfassende Geschichte gab, die die Entwicklung der Konzentrationslager und die sich verändernden Erfahrungen der Menschen in den Lagern nachzeichnet«, es fehlte »eine Untersuchung, die die Komplexität der Lager berücksichtigt, ohne zu zerfasern, und sie in ihren breiteren politischen und kulturellen Kontext einfügt, ohne zu vereinfachen«.

Tatsächlich ist KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager  die definitive Geschichte der Lager und des dort zum Terror geronnenen Kerns der Nazi-Ideologie. Das Buch greift auf die riesige Forschungsliteratur zurück, fasst deren Hauptergebnisse zusammen und schöpft außerdem aus vielen Primärquellen, bezieht ein breites Spektrum von SS- und Polizeiakten, lokalen Befehlen, Häftlingsunterlagen und Augenzeugen mit ein, vereint sowohl die Perspektive der Täter als auch jene der Opfer, beschreibt die monströse Dynamik der Vernichtungspolitik und bleibt dabei immer differenziert. Die Studie folgt einem chronologischen Gerüst, ist klar gegliedert, bleibt überschaubar.

Das härter klingende »KZ« wurde erst im Nachkriegsdeutschland zur Standardabkürzung. In offiziellen Dokumenten und im allgemeinen Sprachgebrauch der Nazi-Zeit war »KL« das vorherrschende Akronym. Dachau bei München war das erste von vielen SS-Konzentrationslagern, im März 1933 errichtet, acht Wochen nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt war und das NS-Regime die Macht übernommen hatte. Insgesamt richtete die SS im Verlauf des Dritten Reiches 27 Hauptlager und über 1100 angeschlossene Außenlager ein – in Österreich, Polen, Frankreich, der Tschechoslowakei und den Niederlanden, in Belgien, Lettland, Estland, Litauen und selbst auf der kleine britischen Kanalinsel Alderney. (Nicht nur) in Dachau mussten die Häftlinge den Weg vom Bahnhof zum KZ zu Fuß zurücklegen, heute ein »Weg des Erinnerns« rund drei Kilometer quer durch die Stadt. »Wie kann jemand sagen, man habe nichts gesehen und nichts gewusst!«, rief ein australischer Freund aus, mit dem ich einmal diese Strecke lief.

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager (KL. A History of the Nazi Concentration Camps, 2015). Aktualisierte Neuausgabe. Ullstein Taschenbuch, Berlin 2025. Klappenbroschur, 928 Seiten, mit Abbildungen, 26,99 Euro.

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Ein Jamie Oliver der Geschichtswissenschaft

(AM) Der Brite Dan Jones, Jahrgang 1981, gehört zu einer Generation Historiker, die wie munterste, kräftige Lachse gegen den ganzen heutigen Medienstrom schwimmen (oder mit ihm?) und dabei stets ihren keineswegs dummen Kopf überm Wasser zu halten vermögen. Die deutsche Wikipedia unterschlägt, dass er auch viel beachtete, vor Realismus strotzende historische Romane schreibt: über einen Söldnerhaufen im 14. Jahrhundert, die »Essex Dogs«. Der Abschluss dieser Trilogie erscheint nächstes Jahr im Februar, deutscher Titel »Löwenherzen«. Es ist dem C.H.Beck-Verlag anzuerkennen, dass er für diese Romanreihe ebenso Hardcover spendiert wie für die Sachbücher des Autors.

Der Historiker mit first class Cambridge-Abschluss, Journalist und Schriftsteller, wurde in Großbritannien und den USA durch historische Bestseller, Podcasts und Fernsehdokumentationen zur Geschichte der Frühen Neuzeit und des Mittelalters bekannt. Er schreibt Zeitungskolumnen, ist medial präsent und zum Anfassen, sozusagen ein Jamie Oliver der Geschichtswissenschaft. Mir persönlich zehntausend Mal lieber als ein Guido Knopp.

Sein Erzählstil ziele auf einen »Du-bist-da-Effekt« ab, attestierte die New York Review of Books. Tatsächlich hat die Unmittelbarkeit der Bücher eigenen Reiz, Geschichte wird personalisiert und erfahrbar beschrieben, Helden und Schurken mit Aussehen und Mentalität beschrieben. Seine Hausarbeiten hat der Autor dabei immer gemacht. Auch für sein neues Werk Kreuzfahrer. Der epische Kampf um das Heilige Land ist er durch Ozeane von Quellen und Studien geschwommen (ganz der agile Lachs), und zögert nicht, die sechs ihm wichtigsten zu nennen – bravo für den Lektor, hier auch die deutschen Titel zu erwähnen. »Ohne die Arbeit von Generationen von Kreuzzugs-Historikern und –Historikerinnen in Vergangenheit und Gegenwart wäre dieses Buch schlicht nicht möglich gewesen«, bekennt Dan Jones in seinem Vorwort. Das er folgendermaßen schließt: »So war es, und so ist es. Lasst uns beginnen.«

Muskulös, temporeich, anekdotisch, aus ungeheuer vielen Perspektiven und mit poetischer Kraft führt das Buch durch die acht oder neun großen Expeditionen von Westeuropa aus ins Heilige Land, erzählt eine erklärtermaßen pluralistische Geschichte der Kreuzzüge, achtet immer auf den Kontext. Das Verzeichnis der »Dramatis Personae« umfasst zehn Seiten. Eine wirklich formidable Expedition.

Dan Jones: Kreuzfahrer. Der epische Kampf um das Heilige Land (Crusaders. An Epic History of the Wars for the Holy Lands, 2019). Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Karin Schuler. C.H. Beck, München 2025. Hardcover, 544 Seiten, mit 28 Abbildungen und 10 Karten, 36 Euro.Der Autor bei seinem deutschen Verlag:

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Bis zum letzten Silberling

(AM) Im Literaturverzeichnis steht Karl Mays »Der Schatz im Silbersee“ direkt neben Karl Marx, Band 1 von »Das Kapital«, Band 1, »Der Produktionsprocess des Kapitals«. Tillmann Bendikowski ist Journalist und Historiker, Anschaulichkeit ist sein Metier. Nach »Ein Jahr im Mittelalter« (2019), »1870/71: Der Mythos von der deutschen Einheit« (2020), dem Bestseller »Hitlerwetter. Das ganz normale Leben in der Diktatur: Die Deutschen und das Dritte Reich 1938/39« (2022) und zuletzt »Himmel Hilf. Warum wir Halt in übernatürlichen Kräften suchen: Aberglaube und magisches Denken vom Mittelalter bis heute« (2023) hat er sich jetzt ein Mittelding zwischen Marx und May ausgesucht, nämlich Die Spur des Silbers. Wie die Jagd nach Edelmetall unsere Welt verändert hat.

Er erzählt die Geschichte dieses Edelmetalls in acht Kapiteln als eine große und (pardon the pun) glänzend polierte Politik-, Wirtschafts- und Kriminalgeschichte. Es ist auch eine Geschichte der Gier und der frühen Globalisierung, der Handelsströme und Tauschgeschäfte. Des Kapitalimus. Die Jagd nach Silber – einmal begonnen – hat nie wieder aufgehört. Und die Spur der Räuber und Mörder, die das Edelmetall angezogen hat, reicht bis in die Konzentrationslager der Nazis.

Die Geschichte vom Abbau des Silbers, so Bendikowski, steht beispielhaft für die Ausbeutung der Welt und ihrer Ressourcen und ebenso der Menschen, die dafür schuften müssen. Ab dem frühen 16. Jahrhundert leiden und sterben die indigenen Arbeitskräfte in den spanischen Silberminen, Bendikowski erinnert ihr Schicksal an die heutigen Arbeits- und Lebensbedingungen in vielen Bergwerken dieser Welt. Mit der Jagd nach Seltenen Erden wiederholt sich die Geschichte von Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt. Die Jagd nach dem Silber hat ganze Volkswirtschaften und das Leben von Millionen von Menschen über Jahrhunderte geprägt. Und ja, der Erzähler Bendikowski hat auch seinen Marx gelesen …

Tilmann Bendikowski: Die Spur des Silbers. Wie die Jagd nach Edelmetall unsere Welt verändert hat. C. Bertelsmann Verlag, München 2025. Hardcover, 16 Farbtafeln, 256 Seiten, 26 Euro.

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99 Jahre Stadtgeschichte, phänotypisch

(AM) Ein Jamie Oliver ist Mirco Becker nicht, aber ein History-Influencer. Becker, Jahrgang 1988, ist begeisterter Fan der Frankfurter Stadtgeschichte und betreibt auf Instagram und TikTok den erfolgreichen Geschichts-Account »Damals in Frankfurt«, hat über 120.000 Follower. Seine Liveshows mit Zeitreisen durchs frühere Frankfurt sind ausverkauft, die Veranstaltungsräume dafür werden immer größer. Als nächstes steht im Februar 2026 die Jahrhunderthalle an, wo schon Ray Charles, ABBA, Frank Sinatra oder Steppenwolf gastierten. Nur die Frankfurter Festhalle mit 15.000 Plätzen ist noch größer.

Nun hat Becker sich mit dem Frankfurter Societäts-Verlag zusammen getan, dem Platzhirsch im »Rund um Frankfurt«-Angebot. Archive wie das Institut für Stadtgeschichte, das Historische oder Jüdische Museum, das Bildarchiv Marburg und auch das Eintracht Museum haben ihm vernünftigerweise ihre Schubladen und Schränke geöffnet, solch ein Buch mit einer Vielzahl an historischen Aufnahmen gab es für Frankfurt tatsächlich noch nicht. Es sind rund 380 historische Fotografien. Die Bildqualität ist oft erstaunlich. Deutlich besser jedenfalls als das älteste erhaltene Frankfurter Foto. Es stammt von 1846 und zeigt den Blick vom Russischen Hof (den es natürlich nicht mehr gibt) in Richtung Hauptwache.

Mirco Becker gruppiert seine Bilderfunde in Damals in Frankfurt: Die Jahre 1846–1945 um knapp 20 stadtbekannte Orte oder Plätze, dazu kommen Kapitel wie »Szenen der Stadt«, »Ereignisse der Stadt«, »Straßen der Stadt« oder – das schrecklichste Kapitel – »Stunde Null«. Hier sieht man, wer das noch nicht kennt, ein atemberaubendes Ausmaß an Zerstörung. Verdienstvoll sind die vielen Kartenausschnitte, die dabei helfen, verschwundene Orte im Heute sichtbar zu machen und die Aufnahmen in der Gegenwart einzuordnen.

Sein Bildband, sagt der Autor, das seien »99 Jahre Stadtgeschichte, ein Jahr Arbeit – und die Überzeugung, dass wir Vergangenes verstehen müssen, um die Gegenwart einzuordnen und die Zukunft besser gestalten können.« Könnte auch der Bundespräsident nicht schöner sagen. Es gibt zum Buch auch ein Memory. Und nächstes Jahr kommt der Kalender: »Damals in Frankfurt – Neue Zeitreisen für jeden Tag«.

Mirco Becker: Damals in Frankfurt: Die Jahre 1846–1945. Bildband. Societäts-Verlag,  Frankfurt 2025. 288 Seiten, durchgängig illustriert, ca. 380 Fotografien und Karten, 40 Euro.Hier geht es zum Podcast von Mirco Becker.

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»We do bad things to bad people«, aber nicht nur zu denen …

(AM) Nein, noch keine Netflix-Serie. Aber ja klar, wir kennen das als Plot. Eigentlich gehört das längst zum Standard-Repertoire von Serien, Games und Filmen, von CALL OF DUTY, REACHER bis AMERICAN GANSTER oder der Winslow-Verfilmung SAVAGES. Drogenschmuggel und Drogengeschäfte bei US-Militär und Geheimdienst gehören als Topos zur Populärkultur. Schon ein wenig beklemmend, wenn ein investigativer Journalist genau so etwas in der Realität als real aufdeckt.

Seth Harp entwickelt eine geradezu Pulp-hafte Energie beim Erzählen seiner True-Crime-Geschichte The Fort Bragg Cartel: Drug Trafficking and Murder in the Special Forces. Dieser Militärstützpunkt in North Carolina, einer der größten Militäreinrichtungen der Welt, ist die Heimat der Delta Force, »der« Elite-Einheit für Black Ops. Nicht ohne Grund ultra-geheim und nicht ohne Grund militärisch – weil so ihr Tun nämlich parlamentarischer Kontrolle weithin entzogen ist. Eine Lehre, die nach den Kongressanhörungen von 1975 gezogen wurde, dem sogenannten Church-Komitee und der Entlarvung von CIA-Programmen wie MKUltra and Cointelpro.

Zwei auf dem Stützpunkt gefundene Leichen, ein Special Forces-Soldat und ein Logistik-Offizier, waren der Ausgangspunkt für die journalistische Recherche. Sie führte zu einem Waffen- und Drogenschmuggel-Ring großen Ausmaßes. »We do bad things to bad people«, heißt es gerne bei den Delta Force-Einheiten. Wie böse das ist, das lässt dann doch frösteln. Der Autor recherchiert für die letzten fünf Jahre mindestens 14 Fälle, in denen Soldaten aus Fort Bragg bei Drogengeschäften verhaftet, verletzt oder getötet wurden, und er zeigt, wie Militär-Intervention – Hallo Aghanistan! – oft einen Anstieg von Drogenproduktion mit sich bringen. Bei der von ihm skizzierten Globalgeschichte des Drogenschmuggels im 21. Jahrhundert bringt er den Anteil der US-Army mit den Geheimgewohnheiten »der Dienste« seit den 1970ern zusammen. Das macht Sinn. Very bad things, in der Tat.

Seth Harp: The Fort Bragg Cartel: Drug Trafficking and Murder in the Special Forces. Viking/ Penguin, New York 2025. 368 Seiten, 39,95 $.

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Bücher, die das Leben schreibt

(AM) Humor ist wenn man trotzdem lacht. Wo mehr lässt sich das lernen als wenn man eine Reise mit der Bahn tut. Wir alle kennen das. Und fahren trotzdem immer wieder. (Ich jedenfalls.) Bücher von Bahnhassern sind Legion, Max Spöcker nimmt es mit Humor (sic), sein Buch Your ticket is not guilty. This is the end of your fart ist vergnüglich, kommt sogar mit manch kostenlosem Zuschlag. Es führt nicht nur in die Fremdschäm-Abteile von Wenn Schaffner Englisch sprechen und weitere Katastrophen des Bahnfahrens (so die Unterzeile der Unterzeile), es beginnt standesgemäß mit einem Entschuldigungsschreiben:

»Wir bedauern außerordentlich, dass Ihnen durch dieses Vorwort eine Verspätung beim Lesen des eigentlichen Buches entsteht, und bitten, die Unannehmlichkeit zu entschuldigen. Gemäß § 19 Abs 5 Satz 2 der Allgemeinen Leseverzugsverordnung (ALVO) haben Sie ab 60 Minuten Verspätung des ersten Kapitels Anrecht auf Entschädigung in Höhe von 5 Prozent des Buchpreises…«

Die Ausführungsbestimmungen dafür sind natürlich dann dazu da, dass eben jene Entschädigung möglichst wenig in Anspruch genommen wird. Sie kennen das. Aber auch nicht. Dies Thema ist unerschöpflich.

Max Spöcker: Your ticket is not guilty. This is the end of your fart. Wenn Schaffner Englisch sprechen und weitere Katastrophen des Bahnfahrens. Yes Publishing, München 2025. Softcover, 176 Seiten, 15 Euro.

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