Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

nonfiction, kurz – Sachbücher, Februar 2024

Sachbücher, besprochen von Sonja Hartl (sh) und Alf Mayer (AM):

Walt Bogdanich, Michael Forsythe: Schwarzbuch McKinsey
Melissa Febos: Girlhood
Pekka Hämäläinen: Der indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas
Mariana Mazzucato, Rosie Collington: Die große Consulting-Show. Wie die Beratungsbranche unsere Unternehmen schwächt, den Staat unterwandert und die Wirtschaft vereinnahmt
Mittelweg 36: In teuren Zeiten
Georg Seeßlen: Das Geld. Wie es uns in Leib, Seele und Gemeinschaft überspringt

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Die Jahre der weiblichen Adoleszenz

(sh) Zuerst sind es die Brüste, die alles verändern. Melissa Febos ist eine der ersten in ihrer Klasse, die Brüste bekommt – und prompt wird sie von ihrem Umfeld anders wahrgenommen: erwachsene Männer und Jungen starren und fassen sie an, andere Mädchen äußern sich abfällig über sie. Aber auch ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Körper verändert sich: War sie früher stolz auf ihre körperliche Stärke, versucht sie nun, weniger Platz einzunehmen, indem sie schlanker und zierlicher wird.

Als Erwachsene – Melissa Febos wurde 1980 in Massachusetts geboren – blickt sie nun in ihren autobiographischen Essays auf diese Jahre der weiblichen Adoleszenz zurück und erkennt, was eigentlich damals passiert: Ihre körperliche Veränderung traf auf patriarchale Strukturen, nach denen Mädchen und Frauen vor allem Männern gefallen sollen. 

Diese Auseinandersetzung mit der körperlichen Veränderung ist nur ein Beispiel der vielen Themen, die Febos in ihrer glänzenden Essay-Sammlung anspricht, die glücklicherweise nicht alleine bei Sexualität und Körpern verharrt. Vielmehr erzählt Febos unter anderem mithilfe wissenschaftlicher Studien, Analysen von Filmen und Literatur, Gesprächen mit Freundinnen, warum es Mädchen – und letztlich Frauen – so schwer fällt, sich von Scham, Angst und gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien. Girlhood versammelt erhellende, persönliche Essays, die zeigen, wie tief das Patriarchat weibliche Selbstwahrnehmung beeinflusst.

Melissa Febos: Girlhood. Übersetzt von Stefanie Jacobs. Kjona Verlag, Berlin 2023. 336 Seiten, 23 Euro. 

Buchstäblich über Leichen

(AM) Dieses Buch ist Ende 2022 erschienen, in unseren wirtschaftskriminellen Zusammenhängen aber bleibt es noch eine ganze Weile zeitlos. Für Walt Bogdanich, einen der beiden Autoren, ist es so etwas wie sein Lebenswerk. Der dreifache Pulitzer-Preisträger ist stellvertretender Herausgeber des New York Times Investigations Desk, außerordentlicher Professor an der Columbia University School of Journalism und einer der angesehensten amerikanischen Investigativ-Reporter der USA. Also nicht niemand. Co-Autor Michael Forsythe, ebenfalls Reporter der New York Times, ist Experte für die großen Finanzströme von Oligarchen und autoritärer Staaten wie China. Für das Schwarzbuch McKinsey. Die fragwürdigen Praktiken der weltweit führenden Unternehmensberatung haben sie Hunderte von Interviews geführt und von Insidern Zehntausende vertraulicher Dokumente erhalten. Mit Hilfe dieser Whistleblower, so gut wie alle, von McKinsey selbst – jung, ausgebeutet und desillusioniert – bietet sich ein heftiger Blick hinter die Kulissen einer durch Geheimhalts-Vereinbarungen abgeschotteten, weitgehend öffentlicher Kontrolle entzogenen Unternehmens, das in über 65 Staaten vertreten ist und (2022) über 45.000 Angestellte beschäftigt. McKinsey berät 80 der 100 größten Unternehmen der Welt, 70 Prozent der Fortune-100-Unternehmen und viele Regierungen und Behörden.

1926 von James Oscar McKinsey in Chicago gegründet, geriert sich die Unternehmens- und Strategieberatung mit ingenieurwissenschaftlich geprägter Rhetorik bis heute gerne als managerhafte Autorität im Bereich der „neutralen Experten“ – jedoch aber selten zum Wohl der Gesellschaft, sondern IMMER im Dienst des Profits. „Reich werden ohne Schuldgefühle“ ist das erste Kapitel überschrieben. Insgesamt behandelt das Buch 16 Fälle, entfächert dabei historische Beratungs-Phasen vom Managerkapitalismus über die Stärkung der Shareholder-Value-Orientierung bis zu aktuellen Ansätzen, Wirtschaft einen sozialen und ökologischen Anstrich zu geben. Die Kurzfassung: McKinsey geht buchstäblich über Leichen. 

Das mag man für polemisch halten, aber wie summiert man es, dass McKinsey mitten in der Opioid-Emidemie dem Pharmaunternehmen Purdue Pharma trotz bereits vorliegender Warnsignale aktiv dabei half, Ärzte zu mehr Verschreibungen des Medikaments Oxycontin zu bringen? Erst 2019 beendete McKinsey die lukrative Zusammenarbeit, zahlte 2021 zahlte das Unternehmen 570 Millionen Dollar Wiedergutmachungszahlungen, um sich so gegen Klagen zu schützen. Der Dramatiker Rolf Hochhuth übrigens schrieb schon 2004 das Theaterstück „McKinsey kommt“, der amerikanische Buchtitel „When McKinsey Comes to Town“ rekurriert aber eher auf den Rattenfänger von Hameln. Beim Wort „Beratung“ gibt es immer (noch) genug, die ihm folgen…

Walt Bogdanich, Michael Forsythe: Schwarzbuch McKinsey. Die fragwürdigen Praktiken der weltweit führenden Unternehmensberatung (When McKinsey Comes to Town: The Hidden Influence of the World’s Most Powerful Consulting Firm, 2022). Übersetzt von Karlheinz Dürr, Karsten Petersen, Andreas Thomsen. Ullstein, Berlin 2022. 496 Seiten, 24,99 Euro.

Sinnliche Wissenschaft

(AM) Leider ist es absehbar geworden, dass Mittelweg 36, die von uns heißgeliebte, immer wieder hoch interessante Zeitschrift, vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegeben, wohl nicht mehr allzu lange existiert. Die Presseerklärung von Jan Philip Reemtsma vom 15. Januar, dass das auschließlich aus seinem Privatvermögen finanzierte Institut (das in diesem Jahr das 40-jährige Bestehen feiert) im Jahr 2028 die Arbeit einstellen und aufgelöst werden wird, kam für viele und auch für uns wie ein Schock.

Umso mehr Grund, diese Zeitschrift nun noch genuss- und erkenntnisreicher zu lesen.  Die aktuelle Ausgabe In teuren Zeiten befasst sich mit der Zerrbild der Inflation. Ulrich Busch zieht dazu einige Lehren aus der Geschichte, Mariana Heredia und Claudia Daniel betrachten die Inflation im Argentinien der Nachkriegszeit aus sozialer und kultureller Sicht, Florian Schmidt die US-amerikanische Zentralbank und die Inflationspolitik in der US-amerikanischen Nachkriegszeit. Florian Peters polnische Transformations-Erfahrungen. Lea Steininger nimmt eine Wittgenstein’sche Perspektive ein und zeigt uns Inflation als Sprachspiel. In der immer interessanten Rubrik „Ortstermin“ nimmt uns Nikolas Kill mit auf den Bouleplatz. Der ist Volontär in der Redaktion und liefert hier sein Gesellenstück. Bravo!

Als Motto des Heftes dient ein köstliches Zitat von W. Somerset Maugham: „Money is like a sixth sense whithour which you cannot make a complete use of the other five.“

Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung: In teuren Zeiten. 32. Jahrgang, Heft 6, Dezember 2023/ Januar 2024.  Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2023. 148 Seiten, 14 Euro.

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Pekka Hämäläinen: Der indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas (Indigenous Continent: The Epic Contest for North America , 2022). Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Werner Roller. Verlag Antje Kunstmann, München 2023. 652 Seiten, 48 Euro. – Sehen Sie hierzu schon unseren Textauszug in dieser Ausgabe.

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Georg Seeßlen: Das Geld. Wie es uns in Leib, Seele und Gemeinschaft überspringt. Bibliothek des Alltags 4, herausgegeben von Wolfgang Paterno. bahoe books, Wien 2023. 378 Seiten, 24 Euro. – Sehen Sie hierzu schon unseren Textauszug in dieser Ausgabe.

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Wenn ganze Staaten am Tropf hängen

(AM) Komplementär zum „Schwarzbuch McKinsey“ nimmt Mariana Mazzucato zusammen mit der Doktorandin Rosie Collington die ganze Beratungsbranche auseinander. Mariana Mazzucato ist Professorin für Innovationsökonomie und Public Value am University College London, wo sie das Institute for Innovation and Public Purpose leitet. Als Publizistin und Buchautorin (siehe auch „Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum“, 2014, oder „Wie kommt der Wert in die Welt?, 2019) ist sie vielfach ausgezeichnet, gilt gar als Starökonomin. Sie verfügt also über jene Professionalität, über die so mancher Beratungs-„Job“ nur hinwegtäuscht. Die große Consulting-Show. Wie die Beratungsbranche unsere Unternehmen schwächt, den Staat unterwandert und die Wirtschaft vereinnahmt, heißt ihre Generalabrechnung mit der Beratungsbranche. 

Consultingfirmen haben gar kein Interesse daran, dass sich ihre Kunden so entwickeln, dass sie weitere Beratungen nicht mehr nötig haben. Genau das ist ihr Geschäftsmodell. Aus dem „Public Sector“ – und der vor allem interessiert die glühende Demokratin und Staats-Ertüchtigerin Mazzucato – ist Consulting gar nicht mehr wegzudenken. Es gilt als Ausweisung von Kompetenz und Ertüchtigung. Haben Berater früher einfach Firmen beraten, so steuern sie heute in vielen Ländern die Regierungsgeschäfte und beeinflussen die Gesetzgebung. Das Outsourcing von staatlichen Aufgaben hat exorbitant zugenommen, Unsummen an Steuergeldern fließen in die Consulting-Industrie. Ein undurchschaubares System von Verträgen ist entstanden und macht die Frage nach Verantwortlichkeiten kompliziert.

Für die Autorinnen ist dies ist eine sehr gefährliche Entwicklung: Je mehr der Staat an Ressourcen und Wissen abgibt und verliert, umso mehr verlernt er, seine eigenen Aufgaben zu erfüllen. Das Buch stützt sich auf viele Fallstudien und Interviews, beleuchtet etwa Puerto Ricos Staatsbankrott oder die britischen Covid-Verträge. Global ist Tory-Großbritannien der zweitgrößte Markt für die Beratungskraken. „Senior advisors“ können dort mehr als 6.000 Pfund pro Tag an Honorar kassieren. Die Regierung, so ein Konservativer Minister im Jahr 2020, hat sich durch die Abhängigkeit von Beratung „infantilisiert“.

Mariana Mazzucato, Rosie Collington: Die große Consulting-Show. Wie die Beratungsbranche unsere Unternehmen schwächt, den Staat unterwandert und die Wirtschaft vereinnahmt (The Big Con. How the Consulting Industry Weakens our Businesses, Infantilizes our Governments and Warps our Economies, 2023.) Aus dem Englischen von Ursel Schäfer, Enrico Heinemann. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2023. Hardcover, 328 Seiten, 26 Euro.

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