Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Amerika, neu betrachtet: Pekka Hämäläinen »Der indigene Kontinent«

Pekka Hämäläinen: Der indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas (Indigenous Continent: The Epic Contest for North America , 2022). Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Werner Roller. Verlag Antje Kunstmann, München 2023. 652 Seiten, 48 Euro. – Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Der Mythos vom kolonialen Amerika 

Eine alte, tief verwurzelte Geschichte über Amerika geht ungefähr so: Kolumbus stolpert über einen fremden Kontinent und kehrt mit Erzählungen über unermessliche Reichtümer zurück. Die europäischen Imperien machen sich sofort auf den Weg, sie wollen sich so viel wie möglich von dieser erstaunlichen Neuen Welt unter den Nagel reißen. Obwohl sie dabei aneinandergeraten, lösen sie eine Ära kolonialer Expansion aus, die rund vier Jahrhunderte lang andauert, von der Eroberung der Insel Hispaniola im Jahr 1492 bis zum Massaker von Wounded Knee im Jahr 1890. Zwischen diesen beiden historischen Augenblicken ergreifen die europäischen Imperien und das aufkommende amerikanische Imperium Besitz von Seelen, Sklaven und Territorien, sie enteignen und zerstören Hunderte von indigenen Gesellschaften. Die Indianer wehren sich, können den Angriff aber nicht aufhalten. Es fehlt ihnen zwar nicht an Einfallsreichtum und Widerstandswillen, aber dem rohen Ehrgeiz der Neuankömmlinge, deren überlegener Technik und den eingeschleppten tödlichen Mikroben, die die Körper der Indigenen mit schockierender Mühelosigkeit zerstören, sind sie nicht gewachsen. Die Indianer sind dem Untergang geweiht; die Europäer sind zur Übernahme des Kontinents bestimmt; die Geschichte ist ein linearer Prozess, der unumkehrbar auf die Vernichtung der Indigenen zusteuert. 

Der indigene Kontinent erzählt eine andere Geschichte. Dieses Buch zeigt die amerikanische Historie in neuem Licht, indem es die Ansicht infrage stellt, wonach die koloniale Expansion unvermeidlich gewesen sei und der Kolonialismus das Geschehen auf dem Kontinent ebenso bestimmt habe wie die Lebenserfahrungen der Menschen vor Ort. Dieses Buch löst sich von derart veralteten Annahmen und berichtet von einer Welt, die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in überwältigendem Ausmaß indigen geprägt blieb. Es vertritt den Standpunkt, dass wir nicht von einem »kolonialen Amerika«, sondern von einem indigenen Amerika sprechen sollten, das nur langsam und ungleichmäßig kolonialisiert wurde. Verschiedene europäische Kolonialmächte beanspruchten bis zum Jahr 1776 zusammengenommen fast den gesamten Kontinent für sich, aber die indigenen Völker und Mächte kontrollierten ihn. Die Karten in modernen Lehrbüchern, die einen großen Teil des frühen Nordamerika mit hübschen farbigen Markierungen darstellen, verwechseln absonderliche imperiale Ansprüche mit tatsächlichem Besitz. Die hier erzählte Geschichte der überwältigenden und anhaltenden indigenen Macht ist nach wie vor weitgehend unbekannt und ist zugleich der größte blinde Fleck im gemeinsamen Verständnis der amerikanischen Vergangenheit. 

Die Realität eines indigenen Kontinents ist weitgehend verborgen geblieben, weil die europäischen Mächte und ganz besonders die Vereinigten Staaten den Staat und seine Bürokratie mit Machtbefugnissen ausgestattet haben, während indigene Nationen ihre Macht über Verwandtschaftsverhältnisse definierten und sicherten. Die europäischen Neuankömmlinge beurteilten die Indianer von Anfang an nach europäischen Maßstäben. Spätere Historiker hielten es genauso und konzentrierten sich auf die staatliche Macht als treibende Kraft des Geschehens in Amerika. Verwandtschaft konnte aber ebenso eine Quelle großer Macht sein, und indigene Nationen verfügten über entwickelte politische Systeme, die eine flexible Diplomatie und Kriegsführung ermöglichten, selbst wenn die Euroamerikaner dies oft nicht erkannten. Indianer blockierten und zerstörten immer wieder koloniale Projekte und zwangen die Kolonialisten jahrhundertlang, die indigene Lebensweise, Souveränität und Dominanz zu akzeptieren. Das können historische Überlieferungen zeigen, dafür muss sich aber die amerikanische Geschichtsschreibung von den historischen Mainstream-Erzählungen lösen, die europäische Ambitionen, Perspektiven und Quellen bevorzugen. 

Die traditionelle Mustererzählung ist tief in unserer Kultur und Denkweise verankert. Man muss sich dabei nur vergegenwärtigen, wie Red Clouds Krieg und Custers »Last Stand« üblicherweise verstanden werden. Die Lakota-Indianer und ihre Cheyenne- und Arapaho-Verbündeten besiegten die Vereinigten Staaten zwischen 1866 und 1876 in zwei Kriegen – zunächst entlang des Bozeman Trails in einem Konflikt, der unter der Be- zeichnung Red Clouds Krieg bekanntgeworden ist, und in der Schlacht am Little Bighorn, in der sie George Armstrong Custers 7. US-Kavallerieregiment vernichteten. Beide Niederlagen werden in der herkömmlichen amerikanische Geschichtsschreibung als Abweichungen oder – je nach Sichtweise – (un)glückliche Zufälle gesehen. Schließlich hatten sich die Vereinigten Staaten bis zu diesem Zeitraum bereits zu einer den gesamten Kontinent umfassenden militärisch-industriellen Macht entwickelt, die sich anschickte, die Expansion über die Westküste hinaus fortzusetzen. Die Lakota hatten die Vereinigten Staaten in einem geschichtsträchtigen Augenblick gedemütigt, in dem die Nation drauf und dran war, ihre Frontier-Identität abzulegen und in ein modernes Zeitalter der Wirtschaftsunternehmen, der Bürokratie und der Wissenschaft einzutreten. Die katastrophalen Niederlagen wurden schlechter militärischer Führung und einem schlauen Gegner zugeschrieben, der mit dem Kampfgebiet vertraut war. 

Aus der Perspektive der Native Americans wirken Red Clouds Krieg und Custers Last Stand jedoch nicht wie historische Anomalien, sondern wie der logische Höhepunkt einer langen Geschichte indigener Macht in Nordamerika. Es handelte sich eher um erwartbare als um außergewöhnliche Ereignisse. Seit dem Beginn des Kolonialismus in Nordamerika bis zu den letzten militärischen Triumphen der Lakota kämpfte eine große Zahl von indigenen Nationen erbittert um den vollständigen Erhalt ihrer Gebiete und ihrer Kulturen und widersetzte sich den imperialen Absichten Frankreichs, Spaniens, Großbritanniens, der Niederlande und schließlich auch der Vereinigten Staaten. Zu dieser indigenen »Unendlichkeit der Nationen« (»infinity of nations«) zählten die Irokesen, Catawba, Odawa, Osage, Wyandot, Cherokee, Comanchen, Cheyenne, Apachen und viele andere. Jede einzelne Nation war und ist zwar eine charakteristische Gemeinschaft, aber die europäischen Neuankömmlinge trennte eine kulturelle Kluft von allen indigenen Bewohnern des Kontinents, und diese Kluft sorgte für Angst, Verwirrung, Zorn und Gewalt. Diese Spaltung befeuerte einen der längsten Konflikte der Geschichte, gleichzeitig war sie Ausgangspunkt für eine jahrhundertelange Suche nach gegenseitigem Verständnis und einer Beilegung des Streits – für eine Suche, die bis zum heutigen Tag andauert.    

Als große Fallstricke beim Blick auf die Native Americans erweisen sich grobe Verallgemeinerungen einerseits und eng gefasste Besonderheit andererseits. Historikerinnen und Historiker neigten lange dazu, die Indianer als menschlichen Monolithen zu betrachten, der einem einzigen – und urzeitlichen – kulturellen Geflecht entstammte, als eine Rasse, die durch ihre tragische Geschichte der Enteignung und ihren heroischen Kampf ums Überleben definiert war. Diese Tradition liegt vielen populären Büchern zugrunde, die die Geschichte des indigenen Amerika als Ideendrama gestalten, das sich oft mehr mit den Vereinigten Staaten beschäftigt als mit den Indianern selbst. In diesen Darstellungen treten Indianer als eindimensionale Klischeegestalten auf, deren Komplexität und Unterschiedlichkeit aus dramaturgischen Gründen glattgebügelt wurden. Sie werden zu bloßen Requisiten bei der gewalttätigen Transformation der Vereinigten Staaten zu einer Weltmacht herabgestuft: Indigener Widerstand und indigene Leiden steigern die dramatische Wirkung und ermöglichen den Menschen heute einen flüchtigen Blick darauf, wie viel verloren ging und um welchen Preis. 

Am anderen Ende des Spektrums befindet sich eine ehrwürdige Tradition von Stammesgeschichten, die sich jeweils auf eine einzige Nation konzentrieren und eine umfassende Darstellung ihrer Traditionen, politischen Strukturen, ihrer materiellen Kultur und historischen Erfahrungen bieten. Diese notwendige und oft hervorragende wissenschaftliche Arbeit hat Hunderte von zuvor in die Obskurität verbannte indigene Gruppen als energische, kreative und widerstandsfähige Akteure der Geschichte zu neuem Leben erweckt und einen im Halbdunkel verharrenden Kontinent mit menschlicher Struktur erfüllt. Der Nachteil dieser Vorgehensweise ist ihre Kleinteiligkeit. Jede Nation tritt uns als einzigartige Gruppe entgegen, die in ihrer jeweils eigenen Mikrowelt fest verankert ist. Wenn man sich vorstellt, dass man diese detaillierte Darstellung fünfhundert Mal wiederholen müsste, erkennt man schnell die Problematik. Eine Untersuchung des indigenen Amerika auf diese Art gleicht der Betrachtung eines pointillistischen Gemäldes aus einer Entfernung von nur wenigen Zentimetern: Sie überwältigt; sie verliert den Zusammenhang; die umfassenderen Strukturen sind nicht zu erkennen. 

Durch eine leicht veränderte Perspektive kann jedoch ein neues und schärferes Bild von Nordamerika entstehen. So wählt Der indigene Kontinent einen Mittelweg zwischen der allgemeinen und der spezifischen Betrachtungsweise. Das Buch enthüllt ein breites Spektrum indigener amerikanischer Welten, die vom frühen 16. bis zum späten 19. Jahrhundert Aufstieg und Niedergang gleichermaßen erlebten. Indianer und Kolonisten konkurrierten an zahlreichen Stellen um Territorien, Ressourcen, Macht und Vorherrschaft, wobei das Überleben beider Seiten oft auf dem Spiel stand. Jedes Gebiet hatte seine besonderen Merkmale und bot ein Spiegelbild der erstaunlichen physischen Vielfalt des Kontinents: Die Risiken und die Dynamik der Kriegführung, der Diplomatie und der Zugehörigkeit wirkten sich, je nach Schauplatz des Geschehens, entlang der Küsten und Flusstäler, in Waldlandschaften oder im Grasland, unterschiedlich aus. 

Dieses Buch ist zuallererst eine Geschichte der indigenen Völker, aber es ist auch eine Geschichte des Kolonialismus. Die Geschichte Nordamerikas, die dabei zum Vorschein kommt, ist die Geschichte eines Ortes und eines Zeitalters, die vor allem von der Kriegführung geprägt ist. Der Kampf um den Kontinent war im Wesentlichen ein vier Jahrhunderte andauernder Krieg, in dem fast jede indigene Nation gegen die vordringenden Kolonialmächte kämpfte – manchmal im Rahmen von Bündnissen und manchmal allein. Über die Indianerkriege in Nordamerika ist zwar schon oft geschrieben worden, doch dieses Buch bietet einen allgemeinen indigenen Blick auf den Konflikt. Der Krieg war für indigene Nationen oft ein letztes Mittel. Sie versuchten in vielen – wenn nicht sogar in den meisten – Fällen, die Europäer in ihre Gemeinschaft aufzunehmen und sie zu nützlichen Mitgliedern ihrer Gesellschaft zu machen. So handelten keine Bittsteller; die Europäer waren die Bittsteller – ihre Leben, Bewegungen und Ambitionen wurden von den indigenen Nationen bestimmt, die die Neuankömmlinge in ihre Siedlungen und verwandtschaftlichen Netzwerke einbezogen, auf der Suche nach Handelsbeziehungen und Verbündeten. Indianische Männer und Frauen waren geschickte Diplomaten, kluge Händler und energische Anführer. Die überheblichen Europäer hielten die Indianer für schwach und unzivilisiert, sahen sich schließlich dennoch gezwungen, erniedrigenden Vereinbarungen zuzustimmen – eine Umkehrung gängiger Annahmen über die Vorherrschaft der Weißen und die Enteignung der Indianer, die bis heute Bestand haben. 

Wenn es zum Krieg kam, gewannen meist die Indianer. Ältere, diskreditierte und groteske Vorstellungen von »wilden« Indianern und »edlen Wilden« suggerieren ein gewisses Ausmaß an Brutalität im Kampf, aber für die meisten Gräueltaten waren die Kolonisten verantwortlich. Viele Kolonisten, vor allem die Briten, Spanier und Amerikaner, verübten ethnische Säuberungen, Genozide und andere Verbrechen. Manche von ihnen entschieden sich aber auch für einen gemäßigteren Umgang mit den indigenen Völkern. Es gab Kolonisten, die den Indianern mit völliger Verachtung begegneten und sie ausrotten wollten, aber es gab auch Kolonialregime, die eine Verständigung mit ihnen anstrebten. Es gab viele Arten des Kolonialismus – den Siedler-, den imperialen, den Missionars-, Ausbeuter-, Händler- und den juristisch unterlegten Kolonialismus; sie treten im Verlauf der hier erzählten Geschichte kumulativ auf. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, der Entwicklung des Kolonialismus nachzuspüren: Die Tiefe und die Reichweite der indigenen Macht lässt sich nur im Kontrast zur massiven kolonialen Bedrohung aus Europa verstehen. Ich habe versucht, das umfassende „Potenzial“ des Kolonialismus bei der Zerstörung von Leben, Nationen und Kulturen aufzuzeigen. Der Übersee-Kolonialismus war ein gewaltiges Unterfangen, bei dem Mut und Einsatz gefragt waren. Die europäischen Eindringlinge waren rücksichtslos, weil sie tief verwurzelte rassistische Ideologien vertraten und weil so viel auf dem Spiel stand. Für die meisten von ihnen gab es kein Zurück.

Eine Geschichte Nordamerikas in einem Band kann nicht allen indigenen Nationen, Regionen und Ereignissen die gleiche Aufmerksamkeit widmen. Große indigene Nationen und Bündnisse konnten es mit den europäischen Imperien auf Augenhöhe aufnehmen, und sie prägen einen großen Teil der Geschichte durch ihre bloße Fähigkeit, Nordamerika für die indigenen Völker zu bewahren. Aber auch die kleinen Nationen und ihr Widerstand waren für die Schaffung des indigenen Kontinents unentbehrlich. Die Erhaltung der indigenen Macht und Souveränität war eine allumfassende Anstrengung: Jeder koloniale Vorstoß, so kleinräumig er ausfallen mochte, konnte einen Dominoeffekt von indigenen Rückzügen auslösen. Dieses Buch nimmt dementsprechend immer wieder ein lokal stark begrenztes Geschehen unter die Lupe; genau dort, in unmittelbaren und persönlichen Begegnungen, spielte sich die harte Realität der Kolonisierung und des Widerstandes gegen die Kolonisierung ab. Indigene Amerikaner kämpften um ihr Land und um ihr Leben, und sie taten dies auch für zukünftige Generationen. Es kam auf jeden Zentimeter an.    

Dieses Buch umfasst einen enormen historischen Zeitraum – vier Jahrhunderte und einen Kontinent –, aber ein einziges Thema gibt ihm seine Form, Richtung und Bedeutung: Macht. Macht wird hier definiert als die Fähigkeit von Menschen und ihren Gemeinschaften, einen Raum und seine Ressourcen zu kontrollieren, die Handlungen und Wahrnehmungen anderer zu beeinflussen, sich Feinde vom Leib zu halten, übernatürliche Wesen aufzubieten und Veränderungen einzuleiten oder sich ihnen zu widersetzen. Hier folgt die Geschichte eines langen und turbulenten Zeitalters, in dem in Nordamerika viele Beteiligte um die Vorherrschaft kämpften und keine Seite dominierte. Diese Erzählung versucht nachzuvollziehen, wie Menschen Macht erlangten, verloren und – in seltenen Fällen – mit Fremden teilten und im Verlauf dieses Geschehens viele neue Welten erschufen. Das Buch lässt sich wohl am besten als eine Biografie der Macht in Nordamerika beschreiben. Die Geschichte folgt wichtigen Handlungen und entscheidenden Wendepunkten quer durch den umkämpften Kontinent und zeigt, wie verschiedene Teile davon zu geopolitischen Krisenherden wurden, auf denen sich die Rivalitäten verschärften und die geschichtlichen Abläufe in Gewalt umschlugen. 

Das Buch ist inklusiv und nimmt europäische Kolonisten und Native Americans gleichermaßen in den Blick, aber die üblichen Akteure, Ereignisse und Wendepunkte der amerikanischen Geschichte bleiben hier im Hintergrund. Der Stamp und der Tea Act, das Boston Massacre und die Ausarbeitung und Verabschiedung der Verfassung der Vereinigten Staaten spielen in dieser Geschichte nur eine marginale Rolle. Indianer kontrollierten den größten Teil Nordamerikas, und oft wussten sie nichts über die Taten und Leistungen der Europäer jenseits ihres eigenen Gebiets. Und wenn sie etwas wussten, war es ihnen egal. Die indigenen Völker interessierten sich stattdessen für die Ambitionen und Erfahrungen anderer indigener Völker – der Irokesen, Cherokee, Lakota, Comanchen, Shawnee und vieler anderer. 

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