Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

non fiction, kurz – Juni 2026

Sachbücher, gar nicht so kurz kurz besprochen von Alf Mayer (AM):

Konrad Adenauer, Hugo Bergham, Christoph Hardt, Henner Löffler: Adenauerianer. Gestalter, Macher, Zauberer – wem wir die Republik verdanken
Maike Albath: Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens
Zayd Ayers Dohrn: Dangerous, Dirty, Violent, and Young. A Fugitive Family in the Revolutionary Underground
Ian Kumekawa: Beliebige Fracht. Die Geschichte der globalen Wirtschaft, erzählt anhand eines Schiffs
Glenn Kurtz: Men at Work. The Empire State Building and the Untold Story of the Craftsmen who Built It
lse Schreiber, Rainer Weiss: Worscht mit Weck oder Brot? Frau Schreiber erzählt.
Lytle Shaw: Mysteries of a Communist Cave. Oscar Niemeyers Gebäude für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris
Bernard Werkmeister: The Art of Skiing – Die schönsten Pisten der Welt

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Weiße Pracht

(AM) Weltweit gibt es rund 6.120 Skigebiete, verteilt auf an die 90 Länder. Zusammen kommen sie auf über 60.000 Pistenkilometer und mehr als 24.000 Skilifte. Skifahren ist eine Industrie, ist ein Wirtschaftsfaktor – und gleichzeitig, ganz unmittelbar und elementar, die Eisspartikel im Fahrtwind, die ins Gesicht schneiden, sind ein Zeugnis davon – ist es Ausdruck individueller Freiheit. Ja sogar so etwas wie ein Rausch. Gleichzeitig schmelzen die Gletscher, zieht sich die Schneegrenze immer höher, wird unser ökologischer Fußabdruck im Schnee immer größer und bleibender. Und die Massen, die Massen, die Massen… (Siehe auch meine Besprechung von Lois Hechenblaikners Fotoband »Ischgl« aus dem Jahr 2020: Keine Scham, nirgends.)

Ich selbst stamme aus dem Allgäu, habe das Skifahren an Bergen ohne Lift gelernt (ja, man kann sie auch selbst hochtragen, es funktioniert). Dann wurde es Saison für Saison voller. Und Laien und Könner, Einheimische und Preußen mussten sich die Pisten teilen. Ich hörte für einige Jahre auf, versuchte es noch einmal, ausgerechnet im größten zusammenhängenden Skigebiet der Welt – Les 3 Vallées in Frankreich, das die Orte Val Thorens, Méribel und Courchevel verbindet. Es bietet rund 600 Kilometer Pisten und etwa 160 bis 200 Lifte. Ich entsagte.

Und fand erst wieder Spaß am Wintersport in Kanada, in den Rockies. Nein, nicht Whistler. Kleinere Gebiete. Manchmal waren wir nur zu dritt auf einem Hang. Eine meiner Lieblingsstrecken nannte sich Twelve Mile Drive. 19 Kilometer Schussfahrt und/oder Wedeln, an einem Stück, kaum jemand auf der Piste. Den Ort werde ich nicht nennen, aber die Freuden des Skifahrens feiert der Band The Art of Skiing – Die schönsten Pisten der Welt von Bernard Werkmeister auf die schönste Art. Mit 150 Farbfotos geht es hinaus in die Winterwelt und in die Kultur dieses Wintersports. Es gibt Porträts, Anekdoten und historische Einblicke, schöne alte Tourismusplakate und manch aus der Mode Gekommenes, aber auch Hinweise für stilbewusstes Reisen, die richtige Ausrüstung und die besten Adressen für Après-Ski und Fine Dining. Der Band führt durch die schönsten Skidestinationen der Welt, von den Alpen bis nach Japan und Alaska. Ich könnte mit Australien und Neuseeland ergänzen, aber das ist eine andere Geschichte. Bleiben wir eurozentriert, solange es noch die Alpen gibt.

Bernard Werkmeister: The Art of Skiing – Die schönsten Pisten der Welt. Callwey Verlag, München 2025. Bildband, Hardcover. 272 Seiten, rund 150 Farbfotos, 49,95 Euro.

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One Battle After Another

(AM) Zayd Ayers Dohrn wurde im Untergrund geboren, wuchs im Untergrund auf. Seine Eltern und ihre Freunde hatten den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg erklärt. Sie warfen Bomben, fuhren die Fluchtautos der Black Panthers, wenn sie Banken ausraubten. Sie wurden vom FBI gejagt, standen auf den Plakaten der «Ten Most Wanted«. Den Namen ihrer militanten Studenten-Bewegung holten sie sich aus dem Song »Subterranean Homesick Blues« von Bob Dylan: »You don’t need a weatherman to know which way the wind blows«. – Sie waren die Weathermen.

Hervorgegangen aus dem SDS, ging ein Teil der Bewegung, die so genannten WeatherUnderground-Gruppe als Stadtguerilla in den Untergrund. Dies, nachdem die Polizei im Dezember 1969 bei einer Razzia in Chicago den zuvor von einem Informanten betäubten Vorsitzenden der Black Panther Party, Fred Hampton, im Schlaf erschossen hatte. Eine Menschen mordende RAF aber wurde der Weather Underground nicht. Zwischen 1970 und 1974 bekannte man sich zu zwölf Bombenanschlägen, darunter auf das United States Capitol, oder auf Polizeifahrzeuge. Zusätzlich veröffentlichte man 22 Kommuniquets und das Buch »Prairie Fire«. Immer machte man deutlich, dass die Ziele Sachen waren oder Immobilien, nicht die Menschen. Tatsächlich wurde bei ihren Aktionen niemand verletzt. »Bomben als Medienevent«, hieß das Motto.

Alles war ganz schön crazy: Knarre im Kofferraum, Marcuse im Handschuhfach, MC 5 im Radio. »Are you part of the problem? – Or part of the solution?« Jetzt hat der Sohn der Weathermen-Gründer Bernardine Dohrn und Bill Ayers im Alter von 49 Jahren die Geschichte seiner Kindheit aufgeschrieben: Dangerous, Dirty, Violent, and Young. A Fugitive Family in the Revolutionary Underground. Das ist vogelwild. Der Theater- und Filmautor Zayd Ayers Dohrn betreibt den Podcast »Mother Country Radicals«, er hat auch das Protest-Rockmusical »Revolution(s)« geschrieben (Musik: Tom Morello, Gitarrist von Rage Against the Machine). In seinem klugen, informativen Buch setzt er den Radikalismus der 60er Jahre auch mit den heutigen politischen Zuständen ins Verhältnis.

Und wie die unterirdischen Ströme es wollen, erschien eben eine weitere Weathermen-Kindheit als Roman: The Hill, von Harriet Clark, 20 Jahre in Arbeit, ehe es jetzt bei FSG veröffentlicht wurde. Im Mittelpunkt ein achtjähriges Mädchen, das jede Woche ihre Mutter in einem Gefängnis auf einem Hügel besucht – 40 Jahre lang. Ein Buch wie ein Traum, aus dem man mit einem neuen Wissen aufwacht.

Zayd Ayers Dohrn: Dangerous, Dirty, Violent, and Young. A Fugitive Family in the Revolutionary Underground. W.W. Norton, New York 2026. 448 Seiten, Hardcover, $32.99. UK-Ausgabe bei Chatto & Windus, GBP 22.00

Harriet Clark: The Hill. Farrar, Straus & Giroux, New York 2026. 276 Seiten, $27.

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Tempel einer nie vollendeten Welt

(AM) Nochmal eine Schippe draufgelegt hat Band 2 einer wirklich pfiffigen Architektur-Reihe: Architekturgeschichte in Form eines Detektivromans. Die Gumshoe-Reihe aus dem Zürcher Verlag Parkbooks nähert sich wegweisenden Gebäuden der Moderne auf innovative Art. Vorbild ist das Genre des Detektivromans, der ja auch in Disziplinen wie Psychoanalyse (Sigmund Freud), Film (Siegfried Kracauer) und Kunstgeschichte (Carlo Ginzburg) akademische Weihen erfahren hat. Jede Geschichte untersucht ein Gebäude, als wäre es ein Rätsel, das darauf wartet, gelöst zu werden. Statt Theorie also jeweils ein konkreter »Fall«, ein konkretes Gebäude.

Nach dem »House of Dr Koolhaas« (unsere Besprechung hier) nun 60 Seiten und 50 Abbildungen mehr, unfassbar reichhaltig illustriert: Mysteries of a Communist Cave. Der Poet und Kunstkritiker Lytle Shaw begibt sich auf Spurensuche in Oscar Niemeyers Gebäude für das Zentralkomitee des Parti Communiste Français (PCF) in Paris. Der Entwurf entstand im Jahr 1965. Niemeyer schuf ein buchstäblich marxistisches Bauwerk, das ein Bild vermittelt, was genau der in Paris entstandene strukturalistische Marxismus sein könnte. Element für Element arbeitet Lytle Shaw Sprache und Kontext des PCF-Gebäudes heraus und setzt den elegant geschwungenen Bau mit dem höhlenartigen Plenarsaal in einen Dialog mit Gesprächspartnern aus Film, Philosophie,  Anthropologie und Politik.

So bleibt als vielleicht grösstes Rätsel dieser kommunistischen Höhle, dass der PCF sie nicht öfter nutzt als kraftvolles Sinnbild für die Welt, die er gerne errichtet sähe.

Lytle Shaw: Mysteries of a Communist Cave. Oscar Niemeyers Gebäude für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris. Gumshoe presents, Band 2, herausgegeben von Thomas Weaver und Françoise Fromonot. Park Books, Zürich 2026. Broschiert, 288 Seiten, 210 s/w-Abbildungen, Format 11 x 17.5 cm, 19 Euro.

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Ein einzelnes Schiff als geniale Metapher

(AM) Das Schlamassel in der Straße von Hormus rückt uns gerade wieder bildhaft ins Gedächtnis, wie gigantisch die Warenströme sind, die per Schiff rund um den Globus transportiert werden – nur damit wir unser gewohntes Frühstück, unser Einkaufsvergnügen, unseren Komfor haben. Der Harvard-Historiker Ian Kumekawa hat für solcherlei Zusammenhänge einen geradezu genialen Ort gefunden, nämlich den Bauch und die Geschichte eines einzigen einzelnen Frachtschiffs. Der Titel seines Buchs lautet: Beliebige Fracht. Die Geschichte der globalen Wirtschaft, erzählt anhand eines Schiffs.

Seit 1985 heißt es Bibby Resolution, eine informative Zeitleiste, auch für das Schwesterschiff, verdeutlicht, wie oft schon Namen, Eigner, Aufgaben und Zwecke gewechselt haben. 40 Jahre Weltwirtschaft aus der Schiffsperspektive erzählt. Selbst im leeren Zustand bleibt es ein Behälter für die ökonomischen Kräfte und die sozialen System, die unsere Welt ausmachen. »Diese Kräfte sind abstrakt und dynamisch: Kapitalismus – Globalismus – Völkerrecht – Niedergang des Imperialismus – Gentrifizierung – Masseninhaftierung – Booms – Wirtschaftskrisen – Rassismus – Gier. Wie Wind und Gezeiten sind ihre Grenzen in Bewegung, ihre Wirkung funktional undefinierbar.« Indem diese Kräfte mal einzeln, mal konzentriert oder mal gegeneinander wirken, bestimmen sie mit Willkür und Zufall den Kurs, die Fracht und den Zweck (nicht nur) diesen einzelnen Frachters.

Er wurde in Norwegen gebaut, explizit fürs Geldverdienen, diente als Truppenunterkunft auf den Falklandinseln, als »Hotel« für VW-Beschäftigte in Emden, als Gefängnis im East River bei New York (der Anstoß für das Buch) oder als Bleibe für Ölarbeiter in Nigeria. Mit modularen Containern ausgestattet, dem Inbegriff standardisierter Weltwirtschaft, wurde er zu dem, was der Markt gerade verlangt. Kumekawa gelingt das Kunststück, in seinem glänzend geschriebenen und gut recherchierten Buch anhand der Stationen eines einzigen Schiffs die großen ökonomischen und politischen Umbrüche der letzten fünf Jahrzehnte greifbar zu machen. Ölboom und Privatisierung, Deregulierung der Finanzmärkte, Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer und Masseninhaftierung. In dieser Mikrogeschichte wird auf fesselnde Weise deutlich, dass hinter abstrakten Begriffen wie Offshoring und Globalisierung, Kapitalismus und Neoliberalismus immer sehr konkrete Menschen und ihre Schicksale stecken. Nun ja, und dass wir irgendwie wohl alle solche Schiffe sind… allen nur möglichen Kärften ausgeliefert.

Ian Kumekawa: Beliebige Fracht. Die Geschichte der globalen Wirtschaft, erzählt anhand eines Schiffs (Empty Vessel: The Story of the Global Economy in One Barge, 2025). Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Kunstmann. HarperCollins, Hamburg 2026. 384 Seiten, 9 Karten und viele Abb., 25 Euro.

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Zeitreise ins Nachkriegsdeutschland

(AM) Es ist tatsächlich sein gleichnamiger Enkel, ein Jurist und Politiker, der hier über Konrad Adenauer schreibt. Dennoch ist das verdienstvolle Buch Adenauerianer. Gestalter, Macher, Zauberer – wem wir die Republik verdanken kein Weihegottesdienst. In insgesamt 17 Beiträgen umrunden die Autoren Konrad Adenauer, Hugo Bergham, Christoph Hardt und Henner Löffler, allesamt in gestandenem und lebensklugem Alter, jene für unsere Republik prägende Ära, die mit der Kanzlerschaft Adenauers verbunden ist. Adenauer (1876-1967) war einer der Gründungsväter der Bundesrepublik Deutschland und prägte als erster Bundeskanzler (15. September 1949 – 16. Oktober 1963) und zugleich erster Außenminister (1951–1955) die Nachkriegszeit entscheidend mit. Es waren nicht nur »bleinerne Jahre«, so ein späterer Film von Margarathe von Trotta.

Die Autoren porträtieren Persönlichkeiten wie Rudolf Augstein, den Theaterregisseur Günter Büch, den Regierungssprecher Felix von Eckardt, die Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt, den Kardinal Josef Frings, die Unternehmer Franz Greiß und Josef Neckermann, den Piloten Gail Halvorsen, den Rundfunk- und Fernsehmann Werner Höfer, den Dirigenten Herbert von Karajan, den Uni-Rektor Josef Kroll, Hermann Pünder, den Architekten Hans Schwippert, die Sängerin und Schauspielerin Caterina Valente und die Stute Halla ebenso wie die Gruppe 47. Fürwahr ein Zeitpanorama.

Konrad Adenauer, Hugo Bergham, Christoph Hardt, Henner Löffler: Adenauerianer. Gestalter, Macher, Zauberer – wem wir die Republik verdanken. Dittrich Verlag, Weilerswist-Metternich 2025. Klappenbroschur, 428 Seiten, 22,90 Euro.

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Europa, downunder

(AM) Wie schön, dass Wagenbach uns dieses kluge und sinnliche Buch von 2019 aus dem jetzt leider geschlossenen Berenberg Verlag wieder zugänglich macht. Maike Albath ist mit diesem Band und ähnlichen Büchern zu Turin, Rom und Neapel zu einer der wichtigsten Botschafterinnen italienischer Kultur und Literatur geworden, hat sich zu einer überaus kundigen und anregenden literarischen Reiseführerin entwickelt, der man sich gerne anvertraut.

Für Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens folgt sie der Lebensgeschichte der großen Autoren der Insel: Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Luigi Pirandello, Leonardo Sciascia und Andrea Camilleri (siehe zu ihm bei uns auch das »A bis Z« von Alf Mayer und Georg Seeßlen in unseren Highlights 2025). Maike Albath besucht ihre Orte und Protagonisten, den Ballsaal von Tomasi di Lampedusas »Leopard« oder auch Camilleris erfundenes Vigàta, erzählt von der Entstehung ihrer Werke, schweift zu landes- und kulturkundlichen Exkursionen aus, spaziert durch Palermo oder Catania, bringt uns verblüffend Vieles nahe.

Anschaulich wird bei ihr auch klar, wie universell diese europäischen Peripherie doch ist und warum sich solcher Besuch lohnt. Was mehr will man von einer Reise sagen?

Maike Albath: Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens. WAT [889] Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026 (zuerst Berenberg, Berlin 2019). Wagenbach Tachenbuch, WAT Band 889, Format 12 x 19 cm. Broschur. 336 Seiten, 10 s/w-Abbildungen, 16 Euro.

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Die Frau Schreiber aus der Frankfurter Kleinmarkthalle

(AM) Eigentlich gehört dieses Buch in unsere Rubrik »Tafelfreuden«, aber es sind gerade keine zur Hand (unsere letzte Ausgabe hier). Immer noch wird an ihrem Stand aufs Gramm genau abgewogen. Längst könnte sie einen Festpreis verlangen, Promi-Aufschlag dazu. Sagen wir: sechs Euro, siebenfünfzig mit Gurke. Aber nein, bei ihr zahlt man bucklige Beträge, eben ganz altmodisches ehrliches Handwerk. Und jede Kundin und jeder Kunde wird gefragt: »Mit Weck oder Brot?« Zur Auswahl stehen Gelb-, Fleisch-, Rindswurst oder Krakauer, ein paar Zutaten darin sind und bleiben geheim – die beste Fleischwurst weit und breit. Ilse Schreibers Stand in der Frankfurter Kleinmarkthalle ist eine Institution. Ein Stück Heimat. Ein Stück Ehrlichkeit. Und Herz.

Helmut Kohl, der als Student auf den Geschmack kam, ließ es sich auch Bundeskanzler nicht nehmen, bei seinen Frankfurt-Besuchen samt Personenschützern in die Kleinmarkthalle zu rauschen und »bei der Frau Schreiber« eine Worscht zu schnabulieren. Die Feuerwehr in Sossenheim hat zu Ilse Schreibers 80. Geburtstag einen Kran auf den Namen Ilse getauft. Seit 1974, als die Metzgerei ihres Mannes Hans in der Falkstraße in Bockenheim schloss, steht sie wochentags hinter ihrer kleinen Theke. Das heißt vor 5 Uhr auf den Beinen sein. Mittlerweile ist man als Stammgast ja froh, in ihrem kleinen Kabuff einen Stuhl zu sehen. Manchmal sitzt die 86jährige sogar tatsächlich darauf, wenn auch nur kurz.  Schnell heißt es dann wieder: »Mit Weck oder Brot?«

Der Publizist, Lektor und Verleger Rainer Weiss, einst Programmgeschäftsführer bei Suhrkamp, hat sich jetzt von Ilse Schreiber ihre Lebensgeschichte erzählen lassen. Das liest sich leicht und klug und herzerwärmend, man muss dafür gar nicht unbedingt Fleischwurst mögen. Wer es aber tut, beisst in dieses kleine, feine Buch mit zusätzlichem Vergnügen. Es ist ein Muss für Frankfurter-Liebhaber.

Ilse Schreiber, Rainer Weiss: Worscht mit Weck oder Brot? Frau Schreiber erzählt. Aufgeschrieben von Rainer Weiss. Societäts Verlag, Frankfurt 2026. Broschur, 80 Seiten, mit Fotos, 15 Euro.

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Wer baute das siebentorige Theben?

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