Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024

Joachim Feldmann: Josephine Tey »Warten auf den Tod«

Ein Erstling von 1929, ursprünglich unter Pseudonym

Im Jahre 1929, so erzählt es der englische Autor Martin Edwards in seiner magistralen Genregeschichte „The Life of Crime“, erfüllte sich für einen schottischen Schriftsteller der Traum eines jeden Debütanten. Gleich mit seinem ersten Detektivroman, „The Man in the Queue“, gewann der junge Mann zwei renommierte Preise, einen im heimischen Großbritannien und einen in den USA. Stutzig macht, dass Edwards mit dieser schönen Geschichte sein Kapitel über „Queens of Crime“ einleitet. Denn hinter dem männlichen Pseudonym Gordon Daviot verbarg sich die 1896 in Inverness geborene Sportlehrerin Elizabeth MacIntosh, die später als Josephine Tey berühmt werden sollte.

Heute wird sie in einem Atemzug mit ihren erheblich produktiveren Kolleginnen Agatha Christie und Dorothy Sayers genannt, auch wenn das nicht immer als Kompliment gemeint ist. So zeigte sich Thomas Wörtche auf diesen Seiten erst neulich enerviert von den „ewigen Golden-Age- und nachgebauten Fake-Golden-Age-Krimis, die immer noch den Kampf der Ladies Christie, Sayers oder Tey gegen die Moderne nachspielen“. Und man möchte ihm spontan zustimmen. Auch wenn es veritable Argumente dafür gibt, die Produktion von immer ausgefuchsteren Rätselkrimis als Phänomen der literarischen Moderne zu lesen, wie es der kürzlich verstorbene amerikanische Filmwissenschaftler David Bordwell in seiner Studie „Perplexing Plots“ ausführt.

Josephine Teys Erstling allerdings, dessen deutsche Übersetzung durch Jochen Schimmang dieser Tage bei Kampa/ Octopus unter dem Titel „Warten auf den Tod“ als schmuckes Bändchen im Retro-Design wieder aufgelegt wird, versagt als literarisches Puzzle, und das vielleicht mit Absicht. Denn dass am Ende des Romans eine Lösung präsentiert wird, die bestenfalls indirekt als Ergebnis der vorhergehenden Ermittlungen verstanden werden kann, dürfte nicht nur Inspector Alan Grant verblüffen. Der gibt sich nämlich die größte Mühe, nicht nur die Identität des Mannes, der unbemerkt in der Schlange vor einer Theaterkasse erstochen wurde, festzustellen, sondern macht auch mittels erheblicher körperlicher und intellektueller Anstrengungen einen Tatverdächtigen dingfest.

Wie ihm dabei ein gesicherter Bestand an zeitgenössischen Vorurteilen gut zupass kommt, dürfte heutige Leserinnen zu Recht befremden. Schon die Waffe, „ein extrem scharfes Stilett“, lässt ihn ahnen, dass der Täter „kein echter Engländer“ gewesen sein kann, denn der würde sich eher eines Knüppels oder einer Feuerwaffe bedienen. Also ein „Südländer“. (Im Original stand offenbar zunächst die abfällig-rassistische Bezeichnung „Dago“, die in späteren Ausgaben durch „levantine“ ersetzt wurde.) Verhört werden im weiteren Verlauf der Recherchen nicht nur mögliche Tatzeugen, sondern zusätzlich, aus welchen Gründen auch immer, ein Vertreter des organisierten Verbrechens. Außerdem geht es um eine auffällige Krawatte und ein paar Fünf-Pfund-Noten, die damals offenbar so selten in Umlauf kamen, dass sich ihre Herkunft leicht herausfinden ließ. Und schon ist man dem vermeintlichen Täter auf der Spur.

Eine leere Seite, auf der sich die Gedankengänge des Detektivs notieren ließen, wie in der Erstausgabe von Dorothy Sayers „Five Red Herrings“ (1931, dt. „Fünf falsche Fährten) wäre hier unnötig. Und unsinnig zugleich. Denn Alan Grant, der zwar für Scotland Yard arbeitet, aber aufgrund eines privaten Vermögens und seines Lebensstils eher dem Typus des Gentleman-Ermittlers entspricht, verfolgt konsequent eine falsche Fährte und steht am Ende ziemlich düpiert da. Wer diese Deus ex Machina-Lösung als ironischen Kommentar der Autorin und nicht als handwerkliches Missgeschick zu lesen versteht, darf sich auf eine positive Enttäuschung freuen.

Josephine Tey: Warten auf den Tod (The Man in the Queue, 1929). Aus dem Englischen von Jochen Schimmang. Kampa/ Octopus, Zürich 2024. 352 Seiten, 23 Euro.

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