Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Issey Miyake – Samurai im Weltraum

Rhythm Pleats, Spring-Summer 1990 Collection. Photography: Irving Penn ©︎ The Irving Penn Foundation

Alf Mayer über Midori Kitamuras große Monographie des japanischen Modeschöpfers

Midori Kitamura (Hg.): Issey Miyake. Mehrsprachige Ausgabe (Englisch, Japanisch). Mit Texten von Kazuko Koike und Fotos von Yuriko Takagi und Irving Penn. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, Format 30 x 30 cm, 3,2 kg. 448 Seiten, 80 Euro. Verlagsinformationen: taschen.com

„Bei Issey Miyake kann man sehen, wie der Samurai nahtlos in den Weltraumanzug übergeht“, fasst die Schriftstellerin und Textilentwicklerin Sybille Ruge, ehemals Kreativdirektorin bei der zu Zimmer + Rohde gehörenden Textildruckerei Taunus Textildruck, also bei der feinsten deutschen Adresse in diesem Bereich, das Werk des japanischen Modeschöpfers zusammen. Das Gespräch, das ich mit der Autorin von »9mm Cut« und »Davenport 160 x 90« über Stoffe, Issey Miyake und ihre eigene Textil-Vergangenheit geführt habe, finden Sie hier nebenan. Hier geht es um die gerade erschienene Monographie »Issey Miyake«, die damit nun in einer günstigen Volksausgabe erhältlich ist. Die Erstausgabe dieses Werks, 2015 erschienen, war auf 1000 Exemplare limitiert und kostete tausend Euro.

Das chronologisch aufgebaute, vorzüglich illustrierte Buch führt von Jahr zu Jahr durch die Schaffensphase des in Hiroshima geborenen Modeschöpfers und gibt einen enzyklopädischen Überblick über sein Lebenswerk und all seine künstlerischen, materiellen und technischen Innovationen von 1960 bis 2022. Wie bei den Folianten des Verlags Taschen geradezu schon eiserne Hauspolitik, ist der Zugang zu Künstler & Werk bestmöglich gewählt. Und exklusiv. Bei Taschen macht man nicht »run of the mill«, sondern »Best of the Best«.

In diesem Fall garantiert dafür Herausgeberin und Kuratorin Midori Kitamura. Sie ist Vorsitzende des Miyake Design Studios und der Issey Miyake Foundation sowie Präsidentin von 21_21 DESIGN SIGHT. Sie hat über 45 Jahre mit Miyake zusammengearbeitet, war an der Entwicklung von Kollektionen, Ausstellungen, Produkten und Publikationen beteiligt, darunter auch an dem bei Taschen erschienenen Buch »Pleats Please Issey Miyake«. 2011 kuratierte sie die Ausstellung Irving Penn and Issey Miyake: Visual Dialogue.

Midori Kitamura war Anfang 20, als sie sich 1974 beim damals unbekannten Issey Miyake als Anprobemodell bewarb. Nach Lehrjahren in Paris und New York war er gerade nach Tokyo zurückgekehrt, hatte sein eigenes Designstudio gegründet, bereitete die erste Modenschau vor und suchte Modelle. Kein einziges der ihr von Miyake gezeigten Kleidungsstücke gefiel Midori, erzählte sie 2019 dem Champ-Magazine.

»During the fitting Miyake presented many different clothes and dresses, I was young and inexperienced, I didn’t think that any of the dresses presented were something I’d like to wear and declined them all. Issey Miyake had just come back from New York and was still not a big name, so I was unaware of who he was and what importance he had. Perhaps my response was also a first experience for Miyake too!«

Immerhin aber war sie zum Vorstellungsgespräch in ihrem damaligen Lieblingsstück erschienen, einem Dress von Missoni. Miyake war sehr erfreut darüber und meinte: »Wie schön, Sie tragen etwas von einer Freundin von mir.« Die Missonis waren in der Tat gute Freunde von ihm. Bis heute gibt es bei ihren Tokyo-Besuchen ein gemeinsames Abendessen mit Midori Kitamura.

Doch zurück zum Buch. Es schöpft aus dem reichhaltigen und bestens gepflegten Miyake-Hausarchiv, zapft aus den einsichtsreichsten Quellen, macht Philosophie, Anspruch und Kreativität des Modeschöpfers in situ anschaulich. Ist Chronik und Wörterbuch – eine Enzyklopädie. Designgeschichte, entfaltet. Bei Miyake ist das buchstäblich zu nehmen. Er gilt als Meister der Falten.

Constructible Clothes. Designed and presented in 1970. Photography: Kishin Shinoyama. Model: Yuri Hodaka
Handkerchief Dress, 1970 design/ Spring-Summer 1971 Collection, photo: Kishin Shinoyama, model: Yasuko Yamayoshi; rechts: Zeichnung Issey Miyake
links: Paradise Lost design drawing, 1976 Issey Miyake © Miyake Design Studio
rechts: Paradise Lost, 1976 design/Spring-Summer 1977 Collection. Print design: Tadanori Yokoo. Photography: Noriaki Yokosuka. Model: Iman
links: Wire Body, Autumn-Winter 1983 collection, photo: Ben Blackwell. rechts: Issey Miyake Spectacle: Bodyworks, San Francisco Museum of Modern Arts, photo: Mitsumasa Fujitsuka

Issey Miyake, der als Siebenjähriger die Atombombe von Hiroshima erlebte, vier Familienmitglieder verlor und ein körperliches Gebrechen davontrug, machte von seiner eigenen Geschichte nie Aufhebens. Er wollte nicht »dieser überlebende Modeschöpfer« sein. Er dachte »stattdessen lieber an Dinge, die man erschaffen kann, statt sie zu zerstören, und die Schönheit und Freude bringen«. Kleider zu machen war für ihn immer etwas Optimistisches und Modernes.

Sybille Ruge: »Miyake hat sich wie kaum ein anderer auf traditionelle Herstellungstechniken bezogen – Quilts, die mit geometrischen Mustern bestickt sind, Plissee, der mit von Hand gefertigten Papierschablonen Meter für Meter unter Hitze gefertigt wird, Kettdrucke, bei der die Fäden beim Weben bedruckt werden, Shibori-Färbungen, die ähnlich dem Batikverfahren sind. Seine legendären Falttechniken wendet er auch auf Handtaschen und Rucksäcke an, dies in Polyester, denn nur dieses Material ist nach dem Plissieren formbeständig. Ich liebe seine futuristischen Bao Bao Taschen, die vom Origami inspiriert sind und, weil PVC mit Metallfolien auf Nylonnetz geklebt, alle Bewegung mitmachen. Er ist der Murakami der Stoffwelt. Seine Techniken sind absolut wegweisend gewesen. Bei ihm findet sich die Symbiose aus Tradition(bei ihm Geishas, Samurai, japanische Hochzeitskleidung etc.) und moderner Technologie wie Digitaldruck und diversen Ausrüstungstechniken.«

Alles begann mit einem höflichen Beschwerdebrief, auf Seite 18 ff. im Buch nachzulesen. Noch Student für Grafikdesign und damals besonders an Kostümgeschichte interessiert, fiel Miyake auf, dass für die 1960 in Tokyo geplante »World Design Conference« (WoDeCo) der Bereich Kleidung nicht vorgesehen war. »Man muss gar nicht ausführen, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Kleidung und dem normalen Leben sind«, schrieb er dem Vorsitzenden des Organisations-Komitees und bat um Erklärung. Die erhielt er, samt blumiger Entschuldigung. Die Korrespondenz wurde im Newsletter Nr. 4 der Veranstaltung veröffentlicht und Kleidung als Thema aufgenommen. 84 ausländische Designer aus 26 Ländern und 143 japanische Gestalter nahmen an der sechstägigen Konferenz im Mai 1960 teil. Ihr Thema lautete »Unser Jahrhundert: Das ganze Bild – Was Designer zur menschlichen Welt im kommenden Zeitalter beitragen können«. Es war die erste Nachkriegsmesse in Japan. Sie verankerte das Wort »Design« im japanischen Wörterbuch.

Nach Miyakes Auffassung ist es vornehmste Designer-Aufgabe, etwas zu entwerfen, »was auch im wirklichen Leben funktioniert«. Unbeschadet dessen sollten seine Kollektionen aber auch zum Träumen anregen und eine Pause von der Realität sein. Er sagte auch: »Wenn ich etwas mache, ist es nur zur Hälfte fertig. Erst wenn Leute es für Jahre tragen, wird es etwas Fertiges.«

Leitstern seines Schaffens war das monozukuri – japanisch für »Dinge machen«; Passion, Perfektionsstreben, Zugewinn von Qualität und handwerkliches Geschick in diesem Begriff mitenthalten, ebenso: das eigene Material zu entwickeln und die Arbeitsweise dafür. Als Designer respektierte Miyake das traditionelle Handwerk sehr – siehe auch mein Gespräch mit Sybille Ruge hier nebenan. Seine Leidenschaft war es, das alles mit Innovation zu verbinden. Dabei bediente er sich neuester Technologien, vieler Recherche und Entwicklung. Er erforschte die enormen Kapazitäten von Material, Formen und Silhouetten, war stets ein Verfechter von Kooperation und Ideenbündelung. Eines seiner frühesten Teammitglieder war die Textilspezialistin und Stoffentwicklerin Makiko Minagawa, bis heute im Unternehmen tätig.

rechts: Plastic Body. 1980 design/Autumn-Winter 1980 Collection
Photography: Daniel Jouanneau
rechts: Unveiling of PLEATS PLEASE ISSEY MIYAKE during the finale of the Spring- Summer 1994 Paris Collection. Photography: Philippe Brazil
PLEATS PLEASE ISSEY MIYAKE, Spring-Summer 1994 catalogue; photo: Kazumi Kurigami

»Es gibt keine Einschränkungen dafür, was ein Gewebe werden kann, woraus Kleidung gemacht wird. Alles kann Kleidung sein«, war seine Haltung. Der Mensch atmet auch durch die Haut. Einer der vier japanischen Begriffe für Raum ist ma (ausgesprochen „maah“) – die reine und tatsächlich essenzielle Leere zwischen allen Dingen. Es ist die Essenz japanischer Ästhetik, die Stille zwischen den Worten, die Luft zwischen Haut und Kleidung – wenn Haut mit Kleidung bedeckt wird. Etwa von einem Kimono. 1973 benutzte Miyake erstmals den Begriff hifu-zukuri (Hautmachen) für seine Arbeit.

Sein Vorbild im europäischen Design war Madeleine Vionnet (1876 – 1975), eine französische Modeschöpferin der Haute Coutoure. Sie wusste um die räumliche Wirkung eines Kleides und fertigte deshalb bereits die erste »Skizze« als körperhaftes Gebilde im Raum an, nie als zweidimensionale Zeichnung auf dem Papier. Ihre Kleider wirkten, als hätten sie ein Eigenleben, sie umflossen den Körper und vollzogen seine Bewegungen nach. Vionnet gilt als Erfinderin des Diagonalschnitts, bei dem der Stoff, statt dem Fadenlauf folgend gerade zugeschnitten zu werden, schräg verlaufend verarbeitet wird – bis heute eine der wichtigsten Techniken der Haute Coutoure. Issey Miyake verglich ihre Roben mit der Nike von Samothrake: »Als ich das erste Mal ein Kleid von Madeleine Vionnet sah, dachte ich an eine Reinkarnation der Nike-Statue. Madame Vionnet hatte den schönsten Aspekt der klassischen griechischen Ästhetik eingefangen, nämlich den Körper und die Bewegung.« Tja: Vionnet war zu Beginn ihrer Karriere vom Kimono inspiriert. West meets East. »Issey Miyake East Meets West« hieß sein Buch von 1978, eines der ersten internationalen Modebücher.

1999: A-POC Pain de Mie (links); 2000: A-POC Baguette Flower (rechts), photo: Friedemann Haus
2015: Nihon Buyo coat, design: IKKO TANAKA ISSEY MIYAKE No 1; photo: Hiroshi Iwasaki
Miyake Issey Exhibition: The Work of Issey Miyake, National Art Center, Tokyo; photo (rechts): Masaya Yoshimura
TADANORI YOKOO ISSEY MIYAKE special presentation, new potentials for A-POC, Daikanyama T-SITE Garden Gallery, Tokio; photography: Masaya Yoshimura

Kleidung auf ein Stück Textil zu reduzieren (jap. ichimai non uno), war für Miyake bald fundamentale Aufgabe. 1988 begann er, Stoffe mit revolutionären Mikro-Falten oder Plissees zu erforschen – knitterfrei, dehnbar und federleicht: Polyester-Plissées, die wie Skulpturen wirken, und dem Träger/ der Trägerin Freiheit in Komfort und Bewegung erlauben. 1993 entstand daraus Pleats Please.

1996 erfanden Miyake und Dai Fujiwara ein neues Bekleidungskonzept: Das „A-Poc“ (A Piece of Cloth) ermöglicht es jedem Kunden, mit Hilfe einer computergesteuerten Stoffherstellung sein individuelles Kleidungsstück samt Accessoires herzustellen. Dies aus einem singulären Garnfaden, der in eine computergesteuerte Strickmaschine geführt wird, die daraus ein röhrenförmiges Bekleidungsstück webt.

»Selbst wenn ich mit dem Computer arbeite oder mit der neuesten Technologie, versuche ich immer, ein Stück Handarbeit mit dabei zu haben«, meinte Miyake. »Designing is not about making designer clothes, it is about a new way of thinking.« Und er wusste immer: »Schönheit ist wie ein Sonnenuntergang. Sie verschwindet in dem Moment, in dem man sie fassen will.«

Alf Mayer

P.S. Biografie im Schnelldurchgang: Issey Miyake studierte Grafikdesign in Tokio. Arbeitete nach seinem Abschluss 1964 als Designassistent bei Guy Laroche, später bei Givenchy in Paris. 1969 zog er nach New York, um bei Geoffrey Beene zu arbeiten. Gründete ein Jahr später sein eigenes Designstudio. 1971 präsentierte er seine erste Modekollektion, in New York. Berühmt wurde er mit der japanischen Bewegung Mitte der 1980er Jahre, zu der auch Yohji Yamamoto und Rei Kawabuko von Comme des Garçons gehörten.

1978 kam eine Männerkollektion dazu, 1992 eine eigene Duftlinie und 1993 die Linie »Pleats Please Issey Miyake«, die aus geknitterten und gefältelten Polyesterstoffen besteht. 2004 kam »Issey Miyake Fête« auf den Markt und 2001 die T-Shirt-Linie »me IsseyMiyake/Cauliflower«. 1999 übernahm sein Assistent Naoki Takizawa als Nachfolger. Miyake widmete sich künftig der Textilforschung. 

Kleidung war für Miyake etwas Universales. Er entwarf die Werkskleidung für den Elektronikgiganten Sony, schuf für Steve Jobs einen ikonografischen Rolllragenpulli und entwarf für Litauen die Nationaluniformen bei der Sommer-Olympiade 1992 in Barcelona. (Siehe dazu auch mein Gespräch mit Sybille Ruge.) Die Architektin Zaha Hadid trug seine Kreationen und Sängerin Grave Jones wurde auch durch ihn zur Ikone. Der Architekt Frank Gehry entwarf für ihn eine Parfumflasche, die Fotos von Irving Penn gehören zur Fotogeschichte.

Und, Abteilung unnützes Wissen: In der rabenschwarzen Komödie ROTWANG MUSS WEG! (BRD, 1994) des ehemaligen ZEIT-Filmkritikers Hans-Christoph Blumenberg hat Miyake einen Cameo-Auftritt. Er spielt sich selbst. Der schräge Film, eine der respektlosesten Reaktionen auf den Terrorismus der RAF, blieb weithin unverstanden.

Der Regisseur wurde vom Spiegel eingeladen, über Robert Altmans Modewelt-Film PRÊT-Á-PORTER  aus dem gleichen Jahr zu schreiben. Darin heißt es unter der Überschrift „Mode ist Krieg«: »In den designbesessenen Achtzigern waren die Modemacher zu Medienstars aufgestiegen. In einer Dekade des allseitigen Etikettenschwindels bot das exklusive Label aus Paris oder Mailand eine Illusion von verfeinertem Geschmack. Dem Designer traute man ein geheimes Wissen von der kollektiven seelischen Befindlichkeit des Publikums zu. Plötzlich galt der Couturier als Künstler, der Schneider als Schamane … AUFZEICHNUNGEN ZU KLEIDERN UND STÄDTEN nannte Wim Wenders 1989 sein Filmporträt über Yohji Yamamoto. Ein Jahr später widmete Martin Scorsese seinem Freund Giorgio Armani einen einfühlsamen 27-Minuten-Film mit dem Titel MADE IN MILAN, der den Kleiderkünstler als romantischen Helden vorführt…« – Natürlich ist auch Issey Miyake solch ein Held. Und was für einer.

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