Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Hechelhammer: Der NKWD nach 1945 in Deutschland

Matrjoschka der Geheimdienstgeschichte

Eine Rezension von Bodo V. Hechelhammer

Durch das zunehmend aggressive Verhalten der russischen Regierung fühlt sich die Bundesregierung Deutschlands mittlerweile ernsthaft bedroht. Sie warnte erst kürzlich vor den russischen Geheimdiensten, vor ihrer Einflussnahme durch Desinformation und Spionage. Obwohl das Problem gegenwärtig und akut ist, ist es keineswegs neu. Ein Blick in die Geschichte kann helfen, die russische Seele und ihre Geheimdienste zu verstehen. Besonders lohnenswert ist die Lektüre eines neuen Buches: „Das Schattenregime – Wie der sowjetische Geheimdienst Deutschland nach 1945 terrorisierte“.

Christian Neef, geboren im Jahr 1952 in Brandenburg, studierte von 1972 bis 1979 Geschichte und Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Seine Promotion im Jahr 1980 behandelte den außenpolitischen Journalismus und die Probleme der Differenzierung in der Berichterstattung der SED-Presse. Schon zuvor begann er seine Karriere als außenpolitischer Journalist beim Rundfunk der DDR in Ostberlin und wurde 1983 als Korrespondent nach Moskau entsandt.

Auch nach der Wende blieb Neef in der russischen Hauptstadt und arbeitete nun für den SPIEGEL. Im Jahr 1996 wechselte er in die dortige Hamburger Redaktion und war im Auslandsressort tätig. Von 2003 bis 2012 bekleidete er die Position des stellvertretenden Auslandsressortleiters, bevor er von 2014 bis 2017 erneut als Korrespondent nach Moskau zurückkehrte.

Seit über fünfunddreißig Jahren widmet sich Neef der Berichterstattung über Russland, die Ukraine, andere Republiken der ehemaligen Sowjetunion sowie Afghanistan. Als freier Autor schreibt er vor allem über Russland und Osteuropa und gilt als Experte für den Ukraine-Konflikt. Er hat zahlreiche Bücher zur russischen Geschichte veröffentlicht, darunter „Ukraine. Land zwischen Ost und West“ aus dem Jahr 2014 und sein jüngstes Werk aus dem Jahr 2019, „Der Trompeter von Sankt Petersburg. Glanz und Untergang der Deutschen an der Newa„, das den Untergang der deutschen Gemeinde in St. Petersburg behandelt.

Christian Neef

Das neueste Buch des renommierten Russland-Experten Christian Neef beschreibt eindrucksvoll die gezielte Sowjetisierung Ostdeutschlands durch den Geheimdienst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es zeigt, wie diese Geheimdienstmethoden sogar bis heute noch nachwirken und hilft uns dabei auch zu verstehen, wie der russische Präsident Wladimir Putin denkt und argumentiert. Aus diesem Grund hat Neef sein Buch wohl auch denjenigen in Russland gewidmet, die sich der Verfälschung der Geschichte widersetzen.

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Geheimdienste sind Einrichtungen, denen aus der Sicht des einfachen Bürgers etwas
Unheimliches, Unberechenbares, ja Schmutziges anhaftet. Es sind Dienste, die Verdächtige und Andersdenkende bespitzeln, Putsche anzetteln und Gegner umbringen,

die Misstrauen gegenüber den Mitmenschen für ihr oberstes Gebot halten, aller Orten
Verschwörungen wittern und bereit sind, verbrecherische Handlungen mit angeblichen
Staatsinteressen zu rechtfertigen. Wer wie Wladimir Putin im Geheimdienst groß
geworden ist, misstraut anderen und unterstellt auch ihnen jene Skrupellosigkeit, ja
Gewaltbereitschaft, zu denen er selbst fähig ist. Auf dieser anerzogenen Form von
Paranoia fußt Putins Unfähigkeit zum Kompromiss, die er als
Präsident so oft zeigt. (Christian Neef)

Christian Neef strukturiert sein Buch nicht nach einer festen Chronologie, sondern gliedert seine Geschichte in 24 Kapitel, die mit autobiographischen Elementen angereichert sind und sich um verschiedene Themen drehen, wie zum Beispiel den Alltag im NKWD oder die Demontagen für den Gulag. Das Sachbuch basiert auf umfangreichen persönlichen Erfahrungen mit Russland sowie einer soliden Materialgrundlage aus Sekundärliteratur deutscher und russischer Autoren und Quellen. Neef hat Archivquellen aus deutschen und russischen Archiven ausgewertet und hebt im Anmerkungsapparat und Text hervor, wenn er auf andere Quellen, wie kritische russische Historiker, zurückgegriffen hat. Obwohl er auf zwölf Archive verweist, bleibt bemerkenswert, dass bei einem Geheimdienstthema scheinbar keine Geheimdienstunterlagen oder -spezialisten herangezogen wurden. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass beispielsweise das Archiv des Bundesnachrichtendienstes (BND), der Central Intelligence Agency (CIA) oder zumindest der Stasiunterlagenbehörde (BStU) genutzt wurde, wo sicherlich relevante Informationen hätten gefunden werden können. Dies ist jedoch nur eine Randnotiz in einem ansonsten fesselnden und gut recherchierten Werk.

Iwan Alexandrowitsch Serow

Die Erinnerungen des ehemaligen NKWD-Bevollmächtigten Iwan Alexandrowitsch Serow (1905 – 1990) sind der zentrale Ausgangspunkt einer faszinierenden Geschichte. Serow, erster Vorsitzender des KGB zwischen 1954 und 1958 und von 1958 bis 1962 Chef des GRU, der Hauptverwaltung für Aufklärung, dem Zentralorgan des Militärnachrichtendienstes des russischen Militärs, war eine schillernde Persönlichkeit. Nach der Enttarnung des CIA-Agenten Oleg W. Penkowski im Jahr 1962, einem persönlichen Freund Serows, wurde dieser als Leiter des GRU entlassen. Vor einigen Jahren wurden Serows Tagebuchaufzeichnungen in einer Datscha bei Moskau gefunden. Sie waren eingemauert gewesen, versteckt von Serow selbst, vermutlich für den Fall einer Verfolgung durch den Geheimdienst. Die Erinnerungen behandeln auch Serows Zeit als Chef des Geheimdienstes in der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, den er bis 1947 leitete. Christian Neef hegt keine Zweifel an der Authentizität dieser Quelle, die er persönlich einsehen konnte.

Christian Neef flicht immer wieder autobiografische Episoden in seine Erzählung ein, die sein Buch beginnen und enden lassen. So taucht er ein in Kindheits- und Jugenderinnerungen an die deutsch-deutsche Grenze und die sowjetischen Truppen in Brandenburg während des Kalten Krieges. Er beschreibt, wie die spätere sogenannte Freundschaft zwischen Ostdeutschland, der DDR und der Sowjetunion aufgebaut wurde. Nach dem Sieg über Nazi-Deutschland im Jahr 1945 übernahm die Sowjetunion die Kontrolle in Ostdeutschland. Sie nutzte alte Lager und Gefängnisse aber nicht nur zur Inhaftierung von Kriegsverbrechern, sondern auch politischer Gegner, wie zum Beispiel Sozialdemokraten.

Neef beschreibt den brutalen Prozess der gezielten Sowjetisierung, für den Josef Stalin die Verantwortung nicht der Militäradministration, sondern seinem Geheimdienst NKWD übertrug. Im Mittelpunkt seines Buches steht daher die Eigenständigkeit und Willkür des NKWD, dass für das sowjetische Volkskommissariat für innere Angelegenheiten stand und ab 1946 als Innenministerium fungierte, unter dem auch die Staatssicherheit ressortierte. 1954 wurde das KGB als eigenständiger Geheimdienst gegründet.

Das Denunziantentum der Ostdeutschen und ihr freiwilliger Dienst für die neue Diktatur nach den Nazis trugen zum Erfolg der sozialistischen Brüder aus dem großen Sowjetreich bei. Eine zentrale Rolle dabei spielte immer der Geheimdienst NKWD, der sogar den Moskauer Plan übererfüllte. Neef beschreibt Verhaftungen, Denunziationen, Verleumdungen, Willkür und Unterdrückung als Mittel zur Freiheit nach Moskauer Vorbild. Der Geheimdienst konkurrierte dabei mit der sowjetischen Militärregierung um politische Gunst und betrieb eine eigene Politik, wobei Terror als Abschreckung eingesetzt wurde. Durch die direkte Unterstellung unter Josef Stalin konnte der NKWD sein eigenes Schattenregime aufbauen.

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Die Aggressivität der russischen Geheimdienste in Deutschland geht einher mit einer
ähnlichen Aggressivität der russischen Propaganda, die über verschiedene Medien nach
Westeuropa hineinzuwirken versucht und dort Stimmung gegen die Regierungen macht.
Genauso aggressiv arbeiten die Staatsmedien in Russland selbst, um dem eigenen Volk
Westeuropa und vor allem Deutschland als kriegslüsterne, jedoch gegenüber den eigenen
Völkern unfähige Gesellschaftssysteme vorzuführen. (Christian Neef)

Nur kursorisch wird allgemein auf Geheimdienstaktivitäten im deutschen Auslandsnachrichtendienst in der Bundesrepublik Deutschland eingegangen. Es wird zwar kurz der Fall Heinz Felfe erwähnt, der 1961 wegen zehnjähriger Spionage für das KGB verhaftet wurde, sowie der aktuelle Spionagefall um den BND-Referatsleiter Carsten L., der Ende 2022 in Untersuchungshaft kam. Doch es gäbe noch so viel mehr zu berichten zu diesem Thema, auch aus öffentlichen Quellen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) kommt erstaunlich kurz zu Wort und findet kaum Erwähnung, obwohl es primär für die Abwehr russischer Spionageaktivitäten in Deutschland zuständig ist. Die Sicht der westlichen Geheimdienste, wie etwa der CIA, auf die russischen Geheimdienste bleibt ebenfalls oberflächlich. Doch all das soll nur eine weitere Petitesse sein.

Und immer wieder stolpert man natürlich über die Person, die als die Hitler-Figur unserer Zeit betrachtet werden muss: Vladimir Putin. Christian Neef hilft dabei, sein Wesen und seine Entscheidungen besser einzuordnen, denn Putin hat seinen Geheimdiensthintergrund nie abgelegt. Schon als junger Mann strebte er danach, zum Geheimdienst zu gehören, musste jedoch manchmal sogar vom KGB in seinem Übereifer gebremst werden. Nach 1990 machte er dann Karriere, zuerst in St. Petersburg, dann in der Kreml-Administration, landete schließlich beim FSB. Selbst als er 1999 Regierungschef wurde, vertraute er weiterhin auf den Geheimdienst. Durch den Einsatz des Geheimdienstes sollte Russland wieder zu seiner einstigen Stärke und Größe zurückfinden, was immer auch durch Angst und Schrecken bedeutete. Kriege wurden begonnen, Aufstände brutal niedergeschlagen – immer fand sich ein Vorwand oder wurde einer konstruiert. Christian Neef erkennt hierbei ein Muster.

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In Wirklichkeit steht heute an der Spitze des russischen Staates ein Mann, unter dem nicht nur Mord und Repression auf der Tagesordnung sind, sondern der sich inzwischen auch selbst
schlimmster Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat. Dass nicht nur Russen,
sondern auch viele Deutsche das nicht wahrhaben wollen, ist befremdlich. Ausgerechnet
Ostdeutsche wollen seit einiger Zeit ihre Sympathie für
Putins Russland wiederentdeckt haben. (Christian Neef)

Christian Neef hat mit seinem Schattenregime ein fesselndes Sachbuch geschaffen, das jeden Leser, der sich für die Themen Russland und Geheimdienste interessiert, in seinen Bann zieht. Seite für Seite wird deutlich, dass sein Werk auf einer tiefen Kenntnis von Land und Leuten, Sprache und Geschichte sowie zahlreichen persönlichen Erfahrungen beruht. Das Buch beleuchtet nicht nur historische Zusammenhänge, sondern nimmt auch immer wieder aktuelle politische Ereignisse auf und ordnet sie ein. Gerade darin liegt sein besonderer Wert. Bewusst endet es beunruhigend mit einem düsteren Blick in die Zukunft, auf die verstörenden Propagandareden von Ramsan Kadyrow, der fordert, dass Russland erneut Berlin besetzen solle.

Christian Neef stellt berechtigt an dieser Stelle die Frage, ob sich die Geschichte vielleicht wiederholen könnte und warnt vor einer weiteren Eskalation mit Russland. Es ist aber ein Appell gerade an all jene, die die historischen Fakten und politischen Realitäten gerne ignorieren, um sich in Illusionen zu wiegen. Es ist notwendig, vielen Menschen in Deutschland regelrecht auf die Füße zu treten, damit sie begreifen, dass Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine keine isolierte Aktion gegen einen Nachbarstaat ist, sondern Teil einer umfassenden Geschichtsumdeutung und Revision der europäischen Sicherheitsordnung und unserer wertebasierten Grundordnung. Obwohl die historischen Ausgangssituationen unterschiedlich sind, erinnert der Krieg in der Ukraine und das Leid der ukrainischen Bevölkerung nach der völkerrechtswidrigen Besetzung an die Methoden sowjetischer Besatzer nach 1945.

Christian Neef legt mit seinem Buch wie bei einer Matrjoschka Schicht um Schicht einer Geheimdienstgeschichte frei und ermöglicht es dem Leser so, ein besonderes Kapitel des alten Russlands zu entdecken und dadurch das neue Russland besser zu verstehen. Das kann einem mitunter Angst machen.

Christian Neef: Das Schattenregime. Wie der sowjetische Geheimdienst nach 1945 Deutschland terrorisierte. Propyläen-Verlag, Berlin 2024. 320 Seiten, 28 Euro.

Bodo V. Hechelhammer kam als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit einem kundigen Faible für die populärkulturellen Spiegelungen der Agenten- und Geheimdienstwelt – mit uns in Kontakt und ist seitdem ein geschätzter Autor. „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht“, ein Interview von Alf Mayer mit dem Autor über das Buch Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956 hier. Alf Mayers Besprechung von Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten hier. – 2022 von ihm erschienen: Rolf Kauka. Fürst der Füchse, hier bei uns besprochenein Textauszug hier.

Seine Texte bei CrimeMag hierSein Jahresrückblick 2023 bei uns hier.

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