Geschrieben am 1. November 2023 von für Crimemag, CrimeMag November 2023

Gerhard Beckmann über die Ausnahme-Lyrikerin Diane Seuss

Im MaroVerlag übersetzt erschienen: „Frank: Sonette“ von Diane Seuss

Diane Seuss: Frank: Sonette (frank: sonnets, 2021). Zweisprachige Ausgabe. Englisch/ Deutsch, aus dem amerikanischen Englisch von Franz Hofner. MaroVerlag, Augsburg 2023. 280 Seiten, Klappenbroschur, 28 Euro.

Eine Frau wird zum „Jedermann“ unserer Zeit: Diane Seuss, in den dramatischen Sonetten ihrer großen Autobiographie 

“Was ich im Sonett einzubringen hoffe, ist die Perspektive der armen werktätigen Bevölkerung auf dem Lande … Emily Dickinson hat ihre Gedichthefte während des amerikanischen Bürgerkriegs geschrieben; man kann ihr ganzes Lebenswerk vom Krieg her verstehen. Ich habe „Frank: Sonette“ im Kontext der Ära Trump und der Hölle geschrieben, die „wir“ durchgemacht haben.” (Diane Seuss im  Gespräch mit der Lyrikerin und Kulturjournalistin Natalie Tombasco)

In ersten privaten Nachrichten klang bereits durch, dass die Veröffentlichung des neuen Werkes von Diane Seuss ein literarisches Ereignis sein würde; dass dieser Gedichtband der heute 66jährigen Lyrikerin sogar zu einem nationalen Event werden könnte. Nun gut, Diane Seuss – ein bei uns nur Wenigen vertrauter Name – ist in Amerika schon „etabliert“. Nach vier vorausgegangenen Bänden mit Gedichten, die einen eigenständigen Weg gingen und einen ganz eigenen Ton anschlugen, und nach etlichen bedeutenden Literaturpreisen. Aber mit dieser Sammlung wurde ein neuer Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens erwartet – ein „Opus Magnum“ als Zeugnis schöpferischen Wagemuts, das einen Impuls zu kultureller Erneuerung, zu sozialem Umdenken und politischem Handeln geben könnte; das ein moralisches Engagement für die Sorgen und Nöte der unzähligen Abgehängten und Missachteten bewirken könnte, die an den Rand der Gesellschaft verdrängt oder gar ins Prekariat verstoßen worden sind, darunter insbesondere Frauen.  

Wie war solch eine  überraschende Voraus-Erwartung von Breitenwirkung – für Lyrik (!!!) – erklärbar? Einen Spalt breit ist das Geheimnis vom Verlag mit der Bekanntgabe des Titels gelüftet worden: „frank: Sonetts“ im Original: Der Titel verbindet einen Männernamen mit einer Gattung, die für den Beginn einer neuzeitlichen, humanistischen Literatur steht, über sieben Jahrhunderte weltweit zu einem Synonym für das hohe Lied der Liebe wurde – und-zum Inbegriff  von maskuliner Oberhoheit in Hochkultur und Gesellschaft. Der Titel aber ist dieses Mal von einer Frau – einer Frau, deren Dichtung Frauen gegenüber Männern offensichtlich zur Geltung bringen und die Perspektive weiblichen Lebens und Liebens ins Licht rücken soll. 

Frank O’Hara © wiki

Und – wer ist dieser „Frank“ auf dem Umschlagbild des Diane Seuss-Titels? Sollte es etwa jener Frank O‘Hara sein, der gleich im ersten Sonett auftaucht – der die „hübsche Nase und den Penis“ hat, deretwegen die Dichterin sich, neidvoll, hässlich und minderwertig vorkommt und von tiefer Sehnsucht nach Schönheit erfüllt wird?

Dann sorgte das Cover der amerikanischen Originalausgabe für Diskussionen. Mit solch einem Design war bis dato doch noch nie ein Gedichtband lanciert worden. Es zeigt ein Foto, großflächig, von Rand zu Rand des Formats: die künstlerische Studio-Aufnahme eines schönen jungen Mannes, in Shorts, mit nacktem Oberkörper, ein Gesicht mit dem Ausdruck selbstverliebten Selbstbewusstseins, der rechte Arm hochgereckt, ausgestreckt, angewinkelt, die Hand halb geschlossen, wie zu einem Fernglas gekrümmt, durch das der  Blick auf eine Frau zielt – auf eine Frau, die gar nicht ins Bild kommt, als ob sie an und für sich uninteressant, unerheblich wäre. Das Foto exemplifiziert den  typischen „male gaze“, ein sexistisch maskulines Starren. Die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey hat es erstmals in Filmen und Fernsehproduktionen der 1970er Jahre beobachtet. Der Begriff kennzeichnet eine Hollywood-Filmoptik, mit der Frauen als passiv verfügbares Objekt des Begehrens für heterosexuelle weiße „Helden“ inszeniert werden. Ein Cover als Provokation pur.

Ist es vielleicht dieser gänzlich unakademisch, unliterarisch, formlos aus dem Stegreif von der Gewalt und dem Schmutz auf der Straße, vom blauen Dunst und vom sich alkoholisiert heiß redenden Gemenge in Bars und Kneipen spontan hin und weg schreibende Großstadt- und Fliegende-Zettel-Lyriker Frank O’Hara aus der legendären avantgardistischen Künstlerszene um William de Kooning, Jackson und Jasper John? Der Frank O‘Hara, der mit John Ashberry, Kenneth Koch et al gegen die zeitgenössische amerikanische Literatur der 1950er Jahre rebellierte ? Der O’Hara, dessen  unverschämt vital alltägliche, witzig geistvolle „Lunch Poems“ und „Meditations in an Emergency“ Rolf Dieter Brinkmann und Johannes Beilharz ins Deutsche gebracht  haben?

Nur: Wie hätte da was gewesen sein können? Dieser berühmte Frank war doch bald  nach der Geburt von Diane Seuss (1956) durch einen Unfall ums Leben gekommen. Oder könnte es ein Fingerzeig sein, dass Diane Seuss selbst hier eine wilde Lyrik-Attacke gegen Establishment, Hochkultur und Tradition reitet, gegen die Welt, aus der das Sonett kommt, das gewissermaßen ein literarisches Pendant zum Knigge, zu der steifen Etikette der Ton angebenden feinen reichen Gesellschaft darstellt?

Am Seuss-Einband war zudem auffällig, dass er mit dem Titel des legendären ersten Albums des popkulturellen britischen Song-Stars Amy Winehouse identisch war, die den authentischen Sound von Frank Sinatra revolutionär in Jazz und Soul angegangen war. Und graphisch war am Seuss-Cover augenfällig, dass der Vorname dieses Mannes  – mit seiner wortwörtlichen Bedeutung von „frank und frei“- im gleichen Schrifttyp und auf Linie mit dem Namen der Autorin gereiht wird. Das Design signalisiert also eine enge persönliche Beziehung zwischen diesem „Frank“ und der Dichterin Diane Seuss. Dieses Muster war doch so etwas wie Ur-Kulturgut: begründet in dem legendären Namensgespann des italienischen Dichters Francesco Petrarca (1304-1374) und seiner geliebten Laura, mit dem die Renaissance und der literarische Siegeszug des Sonetts überhaupt begonnen hatte. Stellte Diane Seuss diese klassisch heterosexuelle Tradition hier auf den Kopf – so dass nun eine moderne emanzipierte Frau aus ihrer – feministischen? – Perspektive den Mann ihrer Liebe besingt? 

Das Cover suggerierte also eine irgendwie verquere erotische Tandem-Biographie oder Autobiographie – und ein Memoir war ja im Prinzip auch erwartet worden.

Es gab und gibt weitere merkwürdige Dinge. So etwas wie Lebenserinnerungen in Form einer Sonettsequenz hatte es doch zumindest in der bekannten Literatur des 20./21. Jahrhunderts ebenfalls noch nicht gegeben – wiederum ein Novum, das hinterfragt werden muss. Die Frage, warum Diane Seuss ihr Leben in Sonetten darstellt, scheint bis heute nicht hinreichend beantwortet. Die Autoren-Entscheidung hat überdies ein spektakuläres Branchennovum zur Folge gehabt. Der Verlag – die feine unabhängige  Graywolf Press in Minneapolis – griff nämlich der Veröffentlichung des  Buches mit einer Maßnahme vor, die das gesamte Marketing- und Vertriebsdenken des Verlagsgewerbes über den Haufen warf – „als ob er total bekloppt wäre und den Verkauf des gedruckten Buches sabotieren wollte“, wie ein geschockter alter amerikanischer Branchenkollege ausrief: Die Graywolf Press hatte die Sonette von Diane Seuss nämlich – vor Erscheinen (!!!) – ins Netz gestellt.

Hat man so den Gedichten, vorgreifend, einen weiter- und tiefer gehenden, einen nachhaltigeren  Resonanzboden zu verschaffen versucht, als Neuerscheinungen in der engen, flachen, kleinen und nur mehr kurzzeitig bespielten Arena des guten alten geduckten Buches von heute noch gegeben ist? Die relativ bescheidenen Verkäufe eines Lyrik-Bandes und  die wenigen verbliebenen Literaturfeuilleton-Seiten großstädtischer Printmedien lösen selbst bei hymnischen Rezensionen kein riesiges Echo aus. Der Verlag hat folglich – mit digitalem Anschub – wohl eine Mund-zu-Mund-Propaganda auszulösen wollen und über „social media“ ein breites vielschichtiges Publikum zu erreichen gehofft. Er muss es  in der Überzeugung getan haben, dass dieser Gedichtband eine neue Botschaft von öffentlichen Interesse und hoher gesellschaftlicher Relevanz bringt  – „breaking news“ für eine breite Mehrheit der Bevölkerung, für die politisch, sozial, wirtschaftlich abgehängten bürgerlichen Mittelschichten, die rückständigen ländlichen Regionen Amerikas, die immens wachsenden humanitären Notlager unter den Armutsgrenzen. Es sind die Abermillionen von Leidenden, insbesondere Frauen, die unter den Verheerungen einer Sozial-Klima-Krise aufgewachsen und in die Jahre gekommen sind. Aus dieser Welt kommt Diane Seuss selbst. Ihr fühlt sie sich bis heute zugehörig. Ihr ist sie loyal verbunden. Diese Menschen will sie in ihren Sonetten ansprechen. Für sie spricht Diane Seuss, wenn sie von sich spricht.

2 –

Sind die hohen Vorschuss-Erwartungen an die schöpferische Substanz und Kraft von Diane Seuss nun auch aufgegangen? Ja doch, sie haben sich erfüllt. Die Veröffentlichung wurde zu einem großen öffentlichen Event – mit der vielbeachteten Verleihung des Pulitzer Prize, des National Book Critics Award, des PEN-Voelcker Award und des Los Angeles Times Award. Die Literaturkritik hat bestätigt, dass Diane Seuss zu den großen Initiatoren amerikanischer Literatur gezählt werden muss und dass sie von vergleichbarem Rang ist wie die Gründerfiguren einer eigenständigen amerikanischen Lyrik, wie Walt Whitman (1819-1892) und Emily Dickinson (1830-1886 ). 

Das Buch erschien 2021. Rezensionen in führenden amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften stellten seine großen Qualitäten, seine Bedeutung heraus. In Deutschland machte sich ein passionierter Lyrik-Kenner, Franz Hofner – im Brotberuf Bank-Angestellter – sogleich auf, das umfangreiche Oeuvre zu übersetzen, weil ihm aus der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur nichts dergleichen bekannt war, wie er in einem Radio-Interview erklärte. Franz Hofner fand dafür dann einen deutschen Verlag, das kleine aber feine Haus Maro in Augsburg. Dessen Verleger Benno Käsmayr – er hat uns schon so manchen zuvor bedeutsamen Autor aus Amerika nahegebracht -, kommentierte seine rasche positive Entscheidung kurz und bündig mit den Worten: „Solche Gedichte hatte ich noch nie gelesen!“

Auch mich persönlich hat bei erster Lektüre kein anderer Gedichtband so unmittelbar bewegt, seit ein englischer Freund mir, im Alter von fünfzehn Jahren, T. S. Eliots „The Waste Land“ schenkte. Und bis zu Diane Seuss‘ „frank: sonnets“ eben hatten mich keine Sonette wieder so ergriffen wie die Sonette von John Donne (1572- 1631), die der englische Freund mir bald danach empfahl: John Donne, der erstmals die Körperlichkeit, die  psychosomatische Dramatik der gesellschaftlich, politisch und religiös gefährdeten  menschlicher Existenz in der Lyrik thematisiert hat, der sie im Aufbrechen der starren grammatischen und poetischen Konventionen dieser Gattung zum Ausdruck brachte und so das in ganz Europa dominierende von Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert begründete Sonett von seinem Korsett befreite. Die jugendliche, lebenslang anhaltende Begeisterung für  diesen künstlerischen Quergänger aus dem turbulenten Gemenge von alten katholischen Orthodoxien, reformatorischem Gegeneifer, sozialen Umbrüchen und staatlichem Absolutismus im England des 16. Und 17. Jahrhunderts hatte mich für die Lyrik von Diane Seuss vorbereitet. Und für Diane Seuss war Donne, wie sich herausstellte, Vorläufer, Vorbild, Maßstab. Ich möchte von daher versuchen, die Dimensionen ihres sprachlichen Kunstwerks ein wenig sichtbarer zu machen. Ihr Sonett-Zyklus erfordert mehr als nur eine weitere positive Rezension.  

– 3 –                                                         

Um anfänglich zitierte Erwartungen wiederaufzunehmen: Ist das Buch „Frank: Sonette“ tatsächlich eine Autobiographie der Diane Seuss? Ja, so ist es – allerdings auf gänzlich andere Weise als in der gewöhnlichen Form dieses Genres.

In einem aufschlussreichen Interview mit der Lyrikerin Natalie Tombasco für die „Southeast Review“ – ihm ist auch das Zitat zur Überschrift dieses Beitrags entnommen –  hat Diane Seuss erklärt. „Es haben mir viele Leute vorgeschlagen, dass ich Lebenserinnerungen verfasse. Ich habe darüber nachgedacht, denn ich habe ja schon ein sonderbares Leben gehabt. In Prosa konnte ich sie mir aber nicht vorstellen.“ Im Format der belletristisch erzählenden Autobiographie hätte sie nicht, wie sie einmal anmerkte, dem „Ton“ zu finden vermocht – den für sie persönlich richtigen Ton. In solch einer Autobiographie hätte sie nicht sich selbst „hören“ können.

Der jungen Künstlerin Kirby Chen Mages hat Diane Seuss erläutert: Der konventionelle, von den Medien und vom Buchmarkt auf ein großes Publikum projizierte Typus folgt dem Erzählschema von „failure and redemption“. Er hält sich ans Raster von „Fehlschritten“, denen „Wiedergutmachung“ folgt, von „Rettung nach Versagen“ und Sturz. Solche Dramaturgie der Verkehrung von Unglücks- in Glücksfälle mit moralisch aufrüstendem Happy Ending erscheint Diane Seuss jedoch unlauter. Sie hat keinen wahren Kern. Sie bauscht die Dinge zur öffentlichen, um Beifall buhlenden Selbstinszenierung auf; sie dient der Stilisierung von Promis zu Helden und Idolen. Diane Seuss will aber kein Idol sein. Sie sieht sich keineswegs als „role model“. Und: ein derartiges Memoir wäre nach ihrem Verständnis ein Konstrukt, das  weder der Wahrheit ihres Erlebens noch der Wahrheit der Realitäten gerecht würde, in denen Menschen zu leben haben – insbesondere Menschen am unteren Ende der sozialen Skala; also die große Mehrheit der Bevölkerung, der Diane Seuss sich selber als zugehörig zählt. Eine Autobiographie im Sinne von Diane Seuss erfordert also keineswegs nur, vor sich selbst, sondern auch angesichts ihrer Leserinnen und Leser grundehrlich zu sein, das heißt, ihnen als Vademekum fürs  eigene Dasein dienen zu können.

Diane Seuss wurde 1956 geboren, im US-Bundesstaat Indiana, weil das dem Dorf Three Oaks in Michigan nächstgelegene Krankenhaus mit Entbindungsstation gut fünfzig Kilometer entfernt lag und keine Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel hatte. Die Eltern zogen später in die Tausend-Seelen-Gemeinde Edwardsburgh – ein Flecken ohne Bildungs- und Unterhaltungsangebote, Ämter und Kneipen. Auch  ie Kleinstadt Niles  – mit rund 11.000 Einwohnern, wo die Familie anschließend lebte – kam auf der politischen Landkarte gar nicht vor. So wie der US-Bundesstaat Michigan bis heute als „fly-over state“ gilt, als uninteressante, unkultivierte, unmoderne Zone, die man lediglich vom Drüber-Weg-Fliegen, durch den kurzen Blick aus einem Flugzeugfenster kennt. Diane Seuss wuchs in einer bettelarmen Familie unter Kleinbauern und Kleinbürgern, inmitten eines armen Arbeitertums, in beinharter Umgebung auf. Das „Frank-Sonett “ auf Seite 82 hat es im Detail erfasst, scharf wie ein meisterhafter Stich: 

                     The fat suffering of the farrowing sow. Salty-sweet of blood and hay 

                     like a carnival. The girls learn from the pig born blue. Lil cries, Elli says

                     it happens, mom. Brian’s out on the train. He keeps watch for the suicides

                     on the tracks. – 40 wind chills. Lil holds a live one under her coat, pigs‘

                     gray cord hanging out at the hem. Blood freezes on her pyjamas. Momma

                     suffers to rid herself of each fancy body. Pigs have more hair than you’d 

                     think. Ice-white, and long white lashes. Eight altogether if you count the dead

                    one, and one is crushed when Momma rolls over it in her sleep. The biggest

                     they name Moose. There’s a runt that goes nameless, doesn’t give a shit,

                     finds its way to tir and more tit. The sow loves none of them. Moons only

                     over the woman who tends her, won’t eat until she comes to the barn.

                     The fate of the living children: sold off, kept as pets, grown into slaughter,

                      mothers themselves. Some wander and walk along the tracks in the rain

                     like Judy, the singing minister’s daughter who stepped in front of the train. 

– 4 –

Ihre Angehörigen waren „Haarschneider von der der alten Sorte, Kleinstadt-Leichenbestatter, Telefonistinnen, Krankenschwestern, Lehrer“. Doch wie ist ein Mädchen  – in einem ländlichen Flecken bar jeder Kultur – mit sieben Jahren dazu gekommen, rhythmisch – wie  in Versen – zu  sprechen? Was hat sie dazu bewegt, als Schülerin, im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren, Gedichte zu schreiben, was hat ihr den Mut dazu gegeben, diese Gedichte anderen Menschen zu zeigen und vorzulesen? Das sind wichtige Fragen; die regulär üblichen biographischen Kurz-Infos auf den hinteren Klappen der Buchumschläge bieten interessierten Lesern keine Hinweise, um darauf  Antworten zu finden. Und bei Diane Seuss war es  ja auch so, dass der Vater –  mit Volksschulbildung, aus einfachsten Verhältnissen gekommen und ab ihrem zweiten Lebensjahr ein Krankheits- und Pflegefall – und die Mutter Hausfrau gewesen ist. Nur weil er während des Zweiten Weltkriegs in der US-Navy gedient hatte, konnte er so auf Grund der berühmten G.I-Bill des demokratischen Präsidenten Roosevelt mit einem Soldaten-Studienstipendium auf Lehrer studieren; erst nach seinem frühen Tod, und weil Diane bereits zur Schule ging, konnte die Mutter endlich aufs College, um Englisch-Lehrerin zu werden. Auf diese Weise gelangten ein paar Bücher und eine großartige Literatur ins Haus, die das kleine Mädchen in ihren Bann zogen. 

Wir Deutschen können uns keine rechte Vorstellung von dem neuartigen Hunger breiter Schichten nach Bildung und  sozialem Aufstieg in den USA jener Jahre machen. (Die englische Entwicklung hat Jonathan Rose in dem Titel „The Intellectual Life of the British Working Classes“ dargestellt, der mittlerweile international als Referenz- und Standardwerk der Kulturwissenschaft gilt.) Das ist der Kontext, in dem Diane Seuss so früh Werke von Virginia Woolf, den englischen Romantiker und Sonettdichter John Keats und den „Ulysses“ von James Joyce kennenlernte, die sie entscheidend geprägt haben. Der Dichter und Literaturdozent Conrad Hilberry ist dann auf  sie aufmerksam und zeitlebens ihr Mentor geworden. Hilberry  verschaffte ihr auch die finanziellen Möglichkeiten zur Einschreibung am angesehenen Kalamazoo College, ebenfalls im Mittleren Westen, wo sie später Poet in Residence und schließlich als Professorin in der Fakultät für Englische Literatur berufen wurde, also  – möchte man meinen – als Poetin eine Existenzmöglichkeit durch Universitätsposten fand, die für die USA recht typisch ist. 

Nun sind Bio-Informationen wie in dieser Kurz-Info zwar nicht falsch, doch wiederum unzureichend – und die Annahme solcher Schlussfolgerung irreführend. Denn bis in das fünfte Jahrzehnt ihres Lebens war Diane Seuss alles andere als eine akademisch finanziell abgesicherte Autorin von hoher Literatur. Und hier wird die Sache in Richtung eines Zugangs zu ihrer speziell neuartigen Art von Lyrik höchst relevant. Bei Antritt ihres Studiums in Kalamazoo hat Diane Seuss nämlich, obwohl literarisch motiviert und längst selber Dichterin, keineswegs, wie doch zu erwarten gewesen wäre, für das Fach Englische Literatur optiert. Warum nicht? Hat – angesichts von Erfahrungen mit ihren Eltern –  die Vorstellung eines Lebens als Schullehrerin sie abgeschreckt? Wir wissen es nicht.

Eine Karriere als Hochschuldozentin der Literaturwissenschaft dagegen kann sie von vornherein nicht als verlockend empfunden haben – der akademische Umgang mit Literatur hat sie nachweislich stets befremdet. Und ob sie eine Position als „poet in Residence“ an Colleges finden würde, hing ja auch lediglich davon ab, inwiefern sie mit ihrer ihre eigenen Dichtung Anerkennung finden würde. Wie sie eine derartige Lehrtätigkeit ausübte, würde ihr zudem, wie sie bereits als Schülerin erfahren hatte, selbst überlassen bleiben – da gab es allerdings gemeinhin nur kurzfristige Zeitverträge. So hat sie in Kalamzoo jedenfalls für das Fach Sozialarbeit optiert. Und den mir zugänglich Interviews, Gesprächen mit Schülerinnen oder Kollegen und Essays nach zu urteilen, ist die Wahl dieser Disziplin aus ganz anderen  Erwägungen erfolgt. Es waren Motive, die mit ihrer Arbeit als Lyrikerin  aufs engste verknüpft sind.

Diane Seuss hat sich stets klar als „Michiganer“zu erkennen gegeben, hat bezeugt, dass sie sich nur in den ländlichen Regionen dieses US-Bundesstaates zuhause fühlt. Sie bekennt sich zu ihrer sozialen Herkunft, steht zu ihren „folks“, zum Menschenschlag der Arbeiter und der armen kleinen Leute ihrer Heimat, schätzt deren direkte Art. Sie hat zudem betont, mit Elend und Not großgeworden, in einem Matriarchat  leben gelernt zu haben. Da ist es naheliegend gewesen, dass sie sich in Kalamazoo für ein Studium der Sozialarbeit entschied; ebenso, dass sie es an zwei anderen Universitäten in Michigan weiterführte, mit dem Grad eines Master abschloss und danach rund zehn Jahre lang im Sozialwesen tätig war. Sie hat in einer Zufluchtsstätte für Opfer häuslicher Gewalt gearbeitet; in einer Beratung für Lebenskrisen; einem Spital für psychische Krankheitsfälle sowie in einer privaten Pflegepraxis. Es sind, vor allem anderen, Empathie mit ihrer Umwelt; ihr Fürsorgesinn für Frauen, Bürger und Familien in Not, die Nähe zu Mitmenschen, die das Empfinden, Denken und Handeln von Diane Seuss kennzeichnen. Es ist die Prägung, Spiritualität durch Zugehörigkeit zur ursprünglichen Sozialgemeinschaft des Lebens auf dem Lande. Dorthin ist sie stets zurückgekehrt. Und wann, wohin auch immer – und es geschah fast immer nur, um als Dichterin voranzukommen und sich finanziell über Wasser halten zu können – Diane Seuss in die fremde große weite Welt hinaus musste: „Ich bin überall ein Bauernmädchen geblieben“, hat sie einem jüngeren Kollegen und Literatur-Pädagogen gestanden, der wie sie selbst aus dem ländlichen Michigan stammt.

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… Es hätten Lebenserinnerungen der „bombastischen“Art (Diane Seuss) werden können – wie sie von Großverlagen und bei einem Massenpublikum erwünscht sind, international Spitzenplätze auf den Bestsellerlisten ergattern und ihren Verfassern Millionenhonorare einbringen: etwa unter dem Leitmotto „Geschafft! Armer Leute Kind vom Lande wird Maria Callas der Weltliteratur“. Und sie hätten überdies ein Potpourri aus spektakulären Enthüllungsgeschichten bringen können, das die social media und Massenmedien wie in Deutschland „Bild“und die  ZDF-Talkshow von Markus Lanz mit einigen Volltreffern munitioniert hätten. Ich möchte da nur mal auf die Promi-Sumpf- und Lotter-Ekeleien verweisen, aus denen Diane Seuss nun in ihrem „Frank“-Sonett auf Seite 116 auf bloß vierzehn Zeilen ein scharf aber fein geschliffenes Kabinett-, Lehr- und Warnstück der zeitgenössischen Weltliteratur zum Thema Sein und Widerschein, von der gefährlichen Wahrheit in Kunst und Leben fertigt.

Worum es da ging? Um einen großen Dreh, im Vergleich zu dem die Vorwürfe gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann eher kleine Fische zu sein scheinen: Die Creme de-la Creme der New Yorker Dichter-Szene hat in den 1980ern Mädchen und junge Damen – darunter eben auch Diane Seuss – schamlos benutzt und psychisch wie sexuell aufs Grausamste misshandelt, die nur über ihre aggressiv frauenfeindliche, kulturell dominante Männerclique Zugang zu Zeitschriften und Verlagen fanden, um mit ersten Veröffentlichungen eine literarische Laufbahn auch nur beginnen zu können. Diane Seuss hat sich all solchen Bestseller-Versuchungen widersetzt.  Sie will keine „Berühmtheit“, sie will auf gar keinen Fall Promi-Autor und Medienstar werden.

Sie sieht sich aber auch nicht in einer Reihe mit Dichtern, die im Sinne von l’art pour l’art Künstler sein wollen. Für sie ist Literatur kein Reich für sich, keine eigene Provinz, nichts, das sie vom Alltag abriegelt. Das Schreiben von Gedichten ist für  sie Teil des realen täglichen Lebens. Es ist für sie gleichbedeutend mit Arbeit. Ein integrales Moment der Arbeit des Lebens. Ein Beruf wie andere Berufe. Ein Beruf, den sie persönlich immer neben und stets zusammen mit ihren zwei anderenBerufen ausgeübt hat – denen der Sozialarbeiterin und Lehrerin, zunächst  des Verstehens und Schaffens von „creative creating“, später dann auch als Dozentin im Hochschulfach Sozialarbeit. Anders gesagt: Es ist eine Arbeit, die wie Arbeit überhaupt eben existentiell zur menschlichen Existenz gehört. Weil sie Leben und Überleben ermöglicht. Für sie hat auch diese Arbeit einfach von Anfang an zum Leben gehört. Diane Seuss ist, ganz allgemein wie auf Grund ihres biographischen Hintergrunds und  speziell im Sinn eines ehrwürdigen Genres eine Autorin von Arbeiterliteratur: eine revolutionäre Schriftstellerin als Urheberin einer neuen, radikalen zeitgenössischen Art von Arbeiterliteratur.

 – 6

Die Sonett-Sequenz „Frank: Sonette“ stellt, wie gesagt, eine Autobiographie dar. Der Leser merkt freilich bereits mit dem ersten Gedicht, und dann immer wieder von neuem, dass die Frau, die hier von ihrem hin- und her treibendem Leben im jeweiligen Moment des spontanen Schreibens an ihrer Autobiographie berichtet, insofern Sonett für Sonett, Augenblick für Augenblick im Gewahrsam des allgegenwärtig ängstigenden Todes Vergangenes eintritt, in dem ein Stück des Films von der eigenen Existenz, eine vielschichtige Momentaufnahme, ein multiple Geschichten erzählendes Standfoto des Lebensstreifens, ein wie von innen nach außen wie von außen inwärts explodierendes Stillleben aufläuft, in denen Andere vortreten und mit eigener, ganz authentisch klingendes Stimme wahre Sätze aussprechen, an denen die Memorandin nicht vorbeikommt, auf die sie reagieren muss. Es ist ein nahezu unheimliches Lese-Erlebnis, das uns selber in solche Dialoge und inneren Monologe hineinzieht, wie wenn wir zugegen wären und leibhaftig daran teilnähmen.

Es ist fast so, als seien wir Mitglieder einer Community, die Autobiographien ein- und ausatmet und an der auch unser Auf und Ab, das eigene Wohl und Weh hängt, als ob damit auch die Wahrheit für „uns“, über und für„unser“ Leben von gestern und vorgestern im Hier und Heute auf dem Spiel stünde. Dank eben eines solchen Lese-Erlebnisses glaube ich begriffen zu haben, warum Diane Seuss diese ganz persönliche Form von Autobiographie erdacht hat. Sie will damit nichts als nur die von ihr selbst wahrgenommene Wahrheit der Gegenwart und Vergangenheit ihres Lebens zum Ausdruck bringen. Sie will sich ganz in ihrer Kommunikation mit ihrer Community präsentieren, das Kommunizieren ihrer Community wie in Echtzeit und so authentisch und wahr wie möglich zum Ausdruck bringen und dadurch für uns, als mit- und nachvollziehende Leserinnen und Leser ein Tor weit aufmachen, damit auch wir uns an die Arbeit des Findens von Dichtung und Wahrheit unseres Lebens in unserer Community zu machen – um in dem Unheil, in der Hölle leben und überleben zukönnen, in die auch „wir“ durch die heillose Politik unserer Gegenwart und verwirrende und zerstörende wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse versetzt worden und existentiell betroffen sind. 

Es wird das Ringen um Reinheit, Schönheit und Wahrheit von John Keats gewesen sein, das sie in „Frank: Sonette“ beschwört, welches sie auf diesen Weg geführt hat. Gedichte und Sonette von Keats haben zu dem Ersten gehört, das sie nach dem Tod ihres Vaters und dem College-Studium der Mutter an Literatur kennengelernt und fasziniert hat. Er ist offenbart der Lieblingsdichter von Diane Seuss.

Außerdem sind die „Frank: Sonette“ durch eine weitere Kommunikationsebene gekennzeichnet, noch durch die Präsenz einer anderen Community. Diane Seuss kommuniziert mit Dichter-Kolleginnen und Kollegen, die in den vergangenen Jahren, seit den 1920ern eine Renaissance der amerikanischen Lyrik, auch des Sonetts, bewirkt haben. Ausdrücklich gewürdigt wird dabei der eingangs schon erwähnte Frank O’Hara, der von einem ähnlichen ländlichen Hintergrund wie Diane Seuss kommt. Er ist mit dem Frank des Buchtitels gemeint. Und das provokante Foto auf dem Coverund auf Seite 261, ein Werk des homosexuellen Star-Künstlers Alan Martinez, zeigt Mikel Lindzy, aus der gleichen ländlichen Region Michigans wie Diane Seuss, mit der ihn eine offenbar mehr als nur herzliche, freilich äußerst komplizierte  Freundschaft verbunden hat; er ist als Dichter in der Fremde gescheitert und in Kalifornien an Aids gestorben. Der Bezug verweist auf eine Liebes-Liaison heutigen Stils, welche den Zerbruch der idealisierten hohen Liebe wie einstmals zwischen Petrarca und seiner„Laura“ bedeutet. 

Die „Frank: Sonette“ Sequenz ist jedoch – in einer Feinsten vom feinen Weise – auch noch durch eine andere  Struktur, wie mit einem untergründigen Fundament unterlegt – in der Verknüpfung von Homer und Odysseus mit dem modernen großstädtischen Dublin bei James Joyce, der Diane Seuss ebenfalls seit ihrer Kindheit vertraut ist und im Gedicht-Zyklus mehrfach erwähnt wird, wo solche Verknüpfung in einen schwirrenden Resonanzboden für die abendländische Kultur und Politik verwandelt wird. 

Und dann gibt es noch einen letzten in diese Sonett-Folge eingearbeiteten geistigen Horizont, der die intellektuelle Wachsamkeit von Diane Seuss anzeigt: Die  „dialogische Logik“ (Kuno Lorenz) ihrer Dichtung ist ein Spiegel menschlichen Verhaltens in den „Sprechakten“, deren speziellen hohen Erkenntniswert als erster Ludwig Wittgenstein in seiner Sprachphilosophie erkannte. Sie setzt – prinzipiell, soziologisch – ja auch eine Community wie bei Diane Seuss voraus. 

Die „Frank: Sonette“ von Diane Seuss sind,  alles in allem, moderne „demokratische“ Dichtkunst auf höchstem Niveau in einer vielschichtigen und für alle verständlichen Sprache. Sie stellen ein Wunderwerk literarischer Arbeit dar.

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Zum Schluss doch noch ein Wort zur vorliegenden Übersetzung. Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sie ohne Einschränkungen gelobt, die Süddeutsche Zeitung hingegen differenziert betrachtet. Die Maro-Verleger Benno Käsmayr und seine Tochter Sara Käsmayr haben sich nach intensiver Lektoratsarbeit bei ohnehin hohem verlegerischen Engagement trotz erheblicher Zusatzkosten schlussendlich für eine zweisprachige Edition entschieden. Dafür schulden wir ihnen Dank.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Tobias Döring „die Stärke dieser Übersetzung“ gelobt. Er hat, ohne Einschränkungen gerühmt, „was für wunderbare deutsche Wendungen der Übersetzer Franz Hofner gefunden hat“. In der Süddeutschen Zeitung hat Lea Schneider differenziert: Franz Hofner seien „immer wieder wunderbare Übertragungen gelungen, vor allem bei Sonetten, die aus einem einzigen Satz bestehen oder mit einer solchen Menge an Binnenreimen arbeiten, dass man ihre Übersetzuung spontan für unmöglich halten würde. An anderen Stellen wirkt seine Variante von Seuss umständlich oder sogar unverständlich, weil er so wörtlich am Original bleibt,dass der Sinn – und leider oft auch der Flow – verlorengeht.“ Leider allzu oft, muss hier ergänzt werden, so dass man allzu häufig vom Deutschen ins Original wechseln muss, um im Ganzen folgen und im Strom mit all seinen Strömungen bleiben zu können.

Darum möchte ich mir erlauben – in Demut vor der großen Autorin und ihrem Jahrhundertwerk – eine gründliche Überarbeitung der vorliegenden Übersetzung vorzuschlagen, dies unter Führung des Maro-Lektorats und in Kooperation mit einem Ober- oder Doktorandenseminar des Konstanzer Amerikanisten Professor Dr. Timo Müller, und diesen Beitrag in Form eines Offenen Briefes an die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zu beschließen, mit der Bitte, den MaroVerlag bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen.

Gerhard Beckmann ist einer der profiliertesten Menschen der deutschen Verlagsszene. Seine Kolumne „Beckmanns Große Bücher“ im Buchmarkt stellte kontinuierlich wirklich wichtige Bücher mit großer Resonanz vor. Seine Texte bei uns hier. Auch sein Jahresrückblick 2021 bei uns ist hier zu finden.

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