Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Gedichte von Rudolf Proske: »Dem Pulver seine Zeit«

Als die Lyrik noch geholfen hat

Joachim Feldmann über eine neue Sammlung alter Gedichte des Underground-Poeten Rudolf Proske

Schlimm sei, erklärte Gottfried Benn in einem seiner berühmtesten Gedichte, „bei Hitze ein Bier sehn, / das man nicht bezahlen kann“. Ob Benn selbst jemals in dieser Situation gewesen ist, lässt sich nicht klären. Authentisch klingen die Verse aber allemal. Nicht zuletzt, weil sie, wie der Literaturkritiker Werner Ross in einer Interpretation feststellte, „umgangssprachlich geschlampt“ daherkommen. Absichtlich natürlich. Auf Alltagspoesie verstand sich der dichtende Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten seit seinen expressionistischen Anfängen. Inhaltlich prosaisch gab sich auch die Lyrik der Neuen Sachlichkeit in der Weimarer Republik, aber auf den Reim zu verzichten, wäre beispielsweise einem Erich Kästner nicht in den Sinn gekommen. Vielleicht erfreuen sich seine Gedichte schon deshalb noch immer großer Popularität, während die Zeit der betont kunstlosen, aber erfahrungssatten Lyrik seit langem vorbei zu sein scheint, obwohl sie einst, vor allem in den 1970er Jahren, ein fester Bestandteil der Popkultur war.

Reichlich Anschauungsmaterial liefert der 1978 als Goldmann Taschenbuch erschienene, adäquat betitelte „Lyrikkatalog Bundesrepublik“. „Keinerlei ewiger Wahrheit / auf der Spur / trudle ich durchs / Viertel“, heißt es z.B. in dem Gedicht „Nylon“ des 1941 geborenen Nathias Neutert, während Jürgen Theobaldy darüber nachsinnt, „wo der Begriff ‚harte Eier‘ herkommt“. Die Frage, was alles Platz in einem Gedicht habe, so der (leicht umformulierte) Titel einer zeitgenössischen Sammlung poetologischer Aufsätze, schien sich selbst zu beantworten. Doch schon um 1980 zeigten sich frühe Alterserscheinungen. „Ich schätze, für jeden von uns kommt / früher oder später mal der Tag, an dem er / feststellen muß, daß der Reißverschluss / auf seinem ‚Sticky Fingers“-Cover’ klemmt“, konstatierte der Lyriker Uli Becker, damals gerade 30, in seinem Gedicht „Der steile Zahn der Zeit“ aus dem in Rowohlts Reihe „Das neue Buch“ erschienenen Bändchen „Der letzte Schrei“. Was natürlich niemanden davon abhielt, die „neue amerikanische Szene“, so der Untertitel der 1969 von Rolf-Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebenen Anthologie „Acid“, aufs Neue wiederzuentdecken. Denn da fanden sich die wahren Vorbilder der deutschen Alltagspoeten. An erster Stelle der überaus populäre Charles Bukowski (1920-1994), dessen „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“ 1974 in der Übersetzung von Carl Weissner im Maro Verlag erschienen.

Es wird noch einige Zeit gedauert haben, bis der 1961 geborene Rudolf Proske, der 1984 seine ersten Gedichte veröffentlichte, mit diesen Versen in Kontakt kam. Aber die Begegnung wird nachhaltig gewesen sein, denn nicht umsonst gilt er, so die biografische Information auf dem Rücken seiner soeben bei Weissbooks erschienenen Gedichtsammlung „Dem Pulver seine Zeit“, als der „einzig ernstzunehmende Bukowski-Nachfahre“. Und dem möchte man nach Lektüre dieser 52 Texte nicht widersprechen.

Proske schreibt ungekünstelt und metaphernfrei. Und jedes seiner Gedichte erzählt eine Geschichte. Vom Malocheralltag in der Fabrik, vom nächtlichen Schreibmarathon und manchmal auch von Liebe und Glück. Flüchtige Erinnerungen an die „wilden Jahre“, als die Frauen „sich die Klinke in die Hand“ gaben. Als es nichts machte, „keinen Job“ und „kein Geld“ zu haben. Hauptsache, es war genug „Bier im Eisschrank“. Und „Tabak / Der einige Tage reichen würde“. Aber die „Zeiten ändern sich / Und wir ändern uns“, wie es in „Blauer Benzinstift“ heißt. Ob die „legendäre Olympia mit dem gnadenlosen ‚O‘“ noch auf dem Schreibtisch steht? Oder hat die Schreibmaschine, auf der Proske seinen Roman „Jack“ geschrieben hat, inzwischen einem PC Platz gemacht, daneben „teurer Wein …/ im geschliffenen Kristallglas“, wie er es sich in seinem Gedicht „Auf der Siegerseite“ ausmalt. Träume wie dieser sind der Alltag der Bohème. Doch diese „Malocher- und Abhängerzeit“ ist offenbar Vergangenheit. Heute vertreibt sich der Lyriker die Zeit mit einem Gedicht, während er auf einen Termin bei der Physiotherapeutin wartet. Und sich vorkommt wie „ein angeschossener Wolf in seinem Bau“. Solche Selbstironie macht Freude. Und man liest einmal mehr mit Gewinn in diesem klug zusammengestellten Band.

Die Gedichte sind übrigens undatiert. So bleibt zu hoffen, dass die im „Absteigen-Blues“ beschriebenen „alten Matratzen mit Brandlöchern“ zu den ferner zurückliegenden Erinnerungen gehören. Ebenso wie die Zeiten, als Literatur und Alltag noch eins waren.

Joachim Feldmann

Rudolf Proske: Dem Pulver seine Zeit. Alte Gedichte. Weissbooks, Berlin 2026. 110 S., 20 Euro.

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