Als die Lyrik noch geholfen hat Joachim Feldmann über eine neue Sammlung alter Gedichte des Underground-Poeten Rudolf Proske Schlimm sei, erklärte Gottfried Benn in einem seiner berühmtesten Gedichte, „bei Hitze ein Bier sehn, / das man nicht bezahlen kann“. Ob Benn selbst jemals in dieser Situation gewesen ist, lässt sich nicht klären. Authentisch klingen die Verse aber allemal. Nicht zuletzt, weil sie, wie der Literaturkritiker Werner Ross in einer Interpretation feststellte, „umgangssprachlich geschlampt“ daherkommen. Absichtlich natürlich. Auf Alltagspoesie verstand sich der dichtende Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten seit seinen expressionistischen
Read More Kleine Aster von Gottfried Benn Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmtIrgendeiner hatte ihm eine dunkel-hell lila Aster zwischen die Zähne geklemmtAls ich von der Brust ausMit einem langen MesserZunge und Gaumen herausschnittMuss ich sie angestossen habenDenn sie glitt in das nebenliegende Gehirn Ich packte sie ihmIn die Brusthöhle zwischen die Holzwolle als man zunähteTrinke dich satt in deiner Vase! Ruhe sanftKleine Aster! (1912)
Read More Schöne Jugend von Gottfried Benn Der Mund eines Mädchens sah so angeknabbert aus. Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig. Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell fand man ein Nest von jungen Ratten. Ein kleines Schwesterchen lag tot. Die andern lebten von Leber und Niere, tranken das kalte Blut und hatten hier eine schöne Jugend verlebt. Und schön und schnell kam auch ihr Tod: Man warf sie allesamt ins Wasser. Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten! (1912) Abbildung: Gottfried Benn ca. 1951; Zeichnung von Tobias Falberg
Read More Das Rauschen der Quellen – Wenn man, wie Holger Hof, sich schon seit über einem Vierteljahrhundert mit Werk und Nachlass Gottfried Benns beschäftigt, mag es nur konsequent erscheinen, aus dieser Beschäftigung die Summe in Form einer großen Biografie zu ziehen. Dabei soll keineswegs Eitelkeit unterstellt werden, denn wer sollte die Quellen besser kennen als dieser verdienstvolle Mitherausgeber der Werkausgabe und Kompilator einer hervorragenden Bildbiografie? Allein, es zeigt sich anhand dieser zum 125. Geburts- und 55. Todestag des Dichters erschienenen Biografie, dass aus der Vertiefung allein noch kein Standardwerk entstehen muss.
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