Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Einige Graphic Novels – Saviano, Crumb, Molist, Žeželj u.a.


Alf Mayer bespricht:

Robert Crumb, David Zane Mairowitz: Kafka
Nora Krug: Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg
Gabri Molist: Schlafen ist Sterben
Roberto Saviano, Asaf Hanuka: I’m Still Alive. Im Fadenkreuz der Mafia
Ram V, Filipe Andrade: The Many Deaths of Laila Starr
Danijel Žeželj: Wie ein Hund

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Trotziges Lebenszeichen

(AM) »Müssen wir erst getötet werden, damit man uns glaubt?«, zitiert Roberto Saviano den von der Mafia mit 500 Kilogramm TNT in die Luft gesprengten Ermittlungsrichter Giovianni Falcone, dem er jetzt einen großen, wichtigen Roman gewidmet hat. (Hier nebenan in dieser Ausgabe von mir besprochen.) Wie Falcone hat auch Saviano ein schwarzes Kreuz auf dem Rücken, weil er es gewagt hat und weiter wagt, gegen die Mafia seine Stimme zu erheben. Schon seit wenigen Wochen nach Erscheinen seines ersten Buches »Gomorrah« im Jahr 2006 – zum Stichpunkt des trotzigen Lebenszeichens von I’m Still Alive. Im Fadenkreuz der Mafia 15 Jahre oder 5.475 Tage her – lebt Roberto Saviano unter Polizeischutz, muss oft seinen Aufenthaltsort wechseln, ist in einer Zwischenwelt gefangen, »in einem Grenzland zwischen zwei Dimensionen«. Saviano, der Autor, hat gelernt, »dass es zwei Arten von Geschichten gibt. Welche, die mit dem Tod des Protagonisten enden, und solche, die mit dessen Triumpf enden.«

Die Story, die er uns zusammen mit dem preisgekrönten israelischen Zeichner Asaf Hanuka (»The Realist«, »The Divine«) erzählt, hört nicht mit Tod oder Leben auf. Sie ist »die Geschichte eines Widerstands mit der Artillerie der Worte«. Aus solch einer Schlacht »kehrt man nur verwundet zurück… Und wie man diese Wunde erträgt, ob sie sich infiziert, ob sie verheilt oder bleibenden Schaden anrichtet – das wird die Geschichte deines Lebens. Was ihr gleich lest, ist meine Wunde«, so eröffnet Saviano seine Graphic Novel.

Wollte er mit »Gomorra« der »Welt zeigen, wie es ist, in einer Kriegsregion im Herzen von Europa zu leben«, so zeigt er uns jetzt, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen und unter ständigem Polizeischutz zu leben. Das Buch findet dafür starke Worte und noch stärkere Bilder. Ist dabei schonungslos, auch dem Autor gegenüber. »Wenn man unter Schutz steht, werden auch die eigenen Gefühle beschützt« (oder abgeschottet, abgetrieben). Und manchmal ist die Angst wie ein Hai, der einen umkreist.  Ein sehr starkes, sehr politisches Buch von einem der sich nicht unterwerfen will.

Roberto Saviano, Asaf Hanuka: I’m Still Alive. Im Fadenkreuz der Mafia (Sono Ancora Vivo, 2021). Deutsch von Jörg Faßbender. Cross Cult, Ludwigsburg 2024. 136 Seiten, Hardcover, 30 Euro.

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Kafka-Welt auf Speed

(AM) »Versuche jemand die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen«, heißt es bei Kafka. Sein Text »Der Hungerkünstler« gehört zu den wenigen Prosastücken, die er noch selbst veröffentlichte, 1922 in der Oktobernummer der Neuen Rundschau erschienen. Im berühmten Testament nahm er die tiefschwarze Erzählung explizit von der Vernichtung aus. Sie war innerhalb weniger Tage im Frühjahr 1922 entstanden, während die Arbeit am Roman »Das Schloss« am Stocken war. Der aus Kroatien stammende Künstler Danijel Žeželj – ein Multimedia-Talent und Multimedia-Performer mit 25 Graphic Novels und acht Animationsfilmen im Portfolio – entlehnt sich daraus das Grundgerüst für seine im avant-Verlag erschienene Graphic Novel Wie ein Hund. (Diese Worte wiederum sind die letzten in »Das Urteil«.)

Im Kafka-Jahr 2024 ist dies die vielleicht außergewöhnlichste Publikation zu des Dichters Ehren, jedenfalls die visuell eindringlichste. Und eine, die uns Kafkas Vorstellungswelt visuell interpretiert – eine Welt, in der wir nicht mehr zuhause sind. Die uns befremdet. Ein Hungerkünstler betreibt seine Kunst unter reger Anteilnahme der Öffentlichkeit. Nach den vorgesehenen 40 Tagen ohne Essen fühlt er sich aber so missverstanden, dass er seine Kunst fortsetzt – so lange bis sich niemand mehr für ihn interessiert und er in einem Käfig vergessen wird. »Niemand war ja imstande, alle die Tage und Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen, niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich ununterbrochen fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein«, heißt es bei Kafka.

Der schlanke Band, Grundfarbe Schwarz, ist ungemein dynamisch gezeichnet. Hat Rhythmus und Tempo. Und Atmosphäre. Wahrlich eine Kafka-Welt, aber auf Speed. Žeželj war mit der Musikerin und Komponistin Jessica Lurie verheiratet (ja, aus der Lurie-Familie). Er hat US-Superheldencomics mit Captain America ebenso gezeichnet wie anspruchsvolle Literaturadaptionen, eigene Erzählungen und avantgardistische Künstlerbiografien. Nach seinen Einflüssen befragt, antwortete er: Caravaggio, Kafka, Breccia, Topi, Liberatore, Pazienza, Munoz, Magnus, Masereel, Mayakovsky, Pasolini, Carver, Nolde, Velasquez, Pollock, Kiefer, Hokusai, Rodin, Daniil Charms, Bruno Schultz, Döblin, Tarkovsky, Fassbinder, Cortazar, Camus, Hunter Thompson, James Ensor, Mondrian, Ralph Steadman »und hundert andere«. Ich habe auch Rilkes Panther in seiner grandiosen Kafka-Hommage gefunden…

Kafkas aus nur einem Satz bestehende Prosaskizze »Wunsch, Indianer zu werden«, ist es, mit der wir in die Geschichte galoppieren: »Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.«

Danijel Žeželj: Wie ein Hund. Nach Texten von Franz Kafka. Avant Verlag, Berlin 2024. 104 Seiten, 22 Euro.

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Funktioniert als Kompendium

(AM) Ungeheuer viel Liebe und Arbeit stecken in Kafka, einem formidablen Handbuch, das jetzt als überaus günstige Taschenbuchausgabe erhältlich ist. Der Autor David Zane Mairowitz und der Zeichner Robert Crumb haben sich dafür einst zusammengetan und das Wesentliche über Franz Kafka zusammengetragen: von seiner Kindheit bis zum posthumen Kult.

Das Buch funktioniert auch als Werkbiografie in Form eines Comics. Die Zeichnungen erinnern an Georg Grosz und Otto Dix und den deutschen Expressionismus. Crumb, so sein Co-Autor über dem Kompagnon, »hat die gleichen Ängste wie Kafka«. Der Band kreist um drei Kernthemen: um Kafkas schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, um sein ambivalentes Verhältnis zu allem Körperlichem und Sexuellem und um das Ringen mit seiner jüdischen Identität. Die größeren Werke werden erläutert und illustriert, alles in allem ist das Buch inzwischen selbst schon ein Klassiker und ist jetzt im Laden für weniger als zehn Euro zu haben.

David Zane Mairowitz, Robert Crumb: Kafka – Taschenbuch. Aus dem Amerikanischen von Ursula Grützmacher-Tabori. Handlettering von Marianne Nuß. Reprodukt Verlag, Berlin 2024. 176 Seiten, schwarzweiss, 9,90 Euro.

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