
Aufriss-Tipps eines falschen Professors
„Dear Professor Romance“ heißt die Kolumne, die der sich als selbigen Professor ausgebende Doug Guthrie als Geschäft betreibt. Und so heißt der neue Roman des amerikanischen Noir-Autors Mark SaFranko, von dem uns auf Deutsch schon „Amerigone“ (2023) erfreute. Dass beide Romane im Original bisher nicht erschienen sind, liegt wohl daran, dass sie keine Mainstream-Krimi-Erwartungen bedienen, sondern höchst originell und eigen sind.
„Dear Professor Romance“ handelt von drei Männern und ihren, um es nett zu sagen, Beziehungsproblemen. Doug Guthrie ist als Professor Romance der Mann, der weiß, wie ein Mann eine Frau gewinnt. Eine Kolumne, die Zuschriften bedürftiger Männer beantwortet, ist sein Geschäft. Wobei die Beratung meist darin gipfelt, die Ratsuchenden müssten seine Ratgeberbücher studieren, die er zu 200 Dollar pro Band anbietet. Erfolg garantiert. Dabei klappt es nicht einmal bei ihm selbst. Der Sechzigjährige lebt bei seiner Mutter, deren zunehmende Demenz in vor Probleme stellt. Und wenn er eine Frau treffen will, muss er dafür bezahlen.
Norman Bright verzweifelt daran, dass ihn Frauen nicht einmal ansehen. So ist er zahlender Kunde des Professors geworden, den er für genial hält. Allerdings nur so lange, bis er mit dessen toxischen Tipps bei einer Arbeitskollegin nicht nur komplett scheitert, sondern sich mit seinen Avancen auch in ein böses Schlamassel reitet. Nun beschimpft und bedroht er sein einstiges Aufriss-Idol zunehmend heftiger. Bis der Professor ihm, um ihn loszuwerden, mitteilt, dass die Ratschläge gar nicht von ihm selbst stammen, sondern von einem Ghostwriter.
Für Lance Bertovich ist die Professor-Romance-Kolumne sein einziges regelmäßiges Einkommen. Er ist Schriftsteller, ein Noir-Krimi-Autor, der in Europa eine Fangemeinde hat, von den Einkünften der dort erscheinenden Bücher aber nicht leben kann. Seine Frau hat einen guten Job, von dem die kleine Familie, sie haben einen Sohn, leben kann. Doch Bertovich findet sein Leben langweilig, und er lässt sich auf eine Affäre ein. Dies mit der Mutter eines Schulkameraden seines Jungen, was dazu beiträgt, dass Gerüchte unter den Eltern die Runde machen und bald auch seine Frau erreichen.
Mit dem Ghostwriter Bertovich hat SaFranko ein – zumindest teilweises – Alter Ego eingeführt. Die Romanfigur ist ein Noir-Autor, der in Europa, vor allem in Irland, eine gewisse Bekanntheit hat, in den USA aber kaum wahrgenommen wird. Bei SaFranko ist es gleich, nur dass man ihn in Frankreich und nicht in Irland in den höchsten Tönen lobt. Und mit 75 Jahren ist er deutlich älter als Bertovich. Schon während der High School wollte er Schriftsteller werden, seine Leben finanzierte er sich zunächst als LKW-Fahrer, Kleiderverkäufer, Fastfood-Koch, Theaterschauspieler, Barmusiker, Büroaushilfe, Bankangestellter, Sportreporter und Telefonverkäufer. Ebenso vielfältig sind seine kreativen Aktivitäten: Der Mann aus New Jersey schreibt nicht nur Romane und Kurzgeschichten, er ist auch Dramatiker, Schauspieler, Maler, Komponist und Musiker.
Aber zurück zum aktuellen Roman. Da handeln sich alle drei Protagonisten immer mehr Ärger und Probleme ein, bei allen eskaliert die Situation. Auf unterschiedliche Weise entgleitet ihnen nach und nach die Kontrolle über ihr Leben. Und einer verliert sein Leben buchstäblich. Raffiniert verknüpft der Plot die drei Geschichten, die gleichzeitig komische wie tragische Züge haben. Kaum schmunzelt man über eine witzige Situation, kippt sie in Trostlosigkeit. Ins Düstere. Denn was ein bisschen wie eine Satire beginnt, ist in Wirklichkeit ein purer Noir.
Mark SaFranko: Dear Professor Romance (Dear Professor Romance. 2022; im Original [bisher] nicht erschienen). Aus dem Englischen von Sepp Leeb. Pulp Master, Berlin 2026. 238 Seiten, 16 Euro.
Hinweis d. Red: Siehe auch Michael Grimm: Porträt Mark SaFranko. God Bless Zajack and the Loners of his Dirty Work: Nowhere Near Hollywood, CrimeMag September 2023
** **
Hanspeter Eggenberger veröffentlicht als einziger Kritiker im deutschsprachigen Raum so gut wie je Woche die Besprechung eines aktuellen Kriminalromans. Seine Internetseite krimikritik.com sei hiermit ausdrücklich empfohlen., d. Red.
Seine Texte bei uns hier.












