
Eine Master Class in Reportage

Alf Mayer über das Journalisten-Buch von Dominic Nahr und Ivo Mijnssen
Dominic Nahr, Ivo Mijnssen: Das wilde Feld. Front und Hinterland in der Ukraine 2022 – 2025. NZZ Libro/ Schwabe Verlagsgruppe, Basel 2025. Format 21 x 16 cm, Klappenbroschur. 304 Seiten, 140 Abbildungen, 39 CHF/ 39 Euro.
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Was für ein beeindruckendes Buch. Kein Gramm zu viel. Nüchtern. Sachlich. Eine Master Class in Reportage. So wird es, wenn Journalisten das tun können, was sie können. Und niemand ihnen hineinredet, es sei denn eine strenge, kühle Gestaltung. Der Inhalt ist heiß genug. Und heftig. Vier Jahre Ukraine. Krieg.
2022
2023
2024
2025
In diesem Buch nackt und ungeschminkt. Bilder, wie wir sie im Fernsehen so gut wie nie zu sehen bekommen. Ungekünstelt. Ganz nah dran. An der Front. In den Häusern und Ställen. In den Kellern. Auf den Plätzen. Bei den Menschen.
Präsentiert von einer unaufgeregt klugen Bilddramaturgie. Jedes Bild hat seinen Raum und seine Stille. Hier versteht ein Fotograf sein Handwerk. Und eine Buchgestaltung das ihre (Barbara Stauss, Projektleitung und Bildredaktion, Jonas Herfurth, Ten Ten Team, Dortmund). Barbara Stauss ist zudem Chefredakteurin des äußerst interessanten Online-Magazins ReVue, »Magazin für Fotografie und Wahrnehmung«. Sie war Gründungsmitglied von mare und dort bis 2022 verantwortlich für die Fotografie im Heft. In »ReVue« zum Beispiel zu lesen und für unsere Bilder von der Wirklichkeit relevant, ein fulminant recherchierter und illustrierter Artikel von Christoph Schütz zu »Alle reden von KI, aber was ist mit 3D-Renderings?«
Dominic Nahr arbeitet als Fotograf für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Er wurde 1983 im Appenzell geboren, wuchs in Hongkong auf und lebte zehn Jahre lang in Nairobi. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Kriegsfotografen, dokumentiert seit fast 20 Jahren Konflikte in Gaza, im Sudan, in Fukushima und zuletzt in der Ukraine. Dort war er bisher an die 20 Mal. So lange kann man einen Konflikt selten begleiten, das sieht unsere Bilder- und Nachrichtenmaschine nicht vor. So genau will das kaum jemand wissen.
Für seine Bilder wurde Dominic Nahr mehrfach ausgezeichnet. Er war Schweizer Fotograf des Jahres 2024, gewann 2025 den Stern Preis für die beste Fotoreportage. Er sagt: »Denke ich zuviel nach, mache ich schlechte Bilder.« … Als Fotograf müsse man fühlen, müsse man da sein. »Ich bin ein emotionaler Fotograf und fotografiere mit meinem Herzen, weniger mit meinem Kopf.« Seit dem russischen Angriffskrieg 2022 war er bisher rund 20 Mal in der Ukraine. Er weiß: »Selten hat man die Zeit, einen Krieg so lange begleiten zu können. Normalerweise fliege ich in ein Land, bleibe ein paar Wochen, und dann ist es vorbei. In der Ukraine war ich alle vier bis acht Wochen, Flugzeug nach Polen, Zug in den Osten, zwei Wochen Arbeit, dann zurück.« (Zitiert aus einem Interview von Sophie Wagner für »Tsüri«.)


2025 gewann Dominic Nahr zusammen mit Ivo Mijnssen den Zürcher Journalistenpreis. Mijnssen ist die kongeniale Ergänzung zum Fotografen Nahr. Seine Texte sind nüchtern, komprimiert und sachkundig. Seine Sprache hat Haltung. Er ist promovierter Osteuropa-Historiker und Autor mehrerer Bücher, seit diesem Sommer auch stellvertretender Chefredaktor der Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und Leiter Newsroom. Er spricht Russisch und Ukrainisch, kennt die Region durch und durch und hat zur Erinnerungskultur in Russland und der Sowjetunion promoviert. Seine Buch »Russia’s Hero Cities« erschien 2021. Ab 2022 war er drei Jahre lang Ukraine-Korrespondent. Ein Schützengraben-Bericht vom Februar 2024 von ihm hier: «Im ersten Gefecht zeigt sich, wer wer ist.»
Zwei Vollblut-Journalisten also. Als Gespann. Nicht viele Vertreter dieser Profession sind dem Ukrainekrieg so beständig so nahe geblieben. »Das weite Feld. Front und Hinterland in der Ukraine 2022 – 2025« ist ihr gemeinsames Buch. Das Ergebnis vieler Nächte und Tage in einer heftigen, grausamen Realität, auf die wir lieber nicht so genau schauen wollen. Der Verlag NZZ Libro hat diesen beiden Journalisten ein Forum geboten, ihre Arbeit kongenial und so wie sie gemeint ist zu präsentieren. Das müsste eigentlich einen Buch-Preis geben.
Fassen Sie sich ein Herz. Begeben Sie sich in diesen Band. Den Gesichtern, die uns dort begegnen, sind wir so viel an Aufmerksamkeit schuldig.
P.S.: Die Buchpremiere am 6. November in der Buchhandlung »Never Stop Reading« in Zürich ist bereits ausgebucht. Am 20.11. gibt es einen zweiten Termin. Infos hier.
In Hamburg lädt die FREELENS Galerie am Donnerstag, 4. Dezember 2025, 19 Uhr, zu Artist-Talk und Buch-Präsentation. Alter Steinweg 15, weitere Infos hier.
Alf Mayer












