Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Bodo V. Hechelhammer: Cum-Ex im Roman

Bananenrepublik in Schwarz-Rot-Gold: Der Cum-Ex-Skandal als Roman

Derby der trojanischen Pferde ist eine ironische Umschreibung für Politik, die nicht jedem unbedingt geläufig ist. Es handelt sich dabei um das negativ besetzte politische Geschäft. Das Buch, das sich auch als Finanz-Groteske bezeichnet, kommt dabei selbst als klassisches trojanisches Pferd daher. Auf den ersten Blick wirkt der Roman unschuldig, leicht und amüsant geschrieben. Doch in Wahrheit verbirgt sich dahinter eine politische Parabel, die beim Lesen einen bitteren Beigeschmack hinterlässt.

Der Stoff des Romans ist aktuell, hochbrisant und toxisch, denn es geht um den Cum-Ex-Skandal und die Verwicklung von Politikern und Banken. Die Medien thematisieren seit Jahren den milliardenschweren Steuerbetrug im Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften. Im Buch wird dieses komplexe Thema wunderbar leicht angesprochen. Dabei handelt es sich um Aktiengeschäfte, die am Tag der Dividendenausschüttung sowie kurz davor (Cum) und danach (Ex) abgeschlossen werden. Die Transaktionen sind bewusst undurchsichtig gehalten, um die Finanzbehörden zu verwirren. Dadurch können sich Banken und Investoren Steuern erstatten lassen, die sie nie gezahlt haben.

Obwohl Bundeskanzler Olaf Scholz im Roman nicht erwähnt wird, ist seine Verwicklung als ehemaliger Erster Bürgermeister in Hamburg im Cum-Ex-Skandal um die Warburg Bank ein ständiger Lesebegleiter. Daran ändert auch nichts, dass Bürgermeister und Bank im Buch andere Namen tragen. Sie sind dennoch leicht zu deuten.

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Sebastian Franck hatte schlecht geschlafen. Die Autobahn nach Berlin war vollgestopft mit Lastern aus Polen, Lettland und Rumänien und ein Überholmanöver seines Chauffeurs mit Tempo 200 hatte ihn endgültig aus seinem unruhigen Schlummer gerissen. Wer hätte sich so etwas noch keine 25 Jahre zuvor, vor 1989, vorstellen können? Damals, als man noch im Schneckentempo über die von Vopo und Stasi strengstens überwachte Transitstrecke fahren musste. Punkt neun entstieg er dem Mercedes. Seine Laune besserte sich: mitten in der Metropole frühsommerliches Blattgrün. Eine Drossel zog Würmer aus dem feuchten Rasen. Als die junge Kellnerin mit dem Kännchen Darjeeling First Flush kam, ärgerte er sich plötzlich über sich selbst: Warum tat er sich das an? Was wollte dieser Schacherl überhaupt von ihm? Dessen Vorschlag zu einem Treffen in der Wilhelmstraße hatte er sofort abgelehnt. Der graue Protzbau des Hermann Göring, wo nun der Bundesfinanzminister residierte, war ihm ein Gräuel. (Beginn Kapitel 1)

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Verantwortlich für den Roman sind aber nicht zwei Verschwörungstheoretiker, sondern seriöse Autoren. Der Hamburger Franz Wauschkuhn, Jahrgang 1945, Wirtschaftshistoriker und Volkswirtschaftler, war als Redakteur und Sprecher der Treuhand und des Bundeswirtschaftsministeriums tätig. Vor fünf Jahren erschien sein Roman Max & Consorten. Der Politikwissenschaftler Carl-Ludwig Paeschke, geboren 1956, arbeitete von 1978 bis 2022 in verschiedenen Funktionen als Redakteur und verantwortlicher Redaktionsleiter für das ZDF. Als Autor schrieb er zahlreiche TV-Dokumentationen und Sachbücher. Im letzten Jahr erschien seine Geschichte über den Berliner Flughafen Tempelhof.

Aufgrund der politischen Brisanz erscheint der übliche Hinweis im Buch, dass der Roman eine Geschichte erzählt, zwar zum Teil auf Anregungen und einigen realen Ereignissen basiert, ansonsten aber rein fiktional sei, noch einmal in einem besonders mulmigen, weil politischen Licht:

»Ich will weiterkämpfen«, sagte er abends seiner Frau am Telefon. »Irgendwann werden selbst deutsche Richter gezwungen sein, auch die Handelskette der Aktien der Länge nach zu durchleuchten. Das wollen die Richter vom Kölner Landgericht ebenso wenig wie ihre alerten Kollegen in Karlsruhe. Sie fürchten den langen Arm der Politiker in den Landesbanken und mehr noch den der Primus Bank.« »Willst du wirklich weiterkämpfen?«, fragte seine Frau. Sie weinte. (Ende Kapitel 13)

Das Derby der trojanischen Pferde beschreibt über dreizehn Kapitel das Leben eines renommierten Bankiers, der trotz seiner Erfahrung und seiner eigenen Moralvorstellungen langsam in den Strudel einer internationalen Finanzmafia hineingezogen wird und sich schließlich in kriminelle Finanztricksereien verfängt. So beginnt alles damit, dass der Banker Sebastian Franck das unappetitliche Cum-Ex-Geschäft auslagert und der Primus-Bank überlässt. Zahlreiche Figuren tauchen auf, darunter als hessischer Finanzminister auch ein Herr Kattenberger, der einen Deal mit der Bank unterzeichnet, was dem Land eine enorme Millionensumme im Jahr kostet. Und es geht immer um schlaue Politiker. Doch alle müssen am Ende einen unterschiedlich hohen Preis zahlen. Der Roman animiert gerade durch seine fiktionalen Charaktere auf realer Basis zum Rätselraten. Ist mit Kattenberger etwa Thomas Schäfer, der ehemalige hessische Finanzminister, gemeint, der 2020 tot an einer ICE-Strecke gefunden wurde. Zahlreiche weitere Ähnlichkeiten fallen auf. Und gleichsam werden immer auch historische Bezüge hergestellt, wie etwa zu Alfred Herrhausen, dem Chef der Deutschen Bank vor seiner Ermordung.

Doch neben dem Beschreiben eines unglaublichen Finanzskandals gelingt es den beiden Autoren gleichsam auch ein schillerndes Portrait einer Bananenrepublik zu zeichnen, obgleich sie doch nur die Farben Schwarz-Rot-Gold verwenden. Ein weiteres Meisterstück aus dem Hause Odysseus im Buch. Ein interessanter, spannender und durchgehend gut lesbarer Roman. Ein Finanzkrimi, der das aktuelle und durchaus komplexe Cum-Ex-Thema auch den finanztechnisch nicht so bewanderten Lesern leicht und verständlich näherbringt und gleichzeitig knallhart vor den Kopf schlägt.

Franz Wauschkuhn/ Carl-Ludwig Paeschke: Derby der trojanischen Pferde. Eine Finanz-Groteske. Osburg-Verlag, Hamburg 2023. 180 Seiten, 20 Euro.

Bodo V. Hechelhammer kam als Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND) – mit einem kundigen Faible für die populärkulturellen Spiegelungen der Agenten- und Geheimdienstwelt – mit uns in Kontakt und ist seitdem ein geschätzter Autor. „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht“, ein Interview von Alf Mayer mit dem Autor über das Buch Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956 hier. Alf Mayers Besprechung von Spion ohne Grenzen. Heinz Felfe – Agent in sieben Geheimdiensten hier. – 2022 von ihm erschienen: Rolf Kauka. Fürst der Füchse, hier bei uns besprochenein Textauszug hier.

Seine Texte bei CrimeMag hierSein Jahresrückblick 2023 bei uns hier.

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