Geschrieben am 3. Juli 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2024, News

Alf Mayer: Ben Pastor und »Stürzende Feuer«, Berlin im Juli 1944

Anstand bewahren, in schwierigster Zeit

Alf Mayer über Ben Pastors Kriminalroman „Stürzende Feuer“ zum 20. Juli 1944

Berlin in den zehn Tagen vor dem 20. Juli 1944, das ist der Schauplatz von „Stürzende Feuer“. 70 Jahre nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler bringt der Unionsverlag diesen zeitgeschichtlichen Kriminalroman jetzt Anfang Juli heraus. Es ist ein fulminanter Auftritt für eine bei uns bisher weithin unbekannte italienische Autorin. Ja, Ben Pastor ist eine Frau, das Pseudonym von Maria Verbena Volpi, 1950 in Rom geboren, wo sie auch Archäologie studierte, einen amerikanischen Militärangehörigen heiratete und mit ihm für über vierzig Jahre in die Staaten ging. Sie wurde Professorin, lehrte an verschiedenen Universitäten in den USA, in Ohio, Illinois und Vermont, bis sie schließlich in ihr Heimatland zurückkehrte. Sie schreibt auf Englisch, ist mit ihren Romanen in der anglophonen Welt wohl bekannt, hat 2018 mit dem „Premio Flaiano“ einen der ältesten und angesehensten Kulturpreise Italiens gewonnen. Es ist nicht ihre einzige Auszeichnung. Zwei ihrer Romane mit dem Wehrmachtssoldaten und Detektiv Martin Bora erschienen 2005/ 2006 in deutscher Übersetzung im Piper Verlag. Der Unionsverlag wird sie im Rahmen seiner Ben-Pastor-Reihe wieder auflegen.

Eine Autorin ist zu entdecken. Eine ungewöhnliche dazu. »Ich bin eine Frau, die über Soldaten schreibt und über den Krieg«, sagt sie von sich. Mit historischem Hintergrund ausgestattet – es gibt auch eine Serie mit dem spätrömischen Soldatendetektiv Aelius Spartianus im 4. Jahrhundert n. Chr. –, mit all dem seit Jahrtausenden verhandelten Ethos und der Philosophie der nationalen Selbstbehauptung durch Schwert und Ehre vertraut, in ihren Büchern auf zeitgeschichtliche Quellen, Briefe, Tagebücher und Literatur rekurrierend, wie eine Historikerin eben, hat sie ihre literarische Hauptfigur in der deutschen Wehrmacht gefunden.

Wehrmachtssoldat und Detektiv? Ja, Sie haben richtig gelesen. „Stürzende Feuer“ hat als Hauptfigur wohl einen der ungewöhnlichsten Ermittler der Kriminalliteratur im Zentrum. Ben Pastor hat über diesen Martin Bora bereits 13 Romane veröffentlicht. Zeit also, dass wir ihn hierzulande kennenlernen. Martin-Heinz Douglas Wilhelm Friedrich von Bora, wie sein voller Name in der Taufurkunde von 1913 lautet, begegnen wir in den Jahren 1937-1945, also im Alter von 23 bis 31 Jahren. Diese Zeitspanne umfasst den Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), den man auch als Manöver für den Globalkonflikt lesen kann, der bald folgte, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.

In Spanien ist Bora als Freiwilliger dabei, im Weltkrieg dient er als Wehrmachtssoldat. Er ist Karriereoffizier und stolz auf seinen Beruf. Die italienische Amerikanerin Ben Pastor stattet ihn mit Ehrgefühl aus. Die Frage, die sie ihrer Figur stellt, lautet: Wie kann der einzelne den Widerspruch in sich lösen, als Werkzeug eines verbrecherischen Staates moralisch aufrecht zu bleiben? Ben Pastor sagt: „Meiner Meinung nach muss es jemanden wie Martin Bora geben (oder gegeben haben), genauso wie wir unter den sieben Milliarden Menschen, die heute leben, wer weiß wie viele perfekte Doppelgänger haben. Wir erfinden nie etwas.“

Bora wächst im Schatten des Ersten Weltkriegs auf, in einer konservativen, aber aufgeklärten sächsischen Familie von Intellektuellen und Berufsoffizieren, die römisch-katholisch ist, ungeachtet ihrer Abstammung von Katharina von Bora, der ehemaligen Zisterzienser-Nonne und energischen Ehefrau von Martin Luther. Mütterlicherseits hat er schottische Vorfahren, das stolze Blut des Douglas-Clans, der mit William Wallace und Robert the Bruce kämpften. Politisch geprägt ist er von der „Dolchstoßlegende“, die für die jüngere deutsche Generation damals das war, was bei den italienischen Nationalisten als der „verstümmelte Sieg“ galt. Also die Überzeugung, dass ihr Land/ ihre Nation als Ergebnis der von ihnen angezettelten großen Kriegskatastrophe etwas Besseres verdient hätte (den Sieg im Fall der Deutschen, Gebietsgewinn im Fall der Italiener), wenn nur die Armee nicht verraten worden wäre. Den militärischen Ehrenkodex gibt es als Korsett dazu. Der Wehrmachtsoffizier Bora verkörpert das, was die deutschen Kriegsteilnehmer (danach alle) gerne gewesen wären: die Legende von der sauberen Wehrmacht.

Für einen deutschen Autor wäre solch eine Figur mehr als gewagt. Stellen wir uns einen Moment Günter Grass vor oder Martin Walser. Es braucht wohl angelsächsische Distanz und interessierte Nähe, sich solch einer Konstellation erzählerisch anzunähern und solche eine Figur zwischen die Zeilen der Geschichte zu schreiben. Der britisch-schottische Autor Philip Kerr erfand 1989 den zynischen Berliner Hardboiled-Polizisten Bernie Gunther, hetzte ihn im Jahr der Olympiade 1936 durch ein von den Nazis regiertes Berlin („March Violets“, 1993, deutsch 1995 als „Feuer in Berlin“), legte 1998 einen zweiten Roman nach und schloss seine Berlin-Trilogie mit einem Ausflug ins Wien des Jahres 1947. Dann ruhte die Reihe 15 Jahre, bis 2006, bis Kerr seine Figur in „Das Janusprojekt“ wieder aufnahm und bis zu seinem Tod noch weitere zehn Romane folgen ließ.

In jenen 15 Jahren Pause jedoch trat Ben Pastor auf den Plan, veröffentlichte 1999 mit „Lumen“ ihren ersten Bora-Roman, hatte sechs Bücher vorgelegt, ehe Philip Kerr wieder loslegte, der seinen Helden jedoch erst in Buch 8 seiner Reihe tatsächlich in den Weltkrieg schickt. (Siehe auch mein Porträt und Interview.)

Ben Pastor hingegen, mit einem US-Soldaten verheiratet, Enkelin eines italienischen Widerstandskämpfers und Tochter einer jüdischen Mutter, schickte Martin Bora schon bei seinem ersten Auftritt zwei Monate nach dem deutschen Überfall auf Polen an die Front: in „Lumen“ (1999, deutsch 2006 als „Der Tod der Äbtissin“). Unfreiwillig wird Bora dort Zeuge, wie SS-Truppen in einem Waldstück Juden erschießen. Er beobachtet, wie menschenverachtend deutsche Soldaten polnische Bauern behandeln, und er bekommt auch die Massenhinrichtung polnischer Offiziere durch sowjetische Einheiten mit. Ganz schön viel moralisches Gepäck, das hier der Hauptfigur aufgeladen wird. Der Roman „Kaputt Mundi“ ist dann den 335 Opfern des Massakers in den Ardeatinischen Höhlen gewidmet und konfrontiert Martin Bora mit der Partisanenbekämpfung im Rom des Jahres 1944. In anderen Romanen finden wir ihn im Spanischen Bürgerkrieg, in Kreta, in der Ukraine, Stalingrad, einige Male in Italien.

Die Fragen nach Glaube, Gewissen und Verantwortung entwickeln sich für den Hauptakteur Bora zu einem existenziellen Dilemma. Warum sie denn einen deutschen Soldaten zum Helden ihrer Romane mache wird Ben Pastor oft gefragt. Sie antwortet dann, dass auch sie ihn für einen unwahrscheinlichen Helden halte, „einen ziemlich unwahrscheinlichen sogar. Doch angesichts des nationalsozialistischen Totalitarismus und der tödlichen Risiken, die jeder Widerstand ‚von innen heraus’ unweigerlich mit sich bringt (man denke nur an die Enthauptung der Mitglieder der Widerstandsgruppe ‚Die Weiße Rose’, die ja fast noch Halbwüchsige waren), habe ich einfach das Gefühl, es sei nur recht und billig, jene Angehörigen der deutschen Wehrmacht zu ehren, die den Mut hatten, moralische Entscheidungen zu treffen.“ (In unserer Septemberausgabe bringen wir einen Text der Autorin über ihre Figur: „On mysteries and salvation: or, what is a man like Martin Bora doing in the uniform he wears?“)

Als Vorbild für ihre Figur benennt Ben Pastor immer wieder explizit Claus Graf Schenk von Stauffenberg, nach seinem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zusammen mit weiteren Verschwörern hingerichtet. „Ich halte es aus vielen Gründen für richtig, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der weiß, was Ehre bedeutet – oder vielmehr: die innere Würde, die sich im eigenen Handeln ausdrückt. Meiner Meinung nach ist es – selbst in der Welt der Fiktion – wichtig aufzuzeigen, dass es auch unter grauenhaften Umständen möglich und notwendig ist, moralische Entscheidungen zu treffen, besonders dann, wenn dadurch das Leben anderer Menschen gerettet werden kann. Ich will die Geschichte derer erzählen, die sich innerhalb des Systems widersetzen.“

Ben Pastors Roman „Stürzende Feuer“ ist denn auch „Denen gewidmet, die Widerstand geleistet haben, aber an die sich niemand erinnert“. Und ein besonderer Coup: Die Autorin lässt darin Martin Bora auf dessen politisch-literarisches Vorbild treffen – auf Claus Graf Schenk von Stauffenberg persönlich. Dies wenige Tage und Stunden bevor er mit einer Bombe in der Aktentasche zu Hitler in die Wolfsschanze fährt…

Kurz zum Inhalt: Oberstleutnant Bora ist 30, als er am 10. Juli 1944 von der italienischen Front in ein demoralisiertes und zerbombtes Berlin zurückkommt, um an der Beerdigung eines Onkels teilzunehmen. Sieben Jahre ist er bereits Soldat, fünf davon im Krieg, er hat seine linke Hand und einen Bruder verloren, seine Frau hat die Ehe annullieren lassen. Ihn rettet, dass er Stoiker ist und mehr noch, dass er über einen moralischen Kompass verfügt. Nachts vertraut er sich seinem Tagebuch an. Ein schöner literarischer Kniff, mit dem wir als Leser näher bei ihm sein können. So erfahren wir, dass er einen Begriff wie „Danach“ zu vermeiden sucht. In Stalingrad hatte einer der Kommandeure verfügt, dass man in dessen Gegenwart nicht von „Morgen“ sprechen durfte. Bora jedoch benutzt das Wort. Er hält es mit der Bibel und dem Buch Prediger: „Und die Sonne geht auf und die Sonne geht unter; und sie eilt ihrem Orte zu, wo sie aufgeht.“ Bora glaubt an das Morgen. Er weiß nichts über das Danach. Und er genießt die Korrespondenz mit seinem alten Hochschullehrer Heidegger und dem Hauptmann Ernst Jünger. Das aber nebenbei.

Von seiner Mutter erfährt Bora, dass er zum Chef der Kriminalpolizei bestellt ist, zu Arthur Nebe, ehemals Chef der Einsatzgruppe B, den er in Polen erlebt hat. Von ihm erhält er einen Sonderauftrag, nämlich den Mord an einem populären Hellseher zu klären, einer Legende der Zwanziger Jahre. Und das diskret, diskret! Doch in der Stadt lauert noch weit mehr unter der Oberfläche: Gerüchte einer Verschwörung machen die Runde – gegen die höchsten Kreise des NS-Regimes gerichtet. Bora muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Das macht den besonderen Reiz dieses Romans.

Eine Autorin wartet auf Entdeckung.

Alf Mayer

Ben Pastor: Stürzende Feuer (The Night of Shooting Stars, 2018). Aus dem Englischen von Hella Reese. Unionsverlag, Zürich 2024. 448 Seiten, englische Broschur, 22 Euro. – Erscheint am 8.7.2024. Verlagsinformationen hier.

P.S.: Damals 2005, beim ersten Anlauf, Ben Pastor zu übersetzen und auf dem deutschen Markt zu etablieren, gab es bei der Krimi-Couch eine selten dümmliche Kritik. Zum einen, dass „Pastor, 1950 geboren, sich also mit „Kaputt Mundi“ an die Schilderung eines Kriminalfalles (wagt), der zu einer Zeit spielt, als sie noch gar nicht geboren war. Dennoch versucht sie auf 486 Seiten nicht nur die Situation innerhalb Roms zu schildern, sondern auch innerhalb der deutschen Besatzungsstrukturen.“ Aha.
Zur Steigerung seiner Borniertheit bringt Wolfgang Weninger dann noch das Argument, dass eine Frau unmöglich über die Empfindungen eines Soldaten schreiben und wissen könne. Nun ja.

Die Romane von Ben Pastor operieren tatsächlich jenseits aller Landser-Romantik. Sie haben einen ganzheitlicheren Blick auf den Krieg und den Totalitarismus, die menschlichen Kosten des Krieges werden bei Ben Pastor auch Familiengeschichte. Immer auch gibt es den weiblichen Blick. Einen deutschen Autor, den Ben Pastor bewundert, ist Ernst Wiechert (1887 – 1950): seinen Roman „Die Majorin“ etwa, seinen „Totenwald“, die unmittelbar nach dem KZ entstandenen „Märchen“. Von Anfang der 1930er bis weit in die 1950er Jahre hinein war er einer der meistgelesenen deutschen Autoren. Er zählt zu den Schriftstellern der Inneren Emigration im Nationalsozialismus.

Einmal in „Stürzende Feuer“ hört Martin Bora im Nebenzimmer seines Berliner Hotels nachts einen Mann weinen, es ist ein japanischer Offizier. Vielleicht, so sinniert Bora, wäre es für die Welt besser, wenn auch Männer weinen könnten.

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