Geschrieben am 1. September 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2026

Sven Regener »Frankie und Freddie«

Weihnachten bei Lehmanns

Ist es tatsächlich schon ein Vierteljahrhundert her, dass Barmann Frank Lehmann betrunken aus seiner Kneipe stolperte und auf dem Heimweg von seiner Schicht auf den Hund kam. Hier tauchten sie das erste Mal auf, die inneren Monologe, die keine Pause kannten und unaufhaltsam vom einen zum anderen führten und gerne in immer absurderen Kreisen vom eigentlichen Problem wegführten, die atemlosen, ins scheinbar Unendliche sich immer weiter schraubenden Satzkonstruktionen, dieses Tempo, das selbst bei Stillstand der Handlung den Rhythmus des Romans trug. Und die wundervollen, geradezu genialen Dialoge erstmal!

Element of Crime-Gründer und Sänger Sven Regener landete mit seinem Debütroman „Herr Lehmann“ einen Coup, der nicht allein mit seinem Musiker- oder gar Promistatus zu erklären war. Hier fing jemand mit leichter Feder das Lebensgefühl der 1980er Jahre in West-Berlin auf, tauchte ein in einen alternativen Kneipenkosmos, in dem alles möglich schien. Regener bewies, dass das Genre des Coming-of-Age-Romans auch für Endzwanziger Bedeutung hat.

Den Lehmann-Kosmos erweiterte Regener in den vergangenen Jahren mit einigen weiteren Romanen: „Neue Vahr Süd“ führte zu Frank Lehmanns Bundeswehrzeit in Bremen, „Der kleine Bruder“ wiederum erzählte von Franks erstem Tag in Berlin. Auch wenn hiermit die „Lehmann-Trilogie“ abgeschlossen war und sich Regener erzählerisch anderen Charakteren der Berliner Subkultur in der Wiener Straße zuwandte, tauchte Frank Lehmann am Rande auch immer wieder in seinen weiteren Romanen auf. Nun ist Frank Lehmann wieder zurück:

„Frankie und Freddie“ schließt zeitlich an „Glitterschnitter“ an, das große Panoptikum einer komplett aus dem Ruder laufenden Musik- und Kunstszene. Gegen diesen farbenfrohen Rundumschlag zwischen Aktionskunst und punkigem Krawall kommt „Frankie und Freddie“ beinahe wie ein Kammerspiel daher: Frank und sein großer Bruder Manfred können hier endlich einmal ihre angeknackste Brüderbeziehung aufarbeiten. Na ja, sie könnten: Denn auch, wenn Frank seinen Bruder lieber alleine aus einem Pillen-Forschungsprojekt abholen möchte, findet er sich unversehens in einem gut gefüllten PKW wieder. Sein altes Problem, nicht nein sagen zu können, setzt den Anfangspunkt zu einer Odyssee, an deren Verfilmung Christopher Nolan scheitern würde.

Es ist kurz vor Heiligabend, es schneit fast ununterbrochen und irgendwie sind alle damit beschäftigt, sich darüber klar zu werden, wie und wo sie die Weihnachtstage verbringen wollen. Manfred, der für Frank immer noch „Mannie“ ist, obwohl er in Berlin von allen nur „Freddie“ genannt wird, hat die Experimente mit Antidepressiva nicht wirklich gut verkraftet: Er hat Angst vor Menschen im Allgemeinen und vor dem U-Bahn-Fahren im Besonderen. Ganz schlecht, wenn man bei Schnee und Eis in Berlin vorwärts kommen will. Und wie soll das erst in New York werden, wohin Freddie in wenigen Tagen aufbrechen will? Dass er nun auch noch die Tasche verloren hat, in der sich sein Pass befindet, passt irgendwie ins Bild.

Auf weniger als 300 Seiten gelingen Regener ungeahnte Plot-Twists, die seinen Protagonisten nur wenig Ruhezeit zum Durchatmen gönnen. Und hinter dem üblichen Wortwitz und den funkelnden Dialogen scheint diesmal eine tiefe Warmherzigkeit durch. Ein Hauch „Christmas Carol“ durchweht die Kreuzberger Straßen, familiäre Werte gewinnen an Bedeutung. Ein Roman, bei dessen Lektüre man aus dem Grinsen nie wirklich herauskommt und aus dem man am liebsten seitenweise zitieren würde – und  dazu ein Roman, der absolut ans Herz geht.

Frank Schorneck

Sven Regener: Frankie und Freddie. Galiani Berlin, Berlin 2026. 280 Seiten, 24 Euro.

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