Geschrieben am 1. September 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2025

Schorneck über Annika Büsing »Wir kommen zurecht«

Familiensache

Als die Bochumer Lehrerin Annika Büsing 2022 mit ihrem Roman „Nordstadt“ debütierte, war kaum abzusehen, wie rasant sie sich einen festen Platz in der Literaturszene erobern sollte. Ein nur rund 130 Seiten umfassender Roman mit zwei Protagonisten voller Ecken und Kanten, geprägt vom Umfeld im rauen Norden einer Ruhrgebietsstadt. Eine Art Liebesgeschichte zweier Menschen, die ihre Traumata zu überwinden versuchen. In Teilen fragmentarisch in der Charakterzeichnung, aber gerade dadurch nahbar. Mit ihrem nur ein Jahr später erschienenen zweiten Roman „Koller“ begab sich Büsing auf die Spuren von Herrndorfs „Tschick“, konnte aber dem viel befahrenen Weg des „Coming-of-Age-Roadtrips“ tatsächlich neue Aspekte abgewinnen. Und nun liegt tatsächlich bereits ihr dritter Roman vor und wieder vermag sie zu überraschen.

Annika Büsing hat ein gutes Einfühlungsvermögen in die Innenwelt jugendlicher Charaktere. Man gewinnt den Eindruck, dass sie in ihrem Brotberuf den Schülerinnen und Schülern gut zuhört und sich für deren Sorgen interessiert. Doch in „Wir kommen zurecht“ stehen diesmal nicht allein Heranwachsende im Mittelpunkt. Büsing blickt diesmal in die Abgründe, die durch eine psychisch kranke Mutter in ein Familiengefüge gerissen werden: Philipp steht kurz vor seinem 18. Geburtstag, sein Alltag besteht in erster Linie aus Abiturvorbereitungen und Kiffen. Bereits seine Kindheit war geprägt von der manisch-depressiven Sprunghaftigkeit der Mutter, die regelmäßig für längere Zeiträume die Familie verlassen hat. Diesmal ist Astrid schon seit langem verschwunden. Vater Lothar, ein erfolgreicher Chirurg, hat seit Jahren eine neue Partnerin: Stella, die vom Alter her auch Philipps ältere Schwester sein könnte. Büsings Roman kreist um die Konflikte innerhalb des neuen Familiengefüges, die unklaren Gefühle Philipps seiner möglichen Stiefmutter gegenüber, aber auch um die Unsicherheiten Lothars gegenüber seinem Sohn, der ihm emotional zu entgleiten droht. Und in dieses fragile Familienfragment hinein interveniert Philipps Mutter. In Rückblicken wird deutlich, wie tief die Wunden sind, die die Erkrankung, die nie eindeutig benannt wird, in Philipps, aber auch Lothars Seele gerissen hat. Besonders tragisches Beispiel: Der Hund, den Astrid ihrem Sohn ohne Absprache mit Lothar geschenkt und ihm wenig später wieder weggenommen hat…

Büsing wechselt in diesem Roman gekonnt die Perspektiven. Sie taucht in Philipps Gedankenwelt ebenso ein wie in den ratlosen Kopf Lothars. Eindrucksvoll schildert sie an Lothars Beispiel das Phänomen einer Co-Abhängigkeit, wie sie bei Angehörigen von Suchtkranken beobachtet wird. Lothar weiß, dass Astrid ihm und seinem Sohn nicht gut tut – aber da war doch mal Liebe… Stella, die sich in der Rolle der jungen Stiefmutter redlich Mühe gibt, wird zwischen den Fronten zerrieben.

Trotz der trüben Thematik bietet die Autorin auch Momente zum Durchatmen, zum Auflachen – vor allem aber herzensgute Nebenfiguren, die dafür sorgen, dass nicht alles auseinanderdriftet. Da ist auf der einen Seite Philipps bester Freund Lorenz, der gerade etwas Stress hat, weil er unter Drogen einer Polizeistreife in die Arme gelaufen ist. Auf der anderen Seite der Mittfünfziger Onno, der eine Vergangenheit in der Kölner Clubszene hatte – vor allem aber auch eine mit Astrid. Onno ist eine schillernde Figur, die auch einem Herrndorf-Roman entsprungen sein könnte. Ein besonderer Kniff sind allerdings Philipps „Geschwister“: Flosse, das Mädchen mit dem Skateboard und Ducati, der auf dem Schrottplatz seines Vaters an Motorrädern schraubt. Die beiden imaginären Freunde gewinnen im Lauf des Romans an Konturen, kristallisieren sich zu konkreten, für Philipps Entwicklung wichtigen Erinnerungen.

Annika Büsings dritter Roman ist ungemein vielschichtig, er deutet nur an, wo die Gefahr besteht, zu plakativ zu werden und er dreht auf, wo sich die Gelegenheit bietet, Komik und Rasanz ins Spiel zu bringen. Zu Recht steht „Wir kommen zurecht“ auf der Shortlist zum Literaturpreis Ruhr – und wenn man die Entwicklung der Autorin über die ersten drei Romane betrachtet, hätte sie ihn ein zweites Mal verdient.

Frank Schorneck

Annika Büsing: Wir kommen zurecht. Steidl Verlag, Göttingen 2025. 288 Seiten, 24 Euro.

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