Geschrieben am 1. September 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2026

Peter Beard »End of the Game«

»Der Mensch ist das schlimmste Raubtier«

Grabgesang auf eine zerstörte Welt – oder »Ich hatte einen Friedhof in Afrika«. Alf Mayer über den Fotoklassiker »The End of the Game« von Peter Beard

Peter Beard. The End of the Game. Verlag Taschen, Köln 2026. Hardcover im Schuber, Format 24.5 x 27.2 cm, Gewicht 1.63 kg. 304 Seiten, 80 Euro. – Verlagsinformationen: www.taschen.com. Internetseite für Peter Beard: www.peterbeard.com.

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Vorsatz- und Nachsatzblatt dieses Bandes zeigen je doppelseitig einen Knochenfriedhof. Tiergebeine, angehäuft und ausgebreitet, ein ausgebleichtes Schlachtfeld. Auf der Rückseite des Schubers wird ein gewaltiger Elefantenstoßzahn aus Elfenbein weggetragen, auf der Rückseite des Buches steht: »Last Word from Paradise«. Vorne eröffnet ein Motto von Tacitus das Buch: »Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden.«

Der lateinische Originalausdruck für dieses berühmte Zitat lautet: »Ubi solitudinem faciunt, pacem appellant« oder ausführlicher, übersetzt: »Verschleppen, abschlachten, rauben nennen sie mit falschem Namen Herrschaft – und wo sie eine Einöde schaffen, nennen sie es Frieden.« Tacitus lässt dies in seiner Schrift »Agricola«in Kapitel 30 den britannischen (kaledonischen) Feldführer Calgacus in einer scharfen Rede vor seinen Kriegern sagen, mit der er seinen Stamm zum Widerstand gegen die anrückenden römischen Eroberer aufruft. Der Satz kritisiert die hemmungslose Eroberungspolitik und den grausamen Imperialismus des Römischen Reiches. Calgacus wirft den Römern vor, unter dem Deckmantel von Zivilisation und Ordnung rücksichtslos zu morden, zu plündern und zu unterjochen. Den zerstörten und entvölkerten Landstrich nennen sie am Ende zynisch »Frieden« (pax Romana), wo sie in Wirklichkeit doch nur eine leblose Wüste oder Ödnis hinterlassen. – Bis heute ist dieser kurze Satz geflügeltes Wort und bittere Metapher für brutale Machtpolitik, die Vernichtung von Widerstand oder das gewaltsame Erzeugen von Ruhe fälschlicherweise als Friedensstiftung bezeichnet. (Und ja, die Ruinen von Gaza sprechen auch solch eine Sprache.)

»Menschen sind unter all den Raubtieren der Erde die invasive Spezies«, schreibt der Reiseschriftsteller Paul Theroux, der sehr viel von unserer Welt gesehen hat, in seinem Vorwort zu »The End of the Game« von Peter Beard – jetzt im Verlag Taschen, Köln, in einer sozusagen ultimativen Ausgabe wiederveröffentlicht – erstmals 1965 erschienen. Weitere Auflagen datieren von 1977, 1988, 2008, 2015, 2020 – und jetzt 2026: werkgetreu, die Fotos in Duoton-Qualität, das Buch im Schuber. Hochwertig, aber nicht luxuriös. Dem Inhalt angemessen. Es geht um ein Menschheitsverbrechen. Beards Buch ist ein Nekrolog. Ein Grabgesang. Ein afrikanisches Totenbuch.

Erstausgabe von 1937

Wir alle kennen den Anfang von Tanja Blixens berühmten autobiographischen Roman »Jenseits von Afrika« (1937). Meryl Streep hat ihr 1985 Gesicht und Stimme gegeben: »I had a farm in Africa«, heben Buch und Film an, entführen auf die kenianische Hochebene in der Nähe der Ngong-Berge, beschreiben ein romantisches Leben auf einer Farm, zumindest im Film interessiert die Lovestory Robert Redford mehr als der tatsächliche Hintergrund. Er wäre auch nicht ganz hollywood-tauglich. Denn richtiger heißen müsste es wohl, kennt man das Buch von Peter Beard: »Ich hatte einen Friedhof in Afrika.«

Peter Beard (1938 – 2020), Eisenbahnerbe, Globetrotter, Jet-Set-Groupie, kam aus einer reichen Familie. Sein Urgroßvater war der Gründer der »Great Northern Railway«, ihre komfortablen Reisezüge fuhren unter dem Namen »Empire Builder«. Als Modefotograf arbeitete er für die »Vogue«, porträtierte David Bowie, Mick Jagger, Veruschka Gräfin Lehndorff, Iman oder den Maler Francis Bacon, dem er selbst einige Male Modell stand.

Er war mehrfach verheiratet, unternahm viele Reisen durch Afrika, unter anderem fotografierte er systematisch die sterbenden und toten Elefanten. Die mit ihm befreundete dänische Schriftstellerin und Afrika-Kennerin Karen Blixen/ Isak Dinesen (1885–1962) ermutigte ihn, seine aufrüttelnden Fotoarbeiten über den Kontinent weiterzuverfolgen. Eines der Fotos im Buch zeigt die Blixens unter einem gewaltigen Baob-Baum, ein anderes Karen Blixen mit Freunden, Jagdhunden und Gewehr vor einem zerlegten Zebra. In Blixens Nachbarschaft errichtete Beard 1961 in Kenia seine »Hog Ranch« und blieb insgesamt 23 Jahre in Afrika – fand er dort doch das zentrale Thema seines Lebens: die Vernichtung der natürlichen Tierwelt durch Mensch und Zivilisation.

Der zum Klassiker gewordene Bildband »The End of the Game« (in Deutschland und der Schweiz früher auch unter dem Titel »Die letzte Jagd« erschienen) ist sein wichtigstes Werk. Bei seinem Erscheinen 1965 verursachte es einen Skandal, denn »die Grausamkeit der Fotografien legte Erschütterndes offen. Elefantenkadaver senken sich wie Narben in den afrikanischen Boden, gigantische Skelettberge bleichen in der Sonne, abgezogene Zebrafelle breiten sich bis zum Horizont aus, obenauf hockt stolz der weiße Jäger« (Gesine Hindemith 2008 in der FAZ). Den Bildern einer Massai-Löwenjagd von 1914 stellt Beard die von Herrenmensch-Attitüden der Safari-Jäger entgegen. Töten der Trophäen wegen. Töten aus Spaß und Gier. In Afrika konnte man das teilweise vom Fenster des Hotelzimmers aus, heißt es an einer Stelle im Buch. Es zeigt unter anderem ein sportplatz-großes Feld voller abgezogener und ausgebreiteter Zebrafelle. Kapitel 6 ist eine sprachlose Montage voller Knochenhalden, Skelette und Tierkadaver – ich habe 152 gezählt. Eine einzige Anklage.

All Photos: Taschen/ © The Estate of Peter Beard, Courtesy Peter Beard Studio, www.peterbeard.com

Beards Buch dokumentiert die Zerstörung eines Lebensraums, illustriert das rücksichtslose Ein- und Vordringen einer Herrenmentalität in eine vormals funktionierende ganzheitliche Welt, zeigt schonungslos die Folgen von Raubbau, imperialer Naturaneignung und gnadenloser Ausbeutung, zeigt die (weiße) Ausbeutung eines Kontinents, dokumentiert das massenhafte Sterben von Elefanten, Nashörnern, Löwen, Geparden, Gazellen und Nilpferden. Es gibt Kapitel über den Eisenbahnbau in Ostafrika, noch nie zuvor veröffentlichte handschriftliche Texte von Kolonialoffizieren. Beard selbst schrieb seit seiner Jugend Tagebuch, klebte allerlei Fundstücke in seine Alben. Das macht einen zusätzlichen – ja ästhetischen – Reiz seines Klassikers aus. In einem ebenfalls in dem Band wiederveröffentlichten Interview von 1979 beschreibt er es so: »It’s more a scrapbook. Full of scrap!« Das meint zum einen Sammelalbum oder Einklebebuch, aber eben auch Fetze, Reste, Schnipsel, Überbleibsel. Abfall. Alles, was von einer Welt voller Schönheit und Würde noch übrig geblieben ist.

Diese Fetzen hat Beard teilweise mit Tierblut bemalt, hat Bilder und Zeitungsausrisse dazugeklebt, handschriftlich kommentiert und Zeugnis abgelegt. Das gibt seinem Buch eine besondere Ausdruckskraft – und natürlich ist es Kunst. Auch wenn es ihm gar nicht darum ging und ihm das nicht wichtig war. Auf die Frage, »You’re a professional Photographer« (was er zweifelsohne war) antwortet er in dem Interview: »I never call myself anything.«

Das Gespräch selbst, vor 45 Jahren geführt, ist desillusioniert und bitter. Die Menschheit habe einen »reverse Midas-touch«, sie habe nicht Gold sondern Pech an den Händen. Was sie anfasse, werde ruiniert und zerstört. In seinen Fotografien und Collagen dokumentiert Beard das massenhafte Sterben von Elefanten, Nashörnern und Nilpferden.

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Ich kann bei Peter Beards Nekrolog nicht anders als an den goldenen Räuberbaron-Pomp von Donald Trump und seiner Sippe denken – und an das Anspruchsdenken »normaler« Afrikatouristen, denen wie selbstverständlich ein Blick auf die »Big Five« zusteht. David Attenborough hat in einem seiner Dokumentarfilme einmal gezeigt, welche Auswüchse dieser voyeuristische Jeep-Tourismus hat, welches Gedränge die Bilderjäger verursachen und welchen Stress für die Tiere.

Werbung für eine Luxus-Safari, 2026

Von Massais auf bequemen Kamel-Hochsätteln zur Tiertränke geführte Touristinnen zeigt eines der Werbebilder der »Elwana Collection«. 16 »Boutique« Lodges, Camps und Hotels gehören zum Portfolio dieses Luxusanbieters in Kenia und Tansania für «Fly-in Safaris«. Geschossen wird dort nur noch mit den Kameras – aber es gibt natürlich nach wie vor die Hardcore-Trophäenjäger. Deren als Gast-Speaker in einschlägigen Kreisen hochbegehrte »ambassador« ist Donald J. Trump Junior. Im Internet findet man unter »Zimbabwe and Africa Hunts« Fotos der Trump-Brüder, wie sie mit erlegten Leoparden oder Büffeln posen oder einen abgeschnittenen Elefantenschwanz hochhalten. Nicht wenige Staatsbesuche des auf seine petro-tyrannische Weise die Naturressourcen ausplündernden alten Trump hatten seinen Sohn im Gefolge, der mit »Ausnahmegenehmigung« im jeweiligen Land hochgefährdete und eigentlich streng geschützte Tierarten seiner Trophäensammlung einverleibte. Etwa einen mongolischen Argali-Schafbock mit monumentalem Geweih

Das Hunting Consortium vermittelt als Broker Jagdausflüge zu über 40 seltenen Tierarten in aller Welt. Die Köpfe oder Geweihe darf man nach Hause nehmen (Auswahlliste hier). Der Safari Club International (SCI), dessen globales Vereinsziel Nr. 1 der Schutz der Jagd, nicht der Tiereist, bewirbt seine alljährlichen viertägigen »Conventions« als »hunters’ heaven«. Höhepunkt in Reno war eine Auktion für eine einwöchige Jagd auf den Sitka-Schwarzschwanzhirsch zusammen mit Trump Jr., dessen Sohn und einem Führer. Es gibt auch ein deutsches Chapter (die Forums-Einträge sprechen Bände). Messeangebote gibt es dort zum Beispiel für eine Elefantenjagd in Namibia oder ein »all-inclusive«-Paket in Südafrika zum Abschuss von Büffeln, Giraffen und Gnus, wer es garstiger will, auch für eine Krokodiljagd. In Namibia heißt der Marktführer Omujeve Hunting Safaris und wird von der Kruger-Familie in der fünften Generation geführt (Preisliste hier).

Rigby Safaris wirbt mit Trump jr und dem Motto: »Lasting memories, rifle in hand«. Der Präsidentensohn inszeniert sich als »anti-woke«, die neue-alte Männlichkeit geht über jeden Tierkadaver. Im Neusprech nennt sich das natürlich »outdoor lifestyle brand«, dies für den »unapologetic man«. Don Trumps eigene Firma widmet sich waffennärrisch und trophäendurstig voll und ganz dieser Lebensart, bespricht und verkauft Waffen, Ausrüstung und »Erlebnisse«, gibt dafür die dafür die »premier lifestyle publication« heraus. Unternehmen und Hochglanz-Zeitschrift tragen – man kann so etwas nicht erfinden – den Namen »Field Ethos«. Soviel wie »Moral im Revier«.

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aus dem Buch von Peter Beard
Tanja Blixens Farm in Afrika

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