
Nicht schwarz genug?
„Der Roman ist elegant geschrieben, mit lebensechten Charakteren, einer reichen Sprache und einer subtilen Handlung, doch es fällt schwer zu verstehen, was diese Bearbeitung von Aischylos‘ Die Perser mit afroamerikanischen Erfahrungen zu tun haben soll.“
Thelonius „Monk“ Ellison ist sauer. Warum erwarten Literaturkritiker von ihm, dass er sich in seinen Büchern nicht mit Euripides oder Parodien auf französische Poststrukturalisten auseinandersetzen darf? Der afroamerikanische Hochschullehrer genießt zwar in literaturwissenschaftlichen Fachkreisen einen guten Ruf, doch sein Agent verzweifelt an der Unverkäuflichkeit seiner Romane. In Buchhandlungen werden seine Bücher unter „afroamerikanische Studien“ einsortiert, auch wenn sie alles andere als dorthin gehören.
Mit Abscheu blickt Monk auf einen mehrheitlich weißen Buchmarkt, auf dem „schwarze“ Literatur hochgejubelt wird, wenn sie den weißen Mittelschichstslesern von Kriminalität und dem Leben in der Gosse erzählt. Aus einer Laune heraus rotzt er einen vor Stereotypen überquellenden Roman aufs Papier und lässt seinen Agenten das „Werk“ unter dem Pseudonym „Stagg R. Leigh“ bei Verlagen einreichen. Was er selbst nicht für möglich gehalten hat: Ziemlich schnell reißen sich große Publikumsverlage um das Machwerk. Nun muss eine Biographie für den fiktiven Autor her und auch hier bedient sich Monk aller Klischees, die ihm einfallen. Eine kriminelle Vergangenheit erklärt die Menschenscheue seines Alter Egos, der in telefonischen Verhandlungen mit den Verlagen hoch pokert und sogar durchsetzt, dass der Roman unter dem Titel „Fuck“ veröffentlicht werden soll. Monks Doppelrolle wird immer schwieriger durchzuhalten, als man ihn zum Jurymitglied eines Literaturpreises beruft, für den ausgerechnet Stagg R. Leighs „Fuck“ eingereicht wird…
„Erasure“ von Percival Everett erschien 2001, im Jahr 2008 brachte der Jens Seeling Verlag unter dem Titel „Ausradiert“ die deutsche Übersetzung auf den Markt. Spätestens mit dem großen Erfolg seines Romans „James“, der mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde, kümmert sich der Hanser Verlag auch liebevoll um eine (Wieder-)Veröffentlichung von Everetts umfangreicher Backlist. Dass „Erasure“ von Netflix unter dem Titel „American Fiction“ verfilmt und bei immerhin fünf Oscar-Nominierungen dann in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“ mit einem solchen ausgezeichnet wurde, ist sicherlich auch ein Argument, das Buch der deutschsprachigen Leserschaft wieder zugänglich zu machen.
Die Markt-Mechanismen, die Everett 2001 satirisch beleuchtete, funktionieren auch heute noch unverändert. Das zeigt, dass auch die ach so aufgeklärte Buchbranche in Vorurteilen gefangen ist. Wer an literarischen Parodien Freude hat, wird bei der Lektüre des Romans auf hohem Niveau unterhalten. Denn in „Ausradiert“ nimmt der fiktive Roman viel Raum ein. Es gibt aber auch Einsprengsel von Plot-Ideen, die Monk sammelt und die die Nähe seines „eigentlichen“ literarischen Schaffens zu Joyce oder Beckett zeigen. Man kann geradezu spüren, wie sehr den Anhänger postmoderner Literatur die Produktion des „Schunds“, mit dem er nun Erfolge feiert, schmerzt.
Die Übersetzung von Jens Seeling ist durchaus gelungen – doch wenn es um den Slang geht, der im Werk von Stagg R. Leigh herrscht, hält er sich sehr zurück. Slang ins Deutsche zu übertragen, kann leicht schief gehen und Seeling geht dieses Risiko lieber nicht ein. Die pseudo-harte Sprache macht aber einen Großteil des parodistischen Reizes aus. Wenn „You lil‘ muthafuckas ain’t nuffin but human slough“ zu „Ihr kleinen Drecksäcke seid nix wie menschlicher Abfall“ wird, geht doch einiges verloren. Hier wäre vielleicht angebracht gewesen, die beinahe zwanzig Jahre alte Übersetzung noch einmal zu überarbeiten und an heutige Lesegewohnheiten anzupassen, in der Anglizismen auch umgangssprachlicher Herkunft durchaus akzeptiert werden. Wer also kann, sollte sich diesen Roman doch eher im Original zulegen – oder vielleicht gleich beide Versionen? Und im Oktober erscheint mit „Ich bin Nicht Sidney Poitier“ ein weiterer Everett bei Hanser.
Frank Schorneck
Percival Everett: Ausradiert (Erasure, 2001). Deutsch von Jens Seeling. Hanser Verlag, München 2026. Taschenbuch, 350 Seiten, 14 Euro.











