Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Frank Schorneck begegnet »Sneaker« von Kirsten Fuchs

Noch schönere neue Welt

Sneaker befindet sich in Quarantäne, seit 62 Tagen. Normalerweise sind die Rollläden unten, laufen Urwald- oder Meeres-Projektionen und täuschen eine heile Natur vor. Doch heute schaut Sneaker aus dem Fenster, blickt auf Bäume in einem Sturmgatter, auf eine Schaukel, auf der noch nie ein Kind geschaukelt hat. Entgegen der Quarantänevorschriften öffnet Sneaker das Fenster, um etwas zu empfinden in einer empfindungslosen Welt – und wenn es nur die Empfindung von Wind auf dem Gesicht ist. Ein Vogel fliegt ins Zimmer, kurz bevor ein Elternteil, alarmiert von einem elektronischen Protokoll, per Videoschaltung nach dem Rechten sieht.

Kirsten Fuchs entwirft in ihrem neuen Roman eine dystopische Welt, die konsequent die aktuelle Klimaentwicklung und die Technikhörigkeit der Menschen fortschreibt. Das Smart Home kontrolliert weit mehr als nur das Haus, sondern auch Körperfunktionen und Stimmungen der Bewohner.  In der unwirtlichen Außenwelt wüten regelmäßig schwere Stürme – nur in der Sturmsiedlung ist Sneaker sicher. Doch nach einem besonders heftigen Unwetter ist etwas anders als sonst: Das Smart Home meldet „Familienmitglieder Meldezeichen abgebrochen“. Auf sich allein gestellt beschließt Sneaker nach dem Sturm, aus dem Fenster zu klettern und nach den Eltern zu suchen.

Kirsten Fuchs schildert die Reise ihrer 16-jährigen Hauptfigur in einer rundweg überzeugenden Ich-Perspektive, in der Sneakers Geschlecht keine Rolle spielt. Auch anderen Figuren werden im Laufe der Geschichte keine Geschlechter zugeordnet. Die Namen, die die Menschen in dieser Zukunft tragen, haben keine Entsprechung mit Namen der Gegenwart – „Sneaker“ ist ein selbstgewählter Spitzname. Sneaker hat keine Erfahrungen mit der Außenwelt, zieht Rückschlüsse aus Videospielen, die der einzige Erfahrungshorizont sind: „In Games ist es immer gut, alles erstmal mitzunehmen. Eigentlich hätte ich auch Feuerkäfer und Maus mitnehmen müssen, einfach antippen und ins Inventar.“ Orientierung bringt eine „Warnbrille“ und ein Mobilgerät namens „Omni“, mit denen Sneaker auch Dinge identifizieren kann, die dem Teenager bislang noch nicht untergekommen sind. Auch Gefühle sind neu, denn im Alltag werden diese von Blockern unterdrückt.

Fuchs erzählt auf der einen Seite eine klassische Coming of Age-Story in Form eines futuristischen Roadtrips – und widmet sich auf der anderen Seite den ganz großen Fragen der Menschheit: Sneaker trifft auf der Suche nach den Eltern auf Menschen, die in unterschiedlichen postapokalyptischen Gesellschaftsformen leben. In der „zukunftsweisenden Nachhaltigkeitssiedlung“ etwa gehen die Menschen absurden Tätigkeiten nach und streben nach einem möglichst niedrigen ökologischen Fußabdruck – im Ausgleich für die Menschen, die zu viele Rohstoffe verbrauchen. In einer Art Biosphärenkuppel versuchen sich „die Freien“ an einem Leben ohne Hierarchien. Sneakers Weg nach „Berlingebiet“, wo möglicherweise ein Elternteil sein könnte, hat viel Beängstigendes zu bieten: Drohnen etwa, die offenbar darauf programmiert sind, Menschen für umweltschädigendes Verhalten zu disziplinieren – bis hin zur gezielten Tötung; Sneaker lernt ein Leben „offline“: Das eigene Omni auszuschalten und mit einer Landkarte, einem Relikt aus vergangenen Zeiten, zum ersten Mal ein Stück Papier in den Händen zu halten und zu nutzen.

Vor allem aber wird Sneaker von einem Übermaß an Sinneseindrücken und Gefühlen übermannt: Ein Tier streicheln, den Blick nicht mehr von jemandem wenden können – all das gab es in der „Sturmsiedlung“ nicht.

Der Roman ist mit dem für Kirsten Fuchs charakteristischen Wortwitz und Humor geschrieben und bedient dennoch einen ganz anderen Tonfall. Man nimmt ihrer Figur jederzeit das Staunen über das Entdecken einer unbekannten Welt und unbekannter Emotionen ab. Sneaker erlebt zum ersten Mal Trauer, Angst und die Anziehung zu einem anderen Menschen, doch Fuchs hält die Erzählung jederzeit in der Waage zwischen Tragik und Komik. Für die Verliebtheit von Sneaker und Livt, einem anderen Teenager, findet Fuchs poetische Bilder von eleganter Einfachheit. Wie die beiden von der Wucht der Gefühle überwältigt überlegen, ob man nicht vielleicht doch lieber Blocker nehmen sollte, um wieder sachlich denken zu können – hat jemals jemand treffender die raue See der Pubertät beschrieben? Die „Freien“ in ihrem Gewächshausdschungel, die die beiden Neuankömmlinge zunächst herzlich willkommen heißen, die aber letztlich ein Paar, das Sex miteinander hat, als Gefahr für ihr Gesellschaftssystem ansehen, sind nicht nur eine Allegorie auf den biblischen Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Auf einer viel direkteren Ebene spiegelt Fuchs hier eine gar nicht so ferne Gesellschaft, in der Unbekanntes als Gefahr gilt, das Glück anderer misstrauisch beäugt wird und in der Populisten Erfolge feiern.

Fuchs lässt Sneaker die wichtigen Fragen des Lebens stellen. Auf keine dieser Fragen liefert die Autorin Antworten, vielmehr bietet der Roman zahlreiche Anregungen, die Welt aus unterschiedlichen, unbefangenen Blickwinkeln zu betrachten  So ist „Sneaker“ viel weniger ein typisches literarisches Roadmovie als vielmehr eine philosophisch-sozialkritische Satire in den Fußstapfen von Swifts „Gullivers Reisen“. Kirsten Fuchs ist hier im besten Sinne ein All Age-Roman gelungen, der gesellschaftliche Relevanz, literarisches Können und Humor aufs Beste verknüpft.

Kirsten Fuchs: Sneaker. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 240 Seiten, 24 Euro.

Frank Schorneck – Seine Texte bei uns hier.

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