Christoph Metzger, Karl Schütz, Julia Zaunbauer: Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde. Ausgewählte Zeichnungen und Druckgrafiken. XXL-Band, Format 29 x 39,5 cm, Gewicht 7,76 Kilo. Hardcover mit Ausklappseiten, 798 Seiten, 175 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch: taschen.com. Auch eine englische Ausgabe ist verfügbar.
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»Sehen ist der edelste Sinn des Menschen«
Zur neuen großen Dürer-Monographie aus dem Hause Taschen – von Alf Mayer
Er war einer der ersten Künstler, die ihre Autorenschaft systematisch mit einem Monogramm kenntlich machten. Bei ihm war es ein großes A mit einem untergestellten D – das stand für Albrecht Dürer, geboren und gestorben in der Reichsstadt Nürnberg (1471 – 1528). Wir würden ihn als Albrecht Türer kennen, hätte er seinen Familiennamen nicht im Sinne von Loddar Maddä-us eingedeutscht (Fachbegriff: lenisiert) und das harte »T« wie ein echter Franke lautgeschwächt. Es war nicht der einzige Widerstandsakt gegen den Vater.
Der war als ungarischer Einwanderer erst mit 40 in seiner eigenen Nürnberger Werkstatt Goldschmiedemeister geworden, war beim Stadtrat hochgeschätzt, weil er im Geburtsjahr von Albrecht einen Eilauftrag zur größten Zufriedenheit erledigt hatte: nämlich die Fertigung der kaiserlichen Trinkgefäße für Friedrich III, der damals mit einem Gefolge von 800 Pferden für zwei Wochen nach Nürnberg kam. Albrecht sollte in diese Fußstapfen treten: schöne Kelche, Krüge, Ringe, Reliquienschreine, Kleiderspangen und Schäfte für Waffen herstellen, Straußeneier und Kokosnüsse verzieren, den kaiserlichen Hof beliefern. Das Handwerk dafür erlernte er bei seinem Vater – in einem Alter, das heute als Kinderarbeit sanktioniert würde.

Die Farbenfülle der Gemälde in den Nürnberger Kirchen faszinierte ihn, ebenso das Zeichnen nach lebendem Vorbild. Ein erstaunliches Selbstbildnis, mit der Silberfeder gezeichnet, entstand schon 1484, im Alter von 13 Jahren. Seinem Vater trotzte er die Erlaubnis ab, bei einem Maler in die Lehre gehen zu dürfen. Der weitere Lebensweg war damit besiegelt. Innerhalb weniger Jahre tat sich Albrecht Dürer als Zeichner, Holzschneider, Aquarellist, Kupferstecher und Maler hervor, wurde ein großer Künstler. Ein sehr großer sogar. Einer der allergrößten, die wir haben.
1494, bald nach dem Ende seiner Wanderschaft an den Oberrhein, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Heirat mit der Bürgertochter Agnes Frey festigte seine gesellschaftliche Position und legte dank der Mitgift seiner Frau die finanzielle Grundlage für eine Existenzgründung. Eine spontan entstandene kleinformatige Porträtzeichnung seiner an einem Tisch dösenden Frau, die er liebevoll oft »mein Agnes« nannte, datiert aus der Zeit der Eheschließung. Der Zeichner Dürer zeigt sich hier als Meister der sekundenschnellen Erfassung und Wiedergabe des Gesehenen.



Paumgartner Altar, Detail 
Paumgartner Altar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, Bild: bpk 
Landauer Altar, 1511, Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie
© KHM-Museumsverband
1511 fasste Dürer einen radikalen Entschluss: Nachdem er sich mit dem Frankfurter Kaufmann Jacob Heller wegen eines Auftrages zerstritten hatte, hörte er auf, Altarbilder zu malen – und wurde ein noch moderner Maler. Sorgte selbst für seine Vermarktung. Er war ein Renaissance-Genie, ein Universal-Künstler, seiner Zeit weit voraus. Sein Blick ist bis heute aktuell geblieben. Jetzt ist er tiefenscharf, in reichem Detail und bestens reproduziert in einem Monumentalband neu zu entdecken. So viel Dürer – und so schön – war noch nie.
»Was malt er nicht alles«, schrieb Erasmus von Rotterdam unter dem Eindruck des Todes des Nürnberger Meisters in seinem berühmten Zwiegespräch zwischen Löwe und Bär über den richtigen Vortrag, das 1528 in Basel in Druck ging, »auch was man nicht malen kann, Feuer, Strahlen, Donner, Wetterleuchten, Blitze oder Nebelwände, wie man sagt, die Sinne, alle Gefühle, endlich die ganze Seele des Menschen, die sie sich aus der Bildung des Körpers offenbart, sogar fast die Stimme selbst.«

Die neue, so noch nicht versammelte Monographie bringt uns diesen Dürer nun rechtzeitig vor Weihnachten sensationell nahe. »Directed and produced by Benedikt Taschen«, viele Jahre am Werden, mit Kooperation vieler Museen und Sammlungen entstanden, 800 Seiten stark und mehr als sieben Kilo schwer, ist dies eine der umfangreichsten Maler-Werkschauen, die je vom Verlag Taschen gestemmt worden ist. Produktion: Marion Boschka, Projektleitung: Ute Kieseyer, Lektorat; Uta Hasekamp, Design: Andy Disl und Claudia Frey.
Der Inhalt: sämtliche bekannten 76 Dürer-Gemälde, teils extra aus den Rahmen geholt und neu fotografiert, zum Teil auf Ausklappseiten und summa summarum inklusive vieler Detailaufnahmen auf rund 240 Seiten präsentiert, dazu 475 Zeichnungen auf fast ebenso vielen Seiten, in 13 thematische Gruppen gegliedert. Der Gemälde-Katalog als Kommentarteil umfasst alleine rund hundert Seiten, jedes einzelne Bild präzise beschrieben, dazu Angaben zu Material, Technik und dem Zustand der Erhaltung, zu Inschriften, Datierung, Zuschreibungen, späteren Veränderungen, zu Werkstattbeteiligung, Ortswechsel oder Kopien. Alles auf dem neuesten Stand der Forschung und wenn sinnvoll, mit Literaturverweisen. Wissenschaft zum Anfassen.
Die Kapitel folgen dem Leben des Künstlers: Dürers Anfänge 1471-1494, die Etablierung der Werkstatt 1494-1505, die zweite italienische Reise 1505-1507, der große Erfolg 1507-1520, die niederländische Reise und dann das Spätwerk 1520-1528. Es gibt verschiedene Schwerpunkte, so etwa Dürers Rezeption der Kunst der italienischen Renaissance oder die Organisation seiner Werkstatt. Wo immer möglich, kommt der Künstler selbst zu Wort.
Auf vorbildliche und großartige Weise wird all dies besorgt von Christof Metzger, Karl Schütz, Julia Zaunbauer, alle drei ausgewiesene Dürer-Experten. Der Kunsthistoriker Christoph Metzger arbeitete seit 2014 als Chefkurator in der Albertina in Wien, dort besitzt man mit nahezu 140 Arbeiten den weltweit größten und bedeutendsten Bestand an Zeichnungen Albrecht Dürers, unter anderem das weltberühmte Aquarell »Feldhase« aus dem Jahr 1502, neben dem »Rasenstück« die bekannteste aller Naturstudien Dürers. Metzger ist Autor mehrerer Bücher zu Dürer und kuratierte auch die große Dürer-Ausstellung, die vom 20. September 2019 bis zum 6. Januar 2020 in der Albertina zu sehen war.
Auch Julia Zaunbauer hat viel Dürer-Erfahrung, hat zu ihm geforscht und publiziert, war an Ausstellungen beteiligt und ist ebenfalls Kuratorin in der Albertina. Karl Schütz, der dritte Autor des Bandes, war Kurator, dann Direktor an der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die niederländische und flämische Malerei, die deutsche Malerei des frühen 16. Jahrhunderts, die höfische Porträtmalerei.
In seinem Vorwort schreibt Christoph Metzger, dass das Schrifttum zu Leben und Werk von Albrecht Dürer schon zu dessen Lebzeiten einsetzte und noch heute, 500 Jahre später, viele Regalmeter füllt. Kondensiert daraus findet sich in dem Band ein zehnseitiges, je fünfspaltiges Literaturverzeichnis. Dürer geriet nie in Vergessenheit, seine Hinterlassenschaft ist so reichhaltig, dass daraus wie von keinem anderen Zeitgenossen das Bild seiner Person und das seiner ganzen Epoche gezeichnet werden könne, notiert Metzger.


Im Ausstellungskatalog zur Albertina-Ausstellung schrieb Christof Metzger unter der Überschrift »Was kriecht denn da?« über »Das große Rasenstück«. Das sei zusammen mit dem »Feldhasen« und den »Betenden Händen« nicht nur Dürers berühmteste Naturstudie, »sondern überhaupt ein Meisterwerk und ein wahres Wunder der Kunst auf Papier. Dürer lädt uns ein, aus der Perspektive eines kriechenden Insekts in das Wiesenstück einzudringen. So genau alles in der Natur beobachtet wurde, so präzise erscheint es wieder auf dem Papier: vom schnell und wie beiläufig mit breitem Pinsel hingeworfenen moorigen Boden bis zu den Spitzen und Rispen der Grashalme, die sorgfältig mit feinstem Werkzeug gouachiert wurden. Die Freilegung des Vordergrundes ermöglicht, einzelne Pflanzen wie Wegerich und Löwenzahn in ihrer Gesamtheit darzustellen, von der Wurzel bis zur Spitze oder Blüte. Doch handelt es sich nicht um ein bloßes Abbild der Natur, sondern um einen lebendigen Mikrokosmos – und in der Schaffung eines solchen liegt Dürers wahre Meisterschaft. Das große Rasenstück ist zugleich das eindrucksvollste Zeugnis eines späteren Postulats des Künstlers (1528 in seinen Vier Büchern von menschlicher Proportion), dass nämlich nur durch die Nachahmung der Natur die höchste Stufe der Kunst zu erreichen sei: »Dann warhafftig steckt die Kunst inn der Natur. Wer sie herauß kann reissen, der hat sie.«
Oder anders, von ihm gesagt: »Willst du wissen, was Schönheit ist, so gehe hinaus in die Natur.« (Albrecht Dürer)
Angeleitet durch Vorbilder der italienischen Renaissance und vom italienischen Künstler Jacopo de‘ Barbari höchstselbst, der ihn in Nürnberg mit der Proportionslehre und der Zentralperspektive vertraut machte, war Dürer im deutschen Sprachraum der Erste, der Hilfsmittel und Apparaturen für die Anwendung der Perspektiv-Konstruktion entwickelte und auch schriftlich festhielt.
Der Kupferstecher und Maler Dürer wurde so auch zum Kunsttheoretiker. Er war von der Mathematik fasziniert und damit einhergehend, von Maß und Proportion, die er erforschte und die wiederum seine künstlerische Technik beeinflussten. Das machte ihn zu einem der innovativsten Künstler seiner Zeit. Er versuchte, Regeln für die realistische Darstellung des Raums aufzustellen, legte seine Theorien zur Geometrie und Proportion und auch zur Darstellung der menschlichen Figur 1525 – also vor jetzt 500 Jahren – in einem stilprägenden Werk vor. Dessen Titel: »Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt«. Dieses Buch hatte großen Einfluss auf die Künstler nicht nur seiner Zeit und trug, da ist die Wissenschaft sich einig, enorm dazu bei, die ästhetischen Prinzipien der Renaissance in Europa zu verbreiten.
»Albrecht Dürer. Norm sprengen und Mass geben« war vor einem Jahr eine Ausstellung in der Graphischen Sammlung ETH Zürich betitelt. Sehen, das wird einem beim Anblick seiner Werke klar und ist ebenfalls ein Zitat von ihm – »Sehen ist der edelste Sinn des Menschen.«
Alf Mayer

Albrecht Dürer, Heller-Altar: Enthauptung der Hl. Katharina (Innenseite, rechter Flügel, oben), 1508/1509 – Historisches Museum Frankfurt – Foto: Horst Ziegenfusz

Porträt Jakob Muffel, 1526 – Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / André van Linn 
Vier nackte Frauen, 1497 – Albertina, Wien 
Adam und Eva, 1504 – Albertina, Wien 
Engelskopf, 1506, Albertina Wien

Foto: bpk























