Hans Werner Holzwarth, Montse Agur, Carme Ruiz: Dalí. Baby Sumo. Verlag Taschen, Köln 2025. Collector’s Edition von 10.000 Exemplaren. Hardcover, 36,7 x 50 cm, 438 Seiten. Mit Goldschnitt, Ausklappseiten, Goldprägung auf Titel- und Kapitelseiten sowie einem 40-seitigen Begleitheft mit Abbildungsverzeichnis, 22 x 28,9 cm; in einer Clamshell-Box, 41 x 56,2 cm, gebunden in schwarzem Samt mit Goldfolienprägung. Plus Chronologie-Band, gebunden, Format 22 x 28,9 cm, 624 Seiten. Gesamtgewicht 16 kg, Preis: 1.000 Euro. – Verlagsinformation bei Taschen.com zum Buch. YouTube-Filme dazu siehe hier ganz unten.
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Quasi ein eigenes Dalí-Museum, zuhause
Zur großen Werk-Monographie eines Ausnahmekünstlers – von Alf Mayer
Wenn eines Tages – warum eigentlich nicht längst schon geschehen? – die Geschichte des immer noch familiengeführten, 1980 in Köln gegründeten Verlags Taschen geschrieben wird, könnte Salvador Dalí ein guter Eckpfeiler sein. Benedikt Taschen habe ich zwar noch nie mit einem Schnurrbart gesehen, schon gar nicht mit einem der imperialen Ausmaße des Katalanen, aber in Statur, Genialität, Exzentrik und Welterfolg sind sie sich gar nicht so fremd; ich jedoch spreche hier nur von Büchern. Und da gibt es, was Salvador Dalí und den Verlag angeht, jetzt durchaus ein Alpha und ein Omega. Dazwischen den Lichtbogen eines Verlags, der als Weltmarktführer im Bildband-Bereich gilt.
Den Grundstein dafür setzte vor vierzig Jahren die erste Künstler-Monografie des Verlags überhaupt. »Dali« hatte 96 Seiten, kam als günstiges Paperback und wurde unter anderem bei Zweitausendeins vertrieben. Autor war der Brite Conroy Maddox, ein leibhaftiger Surrealist himself. Die Übersetzung stammte von Michael Koulen, das Format war 23,6 x 30,4 cm. Taschen begründete 1985 damit die erfolgreiche Kleine Reihe, die mittlerweile über 200 Titel umfasst und in bis zu 30 Sprachen vorliegt. Es folgte der Aufbau weiterer Linien und die Ausdehnung auf neue Schwerpunkte wie Architektur, Design, Film und Lifestyle. Devise der Verlagspolitik blieb es, einer breiten, interessierten Öffentlichkeit gut produzierte Kunstbücher zu erschwinglichen Preisen anzubieten und so einem zunehmend internationalem Publikum Zugang zu neuen Themenbereichen zu ermöglichen.
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Verlags- und publikationspolitisch geht das im Verlag Taschen aber heute bei den Flagship-Projekten nicht mehr alleine nur mit oft unglaublich preiswerten Volksausgaben. Denen voraus geht in der Regel – und macht das Demokratische dann überhaupt erst möglich – eine atemberaubend luxuriöse „Top Down“-Produktion. Meilenstein dafür: 1999 die SUMO-Ausgabe Helmut Newton. Das Exemplar Nummer eins davon, signiert von über einhundert der im Buch abgebildeten berühmten Persönlichkeiten, erzielte bei einer Berliner Charity-Auktion 620.000 DM und brach den Rekord für das teuerste Buch des 20. Jahrhunderts.
1.000 Euro pro Stück ruft der Verlag jetzt für die auf 10.000 Exemplare limitierte Collector’s Edition »Dalí. BABY SUMO« auf. Sie wiegt 16 Kilo, besteht aus zwei Folianten-Bänden (438 und 624 Seiten) und einem Booklet. Band 1 enthält die Gemälde und Werke, hat 438 Seiten und das Format 36.7 x 50 cm. 150 Bilder wurden dafür aus dem Rahmen genommen und neu fotografiert: Man kann die Bilder nun bestaunen wie nie zuvor. Der Groß-Band hat vergoldete Kanten und Goldfolienprägung auf den Kapitel-Vorsatzseiten. Die den Inhalt anzeigende Doppelseite spiegelt wie ein luxuriöser Konzertflügel, links lesen wir die Autorennamen Monte Agur, Carmen Ruiz und Hans Werner Holzwarth, darunter »Directed and produced by Benedikt Taschen«, rechts davon die Kapitel:
Early Works
Surrealist Years
International Fame
American Years
Religion and Science
Late Works.
Die Gemälde stehen auf Schwarz, die Wiedergabequalität ist atemberaubend brillant. Teils gibt es Ausklappseiten. Dieser Band ist ganz dem Sehen gewidmet, die Bildlegenden sind puristisch knapp. Den Band begleitet ein dreisprachiges Booklet mit einem Katalog der Illustrationen, Format ist 22 x 28.9 cm. Vollends überwältigend ist dann Band 2: eine Chronologie mit 624 Seiten, Format ebenfalls 22 x 28.9 cm – und mehr als verschwenderisch illustriert. Erzählt und visualisiert wird hier mit großzügigem Satzspiegel und edler Typographie Dalís Lebensweg mit seltenen und teilweise sogar unveröffentlichten Briefen, Fotografien, Skizzen, Zitaten, Rezensionen und Magazinseiten – ein Fest für alle, die Kunst lieben. Abbildungsfülle und Güte sind rauschhaft.
Das alles ist so monumental wie ein alter Hollywoodfilm. Auf der Frankfurter Buchmesse 2024 gab es am Stand von Taschen überlebensgroße Buchdummies. Jetzt wissen wir, dass das nicht übertrieben war. Dieser Verlag sprengt alle Grenzen.
Herausgeber Hans Werner Holzwarth ist Buchdesigner und Herausgeber mit zahlreichen Veröffentlichungen vor allem im Bereich der zeitgenössischen Kunst und Fotografie. Für Taschen hat er eine Reihe monografischer Collector’s Editions herausgegeben, darunter Neo Rauch, Julian Schnabel, Georg Baselitz, Glenn Brown, Jeff Koons, Christopher Wool, Albert Oehlen und Ai Weiwei, den David-Hockney-SUMO A Bigger Book und Monografien wie den XXL-Band Jean-Michel Basquiat.
Die Produktions-Koordination besorgte Marion Boschka, das Copy-Editing Lutz Eitel, das Rechte-Management Mercedes Aznar und das Buchdesign Andy Disl und Werner Holzwarth. Autorinnen des Chronologie-Bandes sind Montse Aguer, die Direktorin, und Carme Ruiz, die Chefkuratorin der Fundació Gala-Salvador Dalí in Figueres, der Heimatstadt des Künstlers, in der er starb und auch geboren wurde. Aguer und Ruiz erzählen äußerst kundig und kurzweilig, gestützt auf die neuesten Forschungsergebnisse, die Geschichte des Künstlers und seiner Kunstwerke – dies mit vielen Zitaten aus dessen eigenen Schriften, Briefen und zeitgenössischen Rezensionen. Dalí, ganz nah, aufwendig und verschwenderisch illustriert mit seltenen und ikonischen Porträtaufnahmen, Skizzen und Buchillustrationen, Zeitschriftenartikeln, Postern, Dokumenten sowie weiteren Werken in verschiedenen Medien.
Salvador Dalí, der von sich selber stets sagte, »Ich bin der Surrealismus«, wurde übrigens bereits 1934 aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit André Breton, dem Anführer der Surrealisten, aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen. Noch 1960 löste Dalís Teilnahme an der großen Surrealisten-Ausstellung in den d`Arcy Galleries, New York starke Proteste vieler anderer Surrealisten aus. Max Ernst schrieb 1962 in einem Brief an eine Kunstsammlerin Rose Bauwens-Capel: »Zum Thema Dali, von dem Sie mit mir sprechen, als ob ich Ihr Interesse an ihm teilen würde, muss ich Ihnen sagen, dass die Verwendung von Symbolen ausreicht, um ihn – für mich – zu den Malern zu zählen, die keine wirkliche Gedankenfreiheit haben. Er ist zu sehr respektablen Ideen unterworfen, um einen anderen Titel als ›Maler für Priester‹ zu verdienen.«
Ja, es stimmt, 1949 malt Dalí seine ersten religiösen Bilder. »Die Madonna von Port Lligat« wird von von Papst Pius XII. wohlwollend aufgenommen und als «wichtiges religiöses Werk« bezeichnet.1958 ehelicht er seine Lebensgefährtin Helena Ivanovna Diakonova, genannt Gala, gar kirchlich.
Aber Max Ernsts Zuschreibung ist natürlich nicht ernst zu nehmen. Dalís lebenslanges Bemühen gilt der »Eroberung des Irrationalen«, so sein Buch von 1935. Er erklärt darin erstmals seine paranoid-kritische Methode: »Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Gebiet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigsten Wut der Genauigkeit sinnfällig zu machen… Vorstellungsbilder, die vorläufig weder durch Systeme der logischen Anschauung noch durch rationale Mechanismen erklärbar oder ableitbar sind.«
1938 erhält er durch Vermittlung von Stefan Zweig die Gelegenheit, Sigmund Freud in London zu besuchen – und porträtiert ihn auf Löschpapier. (Sic!) 1939, mit 35 damals »einer der jüngsten und reichsten Maler der Welt« (so das Life-Magazin) überfordert er die New Yorker Weltausstellung mit der Installation »Der Traum der Venus« (Rêve de Vénus), einem Pavillon als Gesamtkunstwerk. Es ist die erste Multimedia-Performance der Kunstwelt. Die Zeitschrift mare beschreibt sie uns so: »Dalís Göttin hat es in sich: Durch den Eingang in Form gespreizter Frauenbeine betreten die Besucher, in geradezu freudianischer Manier, ein überwältigendes assoziatives Kaleidoskop. Hunderte schwarzer Regenschirme hängen wie Fledermäuse von den Decken herab. Klaustrophobisch enge Korridore öffnen sich zu überladenen Galerien, eine Schaufensterpuppe präsentiert sich mit Leopardenkopf; aus ihrem mit Scherben bedeckten Körper ragen Strohhalme heraus. Sollte diese Gestalt etwa der von Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian im Gewand der Modernität sein?«
Wie auch immer, Dalí steht für die »Unabhängigkeitserklärung der Phantasie und Erklärung der Rechte des Menschen auf seine Verrücktheit«. Allgemeingut ist wohl, wie es zu seiner Inspiration der weichen Uhren als Metapher (etwa im Gemälde »Die Beständigkeit der Erinnerung«) für die verrinnende Zeit kam: »Wir hatten zum Abschluss unseres Abendessens einen sehr starken Camembert gegessen, und nachdem alle gegangen waren, blieb ich noch lange am Tisch sitzen und dachte über die philosophischen Probleme des >Superweichen< nach, die der Käse mir vor Augen führte. Ich stand auf, ging in mein Atelier und machte Licht, um noch einen letzten Blick auf das Bild zu werfen, das ich gerade in Arbeit hatte, so wie es meine Gewohnheit ist. Dies Bild stellte eine Landschaft bei Prot-Lligat dar; die Felsen lagen in einem transparenten, melancholischen Dämmerlicht, und im Vordergrund stand ein Ölbaum mit abgeschnittenen Zweigen und ohne Blätter. Ich wusste, dass die Atmosphäre, die zu schaffen mir in dieser Landschaft gelungen war, als Hintergrund für eine Idee, für ein überraschendes Bild dienen sollte, aber ich wusste noch nicht im mindesten, was es sein würde.
Ich wollte schon das Licht ausknipsen, da >sah< ich plötzlich die Lösung. Ich sah zwei weiche Uhren, von denen die eine klärglich über dem Ast des Ölbaums hing. Obwohl meine Kopfschmerzen so stark geworden waren, dass sie mich sehr quälten, bereitete ich gierig meine Palette vor und machte mich an die Arbeit. Als Gala zwei Stunden später aus dem Kino zurückkehrte, war das Bild – es sollte eines meiner berühmtesten werden – vollendet. Ich ließ sie sich mit geschlossenen Augen davor hinsetzen und zählte: ›Eins, zwei, drei, mach die Augen auf!‹ Ich blickte gespannt auf Galas Gesicht und sah darauf die unverkennbare Mischung aus Staunen und Hingerissenheit. Dies überzeugte mich von der Wirksamkeit meines neuen Bildes, denn Gala irrt nie, wenn es darum geht, die Echtheit eines Rätsels einzuschätzen…« (Aus der Autobiographie »Das geheime Leben des Salvador Dali«, zu Die Bestätigung der Erinnerung (La persistance de la mémoire), 1931, Öl auf Leinwand, 24 x 33 cm, New York, The Museum of Modern Art )
Und, kürzer dann: »Weiche Uhren: Sie sind nicht anderes als der paranoisch-kritische, zärtliche, extravagante und von Zeit und Raum verlassene Camembert.«
Der Maler, Bildhauer, Grafiker, Schriftsteller und Bühnenbildner Salvador Dalí, mit vollem Namen Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech, erblickte 1904 in Figueras das Licht der Welt. Seine Eltern gaben ihm bewusst den Vornamen Salvador „der Retter“, weil sie überzeugt waren, er sei dazu bestimmt, die Malerei zu retten. Hier sein Königreich in einem Zitat-Schnelldurchlauf:
»Das Auge ist wirklich etwas wunderbares. Man muss es so gebrauchen, wie ich es mit meinem getan habe, das zu einem weichen psychedelischen Fotoapparat geworden ist. Ich kann es bestimmen, Aufnahmen zu machen von Visionen meines Geistes.«
„Der einzige Unterschied zwischen einem Verrückten und mir ist der, dass ich nicht verrückt bin.«
»Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.«
»Dass ich selbst während des Malens die Bedeutung meiner Bilder nicht verstehe, heißt nicht, dass diese Bilder keine Bedeutung haben.«
»Ohne einen Schnurrbart ist ein Mann nicht richtig angezogen!«
»Der Unterschied zwischen den Surrealisten und mir besteht darin, dass ich Surrealist bin.«
»Im Alter von sechs Jahren wollte ich Köchin werden. Mit sieben wollte ich Napoleon sein. Und mein Ehrgeiz ist stetig gewachsen.«
Und, von ihm selbst zusammengefasst: »Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Gebiet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigen Genauigkeitswut sinnfällig zu machen. Dass die Welt der Phantasie und der konkreten Irrationalität von der gleichen objektiven Augenfälligkeit ist, von der gleichen Festigkeit, von gleicher Dauer, von der gleichen überzeugenden, kognitiven und mitteilbaren Dichte wie diejenige der Außenwelt, der phänomenologischen Wirklichkeit. Wichtig ist, was vermittelt werden soll: der konkret irrationale Bildinhalt. Die malerischen Ausdrucksmittel werden in den Dienst dieses Bildinhaltes gestellt. Der Illusionismus der nachahmenden, auf niederträchtige Weise streberischen und unwiderstehlichen Kunst, die geschickte Kniffe des lähmenden trompe-l’oeil, der auf analytische Weise erzählende, so verrufene Akdademismus können zusammen mit der neuen Genauigkeit konkreter Irrationalität in dem Maße, wie die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität sich dem phänomenologischen Wirklichen annähern und die entsprechenden Ausdrucksmittel derjenigen der großen realistischen Malerei – Velazquez und Vermeer van Delft – sublime Hierarchien des Denkens werden…«
Alf Mayer
Hier einige Videos:
Carme Ruiz parla de Dalí i la Ciència/ Chefkuratorin Carme Ruiz über Dalí und die Wissenschaft:









































