


Taschenbuchausgabe 

Taschenbuchausgabe
„Ich bin optimistisch, aber nur, weil ich mich dafür entscheide“
„Führe mich heim“ (übersetzt von Andrea Stumpf) ist der Abschluss der Highway-59-Trilogie mit den afroamerikanischen Texas Ranger Darren Mathews. „Heaven, My Home“ und „Bluebird, Bluebird“ zählen auch dazu. Diese beiden Bände sind inzwischen als Taschenbuch im Unionsverlag erschienen. Außerdem von Attica Locke im Polar Verlag: „Black Water Rising“ und „Pleasantville“. Ulrich Noller hat Die Autorin interviewt.
Im atemberaubenden Finale der preisgekrönten Highway-59-Trilogie wird Detective Darren Mathews aus dem vorzeitigen Ruhestand zurückgeholt, um den Fall einer vermissten schwarzen Studentin aus einer rein weißen Studentenverbindung zu untersuchen – und stößt dabei auf eine Stadt, die vor nichts zurückschreckt, um ihre Geheimnisse zu wahren.Texas Ranger Darren Mathews ist sich nicht sicher, ob er ein guter Polizist war, glaubt aber, dass er eine Chance hat, ein guter Mensch zu werden – wenn er es schafft, der drohenden Anklage zu entgehen und sich von nun an der Wahrheit verp ichtet. Eine Tugend, die das Land scheinbar völlig verloren hat, die Darren aber als seine Rettung sieht. Er ist gerade dabei, sich mit der Frau, die er liebt, ein neues Leben aufzubauen, als ihn jemand besucht, der kein Blatt vor den Mund nimmt, eine Frau, die schon immer darauf aus war, sein Leben zu zerstören. Seine Mutter.
Attica Locke: Führe mich Heim. (Guide Me Home, 2024). Kriminalroman. Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. Deutsche Erstausgabe. Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, ca. 344 S., 26
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Der Highway 59 durch Texas 
Ulrich Noller: Attica, in den deutschen Übersetzungen kommt dies nicht so deutlich zum Ausdruck wie in den Originaltexten, daher wüsste ich gern: Welche Bedeutung hat der „Highway 59“ für Ihre Romane? Im Original trägt die Reihe den Highway ja sogar im Titel …
Attica Locke: Der Highway 59 ist eine Autobahn – eine Straße –, die in Nord-Süd-Richtung durch den östlichen Teil des Bundesstaates Texas verläuft und dabei ländliche Gebiete durchquert. Meine Vorfahren – sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits – stammen aus Kleinstädten entlang dieser Autobahn. Sie ist ein Symbol für die Kultur von Osttexas, die sich von dem Texas unterscheidet, das viele Menschen sich vorstellen. Das ist weder das sogenannte „Big Sky“-Land noch der staubige Südwesten. Es sind Gebiete mit dichten Kiefernwäldern und Bayous. Landschaftlich gesehen, ähnelt es eher Louisiana als dem hügeligen, von Tumbleweeds geprägten Westtexas.
In den Romanen passiert alles entlang des Highways, und „Texas“ erscheint mir fast wie eine eigenständige Hauptfigur.
Ja, ich wollte Texas ganz bewusst als Figur darstellen. Die Buchtrilogie ist ein Liebesbrief an die Schwarzen Texaner und eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen, komplexen Gefühlen gegenüber meinem Heimatstaat.
Wenn wir auf die Zeit vor dem ersten Roman zurückblicken: Ein Schwarzer Texas Ranger – was hat Sie an dieser Idee gereizt?
Ursprünglich hatte ich nicht vor, über einen Schwarzen Texas Ranger zu schreiben. Meine ursprüngliche Idee für die Buchreihe drehte sich lediglich um den Bundesstaat selbst. Ich wollte eine Buchreihe schreiben, in der Verbrechen in kleinen, ländlichen Gemeinden entlang des Highway 59 in Osttexas im Mittelpunkt stehen. Erst später wurde mir klar, dass die Reihe davon profitieren würde, wenn es eine Figur gäbe, der wir folgen könnten. Ich kam auf die Idee, dass dies ein Texas Ranger sein sollte, da es sich um eine ganz besondere Strafverfolgungsbehörde handelt, die über einen großen Zuständigkeitsbereich verfügt und allen anderen Polizisten im Bundesstaat rangmäßig überlegen ist. Die Herausforderung für mich bestand darin, dass ich nie gedacht hätte, jemals über einen Polizisten zu schreiben. Ich schaue nicht mit den Augen des Establishments auf die Welt. Aber die Entscheidung, Darren Mathews als einen Mann zu beschreiben, der seinem Dienstabzeichen ambivalent gegenübersteht und hinterfragt, wie viel Macht Polizeibeamte haben, war für mich ein Weg, die Figur zu verstehen und mich in sie hineinzuversetzen.
Politisch und gesellschaftlich ist seit dem ersten Roman viel passiert. Trump, MAGA – und Black Lives Matter zum Beispiel. Wie hat all das Ihr Schreiben geprägt?
All das hat das letzte Buch der Reihe, „Guide Me Home“, sehr stark geprägt. Darren ringt mehr denn je mit dem Zustand der Welt. Und ich als Autorin rang mit dem Genre, in dem ich schreibe – insbesondere damit, einen Polizisten zu beschreiben, der sich auf der anderen Seite von George Floyd und unzähligen Massakern befindet. Ich hatte eine andere Einstellung zu Waffen. Und was noch wichtiger ist: Ich war überzeugt, dass meine Figur sich fragen würde, ob Waffen immer die Lösung sind, um jedes Verbrechen aufzuklären. Wie ich im Buch auch schreibe: Manche Verbrechen lassen sich nicht mit einem Polizisten und einer Waffe aufklären. Es gibt schwerwiegendere politische Verbrechen, die auf andere Weise angegangen werden müssen.
Wie wichtig ist das Krimi-Element in „Guide Me Home“? Ich habe den Eindruck, dass es im Verlauf der Geschichte immer mehr in den Hintergrund tritt.

Ich hatte beim Schreiben des Buches tatsächlich das Gefühl, dass das eigentliche Geheimnis des Romans darin bestand, dass Darren die wahre Geschichte des Lebens seiner Mutter aufdeckte. Was die vermisste Studentin angeht, wollte ich unbedingt die übliche Vorgehensweise von Krimis auf den Kopf stellen. Hinter diesem klassischen Klischee eines Krimis – einer vermissten jungen Frau – verbirgt sich ein viel größeres Verbrechen, das politischer Natur ist.
Darrens Beziehung zu seiner Mutter ist ein zentrales Thema. Also – Versöhnung?
Als ich beschloss, die Buchreihe abzuschließen, wusste ich, dass ich drei Themen angehen musste: den Fall aus „Bluebird, Bluebird“, in dem Darren Beweismittel manipuliert hatte; seinen Alkoholkonsum; und seine Beziehung zu seiner Mutter. Der Roman ist „allen Müttern gewidmet, deren Kind nur die halbe Geschichte kennt“. Mir lag sehr viel daran, eine Art Versöhnung zwischen Mutter und Sohn anzustreben. Und auch wenn am Ende des Buches nicht alles zwischen ihnen vollständig geklärt ist, sagt Darren, dass er das Gefühl hat, seine Mutter besser zu verstehen, als je zuvor. Und das ist – vielleicht – ein Anfang für eine neue Beziehung zwischen den beiden.
Darren wird mit den Geheimnissen der Vergangenheit seiner Familie konfrontiert. Tatsächlich spielt die Vergangenheit in allen drei Romanen eine zentrale Rolle. Welche Bedeutung hat das?
Für mich steht die Vergangenheit im Mittelpunkt von allem. Wir gehen stets Seite an Seite mit den Geistern unserer Vergangenheit. Sie prägt immer und für immer, wie wir uns in der Welt bewegen. Auf persönlicher wie auch auf politischer Ebene ringen wir ständig mit der Vergangenheit.
Auf verschiedenen Ebenen ist die Geschichte unglaublich emotional – wie emotional war der Schreibprozess für Sie?
Es war für mich sehr emotional, die Trilogie abzuschließen und mich von Darren zu verabschieden. Und ich war und bin immer noch sehr bewegt davon, wo Darren am Ende des Buches landet. Ich freue mich für ihn. Ich blicke hoffnungsvoll in seine Zukunft.
Sie sind Drehbuchautorin und Schriftstellerin – ist das schwierig, oder ergänzen sich die beiden Bereiche?
Es sind sehr unterschiedliche Disziplinen, und ich liebe beide auf unterschiedliche Weise. Ich war Drehbuchautorin, bevor ich Romanautorin wurde, und ich glaube, das ist wahrscheinlich zumindest teilweise der Grund, warum mein Schreibstil so bildhaft ist. Andererseits hilft mir meine Tätigkeit als Schriftstellerin bei der Drehbucharbeit, denn auch wenn Drehbücher eigentlich nur Blaupausen sind, an denen sich Regisseur, Darsteller und Crew am Set orientieren, ist das Lesen ein literarisches Erlebnis, und ich kann sprachlich sehr präzise und bildhaft sein, weil ich Romane schreibe.
Die Natur spielt in den „Highway 59“-Geschichten eine große Rolle, nicht wahr? Warum ist das so?
Es freut mich sehr, dass Sie das sagen. Das war mir sehr wichtig. Ich habe oben erwähnt, dass die Buchtrilogie ein Liebesbrief an die schwarzen Texaner ist, aber sie ist auch ein Liebesbrief an Osttexas. Ich wollte, dass der Leser die Schönheit dieser Gegend spürt und sich in eine andere Welt versetzt fühlt.
Für Darren gibt es endlich – vielleicht – so etwas wie einen Neuanfang. Und wie optimistisch schauen Sie derzeit in die Zukunft?
Ich bin optimistisch, aber nur, weil ich mich dafür entscheide. Mein Land ist im Moment ein schrecklicher Ort, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass das Land den Kurs korrigieren kann; dass wir einen Weg aus dem Wahnsinn der Trump-Ära finden, in der wir leben. Viele Länder haben bereits durchgemacht, womit wir in den USA gerade konfrontiert sind. Die gute Nachricht: Wir sehen bereits, wie sich der Einfluss von Trump und dem Trumpismus auf das Land lockert. Ich hoffe, dass wir irgendwann aus dieser Situation herauskommen werden. Ich bete dafür, dass dieser extreme Tiefpunkt in der Geschichte wie der dunkelste Moment der Nacht ist, bevor das Licht eines neuen Tages anbricht.
Dieses Interview erschien auch im Zusammenhang der Publikation von „Führe mich heim“, Polar Verlag 2026. Mit freundlichem Dank an Verlag und Autor – d. Red.












