So reich und überraschend wie die Natur selbst
(AM) Im kleinen feinen freien Tübinger Konkursbuchverlag Claudia Gehrke hat sich die Kunst der Anthologie zu einer eigenen Meister-innen-schaft entwickelt. Als Doppelband 61 & 62 und mit 600 Seiten Umfang neue Grenzen sprengend, ist gerade das Konkursbuch „Natur“ erschienen: wissenschaftliche und persönliche Texte, Essays, Erinnerungen, Erzählungen, Gedichte und Bilder, Miniaturen. Es zeigen sich viele überraschende „kleine“ Seiten der Natur. Ein Spaziergang in Kapiteln (siehe auch hier ganz unten das Inhaltverzeichnis) führt vom Meer zu Tieren, in den Regenwald und in andere Wälder, in Städte und Dörfer, in Moor und Wüste, zu Schnee und Bergen und in den Mondschein. Wie in allen „Konkursbüchern“ ist es ein Blick von unten, aus Sicht der Menschen. Und natürlich wird auch das Verschwinden thematisiert. Das Buch oszilliert zwischen Urwald und Urbanität, Klimakrise und Kindheitserinnerung, Mythos und Molekül: Was ist Natur? Und was ist „natürlich“? … Naturerfahrungen im Alltag, Wildnis, Isolation, Kindheitserinnerungen … ein besonders opulentes Buch zum Sich-darin-Verlieren – und zum Weiterlesen, es gibt Buchtipps in einzelnen Kapiteln.

In den Konkursbuch-Bänden davor ging es um, zum Beispiel: Schönheit, Freiheit, Arbeit, Tod, der die das Fremde, Bücher, Lügen, Geld, Mädchenmuster/ Mustermädchen, Schrecken & Leiden, Müßiggang & Laster, Vernunft & Emanzipation. Das Periodikum erscheint seit 1978 als umfangreiches, schubladenübergreifendes Kultur-Jahrbuch. Jede Ausgabe widmet sich einem einzigen, oft existenziellen oder gesellschaftlichen Thema und beleuchtet dieses aus Sicht von Autoren, Wissenschaftlern, Medizinern und Künstlern. Erlaubt sind alle literarische Gattungen, dazu kommen Interviews und bildkünstlerische Arbeiten. Ein Reich der Freiheit. (Daneben gibt es als erotische Jahrbücher die „Augen“-Reihe – Flaggschiff hier „Das heimliche Auge“, auch schon im 40. Jahr.)
Wer ein besonderes Weihnachtsgeschenk sucht oder sich selbst beschenken mag und außerdem unabhänigige Verlagsarbeit unterstützen will:
Sophie Voigtmann, Claudia Gehrke: Natur. Konkursbuch Band 61 & 62. Texte und Bilder. Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 2026. Klappenbroschur, Format 21 x 14,8 cm. 600 Seiten, 120 Farbabbildungen, 28 Euro.
– Verlagsinformationen zum Buch hier. Das komplette Inhaltsverzeichnis finden Sie hier unten am Ende dieses Textes, bitte scrollen. Und mit freundlicher Erlaubnis hier ein Auszug aus der Einleitung der Verlegerin Claudia Gehrke:
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Claudia Gehrke: Überquellend
Die Natur ist zu groß für ein Buch. Unser umfangreiches Naturbuch wird ein subjektiver, wilder Spaziergang, eine Essenz aus persönlichen Einblicken und Wissenschaft.
Was ist „Natur“? Oft lese ich, Natur sei das sich selbst Überlassene, nicht vom Menschen Angepflanzte und Gestaltete. Von wann an „sich selbst“ überlassen? Vom Anbeginn aller Zeiten? Aber weiß jemand, ob nicht dort, wo „Urnatur“, „unberührter Urwald“ und letzte unberührte unbekannte weiße Flecken auf den Landkarten vermutet
werden, vor langen Zeiten auch Menschen waren, „verschmolzen“ mit dieser Natur? Ihre Spuren noch unentdeckt.
In Europa gibt es nur noch wenige Ecken mit erhaltenen „Ururwäldern“. Andere Wälder werden sich selbst überlassen, neue Wildnisse entstehen. Feuchtgebiete wurden trockengelegt, Wanderdünen mit Kiefern bepflanzt, damit sie nicht mehr wandern, Flüsse begradigt, in zu enge Betten eingesperrt, ihre Überlaufflächen bebaut, Überschwemmungen, Fluten. „Renaturierung“. Die mäandernde Fortbewegung von Flüssen wieder ermöglichen.
Weiterhin verschwindet erschreckend viel „Natur“. Doch es fällt uns nicht unbedingt direkt auf, vor unserer Nase:
immer auch Natur. Tiere in Städten. Um die sechzig verschiedene wild lebende Säugetierarten hat man bisher in Berlin registriert. Der „verwahrloste“ Garten überquellend gefüllt mit wild wachsenden Pflanzen. Klingt manchmal so, als sei „Natur“ vor allem wild und wirr: Dabei folgt sie schon im Kleinsten oft erstaunlich klaren Strukturen. Die „Fibonacci-Folge“1 wurde im frühen 13. Jahrhundert in Europa bekannt durch Fibonaccis Aufzeichnungen der Entwicklung von Kaninchenpopulationen. Pflanzen ordnen Blätter in dieser Folge an, weil dann alle Licht bekommen, Spiralen auf Schneckenhäusern, Fruchtstände in Sonnenblumen, der Romanesco, Ananasschuppen etc. Und die Menschen haben sie für den berühmten Goldenen Schnitt übernommen. Die Postkarte im „Konkursbuch“ Schönheit zeigte ihn.
Auch gibt es „Natur“ nicht allein in unverändert belassenen „Naturlandschaften“, sie ist überall und wir in ihr. Die hübschen hügeligen Streuobstwiesen in unserer Gegend sind keine Natur, sondern gestaltete Kulturlandschaft. Der romantische Blick auf Bäume, Wälder, Tiere, Landschaften, Flüsse, das Meer formt Bilder – sind diese Natur oder Kunst? Ist nicht jede Pflanze, ob angepflanzt oder von selbst gewachsen, in sich Natur, besiedelt von Insekten, Flechten, Vögeln, im Austausch mit anderen Pflanzen und mit Pilzen. Der angepflanzte Obstbaum, das angepflanzte Korn, der einzelne Baum, der einzelne Halm: Natur in einer „Kulturlandschaft“?
Ist das überhaupt ein Widerspruch?

Die Natur ist zu groß, nicht nur für ein, sondern für alle Bücher. Es gibt die Buchreihe „Naturkunden“ (bis Sommer 2026 sind bereits 131 Bände mit Porträts von Tieren und Pflanzen erschienen, Esel, Birken, Papageien, Korallen, Leuchtkäfer, Bärtierchen und so weiter, herausgegeben von Judith Schalansky, hübsche Geschenkbände). Gerade erschienen ist auch eine 688 Seiten dicke Neuausgabe der Naturzeichnungen von Ernst Haeckel (1834–1919) und es gibt Bücher mit kleinen Auswahlen der Naturzeichnungen von Maria Sibylla Merian (1647–1717), geboren knapp 200 Jahre vor Haeckel und gut 100 Jahre vor dem Naturforscher August von Humboldt. Eine ihrer berühmten Metamorphosen von Schmetterlingen war im Konkursbuch Schönheit zu sehen. Doch so viele Zeichnungen, Fotos und Ausstellungsstücke aus der Natur es auch gibt, „die Natur“ lässt sich nicht vollständig katalogisieren und erkennen.


Eins der größten Naturmuseen in Europa ist das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt/M. Es beherbergt auch ein Archiv an Zeichnungen und Publikationen, darunter Originale von Maria Sibylla Merian – und von meiner Großtante Gertrud v. Möllendorff (verheiratet Winter, 1882–31.12.1945). Ihre Eltern2, meine Urgroßeltern Betty Blau und Otto von Möllendorff, waren eng mit der Senckenberg Gesellschaft verbunden.

Otto, ausgebildeter Zoologe, sammelte sein Leben lang in der Natur, von ihm ist ein großer Teil der Molluskensammlung des Museums. In den verschiedenen Orten auf der Welt, wo sie lebten, Philippinen, China und Litauen, waren die Kinder mit ihm unterwegs und lernten zeichnen „nach der Natur“. Ottos Molluskensammlung füllt im Senckenbergarchiv einen Raum voller Regale mit großen Schubladen – Betty schrieb handschriftliche Listen der Fundstücke und colorierte Zeichnungen.
Nach dem Tod von Otto zeichnete Gertrud seine philippinischen Mollusken für ein Buch. Gertrud war als wissenschaftliche Zeichnerin in der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung angestellt, zeichnete für naturwissenschaftliche Zeitschriften und Bücher sowie Insekten-Schautafeln. Von ihr sind die meisten Illustrationen des Buchs „Die fossilen Gehirne“ der Paläontologin Tilly Edinger, mit der sie eine enge Freundschaft verband (auch in der Nazizeit, in der Edinger nicht mehr ins Museum durfte, sahen sie sich oft).3
Ich habe Farbkopien von Naturzeichnungen aus der Familie, viele von den Schwestern Hildegard (1892–1977) und Gertrud (vor allem aus der Zeit vor ihrer Senckenberg-Zeit). Manchmal hat Gertrud wissenschaftliche Erklärungen auf Zeichnungen ihrer Schwester geschrieben.

Ob alle bisher entdeckten Molluskenarten (und die noch unentdeckten), die es auf der Welt gibt, in ein ein-
ziges Museum passen würden? Es gibt viele unentdeckte Arten in allen Gattungen, und vermutlich werden wir viele niemals kennenlernen, da sie aussterben, bevor sie hätten entdeckt werden können.4 Auch alle Arten aus dem großen „Reich“ der Pilze zu katalogisieren, ist unmöglich, denn dauernd werden neue entdeckt.
Neben wissenschaftlicher Zeichnungen und Fotos gibt es überall Naturbilder. In unserer Tageszeitung (Schwäbisches Tagblatt) erscheinen so gut wie täglich Tier- oder Pflanzenfotos mit kurzen Texten, Schmetterlinge, Libellen, eine schwimmende Schildkröte, die direkt in die Kamera blickt und mir seltsamerweise noch vor Augen steht, Tiergeburten in der Wilhelma, tragische Tierschicksale. Und erst auf Social Media: endlos viele Seiten mit hübschen Fotos und Videos – ob eine kleine schön gezeichnete Motte oder ein Tiger, Hamster, Igel, eine Wildblume, die Lüneburger Heide oder ein niedliches Rehkitz … romantisierende Heile-Welt-Fotos, aber auch Naturschutzseiten. Seit ich beim Nachdenken über dieses Buch begonnen habe, Natur- und Wetterfotos anzuklicken, werden mir immer mehr Seiten zu diesen Themen angeboten. Darunter immer mehr KI-gestaltet, manche geben es an, andere erläutern, ob und wie das hochgeladene Foto bearbeitet wurde. „Wildblumenwiese“,
„Die kleine Welt der Feldhamster“, „Eichhörnchen-Liebe“, „Fox Lover“, „Once upon a Forest“ und so weiter. Auch ich poste Naturfotos (ohne KI), Nebel, Himmel, Hügel, Wald.
Die unendlich vielen Lebewesen werden in großen Gruppen („Reiche“ genannt) kategorisiert: Pilze, Pflanzen und Tiere. Dazu Bakterien und Einzeller (zum Googeln: sie werden „Archaeen“ genannt, klingt nach Arche Noah). Steine seien keine Lebewesen. Auf meinem Schreibtisch gibt es ein kleines, schweres, leicht gekrümmtes Stück Fossil von der Alb, das liegt gut in der Hand; fühle mich, wenn ich damit herumspiele, wie soll ich sagen, woanders, angenehm abgelenkt vom Aktuellen und irgendwie „verbunden“ mit einer früheren Welt, mit lebendigen versteinerten Tieren, der Stein, der ein Fischsaurierwirbel war.

Auch Natur: Vulkanausbrüche, Gewitter, Stürme, Riesenwellen, Feuer. Brände, in Hitzezeiten immer mehr, ausgelöst durch durch menschliche Unachtsamkeit. Sie können sich auch „natürlich“ entwickeln. Auf den kanarischen Inseln brannte es schon vor ihrer Besiedelung. Es gibt auf den Inseln Lorbeerurwald (dort brennt es aufgrund der Feuchtigkeit seltener) und viele Kiefernwälder. Die kanarischen Kiefern haben sich mit dem Feuer angefreundet, sich angepasst mit einem Kern aus hartem nahezu unbrennbaren Holz und vielen schützenden Schichten Rinde über dem lebendigen Bereich, aus dem kurz nach den Bränden frische Triebe aus dem Schwarz sprießen. Nur das Äußere, die Borke ist verkohlt. Und durch die Hitze des Feuers öffnen sich Zapfen und verstreuen Samen, sodass auf dem vom Feuer „gereinigten“ und mit Asche gedüngten Boden besonders viele kleine Kiefern wachsen, anfangs ohne Konkurrenz durch andere Pflanzen. Auch heute entstehen manche Brände „natürlich“: durch Blitzeinschläge, gärendes Heu (das kann sich selbst entzünden), ausgetrockneten Torf (Torf kann sich durch chemi- sche Prozesse so stark erhitzen, dass er von selbst zu brennen beginnt, unterirdische „Zombiefeuer“).
Von einer Gegend in eine andere kommen Pflanzensamen und Tiere, in den Mägen von Vögeln oder in Heuschreckenschwärmen, mit Reisenden und Waren … Die Tiere vermehren sich, die Samen lassen Pflanzen wachsen, die sich ausbreiten, weil oft „natürliche Feinde“ fehlen und so verdrängen diese „invasiv“ genannten
Arten ursprünglich dort lebende, endemische Arten.

Eingeführt auf die kanarischen Inseln wurden vor Jahrhunderten Opuntienkakteen, auf denen Cochenille-Läuse gezüchtet wurden, daraus roter Farbstoff gewonnen. Seit der Erfindung künstlicher Farbstoffe waren sie keine eingeführten „Nutzpflanzen“ mehr, doch sie prägen Teile der Landschaft. Gehören sie nicht längst zur „Natur“ der Inseln? Vor Kurzem verwandelte eine aggressive Variante der Cochenille-Laus viele auf der Insel La Palma in Skelette. Eine einst „fremde“, bald weit verbreitete Pflanze wurde von einer bösen Laus Jahrhunderte später wieder reduziert.
Vertreibung, Wanderung, Verwandlung. Das Katzenschwanzgras, irgendwann von Auswanderern als hübsche Zierpflanze an ihr Häuschen gepflanzt (oder war es gar die Inselregierung selbst, die sie am Flughafen pflanzte, und nicht die „Fremden“?) breitet sich rasend aus, nimmt sich den Lebensraum anderer Pflanzen, vernichtet die Flora, die dort vorher war, Teile der Insel versteppen (im Verhältnis sind es nur kleine Teile, es gibt noch immer eine sehr große Vielfalt an Pflanzen in allen Höhenlagen) – ist das ein natürlicher Prozess, dass sich die Natur eines Ortes verwandelt? Oder Gewalt, die ihr angetan wird? Auch innerhalb der endemischen Inselflora wandern Pflanzen. Pflanzen und Tiere reagieren auf Veränderungen. Sie wandern nach oben, weil es auf ihren Höhen zu warm wird. Das trocken gelbe Gras in Massen sieht schrecklich aus, aber ein einzelnes Büschel im Wind wehend hübsch.
Ein Bild, das wir, eine Freundin und ich, uns beim Anblick eines der katzenschwanzgras-versteppten Hügel ausmalten: Wir sahen Giraffen auf dem Hügel in einer Steppe, eine hübsche Fantasie. In der Realität brauchen sie Bäume, um daran zu fressen, und die fehlen auf „unserem“ Katzenschwanzhügel.

Tiere ernähren sich von Pflanzen oder Tieren, Raubvögel fangen Mäuse und so weiter, es gibt Ernährungsketten, die Überleben bedeuten – es scheint alles seinen Sinn zu haben in einer miteinander kommunizierenden Welt, die Arten bleiben erhalten, eine Art stützt die andere, vernichtet wird, denke ich, ich weiß es nicht wirklich, nicht „einfach so“. Es sei denn, Gegenden sind aus dem Gleichgewicht geraten. Die Anzahl der Fische vor den Kanaren ist nur noch etwa 10 % der Anzahl in den 1950er Jahren.
Der große Vulkanausbruch 2021 hat Häuser, Gärten, Plantagen, einen großen Strand und Wald unter Lavamassen begraben, ein ganzer Landstrich (im Verhältnis zur gesamten Insel ist er klein, ca. 1,7 %, vor Ort aber riesig) verschwand unter Schwarz, und nun zeigt sich genau dort der Neubeginn. An den Fajanas – den neuen Lavahalbinseln im Meer, die die Insel 2021 größer werden ließen – hat sich in kurzer Zeit neue Meeresflora und -fauna entwickelt, es finden sich Arten, die es vor der Küste der Insel nicht mehr gab. Und bisher unbekannte Arten. Auch neue Strände sind entstanden. Noch sind dort keine Menschen. Vielleicht wäre es gut, es so zu lassen, doch im Moment (fünf Jahre nach dem Ausbruch) wird debattiert, wie man sie für Inselmenschen und Gäste zugänglich machen kann. In Vulkanhöhlen oben am neuen Berg fand man vor Kurzem Mikroorganismen, die es angeblich sonst nur auf dem Mars gibt (von Robotern entdeckt). Immer wieder bildet „Natur“ sich neu.
Wo bleibt das Alte, unter Lavaströmen Begrabene, fragt sich Lucía Rosa González: „Wenn die tödliche Lava auf die Landschaft niedergeht, was passiert dann mit der Landschaft in der Dunkelheit? Wird sie sich wehren? Werden ihre kleinen Pollenkörner aus irgendeinem Spalt im Strom herausschwimmen? Hat jemand diesen Prozess des Verschluckens untersucht? Wird es eine exakte Kopie des genetischen Codes von etwas geben, das dort war und in fünftausend Jahren oder mehr nach und nach durch das Ödland freigesetzt werden wird?“
„Konkursbuch Natur“ ist ein buntes Kaleidoskop, und wir sind mittendrin, schwelgend oder in spannenden Konfrontationen, kritisch, beunruhigt, sachlich und naturwissenschaftlich, wir laufen vom Moor in den Wald, stolpern, gehen weiter zu Insekten und Vögeln und Bären, ans Meer, zu Flüssen und Seen, auf einen Gletscher und durch Sand – viel Wald kommt vor, wenig Wüste – wir liegen im Mondlicht, schauen in die Wolken und auf die Gewalten der Natur … Die Überfülle der Natur kann ein Buch mit begrenzter Seitenzahl nur andeuten.
Weil das Konkursbuch immer weiter gewachsen ist, haben wir eine Doppelausgabe daraus gemacht. Es gibt unendlich viel mehr Faszinierendes über Verhalten von Tieren und Pflanzen, über die Wälder und Wildnis und Körper und die Entstehung von Naturphänomenen und – ich könnte jahrzehntelang lesen.
Schon in uns selbst ein Natur-Kosmos, und jeder Teilbereich mehr als ein Buch. Immer wieder entdeckt die Wissenschaft Neues. Neulich las ich, es sei nicht so, wie bisher angenommen, dass das schnellste Spermium ein Ei befruchte. Nein, Eier und Spermien „kommunizieren“ durch Botenstoffe, und so sucht das Ei sich die passende Zelle aus. Kommunikation zwischen Darmflora und Gehirn. Zwischen Nervenbahnen und Synapsen. Zwischen den Myzeln der Pilze und Pflanzen. Kommunikation (und nicht allein die Fortpflanzung) ist ein Grundprinzip der Natur und auch des menschlichen Zusammenlebens. In diesem Sinne freuen wir uns, wenn Sie mit uns kommunizieren und sich hineinziehen lassen in das Rauschen, Plätschern, Zwitschern, Donnern und Gesumm des Buchs.
Tübingen, im September 2026
Anmerkungen
1 Folge 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144 … immer die jeweils zwei vorigen Zahlen zusammengezählt
2 Otto von Möllendorff war Hauslehrer in der Familie des Botanikers und Diplomaten Otto Blau. Während des Deutsch-Französischen Kriegs ging er mit der Familie nach Bosnien und promovierte mit „Beiträge zur Fauna Bosniens“. Er beobachtete und sammelte sein Leben lang, vor allem Mollusken. Anfangs auch Lebendes. Die Kinder von Otto Blau erinnern sich: „Seine Stube bevölkerte sich zu Mutters Entsetzen mit allerhand Gewürm. Da krochen Schildkröten herum, zogen Schnecken ihre Schleimspuren, da sah man in Aquarien und Terrarien Salamander und Molche, Kröten und Frösche.“ Durch Vermittlung von Otto Blau kam er als „Dolmetscher-Eleve“ nach China, dann auf die Philippinen und nach Litauen. Als er 1880, nach vier Jahren China, das erste Mal auf Urlaub zurückkam, heirateten Betty, eine der Blau-Töchter, und er (damals gab es viele Vornamen: Anna Johanna Helene Viktoria Betty). Betty hatte auf ihn gewartet. Eine romantische Liebe, hieß es in der Familie. Schon Ottos Vater, Heinrich Ludwig Friedrich Christian Georg von Möllendorff , interessierte sich für Natur und war die letzte Zeit seines Lebens Präsident der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz, in der die Molluskensammlung des Senckenbergmuseums ihren Anfang nahm. Dessen Eltern, reiche Gutshofbesitzer, hatten alles während der Napoleonischen Kriege verloren, sodass Heinrich arm aufwuchs – seine Beerdigung wurde von der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft bezahlt. Ich erwähne das nur, weil ich überrascht bin, wie lange zurück und auf wie viele Kriege (und Wellen der Spanischen Grippe, Betty starb daran) sich blicken lässt, nur, um die Natur Zeichnungen aus meinem „Familienarchiv“ neben den Berühmtheiten Ernst Haeckel und Sibylla Merian zu umrahmen. Betty und Otto bekamen sieben Kinder: Wichard, Gertrud (die wissenschaftliche Zeichnerin, geboren 1882), Otto, Wilhem, Hildegard, Irmgard und als letztes 1899 Ulrich, mein Großvater. Er wurde noch in Kowno, Litauen geboren, die Familie zog nach Frankfurt/M. Otto starb bald nach dem Umzug, 1903 (es wurde vermutet, an den Spätfolgen eines Giftanschlags (damals war so etwas üblich) durch einen intrigierenden Mitarbeiter auf den
Philippinen). Nach dem Tod Ottos waren die jüngeren Kinder mit Ulrich weiterhin viel in der Natur unterwegs, besonders in den Feuchtgebieten rund um Frankfurt, im Enkheimer Ried und vielleicht auch in dem kleinen Sumpf nicht weit vom Enkheimer Ried, der zu meiner Kindheitswildnis werden sollte.
3 Vom 25. 9. 2026 bis 31. 10. 2027 gibt es im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt die Ausstellung „Versäumte Bilder: Frauen in der Naturforschung“.
4 Ein interessanter Essay: Mikael Vogel, „Tier“, Verlagshaus Berlin, 2024
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Das Inhaltsverzeichnis
Vorwort Sophie Voigtmann 6
Claudia Gehrke: Überquellend 8
Elisabeth Richter: Nur ein Blitz 22
Achim Stegmüller: Spuren 24
Cornelia Manikowsky 26
Gewässer & Wolken 31
Susanne Brandt: Familienspuren – Keine Wurzeln, aber das Wasser 33
Michael Hellwig: Strand 36
Mitch Cohen: Ein See in Oregon 37
ingo cesaro: Im Flussdelta … 38
Alba Ruiz Dunbar: Das Flussfeld 39
Fluss-Auen 40
Ewald Weber: Am Bach 42
Ilona Pohl: Glück, das es nicht mehr gibt 45
Tobias Pagel 47
Sigrun Casper 48
Yoko Tawada: Meine Salzwassermutter 54
Julian Purrmann: Was es bedeutet, eine Rechtsperson zu werden 64
Henrike Lang: Ich liebe das Meer nicht 76
Semiramis 83
Anja Liedtke: Landfall 84
Elke Hübener-Lipkau: Eine gute Frage 91
Christian Jung: Ein Strandspaziergang … 92
Laya Bekdash: Welt meines inneren Kinds 106
Souad Zakarani: Am Meer 107
Benita Bonk: Landunter 108
Fragen und Antworten: Regina Nössler, Sigrun Casper, Dagmar Wallén, Benita Bonk, Joey Juschka, Anna Breitenbach 109
Lucía Rosa González: „Sternenhimmel, feuchter Boden … “ 115
Christl Greller, annäherung an den see 117
Martin Gudd: Schauen Sie mal! 119
Jaqueline Andres: Lungen der Welt unter Beschuss 130
Tiere 136
Daniel Klaus: Der Gesang der Hunde 136
Yoko Tawada 137
Mikael Vogel, Vier Gedichte 139
Jürgen Wertheimer: Rückeroberung 145
Achim Stegmüller: Außer Kraft gesetzt 152
Nikolas Wollbrink: Der falsche Wal 154
Miriam Thiel-Alberts: Tollwutgebiete 156
Anna Arning: stein bin ich / inferno 163
Michael Hannon: Herzland 164
Guido Sprenger: Ist die Natur am Ende? … 165
Sofie Morin: Traumatiere 176
Daniel Sander: teichtroubadour … 181
Daniela Mera-Rodríguez: Weibliche Imperien
Das geheime Leben in Ameisenkolonien 182
Tanna Künemund: Tapetum lucidum 185
Christian Stielow: Memento Mori 186
Manfred Pricha: Und … viel zu … mutiert 186
Andrea Karimé: Libanontaube … 187
Eva-Maria Bauer: Amsel-Lied 188
Beatrix Saadi-Varchmin: Singende Dinos oder: Wild und schön – als Birderin unterwegs 190
Susanne Brandt: Freiluftpoesie … 200
Eva Christina Zeller: Fast ein Gespräch … 204
Silke Andrea Schuemmer: krr-krr-krr tru-… 206
Christian Stielow: Ochsen-Epos 208
Ute Braun: Die rote Lady 209
Magda Wystub: Queering Nature 211
Anna Loog: Wild thing 219
Nadja Nickel: Riecht ein Igel an einem Schneeglöckchen? 222
Sascha Richter: Artensterben 224
ingo cesaro: Abschiedswinken 225
Alba Ruiz Dunbar: Übersetzung 226
Fragen und Antworten: Mikael Vogel, Burghard Schlicht, Liam, Lea & Sarah Gehrke, Sonni, Claudia Gehrke 231
ingo cesaro: Im Glaskasten ausgestellt 240
Matthias Rude: Befreiung der Natur 242
Alieren Renkliöz: Feinde … 248
Thorsten Libotte: Rache 251
Helmut Blepp: Langer klebriger Sommer 252
Vanessa Kreitlow: Haben Silberfischchen Ohren? Fridays for Haiku 255
Stefanie Stocker 258
Marina Lioubaskina: Sieben
Gedanken einer Fliegenzüchterin 260
Regina Nössler: Der Spaziergang 264
Dickicht, Wald, Wildnis 271
Elisabeth Richter: Anmutiges Schlachtfeld 272
Alice Grünfelder: Wer nicht geht, fällt nicht 274
Wildnis-Romane 283
Im Regenwald 289
Bianca Kühnert u.a.: Projekt Saúva 292
Luciana Veríssimo: Preguiça-de-Coleira 296
Ingeborg Gleichauf: Im Schwarzwald 297
Andreas Zimber: … im Pfälzerwald 299
Dagmar Wallén: Was mir beim Gedanken an die Natur in den Sinn kommt 303
Sascha Richter, Herbsttöne 311
Daniela M. Ziegler: Waldheimweh 314
Bernd Lange: Diesseits der Stille 319
Ines Dietrich: Naturtagebuch 332
Fragen und Antworten: Ines Dietrich, María Gutiérrez, Elisabeth Richter, Lucía Rosa González,
Cornelia Lorenz, Zuzanna Finger, Barbara Fellgiebel, Souad Zakarani, Anja Müller 335
Burghard Schlicht: Eine frühe Begegnung mit Natur? 348
Philipp Nowotny: Der Wald 354
Klaus Reinhard Oehler: Gesetz der Natur 360
Emrys Perera 369
Christian Jung: Die Kraft der grünen Lunge 370
Anna Breitenbach: Abendland 387
Lisa Karrer: Forest for the trees 388
Ruth Forschbach: Kronzeugen 392
IsaTschierschke: Diedeutsche Befehlskette 394
Souad Zakarani: Mein Baum 397
Francis Kaufmann: Baumgeister-Illusionen 398
Achim Stegmüller: Taishogun 402
Lucía Rosa González: Feigenbaum 404
Sascha Steglich: Im Park 405
Ewald Weber: Was nützt das Hungerblümchen? 408
Oliver Jung-Kostick: Keine Einbahnstraße 416
Thomas Kirchhoff: Was ist Natur? 417
Der Pilz 426
Mond & Sterne 429
William Wordsworth: Ein Nachtstück 431
Alf Mayer: 12 Mal zum Mond geblinzelt 432
Benita Bonk: Die Küsse des Mondes 438
Bastian Kienitz: Raumkonzept / nocturne 438
Landleben 441
Karin Seidner: Ein Garten für alle 443
Christl Greller: rasenstück 444
Marlies Blauth: Caryopteris … 444
Eline Menke: Das Leben bleibt … 445
Stephie Abels: Eine Kindheit … 446
Carla Mönig: Wilde bunte Prignitz 452
Oliver Jung-Kostick: … Heidelbeeren! 454
Nadja Nickel: Achtung, Maisernte! … 458
Yanka Klee: Vorwand 462
Heinrich Beindorf: Neubauten 463
Juliane Delkeskamp: Im Sommerwinkel 464
Karsten Beuerle: Namespace: Wildnis 471
Johannes Balve: Natürliche
und Künstliche Intelligenz 478
Willi Dittrich: Feuerdorns Rache 487
Stine Wetzel: Im Blumenmeer 488
Bernd Kebelmann: Natur von Kalkdorf 495
Jürgen Dirk: „Schau auf dieses Dorf“ 501
Ursula Heinzelmann: Naturkäse 504
Dagmar Schilling: Düfte meiner Kindheit 514
Marcus Jensen: We Trust 517
Katharina Voss: Die schöne Friseurin 519
Helena Renner: Heavy Flow … 522
Ein Feuchtgebiet 526
Moor, Wüste, Schnee, Eis, Berge 527
Janthe Schröder: … das Moor sei langweilig 529
Nele Miesner: Ich geh ins Moor 532
Mara Lou Riedel: Leben eines Hochmoores 534
Manfred Pricha 535
Tanna Künemund 536
Henrike Weyh: Getragen 542
Philip Krömer: Jedem Tritt ein Quellchen 544
Maximilian Muck: Saharastaub 549
Bernd Krippl: Sahara 554
Andrea Kurschus: Westsahara 554
Sigrun Casper: Schneeflocken 558
Klaus Esterluß: Bleich wie Schnee … 561
Mara Lou Riedel: Abschied eines Gletschers 566
Sascha Richter: Das Sterben des Eises 568
Henrike Lang: Die Berge und ich – 570
Daniel Klaus: In den Bergen 574
Lucia Rosa González: Vulkan 576
Alf Mayer: Berge, Schule der Bescheidenheit 579
Epilog: Alexander Stoeger: Natur ist 584
Viten 592




















