Geschrieben am 1. November 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag November 2026

Ralf Junkerjürgen liest Gerald Funk »Leise Lügen«

Große Kleinkunst

Ralf Junkerjürgen zu den Miniaturen „Leise Lügen“ von Gerald Funk

In 18 Texten, deren Länge von einer bis zu zehn Seiten reicht, entwirft der Herausgeber, Kritiker und Autor Gerald Funk (*1962) literarische Miniaturen, in denen Essay, autobiografische Erinnerungen und fiktionales Erzählen kunstvoll miteinander verschmelzen. Wenn diese Zutaten die Rohstoffe der meisten Texte bilden, so erlauben deren unterschiedliche Gewichtigungen zugleich, sie hier zwecks eines Überblicks etwas zu ordnen.

Zur selbstreflexiv-essayistischen Gruppe gehört gleich der erste Text, „Das Ausbluten der Welt“, der den anderen wie eine Einführung vorangstellt ist: Kunst und Literatur werden darin als echte Erfahrungen verteidigt und nicht als Wirklichkeitsflucht degradiert. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die künstlichen Welten seien einfach schöner und farbiger als die Wirklichkeit, und der Zauber, mit dem sie diese überhöhen, gründet auf jenen „leisen Lügen“, die der Sammlung als Titel und gleichsam als Motto dienen.

Die darauffolgende „Marionettengeschichte“ setzt diese Theorie konkret um und erzählt von einem scheinbar eleganten Mann, der in der Fantasie des Erzählers überhöht wird, sich dann aber als ein vermutlich fremdgesteuerter Leergutsammler erweist – ein Irrtum also, aber mit unleugbar ästhetischer Wirkung, die im Rückgriff auf Kleists Artikel über das Marionettentheater erklärt wird. Später kommt mit „Zwischen den Stühlen“ ein Titel hinzu, der jene grundsätzliche Gattungsmischung zum Ausdruck bringt, also „zwischen Gedanke und Erzählung, zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen Anschauung und Abstraktion“, welch Funks Sammlung prägt. Spricht daraus das Formbewusstsein des Literaturwissenschaftlers Gerald Funk, der 1997 über Heinrich Schirmbeck promovierte? Gewiss, allerdings ist er dieser Zunft längst entwachsen, distanziert er sich doch von ihrer vermeintlichen intellektuellen Deutungshoheit, die er als „Attitüde der Besserwisserei“ kritisiert und mahnt zur Demut, was ich, selbst Literaturwissenschaftler mit Neigung zum Ausbrechen, gerne wörtlich wiederhole: „Nur wer selbst weiß, wie schwer das Verfassen guter Texte ist, wie sehr man um Ausdruck und Stil ringt, kann vermutlich auch mittelmäßigen Texten den Respekt entgegenbringen, den sie verdienen. Mediokre literaturwissenschaftliche Arbeiten schreiben sich leichter.“

Eine zweite Gruppe von Erzählungen kreist um die Faszination von Dingen, seien sie ein Füller, ein Spielzeugrappen oder ein alter Schal, weil diese voller Geschichten und Erinnerungen stecken, die sich aus ihnen herauserzählen lassen. Einige von ihnen geben sich jedoch nie ganz preis, wie der Füller, der einst dem Vater des Erzählers gehörte, aber offensichtlich aus dem Krieg mitgebracht wurde, wo sich dann seine Spur verliert. So werden bloß Bruchstücke erkennbar, deren Leerstellen die Melancholie von Verlust und Unwiederbringlichkeit verströmen. Das kann jedoch auch für Dinge gelten, die klar und deutlich zum Erzähler sprechen, wie ein alter Schal, der einst den Duft einer Frau in sich aufnahm und ihren Liebhaber an seinen besten Freund verriet… So widerständig die Objekte auch sein mögen, ihre Bedeutung erhalten sie letztlich immer nur über ihre Verbindung zu den Menschen. So erweist sich der „kleine Herr Sartorius“, der nichts wegschmeißen kann, nur auf den ersten Blick als Messie, der Erzähler sieht in seiner Haltung vielmehr Respekt vor der Würde und Liebe zur Dauerhaftigkeit der Objekte und adelt ihn zu einem „Hüter der Dinge“.

Und in der dritten größeren Gruppe treten ungewöhnliche Menschen in den Vordergrund; einer der schönsten darunter, der melancholisch und zugleich ernüchternde „Nachruf auf Alvin Hellriegel“, angeblich ein Schriftsteller – nach dem man jedoch vergeblich in Verzeichnissen und Nachschlagewerken sucht. Ist er eine Künstlerfiktion? Folgt er einem realen Vorbild unter falschem Namen? Oder gehört er gar zu jenen poètes maudits, die durch die Maschen von Katalogen und Bibliographien gefallen sind? Meisterhaft ist hier der knappe, stark rhythmisierte Stil, der kurze Hauptsätze, parataktische mit verschachtelten Konstruktionen gefühlvoll abwechselt und eine Zugkraft entwickelt, die einen vom ersten Satz an mitreißt.

Ein weiterer Höhepunkt ist „Hexe“, in dem der Erzähler in trockenem Humor und antithetischen Formulierungen lakonisch das Leben seiner Mutter Revue passieren lässt, einer attraktiven Frau, die nicht in der Lage war, dauerhafte Beziehungen einzugehen. Um den Erzähler selbst drehen sich „Spätzünder“, „Besuch in Christiania“ oder das kleine Juwel „Die traurigen Augen Schopenhauers“, in dem es nicht um den Philosophen geht, sondern um einen gleichnamigen Dackel, der bei einem Jagdunfall durch den Erzähler ums Leben kann. War dieser bis dahin ein kleiner Waffennarr gewesen, so wandelt er sich nun zum Pazifisten. Funk erweist sich hier als nüchterner Beobachter seines literarischen Ichs und der Welt, der das Kuriose, Widersprüchliche und Akzidentelle erstaunt und melancholisch respektiert, ohne weitere Schlüsse daraus zu ziehen, ebenso fasziniert von der Widerständigkeit der Ereignisse wie der Objekte. Und eben darin zeichnet sich der Erzähler Funk gegenüber dem Literaturwissenschaftler ab: Nicht reduzieren und abstrahieren, sondern beschreiben und festhalten, um darüber staunen zu können.

Wollte man die Erzählungen einer Ästhetik zuordnen, so stehen einige mit ihrer Vorliebe für das Fragmentarische und Leerstellen in der romantischen Tradition, wenn sie nicht sogar von der Romantik geschätzte Gattungen beleben, wie das fantastisch anmutende „Wetterleuchten“, das den Band beschließt und von einem verstörenden, scheinbar übersinnlichen Kindheitserlebnis einer stürmischen Nacht erzählt, bevor dessen Geheimnis am nächsten Morgen aufgeklärt werden kann. Zugleich ist eine postmoderne Prägung unverkennbar, z. B. in „Gefahr aus Malta“, einer Wissenschaftsfiktion in Borges‘scher Manier, in dem ein angeblicher Beitrag aus dem 19. Jahrhundert über eine „maltesische Kampflaus“ herausgegeben wird.

Gerald Funk ist mit seinen hybriden Texten eine originelle ménage à trois aus reflexivem Ernst, humorvoller Unterhaltsamkeit und melancholischen Rückblicken gelungen. Dabei sind wunderbare Miniaturen entstanden, die man wiederholt lesen kann, ohne dass sie sich abnutzen. Wenn das kein Zeichen von großer Kleinkunst ist!

Gerald Funk: Leise Lügen. Von Menschen und Dingen. Elsinor Verlag, Coesfeld 2026. Taschenbuch, 112 Seiten, 14 Euro.

** **

Ralf Junkerjürgen lehrt romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg mit den Schwerpunkten Frankreich und Spanien. Siehe bei uns, November 2025: Joachim Feldmann zu »Warum Winnetou wichtig war«.

Tags : ,