Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Eggenberger: Chandler und »Die große Hitze« von Denise Mina

Mina kann auch Marlowe

„Wieso soll man dies lesen und nicht lieber zu den Originalen greifen?“, frage ich mich meistens bei neuen Geschichten mit klassischen Krimihelden. Zu oft bleibt es bei einem handwerklich mehr oder weniger gelungenen Nachahmen des Vorbildes oder, schlimmer, es ist nicht mehr als ein müder Abklatsch. Denn was auf den ersten Blick als einfache Aufgabe erscheinen mag, stellt Autorinnen und Autoren, die es richtig gut machen wollen, vor vielfältige Herausforderungen. Einerseits müssen sie so nahe am Vorbild bleiben, dass die Figur „stimmt“ und nicht einfach nur den gleichen Namen trägt. Anderseits müssen sie eigene originelle Ideen einfließen lassen, die der Geschichte einen neuen Dreh geben.

Schon diese beiden Anforderungen, die einander entgegenstehen, führen zu einer Gratwanderung, bei der auf beiden Seiten der Absturz droht. Dazu kommt, dass man die Originalwerke sehr gut kennen muss – sie am besten wirklich liebt. 

Die schottische Noir-Queen Denise Mina bringt die Voraussetzungen für ein solches Unterfangen mit, wie ihr – vom Raymond Chandler Estate autorisierte – Philip-Marlowe-Roman „Die grosse Hitze“ (Original: „The Second Murderer“) wunderschön beweist. Dass sie als Feministin die Klassiker von Raymond Chandler liebt, mag manche wundern, doch es zeigt, dass ihr Geist durch keinen Tunnelblick beschränkt wird. Und es sind ihr Faible für selbst denkende Frauen und ihre Sympathie für queere Menschen – die man damals noch nicht so nannte – und Outsider, die ihrer neuen Marlowe-Geschichte eine ureigene Note geben. Und das, ohne die Originalfigur zu verraten.

Minas Marlowe ist ein tolles Lesevergnügen. Man spürt bei der Lektüre die Fabulierlust, die sie beim Schreiben gepackt haben muss. Lustvoll spielt sie mit den Schauplätzen in Los Angeles, dem Zeitgeist zu Beginn der Vierzigerjahre, dem typischen Chandler-Stil mit vielen witzigen Metaphern. Und sie bereichert die frühe Marlowe-Epoche mit gesellschaftlichen und sozialen Aspekten, die es damals auch schon gab, über die zu schreiben zu der Zeit aber kaum möglich war, wenn man ein breiteres Publikum erreichen wollte. Mina integriert das beeindruckend leichthändig, ohne erhobenen Zeigerfinger, in die Handlung

Wie bei Chandler ist auch bei Mina der eigentliche Krimi-Plot nicht das wichtigste. Hier wie dort kämpft sich der melancholische Privatdetektiv durch eine undurchsichtige Handlung. Er ist auf der Suche nach einer verschwundenen jungen Frau, Erbin einer der reichsten Familien Kaliforniens. Die Geschichte führt ins Kunstmilieu, da gibt es Künstler, Galeristen, Sammler, Museumsstifter, aber auch Taxifahrer, Bedienstete, arbeitslose Filmkomparsen und Säufer. Und Mina lässt auch Ann Riordan auftreten, der Marlowe in schon in Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (1941) begegnet ist. Marlowe trifft zudem auf Menschen aus allen Schichten, von den Reichsten oben auf den Hügeln bis zu den verlorenen Seelen in düsteren Bars, die schon mal so mies sind, „dass Ratten sich beim Rausgehen die Füße abwischen“, oder „die auch als Notaufnahme durchgegangen“ wären: „Männer lagen halb auf Tischen, auf dem klebrigen Bartresen, einer schlief auf dem Hocker, eine brennende Kippe klebte an seiner trockenen Lippe, aus seinem Bart stieg der beißende Mief von verbranntem Haar.“

Zuweilen überkommt Marlowe das Gefühl, selbst zu diesem Bodensatz der Gesellschaft zu gehören. In einer Absteige für diese Menschen, dem Alhambra Hotel, landet er im Vollsuff. Als er da verkatert herumklönt, weist die Betreiberin, die den schönen Namen Sunshine Aziz trägt, den Schnüffler scharfsichtig zurecht: „Die sind kaputt. Du bist traurig. Ist was anderes.“

Und Marlow bemüht sich, Haltung zu zeigen. Seinen Werten und Prinzipien treu zu bleiben. Der Wahrheit verpflichtet zu sein, sich mehr für Gerechtigkeit als für das Recht zu engagieren, sich nicht korrumpieren zu lassen, schon gar nicht von Reichen. Dennoch muss er am Ende nochmals hoch auf den Hügel, auf den er eigentlich nicht mehr wollte, „aber die hartnäckige gesellschaftliche Konvention, die man Miete zahlen nennt, brachte mich dazu“.

Denise Mina: Die große Hitze. (The Second Murderer, 2023). Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2026. 302 Seiten, 24 Euro

Hanspeter Eggenberger veröffentlicht als einziger Kritiker im deutschsprachigen Raum so gut wie je Woche die Besprechung eines aktuellen Kriminalromans. Seine Internetseite krimikritik.com sei hiermit ausdrücklich empfohlen., d. Red.
Seine Texte bei uns hier.

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