Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Alf Mayer atmet auf bei »Der Mann vom Meer« von Jochen Brunow

… auf Sardinien © Foto: Jochen Brunow

Politik und Sonne, Atem und Wellenschlag

Zum Kriminalroman »Der Mann und das Meer“ von Jochen Brunow

Es fehlt eine Atemgeschichte der Literatur. Welche Bücher lassen tief zufrieden ausatmen am Ende, schwingen glücklich nach? Die Literaturwissenschaft hat dafür keine Kategorie. Als würde man nur mit dem Kopf lesen, der Körper taub. Dabei lesen – immer – alle Sinne mit. Und sind mit dabei beim Eindruck, den ein Buch uns macht. Das Erlebnis ist immer auch physiologisch grundiert, korrespondiert mit dem Intellekt. Wir aber tun so, als ob der Körper und der Atem hier nichts zu sagen hätten.

Ich jedenfalls habe mit einem glücklich-tiefen Ausatmen den Kriminalroman »Der Mann vom Meer« zugeklappt und der Reise nachgesonnen, die Jochen Brunow mit dem pensionierten Polizisten Gerhard Beckmann im nun dritten Buch der Reihe unternommen hat. Es war riskantes Gewässer, Ausgang ungewiss, die Themen alles andere als einfach. Ein Thesen-Frühstück wäre bei vielen anderen Autoren daraus geworden. Stattdessen aber schwirrt die Luft, summen die Insekten, riecht die Landschaft, freut uns der kleine Regenbogen aus dem Gartenschlauch beim Gießen am Morgen, glänzt der Tau im Pelz der Macchia, sind die Sinne wach, die politischen inklusive, und ist ein Hier-und-Jetzt und letztlich dann ein Einverstanden-Sein. Ein zeitgenössischer politischer Kriminalroman höchster Güte, sinnesprall und -freudig dazu. Literatur mit Puls, Atem und Wellenschlag. Und mit viel Welt. Welthaltig, hätte Erich Auerbach ihn genann. Sein Standardwerk »Mimesis: Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur« begründete 1946 diesen Begriff.

»Im Wetterbericht studierte er die Isobaren und die Vorhersagen für den morgigen Tag. Das Hoch über dem zentralen Mittelmeer war stabil. Sonnenaufgang um 6 Uhr 15. Leichter auflandiger Wind von höchstens zwei Beaufort, keine Wolken.
Das klang verheißungsvoll. Die See würde nur schwach bewegt sein.
Das Meer erwartete ihn.«

Nach »Verdeckte Spuren« und »Die Chinesin« ist »Der Mann vom Meer« der dritte Kriminalroman von Jochen Brunow. Der ist eigentlich Drehbuchautor, schrieb BERLIN CHAMISSOPLATZ (1980) und »SYSTEM OHNE SCHATTEN (1983), gehörte zu den Gründern der Zeitschrift »Filme« (siehe dazu nebenan Oliver Jörns), dann des Berufsverbandes der Drehbuchautoren und leitete die Drehbuchakademie der dffb Berlin. Das Erzählen ist ihm schon sehr lange Thema. Zentral dabei für ihn stets der »sense of place«, die räumliche Verortung.  Seinen Büchern gibt das die wunderbare Körnigkeit eines echten Kinofilms. Licht und Atem inklusive. Ja, wenn ein Buch dich zum bewussten Atmen bringt, gar zum Innehalten, dann ist das eine literaturästhetische Kategorie.

Mit Gerhard Beckmann, einem zwangspensionierten Kriminalrat des LKA Berlin, ist Jochen Brunow eine formidable Serienfigur gelungen. Dieser Beckmann trägt in mehrfacher Hinsicht. Schon gleich der erste Auftritt in »Verdeckte Spuren« war begeisternd, ihm zu folgen ein rundum sinnliches Vergnügen. »Die Chinesin« öffnete dann noch einmal ganz andere Augen auf ein Sardinien jenseits der Reiseprospekte und der üblichen Ferien- oder Destinations-Krimis, die Bretagne oder die Ost- und Nordsee hinauf und hinunter, im Flachgewässer. Die Beckmann-Romane haben wunderbare Naturbeschreibungen, atmen Landschaft, bezeugen Respekt vor der Inselkultur. Weiten den Blick. Mit Beckmann möchten wir lernen, »die Kreaturen an ihrer Stimme zu erkennen, nachts in der Macchia«, und dem auf die Spur zu kommen, was diese Insel mit dem smaragdgrünen Wasser so besonders macht, wer diese Sarden sind.

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Federico räusperte sich, nahm noch schnell einen Schluck Wein und begann zu rezitieren:
»Wir sind Spanier, Afrikaner, Phönizier, Karthager, Araber, Pisaner, Byzantiner, Piemonteser.
Wir sind das Goldgelb der Ginsterbüsche, die über den granitenen Wegen der Gallura herabfallen wie große, leuchtende Lampen.
Wir sind die wilde Einsamkeit, die immense, tiefe Ruhe, die Pracht des Himmels, das Weiß der Zistrose.
Wir sind das dichte Reich der Wilden Pistazie, der Wellen, die den alten Granit umspülen, der Hagebutte, der Unendlichkeit des Meeres.  
Wir sind ein altes Land langer Stillen, reiner und weiter Horizonte, dunkler Pflanzen, von der Sonne und der Blutrache verbrannter Berge. Wir sind Sarden.

Das habe ich in der Schule gelernt, als man noch Gedichte auswendig lernen musste. Es ist von Grazia Deledda.«

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Natürlich ist es ein erzählerischer Kunstgriff, dass Beckmann das Hinterland seines ursprünglich nur als Feriendomizil geplanten Refugiums mehr und mehr erkundet und immer tiefer in die Mythen und Geheimnisse Sardiniens eintaucht – während ihn die Vergangenheit nicht loslässt. Dieses Mal erforscht Beckmann das Meer und wir erfahren, ob die Sarden eigentlich Seefahrer waren. Gleichzeitig wird es politisch, erst die militärische Gegenwart und Vergangenheit Sardinien ausgeleuchtet, dann bis zur Schmerzgrenze aktuell und heutig. Bis hinzu einem gespenstischen Ortstermin im neuen Bienenhaus-Gebäude des BND in Berlin …

»Die Schauplätze dieses Romans sind konkret geographisch verortet und existierten auf der Insel Sardinien ebenso wie in Berlin. Seine Handlung ist in vielen Teilen inspiriert von realen Ereignissen auf der Insel, ist jedoch eine davon losgelöste und unabhängige fiktionale Geschichte. Handlung und agierende Personen sind ausschließlich Geschöpfe der Phantasie des Autors«, lautet der Disclaimer.

Das Boot, mit dem Beckmann zum ersten Mal alleine aufs Meer hinaus fährt, ist ein robustes, Anfang der Achtzigerjahre aus Holz gebautes Gozzo mit einem den alten Fischerbooten des Mittelmeeres nachempfundenen Rumpf und Dieselinnenborder. Am Heck eine neue große Badeplattform aus Teak. Ein aufpoliertes altes Schlachtross mit einem modernen überdachten Führerstand, umgerüstet zum Day Cruiser ohne große Aufbauten. Kein »Joghurtbecher«, wie dessen Eigner Sebastiano die Boote mit Plastikrümpfen verächtlich nennt, und auch keine »Luftmatratze« wie bei ihm die »gommone«, die immer zahlreicher werdenden Schlauchboote heißen. Der alte Sebastiano, ein Fischer und Kneipenwirt, mit dem Beckmann sich angefreundet hat, vermietet das Gozzo von Zeit zu Zeit.

Natürlich ist es Film, wenn der Deutsche dann, noch nicht ganz alter Mann und das Meer, einen großen Fisch an die Angel bekommt und mit ihm kämpft.

»Dann lag der Fisch neben ihm im Boot. Seine Flanke schimmerte entlang der Seitenlinie golden. Das Sonnenlicht brach sich in allen Farben des Regenbogens auf seinen glänzenden Schuppen. Wassertropfen schillerten silbrig auf seiner Haut. Er war wunderschön und fremdartig zugleich. Magisch, Respekt erheischend. Beckmann hatte so einen Fisch noch nie gesehen, aber er wusste, es war ein Amberjack, eine Große Bernsteinmakrele. Die Kiemendeckel klappten, die gelb umrandeten Pupillen der großen Augen starrten ihn an. Beckmann fühlte sich leicht, auf merkwürdige Weise erhaben.«

Und ja, Beckmann lässt den Fisch wieder frei. Ein besonderer Moment.

Beim Ausatmen kommt der Schlag in die Magengrube. Ein treibendes «gommone«, eine übel zugerichtete Leiche an Bord. So übel, dass bei Beckmann ein alter Fall aus Berlin hochschwappt: ein Toter aus dem arabischen Clanmilieu, erbarmungslos gefoltert, die Täter nie gefunden. Ein Cold Case. Jetzt nimmt der Roman als klassisches procedural Fahrt auf. Beckmann schaltet seinen Polizeifreund ein, den Maresciallo Lorenzo Farini in der Kaserne der Carabinieri in Porto San Paolo. Sie vertrauen und mögen sich, seit Beckmann dessen Sohn bei einem Badeunfall das Leben rettete. Und natürlich kann er die eigenen Füße nicht stillhalten. So amalgiert der Polizeiroman mit dem Genre des Privatdetektivs.

Bald sind die Geheimdienste mit dabei. Und eine neue Spezies von Detektiven: OSINT, Open Source Intelligence. Der junge Tote im Boot gehörte solch einem investigativen Netzwerk an. Vorbild: »Bellingcat, Forensic Architecture und so. Eliot Higgins und Paul Radu waren seine Helden. Higgins hat Bellingcat gegründet, und Radu leitet das Organized Crime and Corruption Reporting Project.« Auch Beckmann weiß aus seiner Zeit bei der Organisierten Kriminalität in Berlin, dass es heute oft – wie übrigens auch gerade aktuell in Ungarn beim Sturz Orbans, d. Red. – unabhängige investigative Internet-Journalisten sind, die den Mächtigen gefährlich werden können.

Der Fotochip, den Beckmann neben dem an Land gezogenen Schlauchboot fand, die Hülle »schlapp wie die Haut eines geschlachteten Elefanten«, ist dabei mehr als ein McGuffin. Nicht nur erfahren wir über Bildbearbeitung und Datensicherung, die auf ihm gespeicherten Daten, GPS-Koordinaten inklusive, propellieren die Handlung – ganz logisch. Dass der Fotograf, der Beckmann mit dem Chip hilft, nebenher mit dem Metalldetektor über den sardischen Boden streift, ist mehr als eine Metapher, erweist sich noch als nützlich.

Der Roman selbst ist ein Sondengang, legt Schicht für Schicht Vergessenes und Unbekanntes frei, schlägt Kapital aus der militärischen Vergangenheit der Insel. Obwohl sie nur fünf Prozent der italienischen Landmasse ausmacht ist Sardinien mit 90 Prozent aller militärischen Landnahme, sprich Stützpunkte und Übungsgelände, belastet. Insgesamt 30.000 Hektar sind hier Sperrgebiet. Gigantischer als der Berliner Teufelsberg gibt es dort etwa den »Lost Place« Monte Limbara, eine verlassene Stratocaster-Funkanlage der Amerikaner aus dem Kalten Krieg. Oder, ebenfalls Ort der Handlung, das Centro Addestramento Guastatori (CAG) am Capo Marragiu, ein Ausbildungszentrum für Kampfpioniere, die Einheiten des italienischen Auslandsnachrichtendienstes AISE sowie anderer militärischer Spezialeinheiten Italiens und der NATO. Das Camp wurde nach 1989 als zentrale Ausbildungsstätte der Stay-behind-Organisation Gladio enttarnt.

Jochen Brunow verschränkt das im Heute mit Übungen von Wehrsportgruppen, die für Deutschland den Umsturz planen, entwickelt das kühl und methodisch, dramaturgisch und dialogisch zum Atem-Anhalten plausibel. Unter anderem gibt es ein geradezu mephistophelisches Gespräch zwischen Beckmann und dem Anführer einer solchen Geistertruppe, der den Ex-Polizisten auf seine Seite zu ziehen versucht. Jochen Brunow schneidet hier gespenstisch in akute Bundeswehr-Chats, Reichsbürger-Phantasien und AfD-Speak. »Das Misstrauen in die Versprechen der Politik war nie größer, das ökonomische Ungleichgewicht niemals so gravierend. Die Unfähigkeit der Regierung, die Probleme zu lösen, war nie so offensichtlich wie heute. Die Zeit ist reif«, lässt er den Berufssoldaten Wolff extemporieren. Heute, in den Wochen von Iran-Krieg, Benzinpreis-Ohnmacht der Politik und extremen Umfragewerten klingt das noch einmal besonders brisant.

Man muss es elegant nennen, wie Jochen Brunow durch ganz nah an der Realität liegende Polit-Thriller-Gewässer steuert ohne sein Buch zum Thesenroman zu verflachen und wie er mit Details wie etwa dem (realen) Kronzeugen Vincenzo Vinciguerra und seinen false-flag-Operationen oder dem »Sardinienschild«, dem Gleitfliegerabzeichen der auf die Insel Versprengten aus Rommels Afrikakorps, seine Dollpunkte setzt. »Besetzung der Kommandohöhen«, nannte der Schriftsteller Malaparte das, worum es den Schattenfiguren auf dem Fotochip aus dem Schlauchboot geht.

Dieser Erzähler ist mit allen Wassern gewaschen und wie dieser Roman nun zeigt, sogar mit sardischem Meerwasser getauft. Eine Segelregatta traditioneller Boote gehört auch dazu. Seinem Beckmann gönnen wir gern die rothaarige Reederin, die »wie ein Windstoß den Raum betritt«, eine Filmfigur wie einst die barfüssige Göttin Ava Gardner. Vor allem aber gönnen wir Beckmann den Frieden, den er nun allmählich auf seiner Insel zu finden scheint. »Die Stille zu erhaben, um die elektrische Sense anzuwerfen…«

Alf Mayer

Jochen Brunow: Der Mann vom Meer. Verlag ars vivendi, Cadolzburg. Klappenbroschur,  320 Seiten, 18 Euro.

P.S. Zur Welthaltigkeit des Romans gehört als kleiner autobiografischer Scherz, was der verwitwete Beckmann bei seinen Abstechern nach Berlin erdulden muss. Im Haus mit seiner alten jetzt alleine viel zu großen Wohnung wird das Dachgeschoss ausgebaut und ein Lift im Hof eingebaut. Baulärm und Staub und Dreck ohne Ende, ein Horror, den viele Großstädter kennen. Jochen Brunow hatte, während er das Buch schrieb, mit genau so etwas zu tun. Gut, dass es Sardinien gibt ….

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