Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

W. Brylla/ J. Feldmann: Final Countdown mit Helena Falke

Silvestermenü mit Todesfolge

Wolfgang Brylla (WB) und Joachim Feldmann (JF) über „Noch fünf Tage“ von Helena Falke

Zwei Blicke auf einen Thriller, in dem die Hauptfigur unter Zeitdruck steht. Joachim Feldmann mit einem schnellen Überblick, Wolfgang Brylla mit Hinweisen auf Hintergrund. Wir sind auf literarischem Pflaster …

(JF) Lis Castrop weiß, dass sie nur noch fünf Tage zu leben hat. Bei einem Giftanschlag auf ihre Arbeitgeber hat auch sie eine Dosis abbekommen. Nun liegt sie in einer Schweizer Nobelklinik und versucht herauszufinden, wer hinter dem Verbrechen steckt. Denn davon hängt unter anderem die Zukunft ihrer Tochter Cosima ab. Aber der Reihe nach.

Eine international erfolgreiche Fastfood-Kette hat die Familie Harman reich gemacht. So reich, dass sie sich allen Luxus der Welt leisten kann. Auch eine erstklassige Köchin wie Lis Castrop, die aus erlesenen Zutaten kulinarische Meisterwerke erschafft, gerne auch vegan. Denn die Sorge um den Zustand unseres Planeten treibt auch diejenigen an, die von ihm profitieren. Ein Widerspruch, den zu ertragen, offenbar so schwer nicht ist. Doch irgendjemanden scheint die Existenz der Harmans gestört zu haben. Ein opulentes Silvesterdinner endet für die Eltern und ihre beiden Kinder tödlich, also muss mindestens eine der Speisen vergiftetet gewesen sein. Aber wie war das möglich?

Mit Hilfe der eigenwilligen Pflegekraft Esme beginnt Lis Castrop die Vorgeschichte des vierfachen Mordes zu rekonstruieren, in der sie selbst keine unerhebliche Rolle spielt. Dass es ihr in letzter Minute gelingt, den Fall aufzuklären, versteht sich. Doch wird ihr dieses Wissen etwas nützen?

„Noch fünf Tage“, der erste Thriller einer unter dem Pseudonym Helena Falke schreibenden deutschen Autorin, lotet im Gewand eines Spannungsromans die Abgründe unserer gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Dass dies so überzeugend gelingt, liegt nicht zuletzt an der scheinbaren Gelassenheit, mit der Lis Castrop von ihren letzten Tagen erzählt. Allen Tränen zum Trotz. Und mit großartigem Gespür für die grimmige Komik ihrer Situation.

Helena Falke: Noch fünf Tage. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 302 Seiten, 20 Euro.

Joachim Feldmann ist einer der Gründer der Literaturzeitschrift Am Erker, deren Nr. 90 „Wege und Umwege“ gerade erschienen ist. Er bespricht für uns regelmäßig Kriminalromane in unseren „Bloody Chops“. Seine Texte bei uns hier.

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Final Countdown, Kaviar inklusive

(WB) Die Handlung dieses durchaus für Schmunzeln sorgenden Countdown-Thrillers spielt in Davos, die Hauptfigur heißt Lis Castrop und ist mit Thomas Mann weder verwandt noch verschwägert. Helena Falke (Achtung: Pseudonym) liefert mit ihrem neuesten Roman „Noch fünf Tage“ ein amüsantes literarisches Zitierspiel, das weniger an „Den Zauberberg“ erinnert, sondern vor allem an… Johannes Mario Simmel, der bei mir immer die besten Karten hat.

Lis Castrop, eine Premiumprofik­öchin von Weltniveau, wird beim Zubereiten des (letzten) Mahls für ihre Brotgeber in den Schweizer Alpen vergiftet. Eigentlich ein Kollateralschaden, würde man denken, und ein Nebeneffekt des Mordanschlags auf die Familie Harman, die in Saus und Braus lebt und ihre Millionen verpulvert. Das Problem: im Gegensatz zu den Harmans Lis überlebt diesen heimtückische Attacke bzw. sie stirbt nicht sofort nach der Verabreichung der tödlichen Giftdosis. Ihr bleiben noch fünf Tage auf Erden und diese möchte sie auf keinen Fall totschlagen. In dieser kurzen Zeit will sie der Sache von ihrem Krankenbett aus nachgehen. Das Rückwärtszählen beginnt. „Ich muss meinen eigenen Mord aufklären“, sagt die Ich-Erzählerin Castrop an einer Stelle und lässt sich in der Ermittlungsstrudel reinziehen. Verlassen kann sie sich auf eine Sterbebegleiterin, die ihr dabei hilft, den Hauptschuldigen zu finden und nicht unbedingt zur Rechenschaft zu ziehen.

Und dieser Castrop-Satz weist markante Ähnlichkeiten mit den einleitenden Worten aus Simmels „Alle Menschen werden Brüder“ auf, der auch mit einem prospektiven Verweis auf das Ableben des Helden anfängt („Mein Bruder fragte seinen Mörder, wie dieser den Mord zu begehen gedenke“). Außerdem lässt Falke viele Kochrezepte und andere kulinarische Vorlieben Castrops in den Haupttext einfließen, was bei einem Simmel-Fan sofort einige Konnotationen an „Es muss nicht immer Kaviar sein“ auslösen. Der humoristische Unterton von „Noch fünf Tagen“ scheint ebenfalls ein Simmeleskes zu sein.

Falkes „Noch fünf Tagen“ ist dynamisch erzählt, die Tages- und Uhrzeitangaben verdeutlichen den Final Countdown von Castrop und verdichten die Spannung auf knapp über 300 Seiten. Castrop wird dabei als selbstbewusste Frau (Emporwement) dargestellt, die sowohl vor ihren ehemaligen Gastro-Arbeitgebern als auch vor dem Tod keine Angst hat.

An „Noch fünf Tage“ wird jedermann Gefallen finden, der kriminalliterarische Konstruiertheit hochschätzt, sich gut unterhalten fühlen möchte oder ein Johannes Mario Simmel-Poster über dem Bett hängen hat. Keine Haute Cuisine, aber ordentliche Patisserie.

– Die Texte von Wolfgang Brylla bei uns hier. 
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben: „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 war er zusammen mit Oliver Ruf im gleichen Verlag Herausgegeber von „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) – Textauszug bei uns hier.

Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit (V&R unipress), in dieser Ausgabe in nonfiction kurz bei uns besprochen.

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