Geschrieben am 1. April 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag April 2026

Friedemann Hahn: ArtistVita (3)

Anm. d. Red: Siehe auch ArtistVita, Oktober 2025, und ArtistVita (2). Stills: Zu den Filmbildern.

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MALERLEBEN: Der Abschied. Vincent van Gogh und die Folgen. HAEVEN MUST WAITE. Oder: JACKSON POLLOCK UND DER JAPANISCHE BLICK.

Der Maler Gregor Hildebrandt in Tokyo 2025. ODER. VOR EDO.

IN DEN BILDER (2). WENN MAN IN WIRKLICHKEIT EINER INSEL SICH NÄHERT, ERGREIFT EINEN TROTZ DES ENTZÜCKENS AN IHRER ERSCHEINUNG, AN DER VON DEM FREMDEN UND ZAUBERISCHEN ELEMENT DES WASSERS GESCHÜTZTEN LAGE UND IHREM SO DEUTLICH BEGRENZTEN VORHANDENSEIN INMITTEN EINES UNÜBERSEHBAREN RAUMES, BEI DEM GEDANKEN, MAN SOLLE SEIN LEBEN HIER ZUBRINGEN, JETZT UND FÜR ALLE ZEIT, EIN ZWEIFELVOLLES UND QUÄLENDES GEFÜHL.

Der Anblick einer Blume fordert einen unwirklich zur Namengebung auf. Angestrengt durchstöberte ich mein Gedächtnis, und wenn sich der Name trotz aller Bemühung nicht erfinden ließ, so hieß die Blume ganz einfach die „dunkelviolette Trichterförmige, die sich damals bei einer Kindervisite um das Gartentor rankte“, oder der „einst zum Leichenbegängnis eines kleinen Mädchens in der Hand gehaltene Strauß aus kleinen, lilafarbenen Blüten mit gelben Staubfädenkorb in der Mitte“. Auf irgendeine Art mußte die Erscheinung der Blume umschrieben werden.

   Der Maler indessen bemerkte nichts von solchem Zusammenhang. Er saß – als alter Besucher der Fraueninsel seit langem schon selbst zu einem Naturgegenstand geworden – im Freien auf einem Feldstühlchen vor seiner Staffelei und versuchte, auf seiner Leinwand ein Motiv zu reproduzieren. Die Landschaft war deutlich erkennbar: links der Weg, und an seiner tief in den Raum hineinführenden Perspektive Gartenmauer, Kirchturm und Weiden säuberlich aufgereiht. Rechts, zum Trocknen an Pfähle gehängt, waren silbrige Netze, zwischen denen ein Fischer, wie in eine schimmernde Wolke gehüllt, seine letzten Handgriffe vollführte. Aber das Dargestellte gab von der Wirklichkeit nur den Schein. (Eugen Gottlob Winkler. Die Insel)

Motiv/Snake/Cimetière de Saint-Vincent (2026)/ Ein Blutbad und Melancholie/

Heaven must wait. Oder:     
Besuch bei Docteur Gachet

Blinden Auges setzt er das Zeichen
mit wenigen Strichen
in grüner Farbe
auf den schillernden Lack.

Blinden Auges
der schwarze Würfel
und er ritzt mit einer Nadel
in das tiefe Schwarz.

Und dem Gebilde gibt er den Namen:
Metal Gear Solid 4. Monument for Snake.

                                                                           (2025)

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Manuskript: MELANCHOLIA – IM SCHATTEN DES AFFEN/Auszug: Prolog, Epilog

BALLADE POUR UN CHIEN – SANG et MERDE

„… que devrais tu faire? Monde de merde! Was sollte ich auch tun? Nach all dem, was geschehen war? Habe mich selbst verraten. Ich bin zum Sklaven geworden. Cela me dépasse. Ich will es nicht sagen, aber denken werde ich es wohl dürfen … der Verbrecher ist ehrlich …  je n´en dirai pas plus … ehrlich wie ein Tier.“  

   Das dunkle Zimmer ist ein Verschlag. Durch zwei winzige Fenster in der Dachschräge fällt schwaches Mondlicht. Verzerrte Kreuze werden auf Wand und Bretterboden geworfen. Schemenhaft und bizarr, wie aus einer entfernten Welt.

   „Die Dinge verändern sich im Leben, ohne dass du es bemerkst. Und sie wiederholen sich. Und auch das bemerkst du nicht. Oder alles läuft parallel. Es ist zum wahnsinnig werden.“

   Er sieht an sich herunter … gedankenlos, bis der Blick an den braungelb karierten Pantoffeln hängenbleibt.

  „Ja, ich bin es … bin es selbst, es dämmert mir, ich bin diese abgewrackte Gestalt.“

   Er steckt in einer speckigen, mittelbraunen, kurzen Lederhose. Der Latz ohne Zierrat, Hirschhornknöpfe, das Leder gegerbt von Blut, Schweiß und den üblichen Ausscheidungen.

   „Aber reden wir nicht weiter über Selbstverständlichkeiten.“

   Nackte, von Zeit und Wetter gegerbte, haarige Beine. Der Oberkörper massig. In die Jahre gekommen. Die Gestalt versinkt in dem zerschlissenen, hunderte Jahre alten, viel zu tiefen Ledersessel. In der linken Hand ein Wasserglas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Zwischen Zeige- und Mittelfinger verbrennt eine Montecristo. Am Boden eine halbvolle Flasche Whisky.

   Der Kerl ist unrasiert, am Kinn zeichnet sich ein zehn Tage alter Bart in Salz- und Pfeffertönen ab, der Schnauzer verfilzt. Rechts eine schwarze Augenklappe. Die Kopfhaut blank. Brandnarben.

   „Bin ich zu verstehen? Ja …? Ja, danke. Hört man mich?“

   Seine Beichte wird lang, endlos. Schier endlos.

   „… manchmal meine ich, ich bin es gar nicht. Aber wer weiß das schon. Wer kann das schon wissen … Doch das ist dann wieder eine andere Geschichte. Seit `52 steckt eine Kugel in meinem Schädel. Trotzdem gebe ich nicht auf. Ich altere sogar kaum. Die Kugel muss die richtigen Zellen getroffen haben – oder die falschen, wie auch immer. Naja … ich lebe im Kriegszustand … seit jeher. Krieg ist für mich ein Kinderspiel. Mein neustes Wort heißt: Lobotomie – das ist es, Erleben und Erinnern … Lobotomie. Es gibt so vieles, an das ich mich nicht erinnern möchte … es ist weg … wie ausgebrannt. Da haben die Aargauer Veterinäre ganze Arbeit geleistet, wohl ein paar Lappen zu viel durchtrennt und die graue Substanz, die graue … abgeschnitten, einfach abgeschnitten. Sie sagten: die Kugel wandert. Was soll´s? Ein Fazit vielleicht? Nein, wäre verfrüht … da lass ich mir noch Zeit. Und sonst? Was soll ich sonst noch sagen …? Mir fällt noch eine ganze Menge ein. Aber ich sage: Nichts!

   Oder vielleicht …? Das Leben ist ungerecht. Sehr ungerecht! Mehr will ich nicht sagen.

   Zuerst sah ich nur die Explosion – diese fulminante Explosion…, aber ich hörte sie nicht, hörte nichts, keinen Knall. Es war wie in einem Film … einem Film ohne Ton. Herrliche Bilder, gewaltige Bilder, Feuerblitze, prächtig und gewalttätig, doch der Filmvorführer hatte den Ton abgestellt. Als wollte er dem Zuschauer etwas klarmachen. Was …? Ja wenn ich das wüsste. Dass alles nur Illusion ist. Vielleicht …? Alles eine große Illusion.“

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Am 23. Oktober 1888 kommt Paul Gauguin nach Arles. Vincent van Gogh hat ihm im gelben Haus ein Zimmer eingerichtet. Feste, derbe Stühle mit Korbgeflecht, ein Bett aus Nussbaumholz, eine Strohmatratze und etwas Bettwäsche. Er hat Bilder mit Sonnenblumen für den Freund gemalt und in das Zimmer gehängt. Im übrigen Haus hängen nur Landschaften. Van Goghs Zimmer ist noch karger eingerichtet als Gauguins, die Möbel noch derber, noch bäuerlicher. Er denkt an eine Mönchsklause. Durch die Fenster hat man den Blick auf die Sternennacht, auf das Grün und Rot und Gelb der Gärten, auf die Sonne, auf den Abend, auf die Nacht. Ein Spiegel hängt in Vincents Zimmer, zum Portraitieren des Malers. Das einzige Fenster zum Wahnsinn. Rot, Violett und Grün, ein Kerzenleuchter auf einem Stuhl, ein Buch auf dem Sessel, und das Drama ist offenbar. Der Mörder hat die Flucht ergriffen. Vincent freut sich auf den Freund. Als der Freitag kommt, kehrt Ruhe und Ordnung ein im gelben Haus. Der Freund ist ein Seemann: „Ich wusste wohl, dass Gauguin Seereisen gemacht hatte, aber dass er wirklich Seemann war, habe ich nicht gewusst; er hat alle schwierigen Lagen durchgemacht, er ist ein richtiger Marsgast im Mastkorb gewesen und ein richtiger Matrose. Das flößt mir schreckliche Hochachtung für ihn ein und ein noch bedingungsloseres Vertrauen in seine Persönlichkeit. Er hat, wenn man ihn vergleichen will, Ähnlichkeit mit den Islandfischern Lotis.“

Ich diente in der Compagnie der Dahariennes portées der Legion. Wir waren mit Patrouillen-LKW und kleinen gepanzerten Fahrzeugen ausgestattet. Wir sicherten die transkontinentalen Straßen und die an ihnen liegenden Oasen. Wir bewegenten uns wie die Nomaden, fühlten uns wie echte Einheimische, wie die wahren Söhne der Wüste. Wir trugen den mitternachtsblauen Burnus, einen weißen Kasack, sehr weite weiße Serouals, Nagelsandalen und natürlich das Képi, rot befranste Epauletten und blaue Schärpen. Auf der Wache waren wir mit dem Säbel M 1922 ausgerüstet. In unseren Reihen waren alle Nationalitäten vertreten. Selbst echte Söhne der Wüste und Berber. Kammeraden aus dem Elsass, Deutsche aus Ost und West, Wehrmachtssoldaten, Waffen-SS. Hallunken, Kriminelle, Verbrecher. Der Abschaum der Geschichte. Die Gestrandeten der Kriege. Die Aufständischen suchten nach jeder Art von Bewaffnung. Vor allem leichte Handfeuerwaffen. Ich trat mit der FLN in Verbindung.  Diamanten waren die Währung. B.L.U.T.D.I.A.M.A.N.T.E.N. Ich war im Fieber … kaltes Fieber … ich war im Wahn … im blinden Wahn … alles um mich herum ein giftiges Gemisch … verführerisch … der Wind schneidend kalt … dichter Schnee fällt in den Bergen … im Tal minus sieben Grad Celsius … in der Senke Macchia-Gebüsch … Wacholder und krüpplige Kiefern … es riecht nach Thymian und Rosmarin … in der Ferne das Geheul der Hyänen … Zikaden hinter jedem Stein … ein Missklang von fremden Klängen … sie kommen mit drei Armee-Jeeps mit schweren MGs … sie feuern ohne Vorwarnung … wir sind verraten … die brennende Flasche explodiert in meinem Nacken … das brennende Benzin frisst sich in die Uniform … ich wälze mich im Sand … die Haut zerreißt … das Napalm frisst sich ins Fleisch … Und dann das Nichts. Das endlose Nichts … Und die Tiefe der Nacht.

   „Versteht man mich?

   Was?

   Muss ich schreien?“

   Er zieht an dem Kabel. Er bläst über das Mikrophon, als puste er über einen heißgeschossenen Lauf. Das Kabel verwickelt sich, ist widerspenstig wie eine aufgescheuchte Schlange.

   „Bin ich Laokoon? Verdammt!“

   Er gestikuliert wild.

   Dann scheint er sich wieder zu beruhigen.

   „Na dann. Hört ja doch keiner zu. Ist ja nur für mich und den Schwarzen bestimmt. Hörst du noch zu, Alter …? Hörst du mir überhaupt zu …? Du schläfst ja schon wieder … kann ich dir nicht verübeln … du musst die Litanei immer wieder hören … ich auch, mein schwarzer Hund, ich auch.

        Wir spielen wie kleine Kinder mit bunten Murmeln und schneiden denen den Hals ab, die es verdient haben. Und wer hat es nicht verdient, wer von diesen Bastarden?“

   Der Hund liegt auf seinen Füßen.

   Das Fell leuchtet wie ein schwarzer Diamant.

   „Wie schwarze Tränen aus Glas“, kommt es ihm in den Sinn. Er murmelt es vor sich hin. Die Gedanken taumeln und tanzen.

   Er streichelt seinen Hund.

   „Ich spüre es.“

   Er spürt es.

   „Le singe est le serpent … der Affe ist die Schlange … Ich spüre es.“

   Er steht auf.

   Geht ans Fenster.

   Er spreizt die Lamellen der Jalousie.

   Wirft einen Blick nach draußen.

   „Was war nicht alles geschehn?“

   … sie haben kein Recht, mich einen Mörder zu nennen … wir hatten die Welt verloren … unser Geisteszustand war eine verlorene Wette … ich hatte die Seele der alles beherrschenden Gier verschrieben … Gnade uns Gott …! Moral, Selbstbestimmung, Verantwortung, Mitleid, alles hatte ich von mir gegeben … ich war wie ein dürres Blatt im Wind … wir haben Blut gesoffen in der nackten Wüste, um unserer selbst Willen, unter einem mitleidlosen Himmel … tagsüber brachte die brennende Sonne unser Blut in Gärung, und der peitschende Wind verwirrte unsere Sinne … nachts durchnässte uns der Tau, und das Schweigen unzähliger Sterne ließ uns unsere Schande fühlen …

   „Ich war umgeben von Verrätern. Konnte keinem trauen … von Vertrauen wollen wir gar nicht reden. Ich war allein, ich war einsam. Da kam der Hund. Lief mir einfach so über den Weg.“

   Schwere Tropfen schlagen gegen die Scheiben … der Regen steigert sich … plong … plong … plong … das Trommeln nimmt kein Ende … kein Ende… plong … plong … plong …

   „Ich habe viele Männer umgebracht.“

   Er würde lügen, täte er so, als habe er keine Genugtuung empfunden … dieses Gefühl der Überlegenheit … er müsste lügen. Auch wenn er grausam war … ja, ja … aber … ich habe gelebt.

   Die Zündhölzer splittern. Eins nach dem andern, bis endlich das feuchte Schwefelköpfchen aufflammt. Das Opfer verbrennt sich die Finger. Es zittert. Zittert wie Espenlaub. Und versucht die Zigarette anzuzünden. Sie kriegen keine Luft. Sie haben keine Kraft. Nein, sie schaffen die letzte Zigarette nicht. Die meisten von ihnen haben nichts getan. Es sind arme Wichte. Menschlein voller Angst. Das Opfer ist stets das arme Schwein. Das Agnus Dei. Schlachtvieh für den Stolz der anderen. Mal bin ich der Killer. Mal bin ich ein Beamter. Ich sehe die Bahngleise. Sehe wie sie an der Weiche zusammenlaufen und eins werden und geradlinig verlaufen bis zum Horizont … Ich sehe das Tor … Das Tor zur Hölle …

   Er steht vor dem Fenster. Zieht die Jalousie auf. Er wirft einen Blick durch die Lamellen. Sieht hinaus. Urplötzlich beginnt es zu schneien. Der Regen wird schwer und schwerer und verwandelt sich in Schneeflocken. Schwere, nasse Schneeflocken. Weiß. Eine Metamorphose. Und wenn es kalt wird und der Frost aufsteigt … Eis.

   Eine Metamorphose.

   Ewiges Eis.

  Wenn er wüsste, wer geschossen hat … damals … damals im Schnee … ein großer Irrtum vielleicht …?

   Eine schreckliche Nacht … der Schnee … der Schuss … die Kälte und der Schnee ….

   … der Hund sinkt tief ein … überall Schnee … eine Wolkenwand schiebt sich vor den Mond … er denkt an die Baracke am Rheinufer… an das Lager …seine Manouches … seine Brüder und Schwestern vom Fluss Sindhu … das Lager ist verlassen … seine Brüder und Schwestern sind geflohen … der Nebel wird dichter … Sturm kommt auf …bald werden sie nichts mehr sehen … die Augen werden allmählich blind … es geht bergauf … stetig bergauf … es ist ermüdend … sie stapfen weiter … bald kann er seine Hand nicht mehr vor Augen sehen … „Verdammt! Verdammter Schnee!“ … in seinem Rücken vernimmt er ein schwaches Stöhnen … ein Klagen … er sieht in die erschöpften Augen des Hundes … „Komm, ich werde dich tragen.“ … er stapft weiter durch den Schnee … der Wind treibt den Schnee über den Hang … er trägt den Hund unter den Mantel … er drückt ihn fest an sich… ein Aufblitzen … für einen Augenblick nur … ein schwaches Licht … flimmernd … ein tanzender Fixpunkt … ein Schuss …

   „Ich war verwirrt … war nicht bei mir … dann der Schuss … und auf einmal sah ich so klar … ich war erleuchtet … wie ein Kristall … so hell und klar … so rein.“

   Er liegt wieder auf dem Bett. Erschöpft. Wie lange hat er geschlafen? Er weiß es nicht. Er kann sich an nichts mehr erinnern. Er stiert gegen die Wand.

   Draußen schneit es noch immer. Schnee ohne Ende.

   Er legt seine Hände auf den Rücken des Hundes. Fährt durch das Fell. Er schläft wie tot. Ein gutes Zeichen? Oder?

   „Oder …?“

   Er fährt auf.

   Es wird kalt werden.

   Sehr kalt.

Ich sehe die verrottete Ziegelmauer. Die Lagerhallen und die Wellblechschuppen. Das weit geöffnete Tor. Ich sehe entlaubte Bäume. Den Schotter zwischen den Eichenbohlen. Ich sehe die Schienen. Das Eisen. Die glänzenden Schienen. Ich sehe am Ende der Gleise das große Tor. Es ist eine böse Gegend. Sie haben Angst. Alle haben sie Angst. Und sie wissen nicht was geschieht. Ihre Hände zittern. Die Augenlider tanzen einen makabren Tanz. Ich halte die Hand ausgestreckt. Sie ist wie abgestorben. Das Blut gefroren. Sie zittert nicht. Sie hält das kalte Eisen.

   Manchmal, wenn es mir gefällt, lasse ich mir Zeit. Sehr viel Zeit. Danach erledige ich das, wofür ich bezahlt werde. Ich zeige keine Regung. Bin wie gefrorenes Eis. Niemand weiß etwas von den Bildern, die ich suche. Die Bilder, die sich auf meiner Netzhaut spiegeln. Die Bilder, die sich in mein Hirn eingebrannt haben. Es ist wie verhext. Es kann vorkommen, dass ich strauchle. Ich gehe dann auf die Knie. Stütze mich mit der linken Hand ab. Dabei reiße ich mir die Hand auf. Ich sehe die rote Hand. Sehe das Blut. Sehe wie es gefriert.

   „Haben wir eine Wahl? Nein. Wir haben keine Wahl.“

   Er spricht zu sich. Er muss seine Stimme hören. Er will an seine Worte glauben. Er hantiert mit dem Mikrophon. Er legt es zur Seite.

   „Ich habe ihre Liebe verloren … ich habe sie nicht erkannt … ich war verwirrt … Ava … Ava … verloren für immer …“

   Schwere Tropfen klatschen gegen die Scheibe. Das Trommeln will kein Ende nehmen … plong … plong … plong …

   „… bis es wieder schneit. Schnee ohne Ende. Überall Schnee. Und Eis. Eis. Ewiges Eis …“

   Er hat sich aufgerichtet.

   Er atmet schwer.

   „Ich habe mich versündigt“, spricht er zu sich. Wenn er nur einen Wunsch frei hätte … nur einen einzigen Wunsch, selbst wenn er wüsste, dass er nicht in Erfüllung geht … allein den Wunsch zu denken …

   Er weiß, dass die Welt nicht gerecht ist.

   Gott ist ein strafender Gott.

   „Auch wenn …“, er ist es leid, den Satz zu beenden.

   Er geht an die Spüle. Lässt frisches Wasser in den Kessel. Dreht sich um, geht an den Herd. Er schlägt das Gas an, setzt den Kessel auf und entzündet vorsichtig eine Zigarette. Er sieht sich im Spiegel über der Spüle. Er inhaliert. Er schnauft. Das Atmen fällt ihm schwer.

   Er lässt die brennende Zigarette in die Spüle fallen.

   Er ballt die Hand zur Faust.

   „Nein, nicht.“

   Er wendet sich ab.

   „Ich muss ein Zeichen setzen.“

   Und er denkt an seinen Auftrag.

   Ein Leben lang.

   Befehle müssen ausgeführt werden, ob du willst oder nicht. Er weiß, wie er ihn auszuführen hat. Er wird es erfahren. Er wartet auf das Läuten des Telefons. Wartet auf die Stimme, die einen Namen nennen wird.

   „Satan“.

   Das Wort auszusprechen fällt nicht schwer, doch du musst seinem Blick standhalten … Oh, Gott …!

   „Merde!“

   Es gibt kein zurück. Nein! Kein Zurück!

   Du begibst dich in die Hand des Teufels … des Teufels …

   Seine rechte Hand schwebt über dem Apparat.

   Er hat seine Seele verkauft. Vor Jahren schon.

   Er nimmt den Hörer ab.

   „Pronto? Si, capito!“

   Der Hund zuckt im Schlaf.

   „Schwarzer, es gibt kein zurück.“

   Der Aluminiumbüchse entnimmt er fünf Teelöffel Kaffeepulver und streut sie in eine Glaskaraffe. Die Hand zittert. Er wartet bis das Wasser im Kessel aufkocht. Er lässt sich Zeit. Er übergießt das braune Pulver. Er wartet bis sich das Pulver aufgelöst hat. Er nimmt sich die Zeit. Er zieht den Emaille-Becher mit dem blauen Rand zu sich her. Er gießt ein und lässt den Kaffee stehen.

   Vor ihm liegt der Mauser.

   Er wiegt das Eisen in der Hand. Aus dem gusseisernen Aschenbecher kramt er die ramponierte Patrone.

   Er wendet sich um. Schaut auf das Tier.

   Er geht zum Fenster. Öffnet es. Lässt die feuchte Luft in die Kammer. Er atmet sie ein …. eine Metamorphose … die verbrauchte Luft fällt zu Boden und befeuchtet das Holz … eine Metamorphose …

   Der Blick ist so weit … endlos … so tief … Er sieht die Karawane vorüberziehen … seine Sinti Brüder und Schwestern … seine Manouches … les manouches volent sur le ciel …

   „Bleib liegen …“, sagt er zu dem Hund, „das Leben ist schwer. Bleib liegen, Schwarzer. Habe nur ein wenig zum Fenster rausgeträumt.“

   Er denkt an die schöne Zeit mit seinem Hund. Das Jagen in den Bergen des Schwarzwalds.

   „Foresta Nera.“

   Der schwarze Wald … so schwarz … so schwarz … so schwarz … Werde ich sentimental? Bin ich es? Sentimental …?

   „Bin ich feige?“                                                                            

   Von draußen dringen Geräusche in die Kammer.

   Er legt sich auf die Matratze.

   Ihm ist schwindlig.

   Er atmet flach.

   Er schluckt.

   Sein Rachen ist rau, spröde. Wie ausgetrocknet.

   Das Abendlicht erlischt.

   Er weiß es.

   Er weiß, dass die letzten Sonnenstrahlen jetzt hinter den violetten Hügeln der Vogesen abtauchen.

   „Ja, wir sind unsichtbar. Aber wir sind noch im Spiel. Ob wir es wollen oder nicht. Wir bleiben im Spiel.“

   Er zieht den Ring vor dem Abzugsbügel nach unten, gibt Lauf und Trommel frei, kippt sie nach oben, drückt noch einmal den Ring und lädt die Trommel mit der Patrone.

   Er streckt den Arm und fährt mit dem Mauser durch die Luft. So als suche er etwas.

   „Ich sehe die rote Hand, sehe das Blut, sehe wie es gefriert.“

   Es wird Nacht um ihn.

   „Schwarzer, es gibt keine Wunder.

   Auch morgen nicht.“ 


Fotos © Doris Waldmann

Café de l´Alcasar

Während der Regen sein schwarzes Gitter vor den Blick                                 
Des Malers schlägt, schreit der Adler des Todes.                                         
Ähren und Mohnblumen tanzen im Sturm. Der abgeschlagene                 
schwarze Kopf wird durch die Alleen geschleift.                                        
Pappeln und Zypressen trommeln den Takt. Café de l´Alcasar,                       
hier wartet dein Ohr auf eine kleine Hure.

Das entsetzte Gesicht (blutrot, schrecklich mit Blau
und Grün, blasses Schwefelgelb) taucht ein
in die Hitze der Felder und versinkt.
Eile dich, Sämann! Blumen verwelken schnell.
„… eine Gestalt in Schwarz mit gelbem Hut
Und im Vordergrund eine schwarze Katze.

Der Himmel blassgrün.“
Neugierig begab ich mich an den Ort unserer Trauer.
Der Garten war leer, wie ausgestorben.

                                                                               (1984)

DANSE MACABRE – NIRVANA                                                                                                                    

„Ich bin nicht der, der ich bin.

   Das ist nur schwer zu glauben.

   Aber es ist so.

   Sie nennen mich Gitan oder Zigeuner. Hier im Schwarzwald sagen sie auch Der Schwarze Jäger. Mein echter Name geht keinen etwas an. Niemand muss ihn kennen. Weiß ihn ja selbst nicht mehr. Nicht mehr so richtig.  Früher hieß ich einmal …

   Das ist lange her … tempi passati

   Man muss Geheimnisse haben. Das Leben verlangt danach.

   Fast alle, die wissen wer ich in Wirklichkeit bin, sind tot – bis auf die Wenigen, die bis jetzt Glück gehabt haben.

   Meine Uniform habe ich vor Jahren ausgezogen. Einmal muss Schluss sein. Vor Zeiten habe ich mich in den Schwarzwald verzogen. Unser Lager im Rheintal war wieder mal mit Kettenraupen platt gemacht worden. Jetzt hausen der schwarze Hund und ich in einer baufälligen Jagdhütte am Fuß des Feldbergs. Der Feldberg ist der höchste Berg im Schwarzwald. Von seiner Spitze aus kann ich bis in die Schweizer Alpen blicken – zur Jungfrau, Eiger, Mönch –, bis in die Vogesen und darüber hinaus. Vor Jahren hat mir ein Hohlspitzgeschoß den rechten Arm zertrümmert, dem armen Hund ist es in den Brustkorb gedrungen.

   Seit jener Nacht ist die Welt eine andere. Ja, wir haben uns unsichtbar gemacht. Aber wir sind noch im Spiel.

   Was nur wenige wissen, ich war eine gewisse Zeit lang Offizier der Gendarmerie national, im Rang eines Comandant. Der Schwarze wurde im Rang eines Adjudant-chef geführt. Für mich war diese Verbindung eher eine Farce. Ich sah in ihr die Chance, mich unter der Tarnkappe zu bewegen. Ich operiere stets auf eigene Rechnung. Habe mich endgültig auf die Seite der Outlaws geschlagen. Bin ein Paria. Bin der Ronin. Aber auch das wissen nur wenige. Alles versinkt im Nebel. Alles bleibt im Dunkeln. Und der Schwarzwald ist so schwarz, so einsam, so finster …

   Der Hund schläft und strampelt im Traum. Wo er wohl rumrennt? Auch ein Hund hat seine Geheimnisse. Vielleicht in der Wüste? Hat schon vieles gesehen, der Schwarze. Ist weit herumgekommen.“

   … warum wollen sie meinem Kommando ein Ende setzen …? ich bin Soldat … der Krieg ist vorbei … es gibt keine Soldaten mehr … wann es zu Ende ist, sage ich … haben sie es gesagt …? was haben sie gesagt …? dass meine Methoden krank seien …? haben sie das gesagt …? was erwarten sie von mir …? sind sie die Mörder …? bin ich es …? bist du ein Mörder …? ich bin Soldat … da draußen verwirren sich die Dinge ein wenig … Konflikte in der menschlichen Seele … gut und schön … Macht, Ideale, Moral … da draußen ist es eine große Versuchung … große, große Versuchung Gott zu werden … die Mächte der Finsternis zu überwinden … hast du jemals über wirkliche Freiheit nachgedacht … über wirkliche Liebe …? es gibt die wahren Soldaten nicht mehr … der Krieg bewegt sich am Horizont … es gibt keine Wahrnehmung mehr … Gestalt ohne Form … Idee ohne Geist … Ideale ohne Wahrheit … wir sind hohle Gefäße … leise bedeutungslose Schatten ohne Formel … Gebärde ohne Regung … Liebe ohne Hass … sie haben kein Recht über mich ein Urteil zu fällen. Und ich habe sie in die Grube gestoßen, die sie gegraben hatten über Nacht … die guten Engel der Seele … sie sind verschwunden … ich habe sie verloren.

Er hat verlernt, einem Menschen zu vertrauen.

   Lebewesen haben ihre eigenen Vorstellungen und Interessen. Da kommt es unweigerlich zu Konflikten. Das ist unausweichlich.

   Bei dem Schwarzen ist es etwas anderes. Eigentlich ist er kein Lebewesen.

   „Ich dann auch nicht … absolument … aucun doute.“

   Er muss lachen. „Wir sind ein Fleisch, ein Gedanke.“ Er lacht in sich hinein. „Was sind wir dann?“

   Der Mauser „Zick-Zack“ auf dem Resopal-Tisch, daneben der gusseiserne Aschenbecher mit der Patrone.

   Er muss wieder lachen.

   „Alors nous sommes des mort-vivants … zwei in die Jahre gekommene Zombies. Wer hätte das gedacht? Kaum zu glauben. Naja, was soll´s …“

   Neben dem Mauser liegt das Sturmgewehr 44, er hatte es nach `45 in Paris aufgetrieben. Eine zuverlässige Waffe, entwickelt aus dem Walther-Prototyp. 940 mm Waffenlänge, 5100 g schwer, für alles geeignet, auch um auf Sauen zu gehen.

   Das Härteste ist die Einsamkeit. Im Leben. Auf der Jagd ist es das Warten. Das ewige Warten. Es geschieht nichts. Und doch musst du warten.

   „Nichts …“

   Die Zeit verrinnt genüsslich langsam.

   Und die Zigaretten verglimmen zwischen den Fingern.

   Die Zeit ist eine verschwenderische Freundin.

   Das Geld interessiert mich nicht, denkt er. Obwohl … ein Auftrag bringt eine Menge Geld ein. Die Hälfte bevor ich mich auf den Weg mache. Der Rest, wenn alles erledigt ist.

   „Was mache ich schon mit dem Geld? Einmal habe ich gedacht, ich gebe es den Waisenkindern. Wenn es nicht so zynisch wäre. Doch was soll´s … die Kinder müssen ja nicht erfahren, von wem die Scheine kommen. Blutgeld … was soll´s … dem Geld sieht man es nicht an.“

   Am Geld klebt kein Blut.

   Das Blut klebt an meinen Händen.

   Der Schwarze schläft.

   Sein Schlaf ist gerecht. Er hat ihn verdient.

   Der Schwarze ist wie er ist.

   Das Tier hat keine Wahl.

   Er lacht bitter.

   „Afrika …“

   Er hält inne, als müsse er nachdenken. Dann wiederholt er mit bestimmter Stimme: „Afrika … Afrika …!

   Es ist dunkel geworden.

   Wieder eine neue Nacht, denkt er.

   Eine neue Nacht voller böser Gedanken.

   Und ein unruhiger Schlaf.

   „Afrika … Afrika …“

   Dann schreit er noch einmal: „Afrika … Afrika …!“

   Der Hund schläft ruhig. Ruhig und entspannt.

   „Wie das Fell glänzt. Blauschwarz … ein schönes Schwarz. Nicht einfach schwarz, kein gewöhnliches Schwarz. Ob der Hund solche Gedanken kennt? Manchmal, wenn er mich aus seinen tiefen dunklen Augen anblickt, glaube ich …“

   Er steht auf.

   Geht ans Fenster und schiebt die Jalousie auseinander.

   „War da was?“

   Er schaut hinaus. Er wartet, dass seine Manouches vorbeiziehen. Seine Karawane. Seine Sinti Brüder und Schwestern.

   „Meine Brüder und Schwestern sagen, wir kommen vom Fluss Sindhu. Aber das stimmt nicht. Wir kommen von überall her. Wir sind seit jeher. Wir sind die Menschheit. Wenn ich in die Landschaft schaue, sehe ich die Wahrheit. Weit hinter dem Horizont, an fernen Ufern.“

      Schiene jetzt der Mond, sähe er aus wie ein Zebra. Jalousien haben etwas Geheimnisvolles … sie verbergen etwas … und sie lassen versteckte Blicke zu … ein zwiespältiges Spiel. Das Schattenspiel.

   „War da was …? Nein. Irgendwann erzähle ich meine Geschichte.“

   Pünktlich legte der Liniendampfer ab … es war die Stunde der malvenfarbigen Dämmerung … der Südwind brachte den Duft Nordafrikas übers Meer … das süße Aroma der Orangen vermischt mit der Strenge des Salzes. Der Dampfer glitt dahin wie eine Vision und verschwand allmählich in der Tiefe einer endlosen Nacht. Er zog eine silberne Sichel auf dem Wasser hinter sich her. Ein letzter Blick auf die Kaimauer … die Lichter rasten in grellbunten Neonbahnen durch das Hafengelände und die Stadt auf dem Hügel. Und so glitt der Dampfer in eine dichte Nebelwand, wie in giftige Watte … Doch das Glück war mir nicht hold … letztlich kamen die Dinge so wie wir sie nicht erwartet hatten … wir vegetierten in einem mit Meeressand aufgefüllten Vulkankrater … nicht die Spur einer Vegetation … nur Lava und Sand … wir schmorten auf dem Grund dieses Kalkofens … was für eine Langeweile, was für eine Erschöpfung und Traurigkeit … wenn ich an die früheren Unternehmungen dachte, welch ein Jammer, welche Schande … wo waren die Bergüberquerungen, die Gewaltritte, die Streifzüge, die Strafexpeditionen …? Wo waren die Explosionen von Gewalt, von Leidenschaft und Maßlosigkeit?

   Er dreht sich um und schaut auf den Hund.

        Zärtlich sagt er dann: „Unsere Geschichte, Schwarzer … unsere verdammte Geschichte!“ Es ist ein Glück, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Wie zwei Landstreicher.

        Er denkt zurück. Zurück an die Jahre, als er den Schwarzen noch nicht hatte.

        … Paris … spätes Sonnenlicht strahlt durch die Zweige uralter Espen … unzählige weiße Blüten bedecken den Boden … Cimetière de Saint-Vincent … sternförmig, leuchtend hell wie Kristalle … herabgefallen von einem fernen Stern … aus einer fremden Welt … er steht vor seinem Grabstein … seine Haare sind weiß wie Schnee … er salutiert … ein abgerundeter, grob geschliffener Klotz, gegossen aus schwarz gefärbtem Beton … die Erinnerungen verblassen … er salutiert … ein verwitterter Stein … wie von feinsten Schneekristallen überzogen liegt der Friedhof dar … wie ein ruhiger, angeschwollener Strom … der Stein der Erinnerung … und es ist nicht die Wahrheit … eine schamlose Lüge … ein neues Leben aufgebaut auf einer glatten Lüge …

Jo a n Mei rs   19 2 – 1 49

   … Barrière d´Enfer … er steht im Reich des Todes … er erweist ihm die Ehre … er stellt seine Liebe unter Beweis … er salutiert …

   Er erstarrt.

   Ein letztes Mal die rechte Hand zum Gruß an die Stirn gelegt … am Ende der Nacht klagt der dunkle Strom … der Krieger am Ufer des Schicksals hat seine Träume längst aufgegeben … am Ende der Nacht klagt das rauschende Meer … der Krieger am Ufer des Schicksals hat seine Tränen längst verloren … ich habe kein Herz und keine Gefühle … tausend Blüten … tausend Blüten …

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Der Maler: „In meinen Bildern vom Nachtcafé habe ich auszudrücken versucht, dass das Café ein Ort ist, wo man sich ruinieren, wo man verrückt werden und Verbrechen begehen kann. Durch die Gegensätze von zartem Rosa und Blutrot und Dunkelrot, von mildem Louis-XV- und Veroneser Grün gegen die gelbgrünen und harten blaugrünen Töne – das alles in einer Atmosphäre von höllischer Backofenglut und blassem Schwefelgelb – habe ich die finstere Macht einer Kneipe ausdrücken wollen.“

Der Polizist: „An dem betreffenden Tag hatte ich Dienst im Dirnenviertel. Als ich am Bordell Nr.1 vorbeikam, damals in der Rue du Bout d´Arles, das von einer gewissen Virginie geführt wurde – der Name der Prostituierten war Gaby , hat diese letztere mir in Gegenwart der Chefin eine Zeitung übergeben, in die das Ohr eingeschlagen war, dazu sagte sie: Das hat uns der Maler geschenkt!, ich verhörte die beiden ein wenig, ich vergewisserte mich, was in dem Paket ist…“ „Am vorigen Sonntag, abends um 11 Uhr 30 erschien ein gewisser V. Vg., Maler, aus Holland gebürtig, im Freudenhaus Nr.1, verlangte eine gewisse Rachel zu sprechen und übergab ihr sein Ohr mit den Worten Heben Sie diesen Gegenstand sorgfältig auf. Dann verschwand er…“

Der Maler: „In meinen Bildern vom Nachtcafé habe ich auszudrücken versucht, dass das Café ein Ort ist, wo man sich ruinieren, wo man verrückt werden und Verbrechen begehen kann. Durch die Gegensätze von zartem Rosa und Blutrot und Dunkelrot, von mildem Louis-XV- und Veroneser Grün gegen die gelbgrünen und harten blaugrünen Töne – das alles in einer Atmosphäre von höllischer Backofenglut und blassem Schwefelgelb – habe ich die finstere Macht einer Kneipe ausdrücken wollen.“

Der Polizist: „An dem betreffenden Tag hatte ich Dienst im Dirnenviertel. Als ich am Bordell Nr.1 vorbeikam, damals in der Rue du Bout d´Arles, das von einer gewissen Virginie geführt wurde – der Name der Prostituierten war Gaby , hat diese letztere mir in Gegenwart der Chefin eine Zeitung übergeben, in die das Ohr eingeschlagen war, dazu sagte sie: Das hat uns der Maler geschenkt!, ich verhörte die beiden ein wenig, ich vergewisserte mich, was in dem Paket ist…“ „Am vorigen Sonntag, abends um 11 Uhr 30 erschien ein gewisser V. Vg., Maler, aus Holland gebürtig, im Freudenhaus Nr.1, verlangte eine gewisse Rachel zu sprechen und übergab ihr sein Ohr mit den Worten Heben Sie diesen Gegenstand sorgfältig auf. Dann verschwand er…“

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   Ich wiederhole mich, denkt er, die Gedanken drehen sich im Kreis … sie verwirren sich … ein Irrgarten … ein Spiegellabyrinth … du verfängst dich in deinem eigenen Netz.

   Du bist die Spinne.

   Das bleibt dem Hund erspart.

   „Braves Tier. Schläft wie tot. Und ich, ich lege ein Waffenarsenal an. In dieser toten Hütte.“

   Er greift nach dem Mauser. Aus dem gusseisernen Aschenbecher kramt er die ramponierte Patrone. Er zieht den Ring vor dem Abzugsbügel nach unten, gibt Lauf und Trommel frei, kippt sie nach oben, drückt noch einmal den Ring, und lädt die Trommel mit der Patrone.

   Die letzten Strahlen der Abendsonne dringen in die Kammer.             
Er hält die Waffe mit ausgestrecktem Arm gegen das Licht.

   „Ja, das wär´s dann … bumm! Und fertig!“

   Das beschlagene Eisen der alten Waffe funkelt nicht. Metall ist immer schön, und sein Anblick erfreut ihn stets. Er kann Metall riechen. Er spürt es auf der Zunge.

    Mit der Linken lässt er die Trommel der Waffe rotieren. Er stößt den Lauf gegen die linke Schläfe. Er setzt sie wieder ab. Dann drückt er sie in den Nacken.

   Er atmet tief. Streichelt den Hund.

   „Was mich wundert … er altert nicht. Ich glaube, der Schwarze hat das Ewige Leben. Wir haben alle Zeit … weißt du das, Schwarzer? Alle Zeit der Welt.“

        Nach einer Weile.

        „Er kann mich nicht hören. Er ist kalt.“

        Er legt die Waffe ab

   Er tritt vor die Tür. Lehnt am Balken. Blinzelt in die untergehende Sonne. Den Spazierstock aus Kastanienholz lässt er am Zeigefinger rotieren. Einige verirrte Sonnenstrahlen lassen die Silberspange matt aufblitzen. Er geht die drei Granitstufen hinunter. Barfuß stapft er durch den pulvrigen Schnee.

   „Das wird der letzte sein … im nächsten Oktober dann … Und jetzt regnet es schon wieder. Eine Zeit ist das.“

   Er blickt nach oben.

   „Wenn jetzt ein Regenbogen über den Bergen drüben in der Schweiz … über der Jungfrau, dem Joch, dem Matterhorn … auftaucht … geschieht ein Wunder.“

   Wenn nur diese Träume nicht wären. Diese quälenden Träume.

   „Die Sonne …“, murmelt er schlaftrunken und fasst sich an die schwarze Augenklappe, „die Sonne …“

   … ultramarin das Meer … das verträumte Spiel der Sonnenstrahlen auf den nackten Körpern … der getrocknete Salzstaub auf der gebräunten Haut … wie ein versunkener Morgennebel … es war meine glücklichste Zeit … eine Ewigkeit … zwei oder drei Tage … vielleicht … vielleicht auch weniger … Stunden vielleicht … wir liefen am Strand entlang … wir suchten nach Muscheln … manchmal richteten wir uns auf und standen still … draußen auf dem Meer fuhren Schiffe vorbei … sie machten uns traurig … wir liefen los … zurück zum Wagen … plötzlich schrie Ava auf … sie war eingeknickt und in den Sand gefallen … ich verstand erst nicht … als ich bei ihr war, sagte sie: „Zu spät, du hast mich im Stich gelassen.“ … ich wollte ihr aufhelfen … sie rannte zum Wagen und stieg ein … als ich das Auto erreichte, sagte sie: „Steig ein!“ … sie fuhr an … mir war, als dämmerte der Abend … eine Ewigkeit musste vergangen sein .

 „Die Sonne“, sagt er immer wieder, „… die Sonne … die Sonne …“

In den Tannenwipfeln kreischen Eichelhäher, sie tun das, was sie immer tun. Sie stören die Ruhe, sie zerstören den Frieden.

   Ich liebe die Elster, denkt er, mal sehen, wann sie auftaucht. Sie ist stumm und geheimnisvoll.

   „Trouver des gestes pour ton corps, c´est vivre … cherche le soleil … le soleil … nein … nein …! Es war zuviel!“

    „Der schwarze Hund! Was macht der Hund hier?“ Sie schrie es beinah. Er stand da, ruhig, und sah zu uns herüber, wie wir durch die auslaufenden Wellen uns Ufer drängten. „Er ist das Leben … der schwarze Hund ist die Wahrheit … er ist das Leben … das Leben und der Tod“, sagte ich zu ihr. Meine Worte beruhigten sie nicht. Ich nahm sie in den Arm, zog ihren warmen Körper an mich. „Ich bin der schwarze Hund.“ Sie erstarrte. Ich lachte wild. „Hast du das nicht gewusst? Bemerkst du es nicht?“ „Ich friere“, sagte sie. „Ich habe Angst. Verscheuche das Tier … bitte!“ Ich blickte zum Ufer. „Er ist weg“, sagte ich, lass uns nach Algier fahren. Wenn er überhaupt da war, dachte ich. Wir sehen Dinge, Gestalten … der schwarze Hund … ist es Fantasie …? Diese bösen Träume … diese Angst … diese ewige Angst …

   „Das war vor deiner Zeit, Schwarzer!“

   Oder war es danach?

   Egal.

   Ihm wird schwindlig.

   Er hält die linke Hand schützend an die Stirn.

   Er bedeckt die Augen.

   Er schleudert den Spazierstock in die Höhe, macht einen Satz und wälzt sich im Schnee. Der Schnee brennt auf der nackten Haut, kaum gelindert durch die milden Regentropfen.

   „Lass doch einen Regenbogen erscheinen … keinen bleichen, einen in allen Farben … dann wird ein Wunder geschehn.“

   Nein, er will es sich nicht einreden.

   Er richtet seinen Blick auf die nahen Berge.

   Es gibt keine Wunder.

   Der reine Morgen, der blendende Tag, sie weichen dem zwielichtigen Abend.

   Dann tritt die Nacht auf den Plan.

   Verdammte Welt.

   „Allah Kerim, mein Schwarzer!“

   Er greift nach dem Spazierstock. Er sucht ihn im Schnee.

   Verdammte Welt.

   „Das Leben nimmt uns nicht zurück.“

Der Maler Gregor Hildebrandt in Tokyo. 2025.

Bilder hier © Gregor Hildebrand
Foto © Gregor Hildebrand

Le Samourai. Einmal sollte Gregor in einem Remake von Jean-Pierre Melvilles Klassiker Alain Delon darstellen, die Idee entstand beim Aufbau der Ausstellung Sterne in Chicago im ehemaligen Umspannwerk meiner Geburtsstadt Singen am Hohentwiel, ein Ort, den wir Kinder schon in den frühen 1950er Jahren mit unseren Räuber-und-Gendarm-Spielen unsicher machten. Zur Realisation kam es nicht. Geblieben von den ersten Überlegungen ist ein Polaroid-Bild, auf dem Gregor vor einem Pistolen-Bild von mir steht und so tut, als schieße er. Für eine Monographie ordnete die Grafikerin diese Polaroid-Aufnahme unter die Portrait-Aufnahmen ein. Da es sich gut machte, nahm ich keine Korrektur vor. Einmal, es war zu Beginn des Jugoslawien-Krieges, fuhr Gregor mit dem Rad von seiner damaligen Stammkneipe in der Mainzer Neustadt ins Atelier in der Boppstraße, als über seinen Kopf hinweg geschossen wurde. Er fuhr furchtlos weiter und malte ein Bild, vielleicht die Kreuzrippe, denn er malte damals noch.

   Sind wir wirklich das, was andere in uns sehen? Schönheit und Kälte. Geheimnis und Entschlossenheit. Sind wir nicht vor allem das, was wir sein wollen. Denn dafür leben wir doch, und dieses Streben ist die Freiheit kein Objekt zu sein. Und der geheimnisvolle Glanz? Du musst erkennen, auf welcher Seite des Traums du stehst.

„I feel much more American than Japanese.“

St. Monica, 1999 – Foto © Doris Waldmann

„I feel much more Japanese than American.“

Jackson Pollock und der Japanische Blick.

This is the end                                                                                                       
For you my friend                                                                                                               
can´t forgive                                                                                                         
I won´t forget                                                                                                             
The end of nights                                                                                                
We tried to die                                                                                                         
This ist the end                                                                                                

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