Geschrieben am 1. April 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag April 2026, News

Alf Mayer: Ein Filmbuch über Bruno Ganz

Walter Ruggle: Schau Spiel Bruno Ganz. Eine Reise entlang der Filme des Schauspielers. Mit Filmbildern und Fotos von Ruth Walz und einem Nachklang von Jens Harzer. Verlag Scheidegger und Spiess, Zürich 2026. Hardcover, 392 Seiten, 308 farbige und 285 s/w-Abbildungen, 48 Euro. – Verlagsinformationen hier.

** **

Engel auf Erden

Alf Mayer geniesst das wunderbare Filmbuch »Schau Spiel Bruno Ganz« von Walter Ruggle

Echte Schweizer Wertarbeit und für mich bereits das Filmbuch des Jahres, das ist »Schau Spiel Bruno Ganz. Eine Reise entlang der Filme des Schauspielers« aus dem Zürcher Verlag Scheidegger und Spiess. Dort macht man schöne, solide Bücher: sachlicher Auftritt, vorbildliche Gestaltung, gutes Papier, ruhige Typografie, angenehm haptische Anmutung durch und durch. Kluges Büchermachen am Werk. Und hier nun wieder ein Meisterstück. Aller Preise würdig. (Hallo, Willy-Haas…)

Ein wuchtiges Hardcover, solide in der Hand, 392 Seiten, 308 farbige und 285 s/w-Abbildungen, feinste Texte. Kein Gramm zuviel. Alles appetitlich und präzise präsentiert. Inhaltlich wie auch für die Gestaltung verantwortlich ist Walter Ruggle, einer der besten Filmpublizisten der Schweiz. Lange Jahre hat er die Filmstiftung und den Filmverleih trigon geleitet, kaum jemand anderer hat so maßgeblich zur Verbreitung herausragender Filme aus Afrika, Asien, Lateinamerika und dem östlichen Europa beigetragen. »Welt in Sicht: Lateinamerika, Afrika, Asien: Filmische Reisen durch drei Kontinente« hieß sein 504 Seiten starkes Filmbuch von 2008.

Ruggles gut 30-seitige Einführung in seine Bruno-Ganz-Monographie trägt die Überschrift »Der Junge vom Rande der Stadt«, es folgen die Kapitel »Bühne«, dann »Filmfiguren«, »Gespräche«, »In eigener Regie«, »Begegnungen« und ein 50-seitiger Anhang, der einen Oscar für »Best Credits« verdienen würde. Dieser wunderbar übersichtliche und informative Anhang beginnt mit »Die wichtigsten Filme im Detail«, es sind 42 an der Zahl – ingesamt spielte Bruno Ganz in über 100. Jeder dieser Filme bekommt eine Spalte mit ausführlichen Credits, Filmformat, Drehzeit, Premierenort und Datum inklusive. Die Darsteller werden mit ihren Rollen benannt. Und zu jedem Film gibt es das Premieren- oder Verleihplakat.

Auf sechs Seiten folgt dann eine »Filmografie integral nach Drehjahren«, auf vier Seiten die »Bühnenpräsenz nach Premieren« – Bruno Ganz war ein großer Bühnendarsteller, liebte das Theater ebenso wie das Kino –, dann auf drei Seiten eine Auswahl von Lesungen und Hörbüchern/ Hörspielen. Die Liste der Auszeichnungen macht alleine eine eigene Seite aus. Vorhandene DVD-Ausgaben werden den Jahren nach aufgelistet, außerdem gibt es einen Hinweis auf die Schweizer Arthouse-Streaming-Platform filmingo. (Nicht wenige von Walter Ruggle kuratierte Filme dort.) Es folgt eine Übersicht der Filmsynchronisation eigener Rollen, eine zweiseitige Kurzbiografie und eine ganze Seite jahrgangsgleicher Filmleute und Künstler (1941, was für ein Jahr). Quellen und Weiterführendes machen weitere vier Seiten aus. Und dann bieten im siebenseitigen Sachregister die insgesamt 21 eingestreuten Porträts von Bruno Ganz einen eigenen Schnelldurchlauf durch sein Leben.

Seinen ersten öffentlichkeitswirksamen Auftritt hatte er als Konfirmant am Taufstein, fehlerfrei die Zehn Gebote rezitierend, seinen ersten Theaterauftritt im Jungen Theater Göttingen als „Verlorener Sohn«. Er spielte dann Cervantes, Camus, Brecht, Genet, ging nach Bremen zu Zadek. Legendär 1966 sein Franz Moor in Schillers »Die Räuber«. Er arbeitete mit all den Großen des Regietheaters, darunter das 20-Stunden-»Faust-Projekt« von Peter Stein. »Wenn ich mir die Gesamtheit seiner Film- und Theaterrollen anschaue, wird mir schwindelig«, bemerkte einmal Wim Wenders, »wenn ich mir vor Augen halte, dass Bruno Ganz sich in all diese Geister, Götter, Helden, einfachen Menschen oder Monster hineinversetzt hat, in all diese Abgründe geschaut oder sich in diese Höhen aufgeschwungen hat.«

Auf vielen der Fotos im Register und natürlich quer durchs Buch, prototypisch auf dem Cover des Buches, findet sich jenes fein-leise, verschmitzte Lächeln, mit dem dieser Schauspieler so viele Herzen erreicht und so vielen Figuren Leben eingehaucht hat – mit immer einem Rest von Privatheit, eigenen Ideen im Hinterkopf und im Ausdruck »mehr als das Auge sieht«. Bruno Ganz, das ist immer auch ein Gefühl. »Der Überirdische« überschrieb Die Zeit 2019 den Nachruf von Carolin Ströbele. Ein Engel auf Erden, das war er längst nicht nur wegen seiner Rolle in Wenders’ »Himmel über Berlin«.

Walter Ruggle hat dafür ein Kindheitsbild, beginnt damit seine Einführung: »Am Anfang steht der Traum auf dem Heuwagen. Bruno Ganz erzählt diese Erfahrung immer mal wieder. Die Geschwister seines Vaters Oskar, den es jung in die Stadt gezogen hat, bleiben Bauern in Buch am Irchel im Zürcher Weinland. Bei ihnen auf dem Hof verbringt der Bub oft seine Ferien. Und wenn er da auf dem Heuwagen liegt, den Duft des Heus in der Nase, die dörren Halme an den Beinen klebend, den Blick zum Himmel gerichtet, spürt er ein intensives Glücksgefühl in sich und beginnt sich vorzustellen, wie schön es doch wäre, wenn ihm bei diesem Gefühl möglichst viele Leute zuschauen würden…« Auf dem Heuwagen zu liegen, was auch Walter Ruggle vertraut ist (und mir als Bauernsohn natürlich), liegt die Idee einer Bühne nahe, weil man ja oben sitzt, und die andern von unten hochschauen. Bruno Ganz bleibt es, dieses Bedürfnis, anderen die innere Befindlichkeit von Figuren zu vermitteln: »Mich auszudrücken und mich gleichzeitig verstecken zu können. Denn ich spiele ja für die Zuschauer, nicht für mich, ich spiele andere.«

Das Buch lässt uns Bruno Ganz (1941–2019) als Sohn aus gutem Haus, als Student, russischer Graf, Schriftsteller, Rahmenmacher, Biogenetiker, Buchhalter, Bauer, Kriegsreporter, Seemann, Programmierer, Engel, Hochstapler, Kellner, Poet, Diktator, Sargschreiner, Arzt, Architekt, Oberstaatsanwalt, Bundespräsident, Geograf, Gouverneur, Apotheker, Drogenboss, Emigrant, Alpöi, Aussteiger, Mönch, Heiler, Richter, Höllenwart, Psychoanalytiker und Musiker erleben. Seine Darsteller-Biografie anhand seiner Rollen zu erzählen ist ein ganz wunderbarer Kunstgriff.

Wim Wenders wollte ihn eigentlich für die Hauptrolle »Im Lauf der Zeit«, er wurde dann Rahmenmacher (mit Kurzlehre in diesem Beruf) für die Highsmith-Verfilmung »Der amerikanische Freund«, in dem er sich nach einem Faustkampf bestens mit Dennis Hopper vertrug und umgekehrt. Sydney Pollack wollte ihn für »Out of Africa«, stolz war er auf »Messer im Kopf« von Reinhard Hauff und gerne hätte er einmal mit Paul Thomas Anderson gedreht.

Er war einer der bedeutendsten Schauspieler Europas. Aus dem Arbeiterquartier Zürich-Seebach  (»en Züri-Seebacher«) schaffte er es auf die wichtigsten Bühnen des deutschsprachigen Theaters, glänzte in Inszenierungen von Luc Bondy, Klaus Michael Grüber, Peter Stein oder Peter Zadek. Kinogeschichte schrieb er mit mehr als 100 Rollen in Filmen von Regisseuren wie Wim Wenders, Werner Herzog, Alain Tanner, Eric Rohmer, Francis Ford Coppola, Theo Angelopoulos, Sally Potter,  Claude Goretta, Volker Schlöndorff, Rudolf Thome, Hans W. Geissendörfer, Reinhard Hauff, Terrence Malik, Francis Ford Coppola oder Ridley Scott, Jonathan Demme, Bille August, Barbet Schroeder, Atom Egoyan, Alain Gsponer, Matti Geschonek, Lars von Trier, Hajo Gies, Markus Fischer, Fredi M. Murer, Peter Handke, Josef Rödl, Urs Egger.

Zeitlebens sträubte er sich gegen eine Biografie. Zusammen mit ihm hat der Zürcher Filmpublizist Walter Ruggle dieses Buch angedacht. Es widmet sich seinem Leben und Schaffen, indem es den mehr als 100 Filmfiguren folgt, die er verkörpert hat. Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven bietet sich Einblick in die Schauspielerei eines Ausnahmedarstellers und zudem ins Filmemachen und Theatermachen. Interviews und Texte von Wegbegleitern und Begleiterinnen vervollständigen das Bild. Illustriert wird durchgängig  mit Filmstills und zahlreichen Bildern der Berliner Theaterfotografin Ruth Walz, die seine langjährige Lebensgefährtin war und dieses Buch mit ermöglicht hat.

Es ist eine kenntnisreiche, im besten Sinne bildhafte Hommage an ein Lebenswerk. So müssten Bücher über Schauspieler immer sein, wünscht man sich.

Alf Mayer

Bruno Ganz und Isabelle Renauld, Die Ewigkeit und Tag, Regie: Theo Angelopoulos, 1997 © Trigon Film

Tags : ,