Geschrieben am 1. März 2026 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2026

Alf Mayer: »Kreuzfällen« mit Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer

Es röten sich die Sägeblätter

Alf Mayer zum Langgedicht »Kreuzfällen« von Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer

Am Tag, als ich zum ersten Mal dieses Buch in Händen hielt, wurde der Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg, per Hubschrauber ein generalüberholtes Gipfelkreuz geliefert: 4 Meter 88 hoch, 300 Kilo schwer und wieder rundum golden glänzend. Frische 27 Gramm Blattgold, in einer Werdenfelser Kunstschmiede fachmännisch appliziert. Touristen hatten es mit derart vielen Stickern verklebt, dass eine Reinigung unumgänglich geworden war. Jetzt soll eine Schutzfolie solche Kleberei verhindern. Und bitte bitte, appellieren seit Juni 2025 neue Hinweisschilder, die wettergeschützte Kreuz-Replik in der Gipfelstation sei für Selfies doch eh viel sicherer.

Das erste Kreuz, 300 Pfund schwer, wurde im Jahr 1851 noch von 28 Männern in einer dreitägigen Expedition auf den Westgipfel der Zugspitze gebracht. Beim heutigen handelt es sich um eine Kopie mit Stahlkorpus, aus dem Jahr 1993. Die Einschusslöcher übermütiger US-Soldaten nach der Befreiung Bayern 1945 blieben über Jahrzehnte im hölzernen Original sichtbar. Jetzt aber, spendiert von der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen (und offenkundig auch Gipfel): frisches Gold, Glanz und Glanz. Und Friede, Freude? Eierkuchen?

Von wegen. Die ketzerischen Dichter, Übersetzer, Herausgeber Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer, beide in München bzw. Gräfelfing 1 km westlich geboren, rufen mit einem schwindelerregend geilen und blasphemischen Langgedicht unverhohlen zum »Kreuzfällen« auf. (Natürlich ist das Buch in Berlin erschienen, nicht in einem christlich-bayerischen Verlag.) Ihr Anschlag auf alles, was Bayern heilig ist, zweiter Satz: »da röten sich die Sägeblätter«, steht in bester Anarcho-Tradition. »Im Grünspan zu Berge… Schwerkraft ist ein Risiko, das man eingehen muss.« Herbert Achternbusch hätte es sofort verfilmt.

Vier doppelseitige Schwarzblenden führen in das Ketzerbuch, »viele werden zu Fall kommen« (Evangelium nach Matthäus 24,10) steht als Motto auf dem ersten Vorsatzblatt. Auf einem weiteren: »Seit Mitte der 1790er-Jahre werden jedes Jahr Gipfelkreuze gefällt. Das ist ihre Geschichte.«

Und dann bläst der Gedichtstrom uns auf Wilder Jagd quer durch die Alpen, schert sich um kein Metrum und keinen Anstand (»dös is bloß a Fachwort aus d’r Jägersprach«, wirft der Hiasl ein), schreitet einfach aus, reißt Zäune und Schranken nieder, wirbelt uns hoch und runter, vom Jammertal zum Jubelberg und umgekehrt, wir aber ahasvern tapfer immer weiter bergan, lauschen dem A-Dur des Enzians, passieren die Drei Zinnen »als wären zwei davon Schächer«, lernen, wie man sich richtig kreuzigt, da »wo das Büchserl knallt und da Gamsbock fallt«, ein Hirsch, vom Fell her eher Apfelschimmel, und wenn mal kein Berg in Sicht, baut man einen Turm darunter. Sesselliftbarone servieren Jagertee, der Kreuzfäller-Papst Benedikt verabschiedet sich am Petersplatz: »Ed io ringrazio especialmente la Blaskapelle di Traunstein che ha suonato I’inno bavarese cosi bellamente.« Jedem Speckknödel seine Umsatzsteuer und Segen auch »denen das Herz unter der Northface-Jacke nicht mehr schlägt«, Tourismus ist das, was der Chef noch Fremdenverkehr nennt, die Gletscherzungen zu müde zum Schnalzen. Und der Herr sieht, dass es gut ist, dass es nur Holz ist. Da röten sich die Sägeblätter. Was haben wir in der Metaphysik nicht alles hinbekommen. Gartenzwerge, zu Tode gefoltert. Jubelberge. Und unten an der Gondelstation die scheunentorgroße Werbung für den neuen Audi Quattro. Ja sakra. Sack Zement. Halleluja. Grüß di, du heiligs Gipfelkreuz. I leg di nieder.

Das Ziel der zwei süddeutschen Welterklärer, »auf Flügel eigenen Gesangs hergetragen« und zur Lecktüre auch für den Bergmannkiez im Märkischen Sand geeignet, das Ziel der Autoren Roth und Bayerstorfer ist gewiss nicht nur das Holz, sondern das Gemüt. Ihr Gedicht, so seltsam es klingen mag, taugt bestens als eine Kulturgeschichte des Kreuzfällens. Ihr Schutzpatron dabei: Johann Baptist Hermann Maria Baron de Cloots (frz. Jean Baptiste Baron de Cloots du Val-de-Grâce), genannt Anacharsis Cloots, 1755 in Kleve geboren, 1784 während der Französischen Revolution per Guillotine hingerichtet, von Joseph Beuys verehrt, der sich phasenweise JosephAnacharsis Clootsbeuys nannte. Cloots bekommt eine der ersten Eintragungen in der Randspalte des Buches, die als Raum für Kommentare und Fußnoten fungiert. Überhaupt ist der wie aus einer Handpresse geschlüpfte Band aus dem Verlagshaus Berlin echt zu schade, um ihn irgendwo unter einem Gipfelkreuz zu lassen, selbst wenn es dort die obligat wetterfeste Schatulle gäbe. Schrift: Poplar, Elza, Papier: 100 g/qm Amber Graphic und 130 g/qm Munken Lynx, Zeichnungen: Andrea Schmidt.

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Tobias Roth, Daniel Bayerstorfer: Kreuzfällen. Zeichnungen von Andrea Schmidt. Edition Panopticon/ Berliner Verlagshaus 2025. 90 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

Lautmalerisch, exzessiv, Barock und Dada, Ernst und Unernst wild durchnander gejandelt und manchmal auch die Mundart küssend, gelegentlich Jodel oder Nonsens, Echo nicht nur vom Königssee und jeder Konsens sofort im Schwitzkasten, lässt die Wilde Jagd buchstäblich keinen Stein auf dem anderen, stellt alles, was uns an Bergen und Gipfelkreuz hoch ist und heilig, auf den Kopf. Tritt drauf. Quetschts aus. Schenkt ein. Trinkt mit Jean Paul auf dem Kopfe stehend den Nektar himmelaufwärts. Macht mächtig Spaß. Sakrilegisch Spaß. Auftritt im Tross haben auch Seneca, Skilehrer, Schnapsbrenner, Köhler, Förster, Holzknechte, Dürers Rasenstück, Renaissance-Condottieri und eine ganze Galerie historischer Räuberinnen: Christina Schettinger, Elisabetha Gaßner, genannt die Schwarze Lies, Elisabetha Frommerin, genannt die Alte Lisl. Ihre Tochter Columbina Knoblocherin und Anna Maria Rickin, Anna Waldvögtin, Magdalena Kriegin, Barbara Waldnerin, Margaretha Böckin kichern auf dem Schlitten. Bruno Taut sitzt vor der Abfahrt in die Schweiz, wo er sein Großprojekt (Alpine Architektur) präsentieren will, in der Münchner Bahnhofswirtschaft und bekommt einen schäumenden Humpen serviert. Was ist das?, fragt er. »Des is a Ruß«, sagt die Kellnerin, das hätten die Roten doch auch immer bestellt, wenn nicht gar erfunden. (Die Münchner Räterepublik war Thema des Epyllions »Die Erfindung des Rußn« von Roth und Bayerstorfer, 2018 im Aphaia Verlag.)

Ich möchte dieses Gedicht unbedingt als Lesung erleben, gern mit Bayerns schrägster Stubenmusik als Begleitung. Als Vorleser vorstellen könnt ich mir den Kinski Klaus oder den Wicki Bernhard, währenddessen der Trenker Luisl und d’r Söder auf einen Stuhl gefesselt und Bapperl überm Mund zuhören müssen. Die Geierwally kriegt ein Freiticket. Der Polt Gerhard auch. Und der Hildebrandt. Und der Valentin. Und mein Freund Georg Seeßlen sowieso, der mir einst für »medium« eine Trilogie geschrieben hat: »Die Prostitution Bayerns durch den Fremdenverkehr« (ca. 1983).

Jetzt aber endlich Textauszug – und dann noch Sach-Infos zur Gipfelkreuzerei.

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Bei Eintritt in den Wald fällt
der Geruch nach feuchten Pilzen auf, nach Harz und Wild.
Die Bucheckerln bröseln unter den Wanderschuhen, der
Auerhahn knistert und knödelt. Die Märchenwinkel
unterhalb der Wurzeln schnaufen, manche Huckel sind zum Weg hin
abgebrochen, die noch viel feineren Würzelchen wackeln
über der Kante, unterm Nadelboden wummern die Myzele.
Da auf dem Findling, wo die Lichtkegel durch die Tannen-
wipfel brechen, steht ein Hirsch, vom Fell her eher
Apfelschimmel. Über aufmerksam zuckenden Ohren ragt
ein mächtiges Geweih mit 14 Enden, doch dazwischen,
oberhalb der Stirn steht ein kleines Kreuzerl, ein Kruzifix,
ebenfalls mit Petschaft als Sockel, gut an der Schädel-
decke fixiert, und ein erheblich winziger,
sehr magrer Gottessohn hängt gesenkten Hauptes an
fast unsichtbaren Nägeln.

Und jetzt, wo der Wind wieder aus den Nadeln
fährt, und Stille herrscht, da sieht und hört man, wenn auch
nur ganz leise, Jesum atmen, den kleinen Mann, ein Kind
könnt ihn zerquetschen, würgen wie ein Ganserl, er stöhnt und
hebt den kleinen Kopf. So schaut er leidend durch die
Bäume. Das Tier dagegen ruht in sich, die Nüstern blähen
sich einfach nicht, denn der ganze Brocken Hirsch
atmet nur durch dieses so würdige Mündlein, sein Herz
klopft in dem Manschgerl drin: Er ist dem Wild
ein ausgelagertes Organ, überlebenswichtig und verletzlich.
So stolziert er vorsichtig und langsam durch den Baumbestand,
der Eustachius-Hirsch. Ja, man weiß nicht so recht, was er kann.
Man sagt, dass in den Fichten, die er passiert, die Borken-
käfer platzen, dass, wo sein Blick ruht, aramäisch
sprechende Moose wachsen. Immerhin.

(…) … und weiter …

Drei Gipfelkreuze gibt es nicht, doch sechs in Memlings
Passion, da wird man gekreuzigt, beweint und im selben Moment
schon vom Kreuz genommen, weiter unten ausgepeitscht und
verleugnet. Wie soll man sein Abendmahl beenden, wenn man
aus dem Fenster schaut und sieht, wie man aus dem Grab
tritt und die drei Marias weinen? Im Kreis.
Und die Römer bekommen florentinische Rüstungen,
Senatoren Duttenkragen, Wachen
Pluderhosen, Hellebarden.
Ein Condottiere reitet im Hintergrund mit seinen Söldnern
vorbei, nach Venedig, wo Jerusalem liegt,
an Mantua vorbei, das den See Genezareth staut,
das bringt mindestens eine Gigawattstunde Schönheit,
quatuor sensus scripturae, doch nur ein Augenblick
hält das Kolorit von Zeit und Raum:
Eine Handvoll Buchstaben bewegt sich
langsam genug, um scharfzustellen:
Das Kreuz, die crux, ein unerfreulich Ding,
wie das Handwörterbuch von seiner Hauptbedeutung weiß, also:
Marterholz, sowohl zum Anpfählen,
als auch zum Hängen,
als auch zum Kreuzigen,
und im letztgenannten Text finden wir Seneca
am Fuße der x-beliebigen Schädelstädte, Blick aufwärts, und
Dort erblicke ich Marterhölzer. Einige hingen die Leute
mit zur Erde gekehrtem Kopfe auf, andere trieben den Pfahl
durch die Weichteile, andere dehnten die Arme am Galgen aus.
Ich sehe Folterseile, ich sehe Geißelhiebe, ich sehe

besondere Maschinen für jedes einzelne Glied und Gelenk,
aber will ich das auch auf jedem Berggipfel sehen?
Also:

Seine Seele war betrübt, bis an den Tod, kein
Helikopter, ihm die Last zu nehmen. Noch gestern im
Ölberg diese einmalige Mischung aus Mondlicht und
Olivenzweigen; in die Wurzeln geklemmt: Gähnende
Jünger. Eine Herrgottsruh, die Nacht ist eingerastet
in die Zweige. Schlafen, einfach schlafen. Nur Er
ist wach. Von weiter unten plätschert kühl der
Winterbach Kidron. Warum nicht hier zum Waldgeist
werden, das Wäldchen nie mehr verlassen, bis die
Ölbäume am Meer stehen.

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Auf rund 4000 Gipfeln der Alpen steht heut ein Gipfelkreuz. Ganz schön viel. Schätzungen zufolge gibt es in der gesamten Alpenregion immerhin mehr als 60.000 benannte Berge. 82 davon sind Viertausender, deren beinah alle liegen in den Westalpen, in Frankreich, Italien oder der Schweiz. Eine Bergsteigerseite hat die 25 berühmtesten Alpengipfel nominiert (Link hier). Allein in Österreich gibt es knapp 1000 Dreitausender. In den Allgäuer Alpen, wo ich das Laufen lernte und über Jahre mit zwei Onkels so gut wie jedes Wochenende beim Bergsteigen war, gibt es 600 benannte Gipfel. Im Frühtau zu Berge, das kenn ich, gehört zum Kindheitsinventar …

Einer Diskussion ums Kreuzfällen sieht der Deutsche Alpenverein (DAV) gelassen entgegen. Weil in Deutschland ohnehin auf allen nennenswerten Gipfeln ein Kreuz stehe, so DAV-Präsident Roland Stierle zum Bayerischen Rundfunk, gebe es keinen Diskussionsbedarf über weitere Gipfelkreuze. Für den Flachland-Franken Markus Söder ist die Diskussion damit keineswegs beendet. »Der Freistaat stellt sich klar gegen die Abschaffung von Gipfelkreuzen«, dekretiert ein Tweet. Die CSU will Kreuze in jedem Klassenzimmer und klar auch auf jedem Berg. Das hat schon immer Tradition. »Vom Marterl bis zum Gipfelkreuz. Flurdenkmale in Oberbayern«, heißt eine einschlägige Publikation.

Gebet am Gipfelkreuz

2024, immerhin in einer Zündfunk-Produktion, ist der BR der Gipfelkreuz-Frage nachgegangen (ARD-Audiothek, 23 Minuten, Autor: Rainer Firmbach, Link hier). Daraus zwei Episoden aus der Entwicklungsgeschichte der Gipfelkreuze. Das Jahr 1800 markiert eine Art Quantensprung, denn zum ersten Mal wird auf einem Alpenberg beträchtlicher Höhe, auf dem 3798 Meter hohen Großglockner, dem mächtigsten Berg Österreichs, ein gewaltiges Gipfelkreuz aufgestellt. Sechs Jahre, bevor das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zusammenbricht. Treibende Kraft ist der Bischof Franz II. Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheidt, Oberhirte der Diözese Gurk. Im nahegelegenen Dorf Heiligenblut wird das spektakuläre Ereignis mit Böllerschüssen gefeiert. (Ich liebe diese Orts- und Bergnamen, war oft ganz oben auf dem Nebelhorn. Nur Zugspitze ist ein dämlicher Name für einen Berg, warum nicht gleich Allianz-Arena.)

Im Stubaital, Luftlinie 120 Kilometer, will 1951 ein Kaplan namens Karl Loven ein Zeichen setzen, auf dass die alten, christlichen Tugenden wieder Einzug halten in das Tal, und in die ganze Welt. Er schreibt ein Buch gegen einen Film, der erst ein Jahr später die nächstgelegene Stadt (Innsbruck) erreicht und dort gegen alle Proteste und alle Bücher aufgeführt wird. Der Film heißt DIE SÜNDERIN. Das Buch »Das Gipfelkreuz. Jugend in Kampf und Bewährung« erscheint im Paulus Verlag Recklinghausen. Erst wieder beim SCHWEIGEN (1963), eine Dekade später, ist die katholische Kirche so flächendeckend werbewirksam vereint gegen alle kreuzlose Unsitte. Karl Loven macht das Zuckerhütlkreuz zum Thema seines Aufrufs, erinnert an den heldenhaften Widerstand junger Katholiken gegen die Nazis, die das Kreuz – wie quer durch die Alpen hundertfach geschehen – umwidmen wollten. Auch das Zuckerhütlkreuz wurde weltanschaulich vereinnahmt, aber der Kampf darum taugt eben gut Moralzuckerl. Karl Loven predigt seiner Anhängerschaft, über »frivole Filme nicht auf der Straße zu schimpfen«, gegen den um sich greifenden Sittenverfall helfe »nur das Gebet am Gipfelkreuz«.

Das Zuckerhütl ist mit 3.507 Meten der höchste Berg der Stubaier Alpen. Der Heigelkopf im Bayerischen Voralpenland bringt es auf ganze 205 Meter – und heißt bei Google-Maps auch heute noch »Hitlerberg«. (Wirklich wahr, geben Sie einfach den Namen in die Internetsuche ein.) Die Wackersberger im Landkreis Bad Tölz waren 1933 besonders vorauseilend im Gehorsam, tauften den Heigelkopf in »Hitlerberg« um und ersetzen das Gipfelkreuz durch ein Hakenkreuz. Mit Fackeln bestückt, leuchtet es bei Nacht als »glühendes Bekenntnis zum Führertum« hinaus ins Land. In der BR-Sendung heißt es: »Im Frühjahr 1945, als Hitlers Reich in Trümmer sinkt, fürchten die Wackersberger, dass dieses Hakenkreuz ihnen Ärger bringen wird. So schleicht sich, kurz vor Ankunft der amerikanischen Truppen, nachts ein Trupp von Männern mit Schweißgerät hoch zum Hitlerberg. Die knicken das Nazi-Symbol, lassen es auf dem Gipfel liegen. Damit man beim Schweißen den verdächtigen Funkenflug nicht sieht, sind die Männer in Wettermäntel eingehüllt. Der Hitlerberg heißt seither natürlich wieder Heigelkopf. Das Internet aber vergisst ja bekanntlich nichts. Wer bei Google Maps oder Google Earth den Namen Hitlerberg eingibt, landet schnurstracks und zielsicher beim Heigelkopf. Jahrelang hat sich die Gemeinde Wackersberg darüber aufgeregt, wütende Briefe an Google geschrieben, aber vergebens.«

Bisher war es vor allem die Schweiz, in der es spektakuläre Aktionen gegen Gipfelkreuze gegeben hat. Auf dem Berg Freiheit in den Appenzeller Alpen stand eines Tages plötzlich ein drei Meter hoher Halbmond aus weißem Acrylglas. Ein Hubschrauber hatte das islamische Symbol auf den Gipfel geflogen. Verantwortlich: der Künstler Christian Meier, überzeugter Atheist, dem die vielen Gipfelkreuze auf den Keks gehen.

Noch rabiater ging der Schweizer Bergführer Patrick Bussard zu Werke. In den Bergen des Kantons Fribourg brachte er gleich drei Gipfelkreuze zu Fall. Einmal löste er die Schrauben, zweimal war er mit einer Säge zugange. Das Gericht in Bulle verurteilte ihn zu einer Geldstrafe (90 Tagessätze à 10 Franken, vermeldet die Internetseite jesus.ch). Seine Kreuzfällerei löste landesweit Empörung aus. Der Schweizer Alpenclub entfernte ihn aus seinen Reihen.

Wir aber schlagen hiermit Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer, da schaust her, zu drachentötenden Georgs-Rittern vom Heilgen Kreuz, ob sie’s dann absägen oder nicht. (Royal Order of Saint George for the Defense of the Immaculate Conception, Hausritterorden vom Heiligen Georg, Kini Ludwig Zwoa, hab di selig.)

Alf Mayer

Tobias Roth ist CulturMag-Lesern gut bekannt, siehe:
Die Renaissance in Neapel, Florenz, Rom: Drei Textauszüge
„Welt der Renaissance“ – ein Interview und etliche Geschmacksproben: Eine Reise mit 68 Personen und Hunderten von wundersamen Texten
Das Medium Feindflugblätter: Die gleiche Botschaft wie eine Patrone

Fürs »Kreuzfällen« interessant: das von Tobias Roth herausgebene und übersetzte Anacharsis Cloots . Reden aus der Revolution 1790-1793. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2024.

Vom früheren stern-Reporter Hans-Joachim Löwer stammt das informative Buch »Gipfelkreuze  – Träume, Triumphe, Tragödien: Die 100 faszinierendsten Gipfelkreuze der Alpen und ihre Geschichten«. Athesia Tappeiner Verlag, Bozen 2019, 352 Seiten.
Schönes Material bietet auch: »Dem Himmel nah …: Von Gipfelkreuzen und Gipfelsprüchen« der österreichischen Philosophin und Theologin  Claudia Paganini, 2002 im Berenkamp Verlag, Innsbruck.

Auf dass sich also Sägeblätter röten…

Gipfelkreuz auf dem Hohen Zinken (2222m), vom Sturm Kyrill umgebogen – © wiki-commons

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