Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024

Die Renaissance in Neapel, Florenz, Rom: Drei Textauszüge

Ein Vulkanausbruch bei Neapel, die Ruinen von Rom und ein Tagebuch aus Florenz …

(AM) Aus seinen drei Komplementärbänden ”Neapel«, »Florenz« und »Rom« zu seinem exorbitanten Folio-Band »Die Welt der Renaissance« (2020) hat Tobias Roth für uns drei Textauszüge ausgesucht, die wir Ihnen hier mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag präsentieren. – Siehe dazu auch das Interview hier in dieser Ausgabe nebenan: »Das ist schon eine Glorie für sich«. Ein Interview von Alf Mayer.

Hier nun also aus Neapel ein Bericht über den spektakulären Ausbruch der Phlegräischen Felder 1538 (der einzige Ausbruch dieses Supervulkans in historischer Zeit); aus Florenz Auszüge aus dem Tagebuch des Krämers Luca Landucci, eine grandiose Quelle über das Alltagsleben in der Großstadt Florenz; und schließlich aus Rom ein Bericht des päpstlichen Aufsehers über alles antike Gestein zum Zustand der Ruinen Roms: und diese Amtsperson ist Anfang des 16. Jahrhunderts kein geringerer als der Maler Raffael.

Neapel
Francesco del Nero: Ein Brief mit neuen Nachrichten über Pozzuoli und die Feuerschlünde, die sich jüngst unweit Neapels geöffnet haben, und über die Vorbedeutung dessen, und über alles, was bis zum 16 Oktober 1538 vorgefallen ist

Geehrter Herr, ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in Pozzuoli gewesen sind. Sechs Armbrustschüsse vor dieser Stadt begann eine Ebene, die etwa siebenhundertfünfzig Meter1 weit war und sich bis zur Bucht des hiesigen Meeres erstreckte; zur Linken begrenzte sie das Meer, zur Rechten der Berg. Jetzt befindet sich an Stelle dieser Ebene auf ihrer ganzen Breite, nebst einem Teil jenes Berges, und in der Länge ebenso viel Raum greifend, eine Grube voller Feuer. Es ist eine Sache, die, obgleich natürlich, höchst wunderlich ist und genau betrachtet werden sollte. Aristoteles erwähnt im zweiten seiner Bücher über Meteore zwei ähnliche denkwürdige Vorfälle, einen in Pontus, einen auf den heiligen Inseln.

Am 28. September gegen 18 Uhr zog sich das Meer vor Pozzuoli zurück und dreihundertsechzig Meter lagen trocken, sodass die Einwohner von Pozzuoli Wagenladungen an Fischen, die gestrandet waren, einsammelten.

Am 29. gegen 14 Uhr senkte sich dort, wo sich heute der Feuerschlund befindet, die Erde etwa fünf Meter ab und ein Flüsschen entsprang. Manchen zufolge, die es untersucht haben, war das Wasser eiskalt und klar, anderen zufolge aber lauwarm und ziemlich

schwefelig; da aber alle diese Berichte von Augenzeugen stammen, die vertrauenswürdig sind, so glaube ich, dass sie alle die Wahrheit sagen und dass die Quelle erst so und dann anders sprudelte, und entsprechend beschreibt es auch Aristoteles.

Am selben Tag mittags begann die Erde an diesem Ort sich aufzublähen, sodass sie dort, wo sie zuvor fünf Meter abgesackt war, um halb zwei nachts bereits so hoch wie der Monte Ruosi2 war, also so hoch wie der Berg, wo jenes Türmchen steht. In diesem Moment zeigte sich auch das Feuer und riss jenen Schlund mit solcher Wucht, solchem Lärm und solchem Gleißen auf, dass ich es in meinem Garten in Neapel mit der Angst bekam. Aber die Angst war nicht so groß, dass ich nicht eine halbe Stunde später auf eine Anhöhe dort in der Nähe gegangen wäre, von der aus man alles überblickte.

Meiner Treu, das war ein schönes Feuer! Es hatte derart viel Erde und Fels aufgerissen und schleuderte sie beständig in die Höhe, von wo aus sie rings um den Feuerschlund niederfielen. Dieser erstreckte sich, zum Meer hin in einem Halbkreis, vielleicht zweitausendzweihundertfünfzig Meter in die eine Richtung, tausend Meter in die andere. In der Nähe von Pozzuoli ist ein Berg entstanden, der fast so hoch ist wie der Monte Morello,3 und im Umkreis von fünfundvierzig Kilometer wurden Erde und Bäume mit Asche bedeckt.

Auf meinem Hof tragen nur die großen Bäume noch Blätter. Bis Sperlunga, das sechs Kilometer von Pozzuoli entfernt ist, gibt es keinen Baum, dem nicht alle Äste abgebrochen sind, man erkennt nicht mehr, was für Bäume das einmal gewesen sind. Die Asche, die in dieser Gegend gefallen ist, war dicker, weich und schwefelig und drückend, und sie hat nicht nur die Bäume zerstört, sondern auch alle Vögel, Hasen und Tiere ähnlicher Größe dort getötet.

Gestern musste ich noch einmal über das Meer nach Pozzuoli zurück. Es waren Massen von Menschen dort und sie staunten, und da war nichts anderes als der neue Berg, ich meine, nichts im Vergleich zu jener ersten Nacht, als ich hingegangen war, um es mir anzusehen. Denn niemand in Neapel hat in dieser Nacht das Feuer gesehen, und obwohl es ein paar Leute nacherzählen können, bin ich doch geradezu der Einzige, der davon berichten kann. Nach jener Nacht sind zwar immer wieder Grüppchen hinübergegangen, aber es ist nichts mehr vorgefallen, was so verwunderlich wäre wie das, wovon ich jetzt erzählen will.

Mein Herr, stellen Sie sich vor, der Feuerschlund wäre die Engelsburg. Sie ist gefüllt mit aufrechten Strahlen, die sich berühren und aus Feuer sind. Diese Strahlen schießen wirklich weit nach oben, ganz aufrecht, und wenn sie wieder nach unten stürzen, dann fallen sie zuweilen nicht nur in die Engelsburg zurück, sondern gehen auch über dem Tiber und über Prati4 nieder. Stellen Sie sich weiter vor, dass so viel Strahlenmasse in den Tiber gefallen ist, dass er davon ganz angefüllt ist und sich zehn Meter gehoben hat; und gegen Prati zu ist so viel niedergegangen, dass sich vom Weinberg Messer Bindo Altovitis5 bis zum Monte Mario6 ein Berg aufgetürmt hat, der nicht weniger hoch ist als San Silvestro in Tusculum7. In Richtung des Petersdomes sind nicht viele Flammenstrahlen gefallen, da Westwind herrschte und die Strahlen in die genannte Richtung trieb.

Francesco Marchesino: Copia de una lettera di Napoli che contiene li stupendi, et gran prodigii apparsi sopra a Pozzolo Neapel, ohne Verlagsangabe, 5. 10. 1538. Titelblatt. Wie auch Francesco del Neros Brief vom 16. Oktober erscheint Francesco Marchesinos brieflicher Bericht über die Eruption vom 5. Oktober ohne Angabe eines Druckers. Beide sind Heftchen von nur wenigen Seiten, mit denen sich die Nachricht verbreitet, dass Pozzuoli explodiert ist.

Der Schlund schleuderte dicke Erdbrocken aus sich heraus und Felsen groß wie Ochsen, und zwar meinem Urteil nach etwa zweitausendzweihundertfünfzig Meter weit. Später zog es sich zusammen und alles ging näher am Schlund nieder, zwei oder drei Armbrustschüsse, sodass zugleich das genannte Meer aufgefüllt und der genannte Berg aufgetürmt wurde. Diese Erd- und Gesteinsmassen fielen ganz trocken. Dasselbe Feuer warf aber zur gleichen Zeit auch andere, leichtere Erde und kleinere Steine ziemlich weit nach oben, und sie landeten noch weiter vom Feuer entfernt, und sie waren weich und schlammig. Das ist ein deutliches Zeichen, dass sie mit kalten Regionen in Berührung kamen, so wie auch andere Dämpfe, wenn sie bei uns ankommen, zu Wasser werden. Das ist auch der Grund, warum die fallende Asche weich und etwas feucht war, und das bei heiterem Himmel. So lassen sich die Geschehnisse auf natürliche Ursachen zurückführen und erklären, sowohl materiell als auch formal; ebenso das Trockenfallen des Meeres, das mit dem Entspringen des erst kalten, dann warmen Flüsschens zusammenhängt, das Absinken und die Anhebung der Erde, schließlich der Ausbruch des Feuers und auch die Erdbeben zehn Tage zuvor. In Pozzuoli nämlich spürte man jeden Abend zehnmal die Erde beben, ununterbrochen, aber nach dem Ausbruch ließ sich hier wie dort nichts mehr davon bemerken. Aber da hierüber bereits Simone Porzio an den Vizekönig und an Hochwürden Farnese geschrieben hat, auf der Höhe der Gelehrsamkeit, übergehe ich das, damit es nicht den Anschein hat, ich würde mich mit fremden Federn schmücken.

Pozzuoli ist momentan vollständig unbewohnt. Man erkennt das dortige Meer nicht wieder, denn es sieht aus wie gebratene Erde und liegt unter einer Schicht schwimmender Steinchen begraben, die sie rapolle nennen, etwa siebzehn Zentimeter groß. Aber was mir nicht in den Kopf gehen will, ist die schiere Masse an Zeug, die den Schlund verlassen hat. Wenn man bedenkt, was alles ins Meer gefallen ist, woraus der Berg entstanden ist, die bekannte Asche und der feine Staub, der von verbranntem Stoff übrigbleibt, dann gäbe das alles zusammengenommen ein gewaltiges Gebirge. Ich habe heute Morgen mit jemandem aus Eboli gesprochen, das achtundsechzig Kilometer vom Feuer entfernt liegt, und er sagte mir, dass es auch dort dieselbe Asche geregnet habe. Ganz gewiss habe sich das Feuer unterirdisch über fünfzehn Kilometer ausgebreitet. Auch am Kap hat sich die Erde mächtig gehoben: Als ob es noch nicht reichen würde, hat sich das Feuer zwangsläufig auch dorthin ausgebreitet.

Wolle Gott, dass sich diese Höhlung nicht bis nach Neapel ausbreitet. Und doch haben wir gestern, auf dem Landweg zurück aus Pozzuoli, zwei neue Feuerschlünde gesehen, die nur viereinhalb Kilometer von Neapel entfernt sind. Darüber haben hochbedeutende Männer schöne Reden gehalten, ihrer Meinung nach ist die Gefahr für Neapel groß.

Es wurden Prozessionen veranstaltet, zwischen Neapel und Pozzuoli wurden unzählige Brunnen angelegt, um das Feuer zu löschen.

Was die Vorbedeutung angeht, heißt das, da die Feuerstrahlen wie gesagt von Westen nach Osten geweht wurden, dass der Kaiser die Türken angreifen wird. Das Feuer von Pozzuoli hat seine Arbeitswoche ehrbar beschlossen, denn am 6. dieses Monats, einem Sonntag, zogen viele Leute bei heiterem Wetter aus, um es zu sehen, und gegen 21 Uhr begann das Feuer wie wild auszuschlagen, sodass viele erstickten.

Aus Neapel, am 16. Oktober.

Anmerkungen
1 Francesco del Nero nutzt, neben dem Erfahrungsmaß des Armbrustschusses, mehrere verschiedene Maße: palmo (ca. 25 cm), braccia (ca. 60 cm), canna (ca. 2,5 m), miglio (ca. 1,5 km). Zur Entlastung der Vorstellungskraft sind diese Angaben näherungsweise in das metrische System mitübersetzt.
2 Um welchen Berg es sich handelt, ist unklar.
3 Hier übertreibt del Nero etwas: Der Monte Morelllo (934 m ü. d. M.) ist eine prominente Erhebung im Umland von Florenz (50 m ü. d. M.), der Monte Nuovo bringt es auf 130 m ü. d. M.
4 Ein Viertel nördlich der Engelsburg.
5 Bindo Altoviti (1491 – 1557) ist ein in Rom tätiger Bankier aus Florentiner Adel, der vor allem im Dienst mehrerer Päpste großen Reichtum anhäuft; Raffael malt sein Portrait, Cellini gießt seine Büste. Sein »Weinberg« bezeichnet hier vermutlich seine Villa am Tiberufer in Prati, deren Loggia Giorgio Vasari mit Weinrebenmotiven freskiert hat; die Villa wird im 19. Jahrhundert zerstört.
6 Ein Hügel nordwestlich der Engelsburg, etwa zweieinhalb Kilometer vom Petersplatz.
7 Auch hier ist unklar, um welche Erhebung es sich handelt.

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Rom
Raffaello Santi: Über die Ruinen Roms.
An Papst Leo X. (Auszug)

Es gibt viele Menschen, heiligster Vater, die mit ihrer kleinen Urteilskraft an den übergroßen Dingen Maß nehmen, die uns von den Römern in Bezug auf den Krieg, von der Stadt Rom aber in Bezug auf das Wunder der Baukunst, den Reichtum, die Schönheit und die Großartigkeit der Gebäude in den Schriften überliefert sind.

So halten sie sie eher für märchenhaft als für wahr. Aber ich pflege die Sache anders anzusehen. Wenn ich von den heute noch sichtbaren Überresten der Ruinen Roms auf diese göttlichen Geister der Antike schließe, so scheint mir die Annahme nicht wider die Vernunft, dass für sie vieles äußerst einfach war, was uns geradezu unmöglich ist.

Nachdem ich mich in das Studium dieser Werke der Antike versenkt habe, sie mit nicht weniger Sorgfalt gesucht und genau vermessen habe, zudem die guten Autoren gelesen und die Werke mit den Schriften verglichen habe, glaube ich nun, eine gewisse Vorstellung von der antiken Architektur bekommen zu haben. Einerseits bereitet mir die vertraute Kenntnis einer so hervorragenden Sache die allergrößte Freude, andererseits aber empfinde ich allergrößten Schmerz beim Anblick des Kadavers, der von diesem Land, dem einst die Erde gehorchte, nach elender Verstümmelung geblieben ist.

Wenn es also jedermanns Pflicht ist, seine Vorfahren und seine Heimat zu ehren, so sehe ich die feste Aufgabe aller meiner geringen Kräfte darin, so gut es geht, das Abbild oder gleichsam den Schatten dessen am Leben zu erhalten, was in Wahrheit die universelle Heimat aller Christen ist: eine Stadt, die für eine gewisse Zeit derart edel und mächtig war, dass die Leute zu glauben anfingen, sie alleine unter dem Himmel stehe über der Fortuna, sie werde gegen die Gesetze der Natur den Tod nicht kennen, sie werde ewig dauern.

Dann allerdings hat sich die Zeit, als wäre sie eifersüchtig auf den Ruhm der Sterblichen und würde nicht auf ihre eigenen Kräfte vertrauen, mit der Fortuna und den uneingeweihten, verbrecherischen Barbaren verschworen. Zu ihrer gefräßigen Feile und ihrem giftigen Biss gesellten sich also noch deren sinnloses Wüten, das Schwert und das Feuer und was es sonst noch brauchte, um die Stadt zu zerstören.

So wurden die berühmten Werke, die heute blühender und schöner sein würden denn je, durch die verbrecherische Tobsucht, durch den grausamen Drang dieser bösartigen Menschen, Bestien vielmehr, verbrannt und zerstört. Aber doch nicht so vollständig, dass uns nicht gleichsam das Gerüst des Ganzen geblieben wäre, ohne allen Schmuck, um es so zu sagen: das Gerippe des Körpers ohne Fleisch.

Aber wieso beklagen wir uns über Goten, Vandalen und andere hinterhältige Feinde, wenn die Väter und Beschützer, die die armen Überbleibsel Roms verteidigen müssten, es sich selbst für lange Zeit zur Aufgabe gemacht haben, sie zu zerstören? Wie viele Päpste, heiligster Vater, die zwar das Amt Ihrer Heiligkeit geteilt haben, aber nicht dieselbe Bildung, Tugend und Geistesgröße besessen haben, nicht jene göttliche Milde, ich sage also, wie viele Päpste haben eifrig antike Tempel, Statuen, Triumphbögen und andere ruhmreiche Gebäude zerstört! Wie viele haben sie als Quelle von Baumaterial bis auf die Fundamente abgegraben, wodurch die Gebäude in kurzer Zeit dem Erdboden gleichgemacht waren! Wie viel Kalk hat man nicht aus antiken Statuen und anderem Bauschmuck gewonnen! So viel, dass ich durchaus sagen würde, dass das ganze neue Rom, wie man es jetzt sieht, so groß es auch sein mag, so schön und geschmückt mit Palästen, Kirchen und anderen Gebäuden, vollständig mit Kalk aus antikem Marmor gebaut wurde.

Mit großem Mitleiden erinnere ich mich daran, dass, seit ich in Rom bin, was noch keine elf Jahre sind, viele schöne Dinge zerstört worden sind, etwa das Wendezeichen in der Via Alexandria, der Bogen von Malaventurato, viele Säulen, ganze Tempel, und zwar vor allem durch Bartolomeo della Rovere1.

Entsprechend darf es, heiligster Vater, nicht unter den letzten Gedanken Ihrer Heiligkeit sein, sich um das Wenige zu sorgen, was von der antiken Mutter des Ruhms und der Größe Italiens geblieben ist. Es bezeugt den Wert und die Tugend jener göttlichen Geister, deren Angedenken noch heute unsere Zeitgenossen zur Tugend begeistert.

Es darf nicht von den Bösartigen und den Unwissenden ausgerottet und verdorben werden. Diese Seelen, die mit ihrem vergossenen Blut der Welt so viel Ruhm gebracht haben, sind bis heute Verletzungen ausgesetzt. Aber ebenso sehr und ebenso bald soll Ihre Heiligkeit den Wettstreit mit der Antike beleben und versuchen, ihr gleichzukommen und sie zu übertreffen. So tut Ihr es jetzt schon, durch große Bauten, durch die Unterstützung und Förderung der Tugenden, durch das Aufwecken der Talente, durch die Auszeichnung nützlicher Mühen, durch die Aussaat des allerheiligsten Samens des Friedens unter den christlichen Fürsten. Denn wie auf die Schrecken des Krieges Zerstörung und Vernichtung sämtlicher Künste folgen, so folgen auf Frieden und Eintracht das Glück des Volkes und der ehrenwerte Müßiggang, der es ermöglicht, sich einem Werk hinzugeben, den Gipfel der Vollkommenheit zu erreichen. Die Hoffnung aller ruht auf dem göttlichen Ratschluss Ihrer Heiligkeit, dass das in unserem Jahrhundert eintritt. Das bedeutet es, ein wahrhaft milder Schäfer, also ein guter Vater für die ganze Welt, zu sein.

Epigrammata antiquae urbis. Rom, Giacomo Mazzocchi, April 1521. Fol. 4v, Septimus-Severus-Bogen, und fol. 180r, Fragment eines Dekrets unbekannter Herkunft. Giacomo Mazzocchi ist ab 1505 in Rom als umtriebiger Buchdrucker aktiv. Er unterhält Bindungen sowohl zur Kurie als auch zur Universität der Stadt und sichert sich deren Versorgung mit Büchern und Lehrmaterial. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Übersetzungen aus dem Griechischen, und nicht zuletzt hat Mazzocchi die grandiose Idee, die an der sprechenden Statue Pasquino angehefteten, satirischen oder akademischen Gedichte jahrbuchartig herauszubringen.
Aber er ist auch ein Gelehrter und Sammler. Sein Gesamtkunstwerk als Autor und Drucker zugleich sind die Epigrammata urbis, eine Sammlung von Inschriften, die er mit einigen Kollegen zusammenträgt, aufbereitet und druckt. Wie Andrea Fulvio verschwindet Mazzocchi in den Wirren des sacco di Roma 1527.

Da mich nun Eure Heiligkeit beauftragt hat, das antike Rom zeichnerisch niederzulegen – soweit man aus dem, was heute noch sichtbar ist, schließen kann und anhand der Ruinen, die sich bei richtiger Betrachtung zweifelsfrei auf ihre ursprüngliche Ordnung zurückführen lassen, sodass man mit den Teilen, die noch heute auf ihren Füßen stehen und sichtbar sind, die Teile abstimmt, die zerstört sind und nicht mehr zu sehen –, habe ich alle mir mögliche Sorgfalt aufgewendet, sodass Eure Heiligkeit und alle anderen, die an dieser meiner Arbeit ihre Freude haben, ganz unzweideutig zufrieden sein werden. Zusätzlich habe ich mich durch die lateinischen Autoren gegraben und ihre Hinweise aufgenommen, wobei ich mich besonders auf (…) gestützt habe,2 der einer der letzten Autoren ist und besonders über den jüngsten Zustand Auskunft geben kann; aber auch die älteren habe ich nicht außer Acht gelassen.

Sollte nun jemand meinen, dass die Unterscheidung von antiken und modernen Gebäuden oder von älteren und jüngeren antiken Gebäuden ausgesprochen schwer ist, wenn kein Zweifel im Geiste dessen, der die Unterscheidung trifft, bleiben soll, so kann ich mitteilen, dass die Sache keine große Mühe bereitet. In Rom sind nur drei verschiedene Arten von Gebäuden zu finden: erstens antike und urälteste Gebäude, bis zu der Zeit, als Rom von den Goten und anderen Barbaren zerstört und vernichtet wurde; zweitens Gebäude aus der Zeit der Gotenherrschaft und noch hundert Jahre weiter; drittens neuere bis in unsere Tage.

Die modernen Gebäude aus unserer Zeit sind bekannt, einerseits weil sie neu sind, aber andererseits auch, weil sie weder so schön sind wie diejenigen, die aus der Zeit der Kaiser stammen, noch so geschmacklos wie diejenigen aus der Zeit der Goten. Daraus folgt, dass die modernen Gebäude zwar durch einen größeren Zeitraum von den antiken getrennt sind, aber ihnen bezüglich der Qualität näherstehen, sodass man sie zwischen die einen und die anderen setzen kann. Die Gebäude aus der Zeit der Goten, obwohl sie zeitlich denen der Kaiserzeit nahestehen, könnten bezüglich der Qualität nicht unähnlicher sein, sie bilden gleichsam den zweiten Pol, und die modernen Gebäude stehen in der Mitte. So ist es also nicht schwierig, kaiserzeitliche Gebäude zu erkennen, denn sie sind die hervorragendsten, mit größter Kunst und mit gutem Architekturgeschmack gebaut. Diese allein will ich darstellen. Es ist nicht nötig, in Zweifel zu verfallen, ob etwa unter den antiken Gebäuden die weniger alten auch weniger schön und weniger durchdacht sind, denn sie entstammen alle ein und derselben Geisteshaltung.

Wenn es auch sein mag, dass viele Gebäude von den Alten selbst überbaut wurden, wie man etwa liest, dass an dem Ort der Domus Aurea Neros später die Thermen des Titus, sein Haus und das Amphitheater gebaut wurden, so wurden sie doch mit derselben Geisteshaltung errichtet wie auch die noch älteren Gebäude, die vor der Zeit Neros und der Domus Aurea dort gestanden hatten. Obwohl die Literatur, die Bildhauerei und die Malerei und fast alle anderen Künste über lange Zeit hinweg sanken und bis zur Zeit der letzten Kaiser immer schlechter wurden, so blieb die Architektur doch auf der Höhe, sie bewahrte sich einen gesunden Verstand, und es wurde mit derselben Geisteshaltung wie früher gebaut. Die Architektur war unter den Künsten die letzte, die völlig verloren ging. Dieser Befund lässt sich an vielen Gegenständen bestätigen, unter anderem am Konstantinsbogen, dessen Aufbau in architektonischer Hinsicht schön und gut ist, dessen Skulpturenschmuck aber völlig schwachsinnig erscheint, ohne jegliche Kunst und Güte. Die hingegen, die in Resten von Trajan und Antoninus Pius erhalten sind, sind ganz hervorragend und von vollendeter Machart. Ganz ähnlich sind die Skulpturen, die man in den Diokletiansthermen sehen kann, gänzlich geschmacklos, und die Überreste an Malerei dort haben nichts mit dem zu tun, was man aus der Zeit des Trajan oder des Titus kennt, indessen aber die Architektur edel und wohldurchdacht ist.

Dann aber wurde Rom von den Barbaren vollständig zerstört und niedergebrannt. Es hat den Anschein, dass Feuer und Zerstörung nicht nur die Bauten verbrannten und zerstörten, sondern mit ihnen auch die Baukunst selbst. Die Fortuna wandelte das Geschick der Römer vollständig, an die Stelle der zahllosen Siege und Triumphe

traten Unheil und elende Sklaverei. Als wäre es nicht angemessen, dass diejenigen, die von Barbaren versklavt worden waren, in ebender Weise und Großartigkeit wohnen sollten wie diejenigen, die einst die Barbaren ihrerseits unter das Joch gedrückt hatten, so verwandelte sich mit dem Geschick sofort auch das Bauen und Wohnen. Die beiden Extreme erscheinen so weit voneinander entfernt wie Sklaverei und Freiheit. Der Geschmack sank herab mit dem allgemeinen Elend, ohne Kunst, ohne Maß, ohne Grazie. Es scheint, dass die Menschen dieser Zeit zugleich mit der Freiheit auch ihre Begabung und ihre Kunst verloren haben. Sie waren zu dumm geworden, um Ziegel zu brennen oder irgendeinen Bauschmuck zu gestalten. So trugen sie etwa die Ziegel antiker Mauern ab und zerstießen den Marmor und trennten mit diesem Gemisch die Ziegelmauern voneinander, wie man es heute noch an der sogenannten Torre delle Milizie3 sehen kann. Ordentlich lange verfuhren sie mit einer Unwissenheit, die man an allem erkennen kann, was aus dieser Zeit stammt. Zudem wüteten die rohen und grausamen Stürme des Krieges und der Zerstörung nicht nur in Italien, sondern auch in Griechenland, aus dem einst die Erfinder und Großmeister aller Künste stammten.

Des Weiteren scheint es, dass die Deutschen begannen, die Kunst der Architektur wieder ein wenig zu erwecken, wenn sie auch ausschließlich hässlichen Bauschmuck hervorbrachten, denkbar weit entfernt vom guten Geschmack der Römer, die über dem Grundgerüst eines Gebäudes die allerschönsten Gesimse und Friese anbrachten, Architrave und die herrlichsten Säulen mit Kapitellen, Basen und einem Aufbau, der sich nach den Proportionen von Mann und Frau richtet. Die Deutschen (deren Bauart sich noch vielerorts antreffen lässt) brachten als Bauschmuck oft nur irgendeine zusammengekauerte Figur an, die einen Balken stützt, oder seltsame Tiere und Gestalten und hässliches Blattwerk, ohne allen Bezug zur Natur. Denn ihre Architektur hat ihren Ursprung in ungefällten Bäumen, die spitzen Bögen ergaben sich auf dem Zusammenbiegen und -binden der Äste.

Mag dieser Ursprung auch nicht zu verachten sein, so ist es doch unklug, denn Hütten aus einem Verbund von Balken und Säulen, mit Giebeln und Dächern, wie es Vitruv über den Ursprung der dorischen Ordnung beschreibt, tragen viel mehr als Spitzbögen, die zwei Schwerpunkte besitzen. Noch tragfähiger nach den mathematischen Gesetzen ist der Halbkreis, der mit allen seinen Linien auf einen Schwerpunkt zielt. Der Spitzbogen ist, abgesehen von seiner Schwäche, zudem für unsere Augen nicht so angenehm wie der Kreis, dessen Vollkommenheit unsere Augen erfreut. Man sieht, dass die Natur selbst gleichsam keine andere Form ausbildet.

Aber es ist nicht nötig, hier über den Vergleich der römischen und der barbarischen Architektur zu sprechen, denn der Unterschied ist offensichtlich; auch muss man nicht ihren Aufbau beschreiben, denn das hat auf hervorragende Weise bereits Vitruv getan. Es genügt also zu wissen, dass die Bauten Roms bis zur Zeit der letzten Kaiser stets mit einem guten Architekturverständnis errichtet wurden und darin auch mit den noch älteren übereinstimmen, sodass es keine Schwierigkeit bereitet, sie von den Bauten der Goten und der Folgezeit einerseits zu unterscheiden, da sie zwei Extreme und völlige Gegensätze sind, noch andererseits sie von unseren modernen Bauten zu unterscheiden, die man vor allem deshalb herauskennt, weil sie neuer sind.

Nachdem ich nun zur Genüge erklärt habe, welche antiken Gebäude es sind, die ich zeigen und darstellen möchte, und wie leicht es ist, die einen von den anderen zu unterscheiden, bleibt mir noch die Art und Weise darzulegen, mit der ich sie vermessen und gezeichnet habe, denn wer sich der Architektur widmen will, der muss das Messen und Zeichnen fehlerfrei beherrschen. (…)4

Anmerkungen:
1 Bartolomeo della Rovere (1446 – 1494), Franziskaner, Bischof von Massa Marittima und Ferrara, Bruder von Papst Julius II., Giuliano della Rovere (1443 – 1513).
2 Lücke im Text. Die Übersetzung basiert auf der sogenannten Fassung C, der ältesten Stufe des Textes und ein Autograph Castigliones.
3 Die Torre delle Milizie, ein Turm auf dem Quirinal, in unmittelbarer Nachbarschaft der antiken Trajansmärkte, der Anfang des 13. Jahrhunderts gebaut wurde.
4 Die zweite Hälfte des Briefes beschäftigt sich mit technischen Fragen der Vermessung: Raffael beschreibt den kompassartigen Apparat, mit dem er im Feld Messung vornehmen und notieren kann, und erläutert dann, wie aus den Notizen wiederum dokumentarisch exakte Architekturzeichnungen werden.

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Florenz
Luca Landucci: Tagebuch Oktober 1450 bis März 1516 (Auszüge)

Ich, Luca, Sohn des Antonio di Luca Landucci und Bürger von Florenz, zeichne auf, dass ich am 15. Oktober 1450, im Alter von etwa vierzehn Jahren, begann, bei einem Lehrer namens Calandro das Rechnen zu lernen. Und ich lernte zum Lobe Gottes.

Und am 26. Mai 1471 kaufte ich vom allerersten Zucker, der aus Madeira zu uns kam; diese Insel war einige Jahre zuvor vom König von Portugal urbar gemacht worden, der dort Zucker anbauen ließ; und ich war unter den Ersten, die davon etwas hatten.

Und am 27. Mai 1471, einem Montag, brachte man die Kugel aus vergoldetem Kupfer auf der Laterne über der Kuppel von Santa Maria del Fiore an.

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Und am 27. April 1472 geschah es, dass Volterra aufständisch wurde, und man schickte Truppen hin. Und am 6. Mai 1472 kam der Bischof von Volterra als Botschafter nach Florenz und richtete nichts aus. Und am 7. verlegte man die Artillerie nach Volterra.

Und am 10. schickte man den Grafen von Urbino1 mit Truppen dorthin; und bis zum 19. hatten sie alle ihre Kastelle eingenommen; und am 24. machten sie viele Gefangene in der Stadt und eroberten die Bastei. Und am 1. Juni kamen Botschafter, um eine Übereinkunft zu verhandeln, und sie wurden sich fast einig, aber kaum waren sie wieder zurück, wurde alles zunichte. Und bis zu diesem Zeitpunkt waren schon zwei Stück Artillerie zuschanden. Und am 8. Juni schnitten sie einem Bartolini den Kopf ab; und am 9. ging ein weiteres Stück Artillerie zuschanden. Und am 18. Juni 1472 kam ein Reiter mit dem Olivenzweig, denn Volterra hatte sich auf Gedeih und Verderb ergeben. Man feierte ein großes Fest. Und als unsere Truppen in Volterra einmarschierten, fing plötzlich ein Soldat, ein Venezianer, an, Plünderung! zu schreien, und unsere Truppen plünderten die Stadt; man konnte die Leute nicht zurückhalten und sich auch nicht mehr an die Verträge halten. Der Graf ließ sofort besagten Venezianer und einen Sienesen aufhängen. Dennoch erging es den armen Einwohnern übel. Am 27. Juni 1472 kam der

Graf nach Florenz; man gab ihm das Haus des Patriarchen, eine Fahne, zwei Waschschüsseln, zwei silberne Kannen, 180 Lire und einen Helm. Am 1. Juli 1472 ging er fort.

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Und am 22. August 1481 beschlossen wir Spezereienhändler, dass wir an Festtagen nicht mehr alle bis um 22 Uhr2 im Laden stehen wollten, wie es bis dahin üblich gewesen war, sondern wen das Los traf, der sollte den ganzen Tag offen haben, sodass in der ganzen Stadt insgesamt vier Läden immer offen wären.

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Und am 9. Mai 1486, gerade hier auf der Piazza de’ Tornaquinci, vor dem Haus der Tornabuoni, geschah es, dass ein in der Stadt aufgezogener und ziemlich großer Bär, wie es üblich ist, von einigen Kindern herumgeführt wurde und plötzlich ein Mädchen von etwa sechs Jahren beim Hals packte, die Tochter des Giovacchino Berardi. Und es brauchte mehrere Männer, um ihm mit großer Schwierigkeit das ganz blutverschmierte und schwer am Hals verletzte Mädchen aus dem Maul zu ziehen. Und wie es Gott gefiel, starb sie nicht.

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In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1490 (= 1491)3 regnete es in gefrorenen Tröpflein, sodass an allen Bäumen Eiszapfen hingen. Und es war eine solche Masse Eis, dass die Bäume davon zu Boden gedrückt wurden und alle Äste abbrachen. So war es auf der Höhe der Berge. Und wo Flüsse waren, richtete es im Umkreis von etwa einer halben Meile keinen Schaden an. Und es ging in Fiesole los und reichte bis in das Mugello; und in San Godenzo und in Dicomano richtete es großen Schaden an. Und bei meinem Haus in Dicomano brachen einige große Kastanien und Eichen um und so gut wie alle Äste der Oliven und der anderen Bäume gingen zuschanden, sodass allein an Ästen auf einer meiner Besitzungen etwa 40 Ster Holz anfielen und man Bretter aus Kastanienholz machte, mehr als einen Arm4 stark. So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. Wenn man sich nämlich an einem betroffenen Ort aufhielt, glaubte man, an das Ende der Welt gekommen zu sein, so groß war der Lärm vom Brechen und Splittern, gegen das man nichts unternehmen konnte, und alle Wälder hallten wider von diesem Lärm. Es gab Grashalme, von so viel Eis überzogen, dass sie einige Pfund wogen, und die Stoppeln auf den Getreidefeldern sahen aus wie Orgelpfeifen. Und es schien, als seien die Dächer mit Glas überzogen, und nirgends konnte man mehr gehen. Wer es versuchte, begab sich in Gefahr. Und viele Güter waren auf Jahre hinaus beschädigt und ohne Aussicht auf Ertrag, die Oliven blieben als junge Triebe zurück und alle Eichen waren beschädigt. Das war eine unglaubliche und wahre Sache.

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Und am 5. April 1492, am Abend, gegen 3 Uhr nachts, schlug ein Blitz in die Laterne der Kuppel von Santa Maria del Fiore ein und riss sie geradezu entzwei, sodass es eine von den Marmorvoluten davonhob und vielen anderen Marmor, der in Richtung der Porta a’ Servi herunterfiel, in einer wundersamen Art und Weise, wie sie noch niemand an einem Blitz gesehen hatte. Wenn es am Morgen während der Predigt (in dieser Zeit predigte man jeden Morgen vor fünfzehntausend Menschen) geschehen wäre, wären mit Sicherheit mehrere Hundert Menschen gestorben. Aber das hat der Herr nicht geschehen lassen. Die erwähnten Marmorstücke brachen durch das Dach der Kirche und fielen zwischen die beiden Portale a’ Servi und beschädigten das Dach und das Gewölbe an fünf Stellen und bohrten sich dann in den Fußboden der Kirche. Und viele Steine und viel Material stürzte aus dem Gewölbe herab und fiel auf die Predigtbänke, auf denen viele Leute gesessen hätten. Und auch im Chor stürzte einiges ein, aber nicht viel. Und außen fielen viele Brocken Marmor herab, an der Porta a’ Servi; von diesen Stücken durchschlug eines eine Arkade an der Straße und bohrte sich in die Erde; ein anderes fiel über die Straße und in eines der Häuser hinein, die hinter der Porta a’ Servi liegen, und schlug durch das Dach und durch die Decken und durch das Kellergewölbe und bohrte sich unten im Keller in die Erde. Niemandem geschah etwas und dabei war das ganze Haus voller Leute. Ein Luca Rinieri ist dabei gewesen. Er erzählt, dass sie kaum am Leben geblieben seien vor lauter Staunen und Schrecken über den großen Lärm; nicht viele Stücke schlugen bis in die Keller durch, aber viele durch die Dächer der umstehenden Häuser, und auch die Galerie, die außen um die Kuppel herumgeht, wurde beschädigt. Und die große Volute fiel in die Kirche und schlug ein riesiges Loch in den Fußboden, aber beschädigte trotz ihrer Größe sonst nichts. Es wurde für eine sehr wunderliche und bedeutsame Sache gehalten, die Großes verkünde, umso mehr, als es gutes Wetter und nicht bewölkt war und alles so plötzlich geschah.

Und am 8. April 1492 starb Lorenzo de’ Medici in seinem Haus in Careggi; und man sagt, dass der Kranke, als man ihm von der Wirkung des Blitzes erzählte, gleich fragte, wo und nach welcher Seite die Marmorbrocken gestürzt wären. Man antwortete ihm, und er sagte: »Oh weh, ich bin des Todes, denn sie sind in Richtung meines Hauses gefallen.« Vielleicht ist da überhaupt nichts dran, aber so erzählte man es sich.

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Und am 14. Dezember 1494 mühte sich Bruder Girolamo Savonarola auf der Kanzel ab, damit Florenz eine gute Regierungsform annehme, und er predigte jeden Tag in Santa Maria del Fiore; und an diesem Morgen, einem Sonntag, predigte er und wollte, dass keine Frauen, sondern nur Männer kommen; und er wollte auch, dass alle Stadtherren kommen, und nur einer von ihnen blieb mit dem gonfaloniere5 im Palast zurück; und die ganze Verwaltung von Florenz war anwesend. Er predigte über die Angelegenheiten des Staates und dass man Gott lieben und fürchten müsse und das Gemeinwohl lieben; und niemand sollte sich mehr selbst erheben und zu einem großen Mann machen wollen. Er sprach stets zugunsten des Volkes; und mehrmals sagte er, dass man die Blutsgerichtsbarkeit abschaffen und andere Strafen verhängen sollte; so predigte er jeden Morgen. Und es gab verschiedene Meinungen und große Auseinandersetzungen unter den Bürgern deswegen, sodass man jeden Tag fast zum parlamento6 läutete.

Lorenzo de’ Medici, Angelo Poliziano, Bernardo Giambullari: Ballatette. Florenz, gedruckt von Lorenzo Morgiani, um 1497. (GW M22559) Titelblatt. – Lorenzo Morgiani ist ab 1490 als Buchdrucker belegt und arbeitet in Florenz zusammen mit dem Mainzer Johann Petri an über hundert Editionen. Morgiani spezialisiert sich auf volkssprachige und volkstümliche Texte, von Karnevalsliedern und Kalendern bis zu den Fioretti Franz von Assisis, aber druckt auch aufwendig illustrierte Werke zu mathematischen und religiösen Themen. 1497 verlieren sich Morgianis Spuren, seine Werkstatt wird von der Großverlegerfamilie Giunta übernommen.

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Und am Abend des 21. Dezember 1494, wie es Gott gefiel, gegen 2 Uhr nachts, bei Ferravecchi, nahe bei der Volta della Luna, wurde meinem Sohn Benedetto mit einem Messer eine Wunde im Gesicht zugefügt, gerade über der Wange und nicht zu klein; wir erfuhren nicht, wer es war. Wir glauben, dass es sich um eine Verwechslung handelt, denn wir haben mit niemandem Ärger und wir haben auch niemanden im Verdacht. Es geschah für unsere anderen Sünden. Ich vergebe dieses Unrecht großzügig, denn ich will, dass der Herr auch mir vergibt, und ich bete, dass Gott dem Täter vergibt und ihn dafür nicht in der Hölle straft.

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Und am 25. Januar 1496 (= 1497) kostete das Getreide7 Lire und 14 Soldi das Stajo.8 Und an diesem Tag starb eine Frau in dem Menschenauflauf auf dem Getreidemarkt, wo man das Brot und das Getreide der Kommune verkaufte. Und es trug sich auch zu, dass ein armer Landmann, der nach Florenz gekommen war, um Brot zu kaufen, seine drei kleinen Kinder ohne Brot zu Hause ließ, und als er wieder aus der Stadt zurück war, starben die Kinder schon hungers, und das konnte er nicht verkraften, nahm einen Strick und hängte sich auf.

Und am 28., Samstag, wurde das Getreide um 12 bis 15 Soldi das Stajo billiger, und das schlechteste Korn ging auf 54 Soldi das Stajo.

Und am 3. Februar 1496 (= 1497) schickten sie einen Franziskaner aus der Stadt hinaus, der in San Lorenzo gepredigt hatte. Und am 6. erstickten mehrere Frauen in der Menschenmenge auf dem Getreidemarkt und wurden halb tot herausgezogen, was eine unglaubliche Sache war, aber die Wahrheit, denn ich habe es gesehen.

Und am 10. erstickten eine weitere Frau und ein Mann bei der Brotausgabe der Kommune.
Und am 11., Samstag, erreichte das Getreide den Höchstpreis von 4 Lire das Stajo.
Und am 19. wurde der Getreidemarkt geplündert.

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Und am 18. Oktober 1497 starben mehrere Familienoberhäupter, gute Bürger, an einem Fieber, aber es starben weder Frauen noch Kinder.

Und am 19. Oktober und in den folgenden Tagen entdeckte man mehrere verseuchte Häuser, sodass sich viele Bürger auf ihre Landhäuser zurückzogen.

Und am 28. Oktober geschah es auf dem Mercato Nuovo, dass sich ein Mann von etwa fünfzig Jahren auf ein Mäuerchen zwischen den Läden setzte, er legte die Backe in die Hand, als wolle er sich ein wenig ausruhen; und während er da so saß, schied er aus dem Leben, was von keinem der Umstehenden bemerkt wurde. Er bewegte sich kein bisschen. Als man aber später sah, dass er auf dem Boden lag und ihn anstieß, sah man, dass er tot war. Und so saß und lag er da stundenlang tot, mit der Backe in der Hand, und jeder blieb fern von ihm, da man ihn verseucht glaubte; die Pest richtete gerade viel Schaden an.

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Und am 25. Dezember 1498, in der Weihnachtsnacht, wurde folgendes Verbrechen am Volk Gottes, an Florenz und an Santa Maria del Fiore verübt: Als man gerade die erste Mitternachtsmesse abhielt, drangen einige, ich weiß nicht, ob ich Männer oder Dämonen sagen soll, in die Kirche und scheuchten einen elenden Gaul mit großem

Geschrei vor sich her durch die Kirche, lästerten und begingen Dinge, die selbst in einem Bordell unaussprechlich wären, und verwundeten das Pferd mit Waffen und mit Knüppeln und rammten dem Pferd einen Knüppel in den Hintern und begingen jeglichen Frevel, bis das Pferd in der Kirche zusammenbrach und alles im Tempel des Herrn voller Blut und Dreck war; und auf völlig zerstörte und entsetzliche Art und Weise brach das Pferd tot auf den Stufen von Santa Maria del Fiore zusammen und blieb dort den ganzen Tag liegen, sodass es jeder sehen konnte, tot und misshandelt, wie es war. Aufgrund dieses Vorfalls zittern die guten und klugen Menschen vor dem Urteil des großen Gottes, und erinnerten sich daran, dass einige Jahre zuvor Gräber vor Santa Maria del Fiore geschändet worden waren, aus Verachtung der Auferstehung in der Nacht vor Ostern. Des Weiteren wurde Tinte in das Weihwasser von Santa Maria del Fiore geschüttet und, was noch schlimmer war, die Türe der Kirche wurde eingeschlagen und jemand musste auf die Kanzel gestiegen sein, um die Kanzel zu besudeln und zu schänden, unter den Augen Christi, den Ort, an dem das Wort Gottes gesprochen wird, und viele andere Untaten, ohne jede Furcht vor Gott. Und man sagte, jemand hätte die Krone Unserer Lieben Frau von San Marco gestohlen und sie einer Hure gegeben; allerdings stimmte das mit der Krone nicht, obwohl es viele sagten. Und des Weiteren legten sie in dieser Weihnachtsnacht in den Kirchen Teufelsdreck8 statt Weihrauch in die Kohlebecken und trieben Ziegen durch Santa Maria Novella.

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Und am 27. November 1499 nahm der Sohn des Papstes9 Imola ein, aber konnte nicht auch die Festung nehmen; also ließ er die Festung bombardieren, dass ich es bis in mein Haus in Dicomano hören konnte, wie sie auf die Befestigungen losgingen. Diejenigen, die in der Festung waren, schossen zurück und zerstörten dabei alle Häuser im Ort. Die Madonna10 war aufgebrochen und nach Forlì gegangen, wo sie sich verschanzte; und man sagte, dass sie einen Stadthalter in der Festung von Imola zurückgelassen hatte, der ihr seine Kinder und seine Frau gegeben hatte, damit er die Festung niemals aufgebe, denn sonst würde die Madonna Frau und Kinder umbringen lassen.

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Und am 2. Juli 1500 kamen aus dem belagerten Pisa einige Frauen, nur mit Hemden bekleidet, heraus und wurden von den Unseren gefangen; und man zweifelte, ob sie nicht Botschaften bei sich trugen, und entschied, sie zu durchsuchen; und da waren einige Soldaten ehrlos genug, um auch ihre Geschlechtsteile durchsuchen zu wollen, und schließlich wurden am genannten Ort tatsächlich Briefe für den Sohn des Papstes gefunden. Denk nur, was der Krieg mit den Leuten macht und was für Dinge vorfallen und wie diejenigen sündigen, die es befehlen.

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Und am 6. Juni 1501 kam die Infanterie der Franzosen mit dem Herrn Begnì nach Dicomano; sie führten sich ganz ordentlich auf.

Und in dieser Zeit kamen von Empoli und durch das Valdensa ziemlich viele Soldaten, man sprach von dreißigtausend von hüben und von drüben, und man sagte, dass immer noch mehr kommen würden.

Und am 10. Juni 1501 kamen viertausend Mann Kavallerie nach Dicomano und die machten gerade das Gegenteil wie die Infanterie. Sie begingen jegliches Übel. Überall, wo sie durchkamen, schnitten sie den ganzen Weizen für ihre Pferde ab, plünderten die Vorratskammern und teilten Prügel aus; sie hörten weder auf die Kommissare noch auf sonst irgendwen. Am Hang der Berge wollten sie einigen Bauern die Hühner wegnehmen, und jene wehrten sich und wollten es nicht geschehen lassen, sodass die Soldaten sie niedermachten. Daraufhin erhoben sich auch noch weitere Bauern und es gab ein Scharmützel und zwanzig Männer starben.

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Und am 21. Juli 1501 nahm man einen Florentiner namens Rinaldo fest, der ein Spieler war. Er warf, weil er verloren hatte, einen Haufen Pferdemist auf eine Statue der Heiligen Jungfrau, die am Canto de’ Ricci in einer kleinen Kapelle an der Ecke jener Kirche stand, die hinter den Häusern auf einen kleinen Platz führt; und zwar genau auf das Diadem. Ein kleiner Junge sah es und sagte es sofort weiter; man ging ihm hinterher und verfolgte ihn, und in der Nähe der Osservanza di San Miniato fing man ihn; als er von den Familien den Acht11 vorgeführt wurde, rammte er sich ein kleines Messer in die linke Brust, aber sie nahmen ihn und führten ihn dem podestà12 vor, und dort gestand er, den Mist aus Ärger über seine Spielverluste geworfen zu haben, und gleich in der Nacht hängte man ihn am Fenster des podestà auf. Am nächsten Morgen war der Tag der heiligen Maria Magdalena, sodass es ein doppeltes Fest war. Ganz Florenz strömte herbei, um ihn zu sehen, und schließlich kam sogar der Bischof, um jene Heilige Jungfrau zu sehen und den Dreck wegzunehmen, und noch bevor es wieder Abend wurde, brachte man dort eine große Menge Wachskerzen dar, und die Verehrung wuchs.

Und in wenigen Tagen war dort alles voll mit Votivbildern, wie man sie sonst erst nach langer Zeit sieht.

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Und am 14. Mai 1504 zog man den Riesen13 aus Marmor aus der Werkstatt; gegen 24 Uhr kam er heraus und man musste die Mauer über der Tür aufbrechen, damit er durchpasste. Und in dieser Nacht wurden einige Steine auf den Riesen geworfen, um ihn zu beschädigen, und man musste über Nacht Wachen aufstellen; und es ging sehr langsam vor sich, da man ihn aufrecht zog und er mit den Füßen nicht den Boden berührte; man brauchte sehr hartes Holz und großen Erfindungsreichtum; und es dauerte vier Tage, bis er auf der Piazza ankam, und am 18. um 12 Uhr kam er auf der Piazza an. Man brauchte mehr als 40 Männer, um ihn zu bewegen.

Es waren 14 eingefettete Hölzer unter ihn geschoben, die von Hand zu Hand gingen. Sie mühten sich bis zum 8. Juni 1504, um ihn auf die ringhiera14 zu stellen, wo bis dahin die Judith15 gestanden hatte, die man jetzt in den Innenhof des Palazzo stellte. Den genannten Riesen hatte Michelangelo Buonarroti gemacht.

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Und am 14. Januar 1505 (= 1506) fror der Arno dermaßen zu, dass die jungen Leute Ball darauf spielten. Und am 24. wurde ein junger Kerl verurteilt und aufgehängt; und die Ärzte und Gelehrten des Studio, in dem eine große Menge von Doktoren und verdienten Männern versammelt waren, beantragten bei den Acht, eine Sektion durchführen zu dürfen, und es wurde ihnen erlaubt; sie führten sie in Santa Croce in bestimmten Zimmern durch, und es dauerte bis zum ersten Februar 1505, jeden Tag zwei Sitzungen. Die Ärzte waren dabei und auch mein Sohn Meister Antonio, jeden Tag, um zuzusehen.

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Und am 13. Januar 1510 (= 1511) fing es in Florenz und in der ganzen Gegend zu schneien an und es schneite vier Tage am Stück und hörte nicht auf, sodass in ganz  Florenz einen halben Arm hoch Schnee lag, und es fror, sodass der Schnee in Florenz bis zum 22. liegen blieb, und es schneite noch weiter, sodass in Florenz der Schnee einen ganzen Arm hoch lag. Und in ganz Florenz machte man Löwen daraus, sehr schöne, von großen Künstlern; unter anderem machte man einen sehr großen und sehr schönen beim Glockenturm von Santa Maria del Fiore und einen bei San Trinità; am Canto de’ Pazzi machte man noch viele andere Figuren, auch nackte Gestalten, auch hier von großen Künstlern; und in Borgo San Lorenzo baute man ganze Städte mit Festungen und vielen Schiffen: Und so ging es in ganz Florenz.

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Und am 29. August 1512, am Todestag des heiligen Johannes des Täufers, gegen 18 Uhr, nahmen die Spanier Prato mit Geschützfeuer und einem Gefecht ein. Dass man an einem einzigen Tag ein solches Kastell einnehmen konnte, war eine wunderliche Sache, denn immerhin waren in Prato viertausend Infanteristen und eine große Menge Bauern aus dem Umland, die all ihre Habseligkeiten und Frauen und Kinder bei sich hatten, weil sie aus dem Umland in die Stadt hineingeflüchtet waren, sodass sich ein beträchtlicher

Schatz in der Stadt befand, und alle wurden sie ängstlich wie die Mäuse, sodass sie die Stadt nicht einen Tag halten konnten. Es gab zwei Gründe, warum sie von draußen so wild stürmten: Der erste war, dass sie seit zwei Tagen keine Verpflegung mehr erhalten

hatten; der zweite war, dass sie um den großen Schatz in der Stadt wussten. Aber da war noch ein viel gewichtigerer Grund, nämlich, dass man von hier keine Verstärkung schickte, wie es möglich gewesen wäre. Woher diese Unterlassung kam, weiß ich nicht. Ich sah hier in der Stadt Truppen von einem Tor zum anderen, aber niemand setzte sie in Bewegung und schickte sie hinüber. Dabei konnten wir bis hierher das Geschützfeuer hören, viele wunderten sich über diese Zögerlichkeit. Kaum waren sie eingedrungen,

ermordeten diese grausamen und ungläubigen Marranen16 jeden, der ihnen zu Gesicht kam, und es genügte ihnen nicht, so reiche Beute zu machen, sondern sie verschonten auch niemanden; und blieben welche am Leben, dann ergriffen sie sie und legten ihnen, Großen wie Kleinen, Zahlungen auf, die unmöglich zu zahlen waren, und folterten sie auf tausend Arten zu Tode. Und sie plünderten die Klöster. Frauen und Mädchen richteten sie mit abscheulicher Grausamkeit zugrunde. Man sagt, dass es fünftausend Tote gegeben hat.

Es scheint ein göttliches Gebot gewesen zu sein, dass unsere Obersten so langsam handelten, denn wir hatten achtzehntausend Mann, das waren mehr Truppen, als die Spanier hatten; wir hatten ihnen schon den Nachschub der Verpflegung abgeschnitten, sodass sie nur drei oder vier Tage hätten lagern können, ohne hungers zu sterben; sie wären gestorben oder in Gefangenschaft gegangen. Auch waren sie nicht sehr bedacht bei der Verschiebung ihrer Truppen und Munitionsvorräte vorgegangen. Es war eine schier unmögliche Wut, mit der sie am 27. Campi und am 29. Prato einnahmen, und sicher war es unsere Schuld und unsere Sünde. Und so waren nun diese Verräter mit Verpflegung ausgestattet und konnten bleiben, solange sie wollten, und sie wurden alle reich von ihrer Beute, und wir verloren jegliche Hoffnung, Pistoia wieder zurückzugewinnen.

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Und am 11. März 1512 (= 1513), um zwei Uhr, einem Freitag, kam die Nachricht, die auch stimmte, dass der Kardinal Medici Papst geworden war und sich Leo X. nannte. Hatte man zuvor Freudenfeuer gemacht und Feste veranstaltet, so ging es jetzt ganz anders zu, so nämlich, dass man in den Freudenfeuern unzählige Reisigbündel verbrannte und Körbe und Fässer und alles verbrannte, was jeder arme Mann eben im Haus hatte; so auch in den kleinsten Straßen der Stadt, ohne jede Zurückhaltung. Da das Volk damit noch nicht zufrieden war, rannten sie durch ganz Florenz und ruinierten alle holzgedeckten Häuser, die sie finden konnten, in den Werkstätten und anderswo, und verbrannten alles und jegliches. Sie setzten damit die Stadt einer unheimlichen Gefahr aus; und wenn die Acht nicht schnell erlassen hätten, dass man bei Strafe des Galgens endlich aufhören solle, Dächer zu zerstören und die einstigen Anhänger Savonarolas zu beschimpfen, dann hätten sie noch angefangen, die Dächer aus Ziegeln zu zerstören und die Geschäfte auszurauben.

Diese Seuche dauerte den ganzen Freitag und den ganzen Samstag, überall brannten Freudenfeuer und Laternen, am Palast und auf der Kuppel von Santa Maria del Fiore und an den Toren und überall und ständig wurde Salut geschossen, und immerzu schrien sie: Palle! Papst Leo!,17 sodass es schien, die ganze Stadt sei auf den Kopf gestellt, und hätte man es von oben gesehen, hätte man gesagt: Florenz verbrennt die ganze Stadt! So viel Geschrei war da und Feuer und Rauch und Salut aus großen und kleinen Geschützen.

Am Sonntag ging es immer noch weiter und am Montag wurde es noch schlimmer. Sie stellten an jeder Ecke des Balkons des Palazzos vergoldete Weinfässer auf, voll mit Reisig und brennbaren Sachen, und auch die ringhiera war voll mit diesen vergoldeten Fässern und die ganze Piazza, und es wurde viel Salut geschossen. Es war eine unglaubliche Sache, wie viele Feuer in der Stadt brannten. Jeder Habenichts hatte ein Feuer vor seiner Tür. Und darüber hinaus veranstalteten sie viele Triumphzüge, jeden Abend zog einer am Haus der Medici vorbei, je zu einem Thema; es gab einen zur Zwietracht, zum Krieg und zur Angst; es gab auch einen zum Frieden, aber den zündeten sie dann nicht auch noch an, als sei es nun mit allen Leiden am Ende, könnte man in Frieden und Triumph leben.18

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Und am 17. April 1513 wurde Herr Giulio de’ Medici zum Erzbischof von Florenz gemacht, und es wurden Feste veranstaltet und Freudenfeuer angezündet in ganz Florenz, und zwar dergestalt, dass das Feuer auf die Häuser des Bischofs übersprang, auf der Rückseite, Richtung San Giovanni, weil der Reisigvorrat, den ein Bäcker in seinem Keller gelagert hatte, zu brennen begonnen hatte.

Anmerkungen
1 Federico da Montefeltro (1422 – 1482), einer der erfolgreichsten und begehrtesten Feldherren seiner Zeit.
2 Uhrzeiten werden nach den sogenannten Italienischen Stunden angegeben. Die Zählung der vierundzwanzig Stunden beginnt bei Sonnenuntergang, die Uhrzeit zeigt also an, wie viel Tageslicht noch übrig ist
3 Auch in der Jahreszählung beharren die Florentiner wie so oft auf ihr eigenes System: Das neue Jahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern am 25. März, dem Tag der Verkündigung. Daran wird auch nach Einführung des gregorianischen Kalenders 1582 bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts festgehalten.
4 Die Längeneinheit braccio (Arm) misst etwa 60 Zentimeter.
5 Der gonfaloniere ist die höchste Amtsperson der Stadtregierung, der Signoria.
6 Als parlamento wird die (bewaffnete) Volksvollversammlung auf der Piazza della Signoria bezeichnet.
7 Das Getreidemaß Stajo entspricht etwa 17 Kilogramm.
8 Teufelsdreck ist eine Pflanze aus dem Orient, die auch den bezeichnenden Namen Stinkasant führt.
9 Cesare Borgia (ca. 1475 – 1507), der Sohn von Papst Alexander VI. (1431 – 1503).
10 Caterina Sforza (1463 – 1509), die Herrin von Forlì und Imola, berühmt für ihre resolute und brutale Kühnheit.
11 Das achtköpfige Gremium der Otto di guardia e balìa war für Polizeiaufgaben zuständig.
12 Der podestà ist ein von der Gemeinde engagierter Gouverneur, Entscheidungsträger besonders in juristischen und militärischen Angelegenheiten.
13 Der Riese ist der David Michelangelo Buonarrotis (1475 – 1564).
14 Die ringhiera ist eine Art Tribüne vor dem Palazzo della Signoria.
15 Die Gruppe Judith und Holofernes von Donatello (ca. 1386 – 1466).
16 Marranen waren zwangsbekehrte Juden von der Iberischen Halbinsel.
17 Palle! ist der Kampfschrei der Fraktion der Medici, nach den Kugeln (palle) im Wappen der Familie.
18 Der neapolitanische Chronist Giuliano Passero berichtet über diesen Tag: »Papst Leo X. wurde im Palast von San Pietro in Rom gekrönt. An diesem Tag war sein Vetter, der Kardinal Giulio de’ Medici, in Florenz, und als ihn die Nachricht erreichte, dass sein Vetter zum Papst gemacht worden war, lief er sofort in der größten Fröhlichkeit der Welt in sein Haus und warf mehr als vierhundert Dukaten aus dem Fenster und all sein Silber und verschenkte alle seine Kleider an irgendwelche Leute, bis er im Unterhemd dastand, und warf auch alle Wandbehänge aus dem Fenster. Viele Bürger von Florenz, die den Medici anhingen, taten es ihm gleich, und für fünfzehn Tage gab es in ganz Florenz und im Florentiner Territorium nichts als Feuerwerke und Feste.«

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