Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Einige Graphic Novels – Lieferung April 2026

Der Markt für Graphic Novels wird breiter, im Vergleich zu den Comic-Nationen Japan, USA und Frankreich holt der deutsche Markt auf (ein informativer Text aus 2025 von Sven Jachmann hier). Wir bieten Ihnen in dieser Kolumne interessanten Beifang. Alf Mayer bespricht:

Andrea Horbinski: Manga’s First Century. How Creators and Fans Made Japanese Comics, 1905–1989
Judith Kranz: Soma
Mana Neyestani: Papiervögel
Martin Oesch: Fleischeslust
Ein Hinweis als Farewell: Yoshiharu Tsuge

Und beachten Sie auch noch aus unseren letzten Ausgaben:

Thomas Wörtche: Sehr gelungen: »Die Geschichte des Krimis« als Comic
Alf Mayer: Literaturgeschichte im Comic: »Es war einmal Amerika«
Thomas Wörtche: Manfred Sommer »Frank Cappa«, Gesamtausgabe
Thomas Wörtche über Muñoz & Sampayo: »Joe´s Bar«
TW: Edward Gorey – Die Parodie von „Sinn“
Thomas Wörtche: »Private Venus« von Paolo Bacilieri/ Giorgio Scerbanenco
Alf Mayer und Thomas Wörtche zur neuen Comic-Ausgabe der Modesty-Blaise-Abenteuer von Peter O’Donnell
TW: Der argentinische Illustrator Alberto Breccia
TW: „Bianca“ von Guido Crepax?
Graphic-Novel-Entdeckung aus Taiwan: Sonja Hartl über „Die gestohlenen Jahre“ und „Der Junge, der gern las“
Thomas Wörtche zum „Horror im Comic“: Standardwerk par excellence
Zwei Graphic Novels, 1 x wuchtig, 1 x leise: »Das große Los« und »7 Frauen«
AM: Zur Geschichte der EC-Comics: Verbrannt, verfemt – und wieder auferstanden
TW: Matthias Gnehms Comic „Gläserne Gedanken“
Brigitte Helbling: Die zehn besten Comics die mir gerade so einfielen.

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Ein Hinweis als Farewell: Yoshiharu Tsuge

(AM) Er war schon über 30 Jahre verstummt, als wir hierzulande zum ersten Mal in sein wegweisendes Werk Einblick nehmen konnten. Im Jahr 2019 brachte der Reprodukt-Verlag – dies nach 15jährigen Bemühungen um die Rechte – eine deutsche Version der Manga-Sammlung des japanischen Zeichners Yoshiharu Tsuge heraus. Ihr Titel war Rote Blüten und hatte 400 Seiten Umfang, enthielt 20 Erzählungen und galt Comic-Spezialisten sogleich als Sensation. Yoshiharu Tsuge hatte seit 1987 kein Manga mehr gezeichnet, war verstummt und hatte auch nie Wert darauf gelegt, im Ausland publiziert zu werden. Sein Werk aber spricht zu uns bis heute. Jetzt am 3. März 2026 ist er im Alter von 88 Jahren verstorben.

Er war einer der einflussreichsten Comicschaffenden Japans. Ein Wegbereiter des alternativen Manga. Arm und in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, begann er 1954, für Leihbüchereien Mangas zu zeichnen. Eckte öfter an, weil er das Genre strapazierte, Grenzen und Konventionen überschritt. Wurde ein Revolutionär. Ein Erneuerer. Ein auteur. Dass die Manga-Literatur eine erwachsene Leserschaft gewann, das hat auch sehr mit ihm zu tun. Als einer der ersten Zeichner etablierte er die Icherzählung im Gekiga. Er entwickelte ein eigenes Genre, in dem autobiografische und fiktionale Elemente eine neue Form der Authentizität hervorbringen – den »Watakushi-Manga« (Ich-Comic).

Seine Erzählstimme vereinte Selbstbeobachtung, Poesie und Mysterium. Seine Geschichten sind von skurrilen Figuren, Außenseitern, Vagabunden, sprechenden Tieren oder stumme Familien bevölkert. Sie unterscheiden sich vom typischen Großstadtsetting der meisten Main­stream­-Mangas. Tsuge bevorzugt die unscharfen Randzonen zwischen Stadt und Land, »verwilderte twilight zones, in denen verstörende Dinge stattfinden können«, notierte Andrea Heinze 2022 in ihrem schönen Text: »Einfach nur verschwinden – ‹Der nutzlose Mann›« (von Sven Jauchmann verdienstvollerweise bewahrt in seinem wunderbar als Archiv funktionierenden Portal comic.de).

Der Autor und Zeichner Yoshiharu Tsuge hat den Comic weiterentwickelt zu einem Mittel des Selbstausdrucks, zum Erzählen von biografischen Erfahrungen und Träumen, zu einer Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Sinnfragen. Seine Comics wurden für das Kino (fünf Filme) und das Fernsehen (neun Adaptionen) verfilmt. Er mag schon lange verstummt sein. Aber er ist bis heute präsent. Im deutschsprachigen Raum ist Reprodukt seine verlegerische Heimat. Drei Bände liegen dort bislang vor: die Kurzgeschichtensammlungen Rote Blüten und Yoshios Jugend sowie das autofiktionale, schonungslos offene Meisterwerk Der nutzlose Mann, das Tsuge 1987 als eines seiner letzten Werke vor dem Rückzug ins Privatleben veröffentlicht hat. 

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Deutlich mehr als Einzelbilder

(AM) Manga war immer schon ein globales Phänomen. Die Kalifornierin Andrea Horbinski, Redakteurin des Journal of Anime and Manga Studies, hat ihren Universitätsabschluss in japanischer Geschichte und New Media gemacht, zerlegt in ihrer StudieManga’s First Century. How Creators and Fans Made Japanese Comics, 1905–1989 gar manche Mythen. Mangas waren nie eine rein japanische, alleine tief in der Landeskultur verwurzelte Kunstform. Sie waren ein Hybrid, mit mehr als einem nach Westen gerichteten Auge, entstanden Anfang 1900 als Kreuzung der

in Europa und Amerika als Einzelbild (single panel) beliebten satirischen Karikaturen mit dem künstlerischen Erbe der Edo-Zeit. Ursprünglich waren Mangas politischer Kommentar, Zeitungskarikatur, erweiterten sich 1920-1930 zu sozialer Satire, Kinder-Comics und proletarischer Kunst, wurden länger. Wurden Erzählung. Hatten Fans, einen stabilen Kundenkreis, gar von weiblichen und schwulen Lesern, wurden Subkultur, Pulps – und dann vollends populär. Mangas entwickelt sich also nicht aus einer, sondern gegen Tradition, waren immer schon transgressiv. Und hier gab es ein »Ban Bad Books Movement«, gab es revolutionäre Strömungen, Postmoderne. Wunderland.

Das Phänomenale bei Andrea Horbinskis formidabler Recherche ist, dass sie auch Anime und Gaming samt der ganzen Fankultur und all dem Cosplay mit einbezieht. So entsteht eine Kulturgeschichte, die auch die Rezeption im Blick hat, Künstler und Verleger sowieso.

Andrea Horbinski: Manga’s First Century. How Creators and Fans Made Japanese Comics, 1905–1989. University of California Press, Oakland 2025. 448 Seiten, 30 Illustrationen, $29.95 / £25.00.

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Ran an den Speck

(AM) Eines der spannendsten Comic-Debüts des Jahres. Der Metzgermeister Martin Oesch, Mitbegründer einer Bio-Metzgerei in Bern, legt mit Fleischeslust eine inhaltlich wie ästhetisch fulminante Graphic Novel vor. Zupackend, ebenso deftig wie sensibel, mutig auch in den Farben und im Strich – man möchte fast von innovativ sprechen –, informativ wie ein Sachbuch von »Food Watch«, realitätstüchtig und poetisch geht es darum, wie und für welchen Preis wir uns ernähren. Wie es mit unserem Verhältnis zu unseren Lebensmitteln bestellt ist. Vor allem zum Fleisch

Statt Schwarz-Weiss-Denken, wie üblich in dieser Debatte, ist mit Martin Oesch bei diesem Thema farbige Ambivalenz angesagt. Oesch konfrontiert uns mit seiner Geschichte über den von Gewissensbissen geplagten Metzger Erwin damit, dass die Sache mit dem Fleisch und der Ernährung eben nicht so einfach ist. Wie Oesch das erzählt, ist nicht nur sinnlich und barock, es erinnert an Ludwig Thoma, Oskar Maria Graf und all die unerschrockenen Bauernwelt-Erzähler vergangener Epochen. Und doch ist diese melancholische, manchmal satirisch geschärfte Ballade über gesellschaftliche Umbrüche ganz heutig. Ganz modern.

Erwin ist eigentlich reif für den Ruhestand, seine Metzgerei aber will er noch nicht aufgeben, obwohl eine Produktionsform wie die seine nicht mehr in die Zeit passt. Seine Kunden kaufen zunehmend Billig-Fleisch im Discounter und Soja-Fleisch im Biomarkt. Und dann kommen noch Alpträume hinzu, ein Tier-Gericht wirft ihm Massenmord vor, ein »trojanisches Pferd aus Fleischersatz« terrorisiert ihn. Die Supermarkt-Plakate versprechen »Wurst ohne Ende«. Was kann da traditionelles Handwerk noch ausrichten?

Deftige Fleischfarben, auch Tintenblau und Gelb und Violett lassen nicht wegschauen. Erzählerische Dynamik kommt hinzu. Der Effekt: »Andersartige Träume, weniger Albträume und mehr Wunschträume«, fasst die Germanistin, Köchin und Landwirtin Marlene Halter in ihrem Nachwort zusammen. Sie liebt Fleisch und Tiere. Beruflich kocht, wurstet und landwirtet sie.

Diese Graphic Novel hat Punch und Kraft. Witziger Weise taucht am Ende des Buches eine »Spedition Moderne« auf …

Martin Oesch: Fleischeslust. Edition Moderne, Zürich 2025. Mit einem Nachwort von Marlene Halter. Format 16 × 23 cm, Softcover. 200 Seiten, farbig, 29 Euro.

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Reise in eine fremde Realität

(AM) Mana Neyestani, 1973 in Teheran geboren, ist ein Comiczeichner, Illustrator und Designer. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr es auf jedes Wort, auf jeden Strich, auf jeden Ausdruck ankommt. In seinem Debüt »Ein iranischer Albtraum« (Edition Moderne, 2013) hat er das aufgezeichnet, Brigitte Helbling hat die Graphic Novel damals bei uns besprochen: Ein »Hä« und seine Folgen.

Mana Neyestani hatte eines Tages für eine Kinderseite eine Kakerlake gezeichnet, die ein Wort sagt, das aus einem regionalen Dialekt in die Alltagssprache gewandert ist. Das Regime fand das anstößig, gar aufwieglerisch und steckte ihn ins Gefängnis. Die Flucht war abenteuerlich. Über Realität und kafkaeske Albträume braucht diesem Comic-Künstler niemand etwas zu erzählen. Sein Zeichenstil erinnert an George Grosz und Otto Dix. »Grosz bewundere ich«, sagt der Zeichner selbst und nennt als weitere Vorbilder Brad Holland und den argentinischen Cartoonisten Quino.

Aus seinem französischen Exil recherchierte er nun die Lebensbedingungen im iranischen Kurdistan. Die arme Bergregion gilt als Hochburg für den Schmuggel von Zigaretten, Alkohol, Luxusgütern oder Kleidung. Die Dorfbewohner werden von Mafiabanden ausgenutzt, unter Lebensgefahr Waren über die bis zu 3000 Meter hohen Pässe des Zagros- Gebirges zu transportieren. «Kolbar» nennt man diese Lastenträger (von Persisch kol/ Rücken und bar/ Last). Ihre Zahl wird auf etwa 40.000 geschätzt. Auch immer mehr Frauen sind darunter. Pro über Tage transportiertem Kilo gibt es 25 bis 90 Cent Lohn, jedes Jahr kommen mehrere Dutzend Kolbar zu Tode: durch Landminen, Lawinen, eisige Kälte, Unfälle, Erschöpfung oder als Opfer iranischer Grenzbeamter. Eine heftige Welt. Die Geschichte ist von Fotos, Videos, Dokumentationen und Zeitungsartikeln inspiriert. »Die in diesem Buch beschriebenen Ereignisse haben ihren Ursprung in der Realität«, schreibt der Autor in seinem Vorwort.

Neyestani zeichnet mit filmischen Mitteln, fein schraffiert, präzise. Schwarz-Weiß. Papiervögel ist eine auf mehreren Ebenen entfaltete Erzählung über Unterdrückung und Klassengesellschaft, Widerstand und Mut – und Liebe. Und kurdische Kultur (sehr schön, der wachsende Teppich…) Dieser Band lässt teilhaben an Lebensrealitäten, über die wir – durchaus mit Absicht – wenig wissen und erfahren. Der Autor weiß auch um den subversiven Humor der Habenichtse. Ein wirklich intelligenter Survival-Thriller.

Mana Neyestani: Papiervögel (Les oiseaux de papier, 2023). Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2025. Format 17 × 24 cm. Softcover, sw, 200 Seiten, 28 Euro. – Eine Facebook-Fan-Seite hier.

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Postapokalyptische Welt, mit Hoffnung

(AM) Erst dachte ich an die Spermien aus Woody Allens »Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten« von 1972. Im Kapitel »Was geschieht bei der Ejakulation?« warten die Spermien gespannt auf den Höhepunkt ihrer Ausbildung. Es sind in weiße Overalls und Masken gehüllte emsige Samenmännchen. Nur ein Exemplar, das eine schwarze Hornbrille trägt, hat Angst, weil es nicht weiß, was passieren wird. Doch seine Kollegen erinnern es an seinen Eid und es fügt sich in sein Schicksal. Das Satireformat extra3 missbrauchte die Episode als Vorlage für den Film »Boris Beckers Samenraub«.

Aber Schluss mit lustig, obwohl auch dem auch im Format ungewöhnlichen Soma von Judith Kranz ein verblüffend  leichter Zauber innewohnt. Ihr Debüt, zum Teil im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Illustration an der HAW Hamburg entstanden, entführt in eine surreale Pflanzenlandschaft, durch die Wesen in luftdichten Overalls und Masken wuseln. Sie bewegen sich öfter synchron, bereiten kollektiv etwas vor, stimmen sich aufeinander ab. Gehören zusammen. Handeln gemeinsam. Und füreinander. Der Anfang ist ruhig, wir haben Zeit uns in diese andere, fremde Welt voller surrealer Pflanzen einzugewöhnen. Bis Seite 43 besteht jede Seite aus einem Einzelbild. Bleistift, meisterhaft detailliert. Stimmungsvoll. Dann werden es mehr und es wird klar: Dies ist eine Geschichte aus ein anderen Welt. Eine, in der die Erde, das Wasser, die Luft verseucht sind. Sie heißt Soma. (Im Griechischen bedeutet dieses Wort »Körper«.)

Das kleine Volk der Soma hat gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – dank ihrer Verbündeten: den Bäumen. Die versorgen die Soma mit Nahrung und neuem Leben, aber hat seinen Preis. Als Lan sich für die Gemeinschaft opfern soll, flieht sie, gemeinsam mit Iri, und es beginnt eine Reise in ein verseuchtes, unbekanntes Land, aus dem noch nie jemand zurückgekehrt ist …

Dieses Debüt ist wirklich Master Class. Und dazu eine elegante Hommage an die Graphic-Novel-Meisterin Anke Feuchtenberger (»Genossin Kuckuck«), die Professorin und Mentorin von Judith Kranz. Die Wesen in ihren Overalls und den Gesichtsmasken in Steckdosenoptik gewinnen Individualität, die Erzählung Drive und visuelle Opulenz. Diese Graphic Novel entführt tatsächlich in eine andere Welt. Die filigranen Bleistiftzeichnungen bleiben im Gedächtnis.

Judith Kranz: Soma. Reprodukt, Zürich 2025. Format: 18,4 × 20,2 cm. 192 Seiten, schwarzweiß, Hardcover, 29 Euro. – Website von Judith Kranz, und ein Interview.

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