Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Eine Graphic-Novel-Entdeckung aus Taiwan

Sonja Hartl über „Die gestohlenen Jahre“ und „Der Junge, der gern las“

Es sind die Bilder, die mich nicht mehr loslassen: Seit diesem Jahr erscheint bei Baobob Books eine vierteile Graphic-Novel-Reihe von Yu Pei-yun und Zhou Jian-six über das Leben des 1930 geborenen Menschenrechtsaktivisten Tsai Kun-Lin, der im September 2023 gestorben ist.

Yu Pei-yun, Tsai Kun-lin, Zhou Jian-xin (c) Baobab Books

In dem ersten Teil „Der Junge, der gern las“ geht es um die Kindheit und Jugend von Tsai Kun-Lin in Taiwan, das damals japanische Kolonie war. Die Bilder sind mit Bleistift gezeichnet, das rosafarbene Cover deutet bereits die Grundfarbe an und dieser Stil passt zu der Zeit, von der erzählt wird. Aber es ist der zweite Teil, der mich begeistert: In „Die gestohlenen Jahre“ geht es um die zehnjährige Gefangenschaft von Tsai Kun-Lin. Es war die Zeit des sogenannten Weißen Terrors, die von 1949 bis 1987 dauerte. Ein bisschen Hintergrund: Nach seiner Niederlage gegen die Kommunisten in Festlandchina war der Militärführer Chiang Kai-shek mit seinen Truppen nach Taiwan geflüchtet und hat dort ein Regime des Schreckens errichtet. Tausende unschuldige Menschen wurden verhaftet, darunter auch Tsai Kun-lin. Sein Vergehen: Er hatte sich als Jugendlicher einen Lesezirkel angeschlossen. Die Verhörmethoden sind brutal – und schließlich unterschreibt er ein falsches Geständnis.

(c) Baobab Books

Nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen kommt er letztlich in die Strafkolonie Lü Dao (dt. Grüne Insel) – ein Umerziehungslager, in dem bisweilen 2000 Menschen gleichzeitig untergebracht waren. Eine Flucht ist nicht möglich. 10 Jahre war Tsai Kun-lin hier.

An den Texten merkt man, dass sich die Graphic Novel an Jugendliche richtet, sie sind bisweilen etwas didaktisch. Aber: man erfährt aus ihnen sehr viel über Taiwan, bekommt Hintergründe zu wichtigen Personen, Ereignissen, aber auch die Gleichzeitigkeit der Sprachen Japanisch, Chinesisch, Taiwanisch.

Und dann sind die diese Bilder! Sie erinnern an Holzschnitte – und wie viel Emotionen hier alleine in den Gesichtern stecken, ist bemerkenswert.

(c) Baobab Books

Man spürt die Düsterheit jener Jahre – den Einschitt, den sie bedeuten, gerade auch durch die stilistische Unterscheidung zum ersten Band. Hier sind Bilder kontrastreich, haben oftmals einen gesättigten schwarzen Hintergrund, bestehen aus dunklen Grauschattierungen. Das Grau wird nur in wenigen Momenten aufgebrochen: wenn Tsai Kun-lin singt. Oder wenn er die Insel verlassen darf.

(c) Baobab Books

Wie es dann mit ihm weitergeht, wird in den nachfolgenden Teilen erzählt, die 2024 erscheinen werden. Ich freu mich drauf!

Yu Pei-yun (Text), Zhou Jian-Xin (Illustration): Tsai Kun-lin – Die gestohlenen Jahre. Graphic Novel aus Taiwan, Band 2. Ins Deutsche übersetzt von Johannes Fiederling. Baobab Books, Basel 2023. 180 Seiten, 26 Euro. Ab 14 Jahren.

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