
Spy reloaded – Louise Doughtys „Deckname Bird“
Im Englischen gibt es diesen schönen Ausdruck „Slow Burner“ für einen Kriminalroman, der sehr langsam spannend wird, den man aber dennoch nicht wirklich aus der Hand legen kann. „Deckname Bird“ von Louise Doughty ist ein very slow burner.
Das zeigt sich schon am Anfang, in dem im Grunde genommen eine spektakuläre Szene geschildert wird, die aber mit so viel Ruhe und Kontrolle geschildert wird, das das Tempo und die Dramatik konsequent unterlaufen wird: Heather Berriman, genannt Bird“, arbeitet für eine Abteilung, die für alle britischen Geheimdienste Maulwürfe und Korruption aufspüren soll. Während einer alltäglichen Besprechung verkündet ihr Chef etwas.
„Er wendet sich Carmella zu und legt ihr die linke Hand locker auf die Schulter, und in dem Moment – mehr war nicht drin, wie mir später aufgeht – richtet sie ihren Blick auf mich, wobei sie sich so angestrengt einen neutralen Gesichtsausdruck bewahrt, dass sie mir ihre Gedanken nicht deutlicher vermitteln könnte. Ich spüre, wie ich aufstehe, und währenddessen denke, vielmehr berechne ich Folgendes: Bis zu den Aufzügen sind es keine dreißig Schritte.“
In diesem Moment wird Heather klar: Sie steht unter Verdacht. Also steht sie ruhig auf, geht zu den Aufzügen, verlässt das Gebäude ohne zu rennen. Sie hat eine Tasche gepackt, eine Fluchtroute geplant. Heather ist auf diese Situation vorbereitet. Sie hat einen Plan, der aber – wie es Pläne in Kriminalliteratur so an sich haben – manchmal durchkreuzt wird. Aber es kommt dennoch nur zu einem Moment, in dem es im Leben und Tod geht. Ansonsten findet die Verfolgung so statt, wie Geheimdienste nun einmal arbeiten (sollten): Unauffällig – und für Außenstehende vermutlich nicht zu erkennen.
Der kühle, kontrollierte Erzählstil wird unterstützt durch die Handlungsorte: Heather flieht im Herbst gen Norden, über Schottland und Norwegen bis nach Island. Die Schroffheit, die Kälte der Landschaft korrespondieren mit dem Erzählton und stehen zugleich in einem leichten Kontrast zu Heathers zunehmenden inneren Aufgewühltheit. Von außen merkt man es ihr nicht an. Aber eine Flucht ist anstrengend. Sie muss immer auf der Hut sein, stets aufpassen
Auf ihrer Flucht denkt Bird über ihre Vergangenheit nach: Das „ausufernde Schweigen“ ihrer Kindheit. Schon ihr Vater war beim Geheimdienst. „Mir fiel ein, wie mein Vater auf einer Kiesauffahrt vor unserem Haus bestanden hatte“. Aber ihrer Mutter hatte dazu kaum etwas gesagt.
„Meine Mutter kam aus einer Frauengeneration, der man antrainiert hatte, dass ihnen alles Mögliche nichts ausmachte – doch da gab es schon noch einen Unterschied zwischen sich unbeeindruckt geben und sich tatsächlich nichts draus machen.“
Und so offenbart sie Heather schließlich, dass sie es sie dann doch etwas gestört hat, dass er ihr am Morgen nach der Hochzeitsnacht nicht seine große Liebe, sondern seinen Fluchtplan für den Notfall offenbart hat.
Die Einsichten in diese Zeit sind interessant – wie die gesamte Perspektive: Heather ist eine Frau, die kein Interesse Außeneinsätzen hat. Sie ist klug, meistens bedachtsam – und erst auf ihrer Flucht wird ihr klar, dass auch ihre Arbeit gewissermaßen eine Flucht für sie war. Denn es fällt ihr nicht leicht, Bindungen einzugehen. Möglicherweise hat sie das eine wichtige Beziehung gekostet.
Nach und nach entschlüsselt Heather, wieso sie in dieser Situation gelandet ist. Die Enthüllung ist weder dramatisch noch überraschend, auch die finale Konfrontation nicht. Wieder sind es die Details, die überzeugen: Wie klar man gewisse Schwächen im Nachhinein erkennt, aber nur selten in dem Moment, in dem sie ausgenutzt wird. Denn sonst wäre es ja keine Schwächen.
Dazu kommt: Heather ist eine ziemlich alltägliche Person. Sie hat keine glamouröse Partnerin oder legendären Gegenspieler wie George Smiley, sie ist keine Strippenzieherin. Sie passt sich ihrer Umgebung an. Versucht alles, um nicht aufzufallen – und tut es als mittelalte Frau auch nur in seltenen Fällen. Sie will so normal wie möglich agieren. Aber sie hat nun einmal eine Ausbildung durchlaufen, durch die sie anders auf Dinge und Ereignisse blickt. Damit erzeugt Doughty sehr subtil Spannung: Sind ein Mann und eine Frau im norwegischen Nirgendwo einfach nur Touristen? Oder Spione auf der Suche nach Heather?
„Deckname: Bid“ ist ein wohltuend anderer Spionageroman: Unaufgeregt, scheinbar harmlos, psychologisch fein entwickelt, sorgsam erzählt und spannend.
Louise Doughty: Deckname: Bird (A Bird in Winter, 2023). Aus dem Englischen von Astrid Arz. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 390 Seiten, 18 Euro.












