Geschrieben am 1. Oktober 2024 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2024

Bloody Chops – Zehn Kurzbesprechungen, Oktober 2024

Hanspeter Eggenberger (hpe), Tobias Gohlis (TG), Sonja Hartl (SH), Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW) über:

Bernhard Aichner: Yoko
Giancarlo De Cataldo: Schwarz wie das Herz
Tana French: Feuerjagd
Malin Persson Giolito: Mit zitternden Händen
James Kestrel: Bis in alle Endlichkeit
Thomas Knüwer: Das Haus in dem Gudelia stirbt
Jake Lamar: Das schwarze Chamäleon
Una Mannion: Sag mir, was ich bin
Alan Parks: Die April-Toten
Boston Teran: Die Gärten der Trauer

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Der Privatschnüffler und die Unsterblichkeitsapostel

(hpe) Mit dem grandiosen, während dem Zweiten Weltkrieg im Pazifikraum spielenden Thriller „Fünf Winter“ hat James Kestrel im letzten Jahr (auch) im deutschen Sprachraum Furore gemacht. Jetzt legt Suhrkamp den im Original vor „Fünf Winter“ (und noch unter Kestrels richtigem Namen Jonathan Moore) erschienen Titel Bis in alle Endlichkeit nach. Der kann mit dem letztjährigen Hit zwar nicht ganz mithalten, überzeugt aber mehr als der 2002 erschienene Moore-Roman „Poison Artist“.

In „Bis in alle Endlichkeit“ verbindet Kestrel/Moore den klassischen Privatdetektivroman mit Science-Thriller-Motiven. Der private Ermittler Lee Crowe schreckt auch vor unsauberen und gar illegalen Methoden nicht zurück, was für eine sehr, sehr reiche Frau eine prima Empfehlung ist. Sie beauftragt Crowe, dem Tod ihrer Tochter nachzugehen, der von der Polizei rasch als Suizid abgehakt wird. Kaum hat Crowe begonnen, dem Leben der Toten nachzugehen, will ihn ein maskierter Kerl umbringen. Doch der Detektiv weiß sich zu wehren und tötet den Angreifer. Wenig später trifft er auf eine Frau, die genau gleich aussieht wie die Tote – und diese auch gekannt hat. Mit ihr kommt Lee unheimlichen Machenschaften auf die Spur. Die Kreise dahinter schrecken vor nichts zurück, wenn ihnen jemand auf die Schliche kommt.

Kestrel spielt in dem spannenden und knallharten Thriller raffiniert mit den bizarren Auswüchsen des Longevity-Booms in den USA. Vor allem ein paar Tech-Milliardäre haben sich längst von der Better-Aging-Phase verabschiedet und streben nicht weniger als Unsterblichkeit an. Mit Bereichen der entsprechenden Forschung, wie etwa Zellverjüngungen durch Stammzellentherapien, befassen sich die dunklen Mächte im Roman. Oder geht es ihnen gar um das komplette Klonen von Menschen? Das ist zwar vielleicht etwas gruselig, aber auch faszinierend.

James Kestrel: Bis in alle Endlichkeit (Blood Relations [als Jonathan Moore]. New York 2019). Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 432 Seiten, 20 Euro.

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Wie Schuld nach oben treibt

(TG) Zugegeben, schwierig war das nicht: Als hätte er diesen Sommer vorausgesehen, lässt Thomas Knüwer sein Debüt Das Haus in dem Gudelia stirbt im Juni 2024 mit einer gewaltigen Überschwemmung beginnen. Alle Bewohner sind aus dem fiktiven Dorf Unterlingen – Supermarkt, Kirche, Friedhof –  geflohen, nur die 81-jähige Gudelia  nicht. Nicht, weil sie gebrechlich wäre, die Alte erweist sich als ziemlich tatkräftig, sondern weil in ihrem zweistöckigen Haus ein Geheimnis verborgen ist. Sie sieht aus ihrem Wohnzimmerfenster zwei aneinander gefesselte Leichen vorbeitreiben; ein überlebendes Ferkel, das sie Stephanus tauft, wird in den Überflutungstagen ihr Gefährte sein, während Häuser, Friedhof und Dorfstraßen sich mit hunderten Schweineleichen aus dem ortsbeherrschenden Mastbetrieb füllen.

Schon dieses drastische Einangsszenario, dem nur noch ein ebenso modischer wie grauslicher Prolog vorangestellt ist, verrät, dass Knüwer mehr im Sinn hatte, als einen Krimi von der Stange zu verfassen. Zum Leserglück bewahrheitet sich die Ambition auf den folgenden knapp 300 Seiten: Klug konstruiert entfaltet Knüwerüber Jahre hinweg die Schrecken einer Alkoholikerehe und einer obsessiven Mutterliebe, die von ihrem Sohn nicht lassen kann, obwohl der vor vierzig Jahren in einem Wassergraben scheinbar ertrunken ist. „Schuld schwimmt oben“ – mit diesem dritten Satz intoniert Knüwer, der im Hauptberuf eine Agentur für „digitale Strategieberatung“ leitet, die Grundstimmung des Romans. Wie Schuld nach oben treibt, und in der allgemeinen Katastrophe das offenbart, was oft allzu leichtfertig eine „menschliche“ Katastrophe benannt wird. Die fest im Volksglauben verwurzelte Gudelia stirbt. Ein Debüt, das mir den Atem verschlagen hat: Eine Überflutung bringt es an den Tag.

Thomas Knüwer: Das Haus in dem Gudelia stirbt. Pendragon Verlag, Bielefeld 2024. Klappenbroschur, 290 Seiten, 20 Euro. – Tobias Gohlis ist Begründer und Sprecher der Krimibestenliste. Zu seinem Blog recoil, von dem dieser Text stammt, geht es hier.

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Fiese Rache im heißen irischen Sommer

(SH) Tana French ist zwar in den USA geboren, lebt aber schon lange in Irland. Dort spielen auch ihre Kriminalromane. Bekannt ist sie vor allem für die psychologischen Polizeiromane um eine Mordkommission in Dublin. Doch 2022 schlug sie mit „Der Sucher“ einen anderen Ton an und verlagerte die Krimihandlung in den ländlichen Nordwesten Irlands. Nun ist mit „Feuerjagd“ die Fortsetzung erschienen.

Der Chicagoer Ex-Polizist Cal Hooper ist nicht sonderlich erfreut, dass der betrügerische Vater der 15-jährigen Trey in dem Dorf Ardnakelty wieder auftaucht. Aber was soll er machen? Er ist Treys väterlicher Freund und weiß, dass alleine das schon den Argwohn des Vaters wecken könnte. Also beschließt er, Trey so gut wie möglich im Auge zu behalten. Trey indes hat andere Pläne: Sie hat mit einigen Dorfbewohnern noch eine Rechnung offen. Und ihr Vater kann ihr unwissentlich dabei helfen, diese zu begleichen.

Tana Frenchs „Feuerjagd“ ist der zweite Teil um den Ex-Polizisten Cal Hooper, der im Nordwesten Irlands ein neues Leben gefunden hat. Zwar lassen sich beide Teile auch unabhängig voneinander lesen. Aber French knüpft meisterhaft an den Vorgänger „Der Sucher“ an, indem sie davon erzählt, wie schwierig es ist, mit Unwissenheit und Halbwahrheiten zu leben. Nicht nur, aber gerade für eine Teenagerin.

Diese Weiterführung fügt sich gut in die ohnehin gelungene Charakterzeichnung: Trey ist eine eigensinnige 15-Jährige, die sich gelegentlich überschätzt, aber auch schon viel mitgemacht hat. Sie ist zäh, clever, will manchmal zu hart sein und denkt die Folgen ihres Handelns nicht konsequent zu Ende. Damit trifft French dieses Alter sehr genau.

Und Cal Hooper will stets Richtige tun, kennt seine Schwächen und hat ausreichend Lebenserfahrung, um auch einfach mal abzuwarten. Vor allem weiß er, dass er immer ein Außenseiter in dem Dorf bleiben wird. Aber auch, dass er Anschluss finden muss, wenn er dauerhaft dort bleiben will. Und das will er.

Für Cal ist es eine Entscheidung, in dem Dorf zu bleiben. Trey hat keine andere Wahl. Schon damit zeigt Tana French die Ambivalenz des Dorflebens. Dazu bedient sie die Sehnsucht nach dem Touristen-Irland und führt sie zugleich vor: Treys Vater schleppt einen Besucher an, dessen Vorfahren angeblich aus dem Dorf stammen. Und die Bewohner wissen genau, was er erwartet – feuchtfröhliche Pub-Abende inklusive. Die Lesenden aber wissen, dass diese leutselige Freundlichkeit nur eine Fassade ist. Harmlose Nachbarn entpuppen sich als hinterhältige Typen. Und es gibt viel als Freundlichkeit getarnte Bösartigkeit.

Dadurch gelingt Tana French in „Feuerjagd“ das beinahe Unmögliche: Sie schafft eine behagliche Atmosphäre, ein dörfliches Setting, das auch aufgrund des langsamen Erzählens beinahe harmlos wirkt. Aber all das ist der Ausgangspunkt einer psychologisch komplexen, fiesen Geschichte über Rache und Verzweiflung.

Tana French: Feuerjagd. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2024. 528 Seiten, 25 Euro.

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Robert Bracks Entdeckung

(hpe) Einen ganz und gar außergewöhnlichen afroamerikanischen Kriminalroman hat der deutsche Autor und Übersetzer Robert Brack entdeckt und ins Deutsche übertragen: Das schwarze Chamäleon ist vor über zwanzig Jahren erschienen, wurde hoch gelobt, doch der Autor Jake Lamar verschwand in seiner Heimat rasch von der Bildfläche. Er lebt seit Jahrzehnten in Frankreich, wo er als Autor bekannter ist als sonst wo.

Die Geschichte beginnt mit einer Leiche im Büro von Professor Reggie Brogus im Afrikamerika-Institut einer Provinz-Uni in Ohio. Der etwas paranoide Brogus ist überzeugt, dass ihm ein Geheimdienst etwas anhängen will. Er holt seinen Professorenkollegen Clay Robinette zu Hilfe. Der erkennt in der Leiche die weiße Studentin Jennifer, mit der er ein verbotenes Verhältnis hatte.

Was wie ein Whodunnit beginnt, entwickelt sich rasch zu einem höchst unterhaltsamen Gesellschaftsdrama, das charmant-ironisch die Campus-Welt und insbesondere die Schwarze Community darum herum auf die Schippe nimmt. Ein Blick auf das Personal zeigt das komische Potenzial der Geschichte. Da ist zuallererst Clay Robinette, der Icherzähler. Als Journalist ist der Afroamerikaner in Ungnade gefallen, weil er ein paar Zitate gefälscht hat. Jetzt unterrichtet er an einer Provinz-Uni in Ohio ironischerweise „Creative Non-Fiction“. Er ist Familienvater. Seine Frau bringt Firmen und Institutionen Diversity bei – und das schon Anfang der Neunzigerjahre. Reginald „Reggie“ T. Brogus war in den Sechzigern ein radikaler Aktivist für die Sache der Schwarzen, war eine Zeitlang verschwunden und kehrte als großmäuliger Rechtsaußen zurück, der nicht falsch findet, dass Rodney King von Cops verprügelt wurde. Der Leiter der Universität, an der Robinette und Brogus tätig sind, stellt seine Professoren nicht nach wissenschaftlichen, sondern nach marketingtechnischen Kriterien ein: Man muss sich im Gespräch halten, damit reiche Eltern ihre Kinder an sein Institut schicken. Vom „afrikanischen Erbe“ redet die Dozentin Kwanzi Authentica Parker gerne, die immer bunte afrikanische Kleider trägt. Geboren ist sie in New Jersey. Ihr Mann ist ein weißer Brite, der ebenfalls an der Uni unterrichtet. Die am Anfang schon tote europäische Studentin Jennifer, die sich nach der „Dreigroschenoper“ Seeräuber-Jenny nennt, versucht, die Grenzen zwischen weißen und Schwarzen Student:innen zu überwinden.

Neben dem allgemeinen Gerangel unter dem Lehrpersonal widmet sich Lamar insbesondere den Verhältnissen zwischen den Afroamerikaner:innen und deren Befindlichkeiten. Dem eigentlichen Rassismus kommt eher eine Nebenrolle zu, viel mehr ist die Geschichte eine brillante Satire über die politischen und gesellschaftlichen Bestrebungen der Schwarzen. „The New York Times Book Review“ bezeichnete den Roman treffend als „eine böse schwarze Komödie im doppelten Wortsinn“.

Jake Lamar: Das schwarze Chamäleon (If 6 Were 9. New York 2001). Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Robert Brack. Edition Nautilus, Hamburg 2024. 326 Seiten, 22 Euro.

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Erzählstimme voll schwelender Wut

(TG) Bei der Lektüre von Schwarz wie das Herz wurde ich häufig daran erinnert, wie mir Giancarlo De Cataldo 2012 in seinem nahe des Vatikans gelegenen Wohnzimmer von seinen Jahren als Jungrichter erzählte, der für einen großen Teil Latiums zuständig war. Von den stinkigen Kabuffs, die man ihm zum Verhör von Insassen in den diversen Gefängnissen überließ, oft sogar ohne Telefon, weil er schneller zu den Delinquenten kam, wenn er sie im Knast aufsuchte, als sie nach Rom transportieren zu lassen; wie er die dazu gehörigen Akten auf der Rückbank seines Kleinwagens transportierte; und wie er auf seinen Fahrten davon träumte, DJ, Regisseur oder zumindest Filmkritiker sein zu können.

Wut auf die erniedrigenden Bedingungen eines Justizapparats, der sehr viel anderem diente als der Gerechtigkeit, intellektuelle Verachtung der Bourgeoisie, die sich in Bereicherung und Konsumismus wälzt – viel davon schwingt in Anwalt Bruios Erzählerstimme in Cataldos Erstling „Schwarz wie das Herz“ mit. Erschienen erstmals 1989, da war Cataldo dreiundreißig. Die erste deutsche Version, die jetzt vorliegt, basiert auf der vom Autor aktualisierten Ausgabe von 2016.

Schwankend zwischen jugendlicher Leidenschaft zur schönsten Frau der Welt aus dem italienischen Geldadel, der Verlockung, sich dort zu prostituieren, und der Solidarität mit den Ärmsten, den Schwarzen Einwanderern, ermittelt sich Bruio mit Unterstützung der Schwarzen Community und eines anständigen Komissars in das skrupellose schwarze Herz der Bourgeoisie. Die mordet – um zu überleben. Wozu denn sonst?

Giancarlo De Cataldo: Schwarz wie das Herz (Nero come il cuore, 1989/ 2016). Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Bozen/ Wien 2024. Klappenbroschur, 254 Seiten, 22 Euro.

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Leiser Terror

(TW) Es ist ein leiser Terror, den Una Mannion da in ihrem Roman Sag mir, was ich bin verbreitet. Deena heiratet den attraktiven, aber leicht seltsamen Lucas. Sie haben eine Tochter, Ruby. Deena verschwindet eines Tages spurlos. Lucas setzt durch, dass Deenas Schwester Nessa, die ihn von Anfang an des Mordes bezichtigt, ihre Nichte Ruby nie wieder sehen darf. Er zieht mit seiner Tochter von Philadelphia nach Vermont zu seiner Mutter, und erzieht das Mädchen in seinem Sinn. Lucas ist der Prototyp des „toxischen“ Mannes – manipulativ, brutal, einem absurden Outdoor-Lebensstil zugeneigt, paranoid und von irrem Kontrollzwang, der keine Grenzen kennt. Ruby schaut zunächst zu ihm auf, bevor ihr langsam dämmert, dass sie womöglich belogen, betrogen, indoktriniert und hirngewaschen sei. Das ist keine schöne Erkenntnis. Tante Nessa ist ähnlich obsessiv in ihrem Versuch, ihre Nichte aus den Fängen des Scheusals zu retten und ihm den Mord nachzuweisen. Aber das Scheusal liebt seine Tochter vermutlich inniglich, das könnte auch eine Wahrheit sein.

„Sag mir, was ich bin“ ist eine subtile Psychostudie über Liebe, die gefährlich werden kann, über die schwierigen, komplexen Verhältnisse zwischen Menschen, über eine Rechtssprechung, die fatal sein kann. Mannions melancholisch-schöne Naturschilderungen, glänzend übersetzt von Tanja Handels, ihre genaue Prosa, die präzise in die Hirne und Herzen von Ruby und Nessa schaut, und ein immer mitfließender politischer Subtext, machen den Roman zu einem kleinen Juwel. 

Una Mannion: Sag mir, was ich bin (Tell Me What I Am, 2023). Deutsch von Tanja Handels. Steidl Verlag, Göttingen 2024. 305 Seiten, 28 Euro.

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Zeuge eines Völkermords

(TG) In den USA ist der geheimnisvoll unter Pseudonym schreibende Bostan Teran schon länger ein verehrter Autor. Sein Erstling von 1999 „God Is A Bullett“über die Suche eines Polizisten und einer Ex-Junkie nach der von einem Satanskult entführten Tochter des Cops ist in den USA Kult und wurde 2023 verfilmt.
Eines der großen Themen Terans ist die dunkle Seite der Geschichte – nicht nur die der Vereinigten Staaten, der er mehrere Bände gewidmet hat. In Die Gärten der Trauer schickt er den gebürtigen Mexikaner John Lourdes (eine Art Serienheld in verschiedenen Büchern Terans), der für das Texas Bureau of Investigations tätig ist, als Kurier, Agent, Mittelsmann in die Türkei, damals noch Osmanisches Reich, und dort nach Armenien. Neben Cleverness und Entschlossenheit, prädestiniert ihn sein Hintergrund für die Mission. „Der Umstand, dass Sie kein Weißer sind“, reibt ihm sein Chef unter die Nase.
Für den lakonischen, den Lesern hohe Aufmerksamkeit abverlangenden Stil Terans kennzeichnend: Dieser „Umstand“ wird auf 225 Romanseiten nur dreimal erwähnt. Überhaupt sollte man hin und wieder ein Lexikon zu Rate ziehen, denn Teran schreibt hautnah und sehr wenig überblicksmäßig einordnend über den als „Umsiedlung“ euphemisierten Massenmord an den Armeniern, in den Lourdes gerät. Personifizierung des Leides und des Widerstandsgeistes der Armenier ist der Priester Malek, dem seine Folterer Hufeisen an die Füße genagelt haben, bevor sie ihn öffentlich an einen Pfahl ketteten. Gejagt vom stiefelknallenden Rittmeister Franke samt Hilfstruppen, befreit Lourdes den Priester und flüchtet nach Baku. Panorama im Hintergrund: Menschen auf dem Todesmarsch, brennende Ölfelder, Geheimdienstintrigen.
Mit seiner Wucht, seiner Lakonie und seiner Western-Ästhetik schafft Teran ein historisches Wetterleuchten, so intensiv, dass es Schreckensbilder der Massenmorde evoziert, die in den über hundert Jahren seit dem von dem türkischen Staat immer noch verleugneten Genozid
angestellt worden sind. Terans Version kann neben Franz Werfels großem Armenienroman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“bestehen. Der Elsinor-Verlag und Herausgeber Martin Compart haben mit diesem Buch eine deutsche Ausgabe BostonTerans begonnen, ein guter, aktueller Griff: Denn das industrielle Karbon-Zeitalter ist noch nicht beendet. Und wird in Flammen weitergehen.

Boston Teran: Die Gärten der Trauer (Gardens of Grief, 2010).Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg. Nachwort von Martin Compart. Elsinor Verlag, Coesfeld 2024. 244 Seiten, 24 Euro.

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Glückskekse & Blutsuppe

(TW) Yoko, Hauptfigur des gleichnamigen Romans von Bernhard Aichner, getauft nach Yoko Ono, und selbst keinesfalls Japanerin, ist Metzgerstochter und Metzgerin, die sich nach Geschäftsaufgabe ihres Vaters dem Backen von Glückskeksen widmet. Diese Kekse aber bringen ihr kein Glück. Eines Tages kommt sie, weil sie einem gequälten Hund helfen will, zwei Brutalos in die Quere, die zu einer chinesischen Triade gehören. Sie verschleppen Yoko, vergewaltigen sie und lassen sie im Wald liegen. Jetzt hat sie nur noch Rache im Sinn, spürt die Übeltäter auf und tötet einen von ihnen. Erst dann merkt sie, mit wem sie sich da angelegt hat. Umso schmerzhafter, als bald darauf ihre Lebenspartnerin Maren ermordet wird, und deren Bruder gleich mit. Jetzt legt Yoko erst recht los – und dass sie einst das Metzgerhandwerk gelernt hat, kommt ihr da nur recht. Kompliziert werden die Dinge dadurch, dass ihr – während sie Chinesen metzelt – wieder einfällt, dass sie von ihrem Vater Franz dereinst missbraucht worden war. Das hatte sie lange verdrängt, und weil sie sich dann auch noch daran zu erinnern glaubt, dass der beste Freund ihres Vaters dabei sein Komplize war, hat sie Probleme damit, dessen Hilfe anzunehmen. Der ist nämlich Polizist und könnte Yoko selbst dann einen Ausweg bieten, als die Leichen sich zu stapeln beginnen.

Der topische Ansatz ist klar: Die sich nach erfahrenem Leid rächende Frau, deren Rachefeldzug zum Akt der weiblichen Selbstermächtigung wird – das kennen wir spätestens seit Helen Zahavis „Dirty Weekend“ (1991), die literarische Reihe wird bis heute immer länger und bildet inzwischen schon fast ein eigenes Subgenre. Aichners Variation versucht, eben diesem Subgenre, neue Nuancen abzugewinnen. Da ist einmal ein forciertes Gewaltlevel – sollten Sie einmal tote Menschen „auflösen“ wollen, hier finden Sie einen schönen Leitfaden – , und zum anderen eine sehr elaboriert stilisierte Sprache, die das schauerliche Treiben erhöht (oder erhöhen soll), Don Winslow lässt da stilistisch grüßen. Die ultrakurzen Sätze und jede Menge sentenzenartige Einzeiler tun dem durchweg hohen Tempo des Romans gut – er liest sich zügig weg, wie man eine Tüte Kartoffelchips wegknabbert. Oder eben, was den Tiefsinn angeht, wie Glückskekse. Das hat eine gewisse technische Qualität. Weil aber alle Stilmittel exaltiert und kumuliert werden, könnte man einerseits eine Parodie vermuten, was der Roman mangels Komik aber keinesfalls ist, andererseits kann man sehr schön beobachten, wie der Wille zu Bedeutungsaufladung mittels Lakonie sich paradoxerweise umkehrt, und hart am Kitsch schrammt.

Natürlich ist die Geschichte von Yoko ein Märchen, obwohl oder weil sich alle Figuren lebensweltlich extrem unplausibel verhalten. Und dass am Ende die weibliche Selbstermächtigung von einem Mann garantiert werden muss, mag ideologiekritisches Stirnrunzeln hervorrufen.

Unbestreitbar ist aber Aichners Fähigkeit, aus topischen Elementen eine schnelle Geschichte zusammenzubauen, die für den Markt funktioniert, komplexitätsreduziert ist und ein paar kurzweilige Lesestunden garantiert. Und, bei all dem Geslashe und Gesplattere, niemandem wehtut.

Bernhard Aichner: Yoko. Rowohlt, Hamburg 2024. 333 Seiten, 23 Euro.

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Warum tötet ein Junge seinen besten Freund?

(AM) Zwei halbwüchsige Jungs in einem Vorort in Stockholm. Beste Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Billy und Douglas, nur Dogge genannt. Der ist aus gutem, aber lieblosem Hause, Billy hingegen ein schwarzes Migrantenkind, wohlbehütet, aber arm. Schon in der zweiten Klasse himmeln sie den Kleinkriminellen Mehdi an, übernehmen für ihn Laufarbeiten, wollen unbedingt Teil seiner Gang werden, verdienen sich die ersten Sporen. Der erste Auftrag dann so etwas wie eine Medaille, kein Kinderkram wie das Klauen von Schokolade. Sie kiffen, nehmen Drogen, immer wieder muss der Polizist Farid sie nach Hause bringen und zur Ordnung rufen. Es wird zum Hobby, im kleinen Laden des Einwanderers Sudden zu randalieren und zu klauen – bis hin zu einem schrecklichen Übergriff von Dogge auf die kleine Tochter von Sudden. Als Billy mit Hilfe seiner Mutter aussteigen will, kommt es zur Katastrophe. Es ist 22:55 Uhr am Donnerstag den 6. Dezember. Auf einem Spielplatz fallen Schüsse. Ein Junge läuft weg. Kurze Zeit später ein verwirrter Telefon-Notruf.

Wie kommt es dazu, dass ein Jugendlicher seinen besten Freund erschießt? Um diese Frage kreist der Roman Mit zitternden Händen. Um diese Frage kreist die gleichnamige Netflix-Miniserie, durch die ich auf die Autorin Malin Persson Giolito aufmerksam wurde. Dann wurde ich gewahr, dass ich von ihr bereits die Serie „Quicksand“ kannte – über einen Schul-Amoklauf begüterter, aber haltloser Kinder, die Romanvorlage dazu „Im Traum kannst du nicht lügen“. Auch das war schon große Klasse. „Mit zitternden Händen“ ist als Buch wie Film Spitzenqualität.

Ökonomisch und auf den Punkt erzählt – als Miniserie mit fünf anstelle der üblichen sechs Folgen –, ganz nah und unmittelbar an den jungen Menschen und tief im Milieu. Kein künstlicher Küchenrealismus, keine alles vorab signalisierende „Tatort“-Dramaturgie, sondern rau und fast dokumentarisch im Ansatz. Eine aufregend authentische Gesellschaftsstudie. Ohne überschminkte Knalleffekte, pädagogische Schultafeln oder die üblichen „nordischen“ Gewaltexzesse. Einfach nur eine unaufgeregte Genauigkeit des Blicks. – Das teilt sich in Buch wie Film ganz schnell und wohltuend mit.

Malin Persson Giolito: Mit zitternden Händen (I dina händer, 2022).  Aus dem Schwedischen von Thorsten Alms. Bastei Lübbe, Köln 2023, Taschenbuch 2024. 448 Seiten, Hardcover 22,90 Euro, Taschenbuch 14 Euro. – Auch als gleichnamige Serie bei Netflix.

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Zwölf Romane soll es werden

(TG) Der Glasgower Autor und ehemalige Musikmanager Alan Parks (*1963) hat sich vorgenommen, über seine Heimatstadt zwölf Kriminalromane zu schreiben, in denen jeweils der Name des entsprechenden Monats im Titel auftaucht. Folglich ist Die April-Toten Nummer vier der Serie und startet mit einem Thema, das Lesern schottischer Krimis nur allzu vertraut ist: (Unterdrückte) Homosexualität und Schuld. Erstmals (und gültig weit über die 1970er Jahre hinaus) thematisiert von William McIlvanney in „Laidlaw“. Streckenweise, vor allem zu Beginn, fühlt man sich bei Parks in einem schwachen Abklatsch dieses Meilensteins der europäischen Kriminalliteratur. Inzwischen wird McIlvanney als Begründer der touristischen Marke „Tartan Noir“ gefeiert, und kaum jemand kennt noch sein bahnbrechendes Werk. Darin bezichtigt sich der verwirrte schwule Junge, der eine Frau vergewaltigt und getötet hat, um sich als Hetero zu beweisen: „Du bist ein Ungeheuer. Wie konntest du das nur so lange vor dir selbst verbergen?“

Monster und Homosexualität sind auch die Stichworte bei Parks. Die er aber aus heutiger Perspektive sowohl weniger verfemt (Homosexualität) wie auch horrorpolitischer (Monster) gestaltet als sein Vorbild McIlvanney.

Alan Parks: Die April-Toten (The April Dead, 2021). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Mit einem Nachwort von Doug Johnstone. Polar Verlag, Stuttgart 2024. 448 Seiten, Hardcover, 26 Euro.

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