Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Tobias Gohlis: Dany Kukafkas Roman geht um die Todesstrafe

US-Bundesstaaten, in denen die Verhängung der Todesstrae möglich ist (rot) © wiki-commons

Hanspeter Eggenberger bespricht Danya Kukafkas „Notizen zu einer Hinrichtung“ hier in dieser Ausgabe nebenan als Kriminalroman. Tobias Gohlis macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam.

Diese Autorin muss man sich merken. Danya Kukafka, Jahrgang 1993, schon für ihr zweites Buch „Notizen zu einer Hinrichtung“ 2023 ausgezeichnet mit dem Edgar Allan Poe Award. Die Todesstrafe trübt wie eine bleierne, ungesühnte Schuld das ethische Bewusstsein der Vereinigten Staaten, egal, wie die einzelnen Bundesstaaten zu ihr stehen, die sie mal vollstrecken, mal nicht. Mit ihren „Notizen“ sticht Kukafka in den soziologisch-psychisch-moralischen Bereich, zu dessen Syndromen die Todesstrafe selbst gehört: die strukturelle patriarchale Gewalt.

Nicht das juristische Für und Wider, nicht einmal die moralische Frage, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, Menschen für ein Verbrechen zu töten, steht im Zentrum des Romans. Fragen dieser Art müssen die Leser sich selbst beantworten. Im Zentrum stehen vielmehr verschiedene Facetten dieser patriarchalen Gewalt selbst.

Zunächst ist das die Geschichte des Serienmörders Ansel Packer. Zwölf Stunden hat er bis zu seiner Hinrichtung. Seinen Charme bei den Frauen versucht er für eine letzte Flucht zu mobilisieren (klassischer Todeszellenroman-Topos). Nachdem das gescheitert ist, rekapituliert er sein Leben, fragt sich, wo er anders hätte handeln können. Doch Kukafka erzählt, sehr geschickt mit Vor- und Rückverweisen, nur indirekt von ihm, sondern von der Art der Beziehungen von drei, eigentlich sogar vier Frauen zu ihm. Es sind nicht die zu den drei von ihm als „Mädchen“ quasi entmenschlichten Opfer, die er 1990 getötet hat, um den unerträglichen Lärm in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Sondern die zu seiner Mutter Lavender, zu Hazel, der Schwester seiner von ihm Jahre später getöteten Ex-Frau Jenny, und zu der Polizistin Shaffy, die ihn überführt hat.

Wer will, kann eine Ursache, die Ansel zum Serienmörder gemacht hat, in der vierjährigen Quälerei erkennen, der seine Mutter Lavender in einer einsam gelegenen Farm durch ihr Scheusal von Ehemann ausgesetzt war, bis sie ihr entfliehen konnte. Um den Preis, ihre beiden kleinen Söhne allein und schutzlos zurückzulassen. Wesentlich komplexer sind die beiden anderen Beziehungen – ihre Verknüpfungen mit patriarchaler Gewalt aufzudröseln, würde den Rahmen sprengen.

Wichtig für die nicht nur von Ansel gestellte Frage nach alternativen Entscheidungsmöglichkeiten ist der in fast allen Rezensionen (auch in meinem 300 Zeichen-Kurzkommentar zur Krimibestenliste März) unerwähnte Kontakt zu Blue. Blue ist die vierte und einzige Frau, die nicht von Ansels dämonischem Machtbereich infiziert wird, ihm offen und unverkrampft entgegentreten und deshalb so etwas wie den Hoffnungsschimmer einer Verhaltensalternative aufglimmen lassen kann.

Auch wenn „Notizen zu einer Hinrichtung“ wegen der darin eingeflochtenen spannenden Jagd nach dem Mörder als „Serienkillerroman“, wenn auch als ein besonderer, verstanden werden kann – im Kern ist es das nicht. Sondern eine tiefgehende, eben profunde, Anklage gegen die Todesstrafe und das hinter ihr steckende patriarchale Menschenbild eines tötenden Männergottes, der seinen Lehmklumpen das Recht gibt, an seiner Stelle zu morden. Weshalb Kukafka eben auch keine Motivanalyse, keine psychologische Erklärung für das Warum der Taten noch eine Schuldbegründung liefert, sondern nur beeindruckende, aufwühlende Notizen zu einer Hinrichtung, deren Details sie uns nicht erspart. Der Serienmörder ist nur die Figur, die die Todesstrafe „am meisten“ gerechtfertigt scheinen lässt. Jede Leserin, jeder Leser wird gezwungen, seine persönliche Entscheidung zu treffen.

Tobias Gohlis ist Begründer und Sprecher der Krimibestenliste. Zu seinem Krimiblog Recoil geht es hier.

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