Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

HP Eggenberger über »Notizen zu einer Hinrichtung«

Ein anderer Serienkiller-Roman

Ansel Packer hat mehrere Frauen ermordet. In zwölf Stunden wird er mit einer Spritze hingerichtet. Das ist der Plan der Justiz. Ansels Plan sieht anders aus. Mit einer Gefängniswärterin, der er schöne Augen gemacht hat, hat er seine Flucht geplant. Während er von seinem Gefängnis für die Hinrichtung in eine andere Einrichtung überführt wird, will er sich mit der Waffe, welche die Gefängniswärterin unter dem Sitz im Transporter deponieren soll, befreien.

Der Countdown über die zwölf Stunden bis zur Todesspritze bildet den Rahmen des Romans „Notizen zu einer Hinrichtung“. Der dreißigjährigen Amerikanerin Danya Kukafka ist mir ihrem zweiten Buch eine faszinierende Serienmörder-Geschichte gelungen, die sich radikal unterscheidet von den gängigen Serienkiller-Romanen. In dem mit dem Edgar Allen Poe Award für den besten Kriminalroman des Jahres 2022 ausgezeichneten Werk geht es weder konkret um die Taten des Mörders noch um die Suche nach ihm. Es geht vielmehr darum, wie seine Taten das Leben anderer Frauen beeinflusst. Und auch um die Frage, warum uns „durchschnittliche Männer“ nur dann interessieren, wenn sie Frauen verletzen oder töten.

Eigentlich erzählt der Roman die Geschichten von drei Frauen, in welchen sich die Geschichte des Mörders spiegelt. Parallel zum Exekutions-Countdown werden deren Geschichten und ihre Begegnungen mit Ansel Packer abwechselnd chronologisch erzählt.

Da ist zuerst Lavender, Ansels Mutter, die ihn schon als Siebzehnjährige bekommen hat. Ihr gewalttätiger Ehemann hält sie auf seiner abgelegenen Farm in den Adirondacks im Nordosten des US-Bundesstaates New York wie eine Gefangene. Nach der Geburt des zweiten Sohnes vier Jahre später kann sie nicht mehr. Sie flieht und alarmiert die Behörden, damit die Kinder gerettet werden. Sie findet Zuflucht in einer Art Kommune von Frauen in Kalifornien. Erst Jahrzehnte später geht sie dem Schicksal ihrer Kinder nach.

Als Jugendliche lernt Saffron Singh, genannt Saffy, bei einer Pflegemutter für Waisenkinder Ansel kennen. Und sie ist fasziniert von seinem Charme. Bis sie ihn beim Töten von Tieren ertappt. Und er ihr einen toten Fuchs ins -Bett legt. Später wird sie Polizistin und eine erfolgreiche Ermittlerin. Die Fälle von drei getöteten Mädchen beschäftigt sie viele Jahre lang. Sie ist überzeugt, dass Ansel der Täter ist. Doch handfeste Beweise hat sie zunächst nicht.

Die dritte Frau ist Hazel, die Zwillingsschwester von Jenny. Die Pflegefachfrau Jenny heiratet Ansel. Hazel fühlt sich einerseits angezogen von Ansel, anderseits ist er ihr suspekt. Auch Jenny traut ihm je länger je weniger über den Weg. Und verlässt ihn.

In diesem Roman kennt man den Mörder von Anfang an. Und auch seine Morde sind bald bekannt. Obwohl – oder wohl doch eher weil – es also nicht wie in üblichen Serienkiller-Romanen darum geht, wer der Täter ist und ob man ihn vor der nächsten Tat erwischen wird, ist „Notizen zu einer Hinrichtung“ ein ungemein spannender Roman. Denn Kukafka blättert die Lebensgeschichten der drei Frauen, die durch Ansel auf die eine und andere Art stark beeinflusst sind, auf brillante Art über mehrere Jahrzehnte auf. Und sie stellt grundsätzliche Fragen zu Gut und Böse, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Dabei setzt sie sich auch mit der Todesstrafe an sich auseinander, die eigentlich niemandem wirklich etwas bringt – am ehesten noch dem Hingerichteten selbst, der dadurch der Verantwortung für seine Taten entzogen wird.

So einen Serienkiller-Roman haben wir zuvor noch nie gelesen.

Danya Kukafka: Notizen zu einer Hinrichtung (Notes on a Execution, 2022). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Blumbenbar, Berlin 2024. 348 Seiten, 22 Euro. – Hanspeter Eggenberger veröffentlicht regelmäßig den „Krimi der Woche“ auf seiner Website www.krimikritik.com

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