Posted On 15. April 2017 By In Bücher, Crimemag With 133 Views

Roman: Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

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Von Sonja Hartl

Am 11. Dezember 1978 brachen um 3:15 Uhr sieben Räuber in den Tresorraum der Halle 261 am Kennedy Airport ein, brachten die zehn Beschäftigten der Nachtschicht in ihre Gewalt, zwangen den Vorarbeiter, den Tresor aufzuschließen, und stahlen 35 Metallkisten voller Geld. Es hat sie ungefähr eine Stunde gekostet, rund 5 Millionen Dollar in Bargeld und 875.000 Dollar in Juwelen zu erbeuten. Der Lufthansa-Raub war bis dahin der größte Raub der US-amerikanischen Kriminalgeschichte – und rund 35 Jahre später erhält in Crissa Stone in Wallace Strobys „Geld ist nicht genug“ die Chance, an einen Teil der Beute zu gelangen.

Indem Wallace Stroby den Lufthansa-Raub als Aufhänger benutzt, macht er sich zweierlei zunutze: Zum einen wurden die genauen Umstände des Raubes bis heute nicht aufgeklärt. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Räuber damals einen Informanten bei der Lufthansa hatten, außerdem waren zwei der fünf großen New Yorker Mafiafamilien an dem Raub beteiligt und die Täter hatten Glück, dass eine ungewöhnlich große Bargeldmenge in der Nacht im Terminal gelagert wurde. Jedoch wurden nach dem Raub fast alle an ihm Beteiligten ermordet aufgefunden. Und das greift der Roman auf: Nachdem er mitbekommen hatte, wer der Reihe nach ermordet wird, ist Benny Roth zum FBI gegangen, wurde ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen und hat gegen die New Yorker Mafiafamilien ausgesagt. Jahrzehnte später lässt er sich nicht mehr vom Staat beschützen, sondern hat sich ein bescheidenes Leben in Indiana aufgebaut. Doch seine Vergangenheit holt ihn in Person von Danny Taliferro ein. Dieser weiß, dass Benny damals für Joey Dio gearbeitet hat – und jener soll wiederum einen ganzen Batzen Geld von dem Raub versteckt haben. Danny will dieses Geld haben und Benny soll ihm sagen, wo es versteckt ist. Zum anderen ist dieser Raub nicht nur in die US-amerikanische Kriminalgeschichte, sondern dank Filmen wie „The 10 geldMillionen Dollar Getaway“, „The Big Heist“ und insbesondere Martin Scorseses „Goodfellas“ in die Populärgeschichte eingegangen. Dadurch gibt es verschiedene Bilder und Vorstellungen von dem Raub, der Zeit und den Beteiligten. In „Goodfellas“ wird der Raub zwar nicht direkt gezeigt, der Film aber erzählt die Geschichte von Henry Hill, der damals an dem Raub beteiligt war, dann ins Zeugenschutzprogramm ging und nun mit Benny Roth einen Wiedergänger erhält, bei dem sogar Crissa Stone denkt, dass sie dessen Geschichte schon einmal gehört hat. Dadurch schwelen im Hintergrund gleich mehrere Versionen dieser Tat, die sie noch mysteriöser und legendärer erscheinen lassen.

Benny hat aber nicht vor Danny das Geld zu besorgen, sondern will damit selbst ein neues Leben anfangen. Also tut er sich mit Crissa Stone zusammen, um die Beute zu finden. Daher erzählt der heist-Roman „Geld ist nicht genug“ von der Planung, Vorbereitung und Durchführung des Einbruchs in Joey Dios Haus. Wallace Stroby kennt das Genre zweifellos und bei Crissa Stone werden Erinnerungen insbesondere an Garry Dishers Wyatt wach. Jedoch ist nicht einfach ein weiblicher Gegenentwurf, ihre Weiblichkeit wird nicht besonders herausgestellt oder betont. Vielmehr ist sie eine Frau, die stiehlt, weil sie es gut kann. Dabei erweist sich wie schon in dem ersten Teil „Kalter Schuss ins Herz“ als weitaus kontrollierter als ihre männlichen Kollegen: Zu Beginn des Romans raubt sie mit zwei Komplizen Geldautomaten, die aber ihre Gefühle nicht in den Griff bekommen und einander mit ihrem crissatestosterongesteuerten Verhalten so hochschaukeln, dass sie schließlich tot auf dem Boden liegen. Die Mafia-Gangster, die es ebenfalls auf die Lufthansa-Beute abgesehen haben, verlieren sich in Sprüchen, Selbstüberschätzung und unnötiger Machtdemonstrationen sowie Grausamkeiten. Im ersten Teil war es zudem ihre Professionalität, die sie von ihren männlichen Gegenspielern unterschied, hier markiert sie darüber hinaus ihre Zugehörigkeit zu einer aussterbenden Klasse: einer Verbrecherin mit Integrität. Deshalb steigt sie auch aus zu riskanten Touren aus, verzichtet auf eine größere Beute – und schließt mit Menschen ab, die ihr etwas bedeuten. In dieser Figurenzeichnung erweist sich „Geld ist nicht genug“ noch etwas stärker als der Vorgänger: Sorgten dort ihre Tochter, die bei ihrer Cousine lebt und nicht weiß, dass Crissa ihre Muter ist, und ihr Geliebter, der im Gefängnis sitzt und den sie auf Bewährung rausholen will, für eine Verbindung zu der Vergangenheit, die zudem typisch weibliche Rollen – Mutter, Ehefrau – wachwerden ließ, ist es in diesem Buch gerade ihre Abwesenheit, die für Crissas Handeln wichtig ist. Weiterhin will sie Geld für ihre Tochter und ihren Geliebten besorgen. Aber sie erkennt, dass sie dieses Leben mit ihnen nicht haben wird.

„Geld ist nicht genug“ ist aber nicht nur wegen Crissa Stone bemerkenswert, es ist zudem ein gut geschriebenes und perfekt durchdachtes Buch. Allein die Eröffnungssequenz, in der Crissa Stone Geldautomaten stiehlt, beweist in Aufbau, Sprache und Stil Strobys stilistisches Können und erinnert an „Riffifi“ oder „Vier im roten Kreis“. Stroby muss nicht viele Worte verlieren, er erzählt präzise und ökonomisch und verzichtet er auf unnötige Psychologisierungen. Seine Figuren werden durch ihre Taten charakterisiert, nicht durch Erklärungen oder Dialoge. Jede Handlung, jedes Detail ist hier notwendig. Daher ist Wallace Stroby „Geld ist nicht genug“ eine mehr als gelungene Fortsetzung, die aber auch ins Bewusstsein ruft, wie dringend die Kriminalliteratur mehr Heldinnen wie Crissa Stone benötigt.

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Wallace Stroby: Geld ist nicht genug (Kings of Midnight, 2012). Roman. Übersetzt von Alf Mayer. Pendragon Verlag, Bielefeld 2017. 352 Seiten, 17,- Euro.

Offenlegung: Alf Mayer hat Sonja Hartl kein Geld aus Lufthansa- oder anderen Taschen geboten, damit der von ihm übersetzte Autor Wallace Stroby und seine Heldin Crissa Stone eine freundliche Aufnahme finden. Das hat sich aus der Sache selbst ergeben. Von Wallace Stroby liegt übersetzt auch der erste Crissa-Roman vor: „Kalter Schuss ins Herz“ (Cold Shot to the Heart). Gerade übersetzt wird Nr. 3, US-Titel: „Shoot the Woman First“.

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