Geschrieben am 11. Oktober 2014 von für Bücher, Crimemag

Mike Nicol: Die Trilogie. Payback, Killer Country, Black Heart

black heart von Mike NicolTriptychon des Verlusts

Endlich liegt Mike Nicols „Rache“-Trilogie mit dem letzten Band „Black Heart“ auch bei uns vollständig vor. Thomas Wörtche schaut sich noch einmal das ganze Unternehmen an, eine Meilenstein nicht nur der südafrikanischen Kriminalliteratur.

Ein roman noir sei, sagte der große englische Schriftsteller Derek Raymond, oft eine novel of mourning – ein Roman des Trauerns. Ein treffendes Beispiel für die These sind Mike Nicols drei Romane „Payback“, „Killer Country“ und „Black Heart“ (zur CM-Rezension), die zusammen die „Revenge“-, die „Rache“-Trilogie ergeben. Erzählt wird die Geschichte von zwei südafrikanischen Ex-Waffenhändlern, die für die weiland Guten im Kampf gegen das Apartheidsystem gearbeitet haben – einer schwarz, Pylon Buso, solide verheiratet und erfolgreich um Bürgerlichkeit bemüht, der andere weiß, Mace Bishop, zwar auch um Solidität bemüht, aber eher Soziallegastheniker, ungut impulsiv und dadurch leicht angreifbar. Die beiden betreiben einen Securityservice für superreiche Ausländer, die für gewisse Dienstleistungen nach Südafrika kommen: kosmetische Chirurgie für die Gattin, Safari für den Herrn, so etwa.

Mike Nicol (© Kelly Walsh)

Mike Nicol (© Kelly Walsh)

Der Job ist langweilig und öde, den Affen für reiche Spießer spielen ist nicht sehr anregend. Aber für die Subsistenz muss es sein, denn der Löwenanteil ihrer Gewinne aus der Waffenhändlerzeit liegt auf einem Offshore-Konto, an das die beiden nicht herankommen. Was sie angreifbar macht. Und natürlich ist der Ex-Job vernetzt und verwoben mit dem organisierten Verbrechen, mit Geheimdienstaktivitäten, mit Schmuggel und auch mit dem internationalen Waffenhandel heute. Damals waren Buso und Bishop auf der historisch „richtigen“ Seite und hatten Waffen für den ANC besorgt, aber Krieg und Gewalt kontaminieren nolens volens alles und alle, die aktiv damit befasst sind und waren. Das gilt für die Vergangenheit, und die reicht in die Gegenwart und die Zukunft.

killer country von mike nicolAn diesem Punkt kommt Sheemina February ins Spiel. Die Rachegöttin, die über die Gesamtheit der Trilogie Mace Bishop an seinen verwundbaren Punkten angreift und ihn peu à peu vernichtet. Denn Mace hatte sie in Kriegszeiten der Spionage für das Regime verdächtigt, obwohl sie „coloured“ ist, gefoltert, vergewaltigt und mit einem Hammer verkrüppelt. Das neue Regime hatte, metaphorisch gesprochen, sich im Kampf gegen das alte schon moralisch diskreditiert und seine Unschuld verloren. Was sich heute rächt. Sheemina February tritt im ersten Band noch als anscheinend harmlose Anwältin für Bürgerrechte auf, lässt im zweiten Band töten und holt im dritten Band im Verbund mit dem Geheimdienst zum ultimativen Schlag aus.

Mike Nicol, der als dramaturgisches Gerüst auf elisabethanisch-edwardianische Rachedramen zurückgreift, zeigt an der privaten Geschichte zwischen February und Mace die politische Tragödie zwischen Liebe und Hass im Privaten gespiegelt. Sheemina begehrt ihren Peiniger und Vergewaltiger, was so paradox wie pervers ist – so grausam ironisch wie die Tatsache, dass das Misstrauen gegen sie als Regierungsagentin damals berechtigt war. February ist dabei nur eine unter einer ganzen Reihe sehr starker, sehr prononciert gestalteter Frauenfiguren, die die Dialektik der Geschlechterverhältnisse zu einem Leitmotiv der Trilogie machen.

payback von Mike NicolDer kalte Schnitt

Wie mit einem Skalpell schneidet Nicol durch alle denkbaren neuralgischen Themenkomplexe der Republik Südafrika. Er versteht die heutige Regierung mehr oder weniger als organisiertes Verbrechen, das die Entwicklung einer schönen Utopie in Profitgier und blanker Bereicherung erstickt hat – tödlich für alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen. Anders als die Romane seiner Kollegen Deon Meyer (bei CM hier, hier und hier)und Andrew Brown (hier bei CM), die zwar skeptisch, aber noch ein wenig hoffnungsvoll sind, anders als die von Malla Nunn (hier bei CM), die in der Frühgeschichte der Apartheid schon die Frontlinien von heute beschreibt, und anders als die eher sensationalistisch die Angst vorm schwarzen Mann anfeuernden Schocker von Roger Smith, ist Nicols Trilogie ein lakonisch und kühl erzähltes, kalt analysierendes und genau hinschauendes Projekt des Zorns und der Wut und eben ein Triptychon der Trauer über den Verlust an Idealen und Perspektiven, die zerstört werden. So wie Sheemina February die Existenz von Mace Bishop zerstört und der diesen Verlust am Ende auch nur betrauern kann. Und vielleicht ein bisschen auf poetische Gerechtigkeit hoffen, die Mike Nicols anbietet. Immerhin.

Thomas Wörtche

Mike Nicol: Die Trilogie. Payback, Killer Country, Black Heart (2008–2011, dt. 2011–2014). Deutsch von Mechthild Barth. München: btb.
Mike Nicol: Black Heart (Black Heart, 2011) Deutsch von Mechthild Barth. München: btb 2014. 479 Seiten. 9,90 Euro. Verlagsinformationen zu Buch und Autor.

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  • Philipp Elph

    Mike Nicol hat eine faszinierende Geschichte geschrieben. Drei Bände, dennoch niemals langweilig. Dennoch bin ich froh, dass mit „black heart“ die Trilogie beendet wird. Eine weitere Auseinandersetzung der beiden Ex-Waffenhändler mit ihrem ewigen Feind wäre zu viel des Guten. Mike Nicol hat den richtigen Zeitpunkt erwischt aufzuhören.

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