Posted On 10. Dezember 2011 By In Bücher, Crimemag With 1001 Views

Mike Nicol: Payback

Waffenhandel, Liebe und Südafrika

– Mit „Payback“ von Mike Nicol ist gerade der erste Band einer Trilogie erschienen, die ein großer Wurf zu werden verspricht. Thomas Wörtche über das Buch und ein paar Kontexte.

„Der neue Star des südafrikanischen Krimis“ brüllt ein Blurb von Deon Meyer auf einem quitschgelben Aufkleber, der „Payback“ schmückt. „Star“ ist okay, der „neue“ ist lachhaft, außer der Spruch von Deon Meyer wäre so um die zwanzig Jahre plus alt. Wer sich nur ein bisschen auskennt mit südafrikanischer Literatur, sollte eigentlich auf Nicol gestoßen sein. Entweder in seiner Eigenschaft als Lyriker oder eben als Romancier, der allerspätestens seit 1989, seit „The Powers That Be“ den Polit-Thriller (auch in der historischen Variante – „Horseman“, 1994) immer wieder als Erzählform genutzt hat. Dazu Bücher über Nelson Mandela und John Lennon (etliche davon auch auf Deutsch). Außerdem war Nicol 2002  poet in residence an der Uni Essen. Beinahe wäre auch „Out to Score“, ein erfreulich gnadenloser Roman über den Zusammenhang von Abalone-Fischerei, organisiertem Verbrechen und südafrikanischer Realpolitik, den Nicol zusammen mit Joanne Hichens 2005 geschrieben, noch bei metro erschienen, aber die Verhältnisse, sie waren nicht so …

Freuen wir uns also jetzt auf die „Rache“-Trilogie, deren erster Band „Payback“ ist. „Killer Country“ & „Black Heart“ folgen hoffentlich rasch. Der größere Zusammenhang (Waffenhand- und Waffenschmuggel zu Zeiten der Apartheid) ist schon länger in Nicols Werk angelegt – in „The Ibis Tapestry“ von 1998.

Payback

In diesem Jahr beginnt auch „Payback“. Mace Bishop und Pylon Buso waren Waffenschmuggler im alten Regime, allerdings auf der Gegenseite. Das war kein schönes Geschäft, eine Menge „Kollateralschäden“, eine Menge Korruption (der Kampf um Südafrika war kein sehr appetitliches Geschäft, von keiner Seite aus), Geheimdienste, wechselnde Koalitionen, die CIA und andere global players mittendrin; Kuba, Stellvertreterkriege und andere afrikanische Konflikte immer mitzudenken. Und natürlich auch fette Profite, die Bishop und Buso auf den Caymans als stille Reserve gebunkert haben. Jetzt, also 1998, versuchen sie, irgendwie bürgerlich zu werden, raus aus den Grauzonen der Politik und des Verbrechens zu kommen, und ihr Dasein einigermaßen legal zu fristen. Deswegen bauen sie eine Security-Firma auf, die als Spezialität reichen Ausländern ein Kombi-Pack aus Schönheits-Chirurgie und Luxus-Jagdsafari anbietet. Das ist zweifelsohne ziemlich bescheuert, wirft aber genug Kohle ab, für ein behagliches Mittelstandsleben. Und wie das so ist: Alles scheint gut, aber nix da.

Mechanismen des Irrwitzes

Auftritt Sheemina February, eine der starken Frauenfiguren, von denen Nicols Roman lebt. Sie ist Anwältin für eine fundamental-islamische Organisation, die gegen Drogen und Unmoral in Kapstadt vorgeht, um die Jugend zu schützen. Ziel: eine Disco, die von Unterwelt-Kumpels unseres Schmugglerpärchens betrieben wird, die zudem auch noch die Dreckecken (incl. den Caymans) von Bishop und Buso kennen. Die beiden sollen den Disco-Betreibern notfalls bewaffneten Schutz gegen den gesunden Volkszorn der Moralwächter bieten. Erpressung als Geschäftsbeziehung. Wie Nicol alleine diesen Handlungsstrang aufzieht, ist analytisch brillant: Wer kann schon für Drogenhändler und gegen Jugendschützer sein? Die coole Anwältin droht ja nicht, sie will nur verhandeln, und mit den psychopathischen Killern, Schlägern und Folterknechten, die die Drecksarbeit de facto für sie erledigen, hat sie offiziell und formal nichts zu tun. Auch nicht, als ein paar ziemlich deviante Gestalten Mace Bishops Tochter entführen, Sheemina February zieht die Strippen, nachweisen kann ihr niemand etwas.

Diesen wohlbekannten, aber selten offen zu diskutierenden Mechanismus (was hätten etwa die Atmosphäre von Thilo Sarrazins Gen-Gepöbel und die „Dönermorde“ mit allen ihren Implikationen miteinander zu tun?) führt Nicol hier blendend vor. Und verknüpft ihn auf einer anderen Ebene wieder mit Sheemina February, die – so viel darf man verraten – ein sehr persönliches Ding mit Bishop zu laufen hat, das weit in der politischen Vergangenheit Südafrikas zurückliegt. Zweiter Strang: Früher haben Bishop und Buso mit Isabella Santini zusammengearbeitet, Waffenhändlerin und CIA-Agentin. Isabella ist die nächste starke Frau. Sie hatte früher ein Match mit Mace Bishop, auch heute können sie die Finger nicht voneinander lassen, was Oumou, Bishops Gattin, Künstlerin aus Mali, eine atemberaubende Schönheit, und eine starke Frau, nicht gefällt. Außerdem wird Isabella von ihrem unnützen Gatten mit Vittoria Cavedagno – von allen Frauenfiguren die härteste Braut – betrogen. Isabella weiß das, schickt aber Gatte Paulo dennoch von New York nach Kapstadt, um dort zur Finanzierung eines schwer lukrativen Waffendeals via Angola Kohle mit Drogen zu machen – in enger Zusammenarbeit mit dem Hausdealer unsere Discobesitzer aus dem ersten Handlungsstrang. Bishop und Buso lassen sich der alten Zeiten zuliebe hineinziehen, aber Sheemina February hört mit. So allmählich beginnt das große Töten. Weiter kann und soll man die Handlung auch nicht paraphrasieren, weil Mike Nicol sehr feinmaschig erzählt und dabei dennoch völlig im Vagen lässt, ob die Handlung nun nach Kontingenz-Prinzipien gebaut ist oder dem Masterplan einer Figur folgt. Auch wenn sich am Ende des ersten Teils der Trilogie eine Option als wahrscheinlicher als andere andeutet, würde ich nicht darauf wetten, an der Stelle schon zu wissen, wie es weitergeht.

Realität und Opulenz

Anyway, ähnlich wie Deon Meyer versucht auch Mike Nicol der komplexen Realität namens Südafrika (oder Süd-Afrika) mit erzählerischer Opulenz zu Leibe zu rücken, auch wenn die manchmal sehr lakonisch und cool daherkommen kann. Wir sehen eine Gesellschaft, die wie die beiden Helden zur Ruhe kommen möchte, es aber aufgrund ihrer Geschichte und ihrer momentanen Disposition nicht kann. Schwarz und weiß gibt es bei Mike Nicol noch nicht einmal als Grauwert, nur tiefschwarz und blutrot wie in den trivialen Ballerorgien von Roger Smith schon gar nicht. Es ist nicht alles schlecht, nicht alles verrottet, auch wenn es schlimm und verrottet zugeht. Nicols Helden sind Menschen. Kleine Menschlein zudem, die zwar ausgekocht und abgezockt sind, aber auch verführbar, schusselig, gleichgültig, notfalls gewalttätig und stur. Nichts klappt in diesem Buch, nichts läuft nach Plan, niemand ist so, wie man denkt: In einer witzigen Vignette demonstriert Nicol das an der Figur des angolanischen Verkehrsministers, der uns wie der übliche korrupte, miese afrikanischen Politiker vorkommt, der für Geld alles macht und dazu feist grinst. All das ist er auch, aber als er ein Maschinengewehr in die dicken Patschehändchen bekommt, ist er noch etwas ganz anderes – man erschrickt sogar beinahe. Auch Mace Bishop ist nicht wirklich ein Guter, au contraire, eine ziemlich ruppige Gestalt, und das auch durchaus im moralischen Sinne.

Die Frauen und die Politik

Und eben die Frauen: Sheemina February und Vittoria Cavedogna haben Eisigkeitsquotienten, die man nicht sehr oft findet – wobei sie noch nicht einmal die typischen femmes fatales des klassischen Noirs sind, an denen sich ansonsten die subgenreübliche Misogynie austobt. Oumou und Isabella Santini sind ähnlich überzeugende Figuren, auch sie sind mit Klischeeparametern nicht zu beschreiben. Überraschend ist nicht, dass Nicol Politik und Kriminalität, Korruption und Gier, Heuchelei und Gesinnungsterror als dunkel funkelnde Facetten der südafrikanischen Normalität zeichnet.  Überraschend ist auch nicht, dass er an diesem Thema die Verfehlungen der Sieger aufhängt, die sich notfalls mit den Feinden von damals prächtig arrangiert haben, thematisiert – das ist die ganz genuine Aufgabe von Kriminalliteratur in Umbruchgesellschaften. Überraschend ist, dass er das alles mit überraschenden kleinen Wendungen tut, die schlecht ausrechenbar sind und uns warnen sollten, zu wissen, „wie der Hase läuft“. Sowohl im Hinblick auf die Machart von Kriminalliteratur als auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Realitäten, mit denen sie sich beschäftigt. Und dass diese Überraschungen und Wendungen nicht sich nicht von einem textinternen Drang nach Originalität oder Gag oder Twist herleiten, sondern der „erzählerischen Wahrheit“ den Vorrang vor der Konstruktion geben.

Cool

Deswegen und wegen des Witzes, der Coolness, der Eleganz der Handlung, des durchaus realitätstüchtig robusten, aber nicht schwachsinnigen Gewaltlevels und ganz einfach von der Dialektik zwischen Wucht und Beiläufigkeit des Erzählens und des Erzählten ist „Payback“ ein großer Wurf.

Thomas Wörtche

Mike Nicol: Payback. (Payback, 2009). Roman. Deutsch von Mechthild Barth. München: btb 2011.  574 Seiten. 9,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch mit Leseprobe.

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