Posted On 30. Mai 2015 By In Bücher, Crimemag With 1121 Views

Miami Blues – Zufall und Mißgeschick 

Thomas WörtcheThomas Wörtche

– Romananfänge sind entscheidend. Nicht nur erste Sätze, sondern das, was man klassischerweise als Exposition bezeichnet. Nicht selten definieren sie einen Roman als „Klassiker“. „Miami Blues“ von Charles Willeford, der erste Teil eines Quartetts um den Detective Sergeant Hoke Moseley vom Morddezernat des MPD, ist so ein Fall. Frederick J. Frenger jun, genannt Junior, der – in einer früheren Ausgabe „wohlgemute“, in der überarbeiteten Neuausgabe – „unbekümmerte“ Psychopath aus Kalifornien kommt auf dem Flughafen in Miami an und bricht einem bettelnden Hare-Krishna-Jünger den Finger, weil der ihn nervt. Der junge Mann stirbt am Schock. Und ab da führt der Zufall Regie.

Diese erste Passage des Romans ist ein Meisterwerk der Erzählökonomie und gleitet voran wie der „Bemsha Swing“ von Miles Davis. Und mehr noch. Sie definiert die Erzählhaltung des Roman, seinen coolen Sarkasmus und seine bösartige Ironie. Und enthält – in a nutshell – schon alle wichtigen Implikationen des Romans. Die ganze Zufälligkeit der menschlichen Existenz scheint auf. Eine Kontingenz, gegen die formale Struktur oder ein konsistentes, fomatives Narrativ nichts ausrichten können. Verbrechen geschehen eben mal so, es wird noch nicht einmal mehr so getan, als gebe es kausale Beziehungen zwischen Täter und Opfer. Sie waren zufällig da, eine übler Scherz von Raum und Zeit.

Joseph_Wambaugh

Joseph Wambaugh

Dieses Prinzip spitzt Willeford weiter zu. Hoke Moseley bekommt den Fall. Junior trifft später die Schwester des jungen Mannes, der keinesfalls ein netter Spinner war, und zwingt sie in seine Gewalt, was ihr – eine moralisch indolente, zwischen Schwachsinn und Überlebensinstinkt oszillierende, nicht besonders hübsche Provinzmaid – zunächst gut gefällt. Und so sehr sich Junior bemüht, Struktur in sein Leben und seine verbrecherischen Aktivitäten (er raubt und mordet mit atemberaubender Beiläufigkeit) zu bringen, umso mehr setzen ihm Zufälle und Missgeschicke zu: Ein Supermarkträuber zerstört sein Gesicht, ein alter Mann hackt ihm ein paar Finger ab, seine Braut lässt ihn im Regen stehen. Es ist ein Jammer. Der grimmigste Zufall aber ist, dass er sich mit dem leicht vertrottelt wirkenden Hoke Moseley anlegt. Und der erlegt ihn nicht wegen seiner brillanten Polizeiarbeit, sondern eher zufällig, beiläufig und radikal final.

Moseley nun wieder ist der Anti-Cop par excellence. Kein „beschädigter Cop“ unserer Tage und kein Psychopathen-Cop, wie wir sie ungefähr zur gleichen Zeit (der Roman stammt aus dem Jahr 1994) aus dem Universum von Joseph Wambaugh kennen. Er ist kein „Held“. Er ist einfach ein vom Leben gebeutelter Mittvierziger, der sich bemüht, den Kopf über Wasser zu halten. Ein anständiger Kerl, der zulangen kann. Eine komische Figur, dem gleich zweimal sein Gebiss abhanden kommt (auch Zufälle können sich häufen) und angefressen, wenn man ihn reizt.

Unter der so leicht dahin schnurrenden Handlung – die dennoch minutiös geplottet ist – liegen die Subtexte: Moseley mag es gar nicht, dass das Miami der 80er Jahre „überfremdet“ wird, dass weiße Familien wegziehen, dass schwarze Psychopathen, Haitianer und Marielitos anscheinend die Stadt übernehmen, obwohl er doch das kubanischen Essen und den guten Kaffee liebt. Er ist – in Maßen – rassistisch, homophob und misogyn. Willeford zeichnet so den Mainstream der Reagan-Jahre nach und lässt einen Cop denken, wie Cops plausiblerweise denken, wenn man sie nicht zu Heroen der politischen Korrektheit modelliert. Nur wer Figuren- und Erzählerstandpunkt mit dem Autorenstandpunkt verwechseln will, wird sich daran stören.

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Der andere Subtext ist Miami itself. Die Semantik der verschiedenen Stadtviertel, die Logik der Verkehrswege, die Stadtlandschaft bestimmt die Handlungen und Bewegungen der Figuren, das Klima generiert eigene Kontingenzen. Damit reiht sich Willeford in die Reihe der großen „Stadtschreiber“ Miamis ein – unter Kaliber wie Elmore Leonard (zum Nachruf bei CM), James W. Hall, Carl Hiaasen, Thomas McGuane oder Thomas Sanchez, um nur ein paar zu nennen. Über sie werden wir in der Zukunft die Realitäten des urban life rekonstruieren können. Und sie sind Teil des großen Narrativs der Kriminalliteratur, das daraus eine oft grausame Poesie erblühen lässt. Auch wenn das Buch dreißig Jahre alt, taugt es immer noch als Paradigma für den state of art von Kriminalliteratur, die diesen Namen verdient.

Zu den CULTurMAG-Beiträgen von Thomas Wörtche, zur Kriminalliteratur bei Kaliber38.
Charles Willeford: Miami Blues (Miami Blues, 1984). Der erste Hoke-Moseley-Fall. Roman. Deutsch von Rainer Schmidt. Mit einem Gespräch mit Charles Willeford und John Keasler (dt. von Jochen Stremmel) und einem E-Mail-Wechsel von Jon A. Jackson und Jochen Stremmel. Berlin: Alexander Verlag 2015. 167 Seiten. 14,90 Euro. Verlagsinformationen zu Buch und Autor.

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