Posted On 15. September 2016 By In Bücher, Crimemag With 1099 Views

John le Carré: Der Taubentunnel – Geschichten aus meinem Leben

51hyvkdnlyl-_sx311_bo1204203200_Der Sohn des Vaters des Autors

Wie geriet John le Carré zum englischen Geheimdienst? Was erlebte er während seiner Bonner Zeit an der britischen Botschaft? Wie gestaltete sich seine Mitarbeit an der Verfilmung seiner Romane? All das beschreibt er in „Der Taubentunnel“- einem Rückblick auf markante Episoden. Von Peter Münder. (Siehe auch die CrimeMag-Anmerkungen zur TV-Adaption seines „Nachtmanagers“ in dieser Ausgabe.)

Aus dem noblen Internat Sherborne war der 16jährige David Cornwell 1947 nach Bern  geflohen, um seinem unberechenbaren Vater Ronnie zu entkommen, nachdem seine Mutter schon längst über alle Berge war. Der egomanische väterliche Hochstapler war  nämlich ein umtriebiger Wheeler and Dealer,  der Panzer, Immobilien und vieles andere mehr verkaufte, das ihm gar nicht gehörte und daher dementsprechend oft bankrott war. Ein Rolls Royce gehörte zum Fuhrpark, tanken konnte er jedoch nur auf Pump, eigene Rennpferde sollten den passionierten Wetter endlich liquide machen – vergeblich.

Doch die vielen ungedeckten Schecks, hohen Spielschulden, nichtbezahlten Schulgebühren für den Sohn und regelmäßige Knastaufenthalte konnten seine gute Laune ebenso wenig beeinträchtigen wie die Vorbereitung angeblich „totsicherer“ neuer lukrativer Deals. Der junge David wollte in Bern aber endlich in Ruhe Germanistik studieren oder Thomas Mann bei einem Vortrag erleben, ohne wieder plötzlich vom Vater beauftragt zu werden, aus einem obskuren Hotel in Paris Golfschläger auszulösen, die der klamme Ronnie dort als Pfand für nichtbezahlte Rechnungen hinterlassen hatte.

Als der Junge in Bern dann von zwei reizenden Mitarbeiterinnen der britischen Botschaft gefragt wird, ob er nicht einige Botengänge und andere Besorgungen erledigen könnte, sagt er sofort zu: So begann die Spionagetätigkeit von David Cornwell, der sich als Autor das 413oe6evhrl-_sx314_bo1204203200_exotisch klingende Pseudonym John le Carré zulegte. Eigentlich war die Geschichte vom Spion, der aus der Kälte kam, hier schon im eisigen Alpen-Ambiente der Schweiz angelegt und nicht erst im 1963 beschriebenen vernieselten Niemandsland der DDR.

Wie auch immer: Wenn Le Carré immer wieder auf seine Lehr- und Wanderjahre als junger Spion zurückgreift, dann ist dies nicht nur ein Indiz für seine Versuche, die turbulenten, deprimierenden und doch so spannenden Jahre mit Ronnie zu bewältigen. Es ist auch der Point of no return, der schließlich nach seinem Studium in Oxford (Germanistik und Romanistik) und der Lehrtätigkeit in Eton Auslöser für seine literarische Karriere war. Und auch die Frage aufwirft, ob er sich nach seiner frühen Flucht vielleicht als „fahnenflüchtig“ betrachtete und meinte, seinem Land  wieder etwas zurückgeben zu müssen? Ronnie hatte eigentlich alle Familienmitglieder und Geschäftsfreunde verärgert, übers Ohr gehauen oder ins Unglück gestürzt – doch in „A Perfect Spy“ hatte der Sohn diesem labilen, betrügerischen Vater 1986 trotzdem ein literarisches Denkmal gesetzt, das den Leser in einen grotesken Strudel wirbelt, der zwischen komischen Zirkus-Episoden und krimineller Noir-Tristesse angesiedelt ist und den Con Man streckenweise als amüsanten Entertainer im Stile Felix Krulls darstellt.

Und ganz nebenbei lässt er seine Hauptfigur Magnus Pym in den Untiefen sondieren, die zwischen Liebe und Verrat liegen: Ist Hochstapelei vielleicht die ideale Qualifikation für das Spionieren? Und hatte der Sohn nicht schon als junger Dachs für den Vater andere Leute ausspioniert – wie es weiland Graham Greene als Schüler für seinen Vater praktizierte, weil der Schuldirektor genau über die Missetaten seiner Schüler informiert sein wollte?

Diese prägenden Erfahrungen mit dem verhassten, aber auch bewunderten Vater gehen le Carré immer wieder durch den Kopf; er will Ronnie aber in diesem Band keinen allzu prominenten Platz einräumen und verbannt das Kapitel „Der Sohn des Vaters des Autors“ daher an den Schluß. Als „Vater des Autors“ hatte sich Ronnie übrigens gerne ausgegeben, als le Carré zum berühmten Besteller-Autor avanciert war: Er tingelte durch die Lande und bot längst vergebene und bezahlte Filmrechte für die Romane des Sohnes an; er setzte sich bei Pressekonferenzen und öffentlichen Auftritten als „Vater des Autors“ in Szene und wollte den Sohn verklagen, weil dieser seinen eigentlichen „Urheber“ Ronnie in einem langen TV-Interview nicht erwähnt hatte. Denn nach Ansicht des routinierten, ziemlich parasitär veranlagten Hochstaplers sollte sich auch die Prominenz des Sohnes irgendwie in barer Münze für den ach so tüchtigen Erzeuger auszahlen.

Le Carré erfuhr erst viel später und zufällig von diesen typischen Machenschaften Ronnies. Seine Erinnerungen an diese verrückten Episoden kehren jedenfalls regelmäßig zurück. Daher das Bild vom Taubentunnel in Monte Carlo: Am Casino lag ein Sportclub mit einer Schießanlage, von der aus die Schützen auf die aus einem Tunnel auffliegenden Tauben mit Schrotflinten schießen konnten. Die angeschossenen Tauben kehrten immer wieder auf das Casinodach zurück, flatterten durch den Tunnel und das Schützenfest begann von vorn. Das Spieler-Dorado Monte Carlo hatte das Vater-Sohn Duo übrigens regelmäßig besucht, eine hübsche  „Taubentunnel“-Anekdote beschreibt hier, wie der ehrgeizige Ronnie beim Roulette einen ägyptischen Stallmeister übertrumpfen will, der am Spieltisch telefonisch von König Faruk aus Kairo genau instruiert wurde, welche immensen Summen er setzen sollte – die Ronnie dann immer überbot.

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Wenn John Le Carré also  zu seinem 85. Geburtstag im Oktober in diesem „Taubentunnel“-Potpourri aus Reisebeschreibungen, Porträts, Begegnungen und Erinnerungen Episoden aus seinem Leben präsentiert, sollte man vom Spezialisten des Kalten Krieges keine neuen sensationellen Enthüllungen über den KGB-Doppelagenten Kim Philby oder die Cambridge Five erwarten. Diese Periode hat er längst abgehakt, meistens ausgeblendet, sich darüber aber auch gelegentlich geäußert – etwa als Graham Greene ein gutgemeintes, verharmlosendes Vorwort zu Kim Philbys Autobiographie „My Silent War“ verfasst hatte. Doch jahrelang hatte er seine Agententätigkeit in Bonn und Hamburg abgestritten und später auch nie erklärt, welche Aufgaben er beim MI5 und MI6 übernommen hatte. In Oxford hatte er jedenfalls schon „dubiose“ Kommilitonen bespitzelt, die im Verdacht standen, mit sozialistischen Ideologien zu sympathisieren. Philby und sein Verrat – das war für Le Carré immer ein neuralgischer Punkt. Mit Graham Greene und dem Historiker Trevor-Roper hatte er darüber heftige Diskussionen geführt.

Angewidert hatte Le Carré zur Zeit der Cambridge Five-KGB-Maulwürfe zur Kenntnis nehmen müssen, dass „allein in Osteuropa Dutzende, wenn nicht Hunderte von britischen Agenten in Gefangenschaft gerieten, gefoltert und erschossen wurden“. Le Carré macht einige pathologische Aspekte bei Philby aus und diagnostiziert etwa die Sucht, „das ganz große Spiel“ spielen zu müssen, „eine Seite war nicht genug für ihn“, wie er hier im Kapitel  „Seines Bruders Hüter“ schreibt, in dem er sich mit Philbys Freund und Spionagekollegen Nicholas Elliot beschäftigt, um sich selbst zu vergewissern, ob seine Abneigung gegen Philby im Lauf der Jahre vielleicht abgenommen habe. Sein Fazit: Das ist keineswegs der Fall.

john_le_carreDer germanophile Le Carré, bei Goethe, Schiller, Lenz und Grimmelshausen ebenso zu Hause wie bei Günter Grass, empfand trotz seiner Aversion gegen den Adenauer-Muff und die nazistische Globke-Bande, die es sich in der Restaurations-Phase am Rhein wieder gemütlich eingerichtet hatte, große Sympathien für die Wirtschaftswunder-Republik. Wenn er seine Sightseeing-Touren mit deutschen Politikern und Journalisten durch London beschreibt, wird dies mit komischen Aspekten („Französisch“-Unterricht im Puff) beleuchtet oder mit dem grandiosen Auftritt des SPD-Politikers Fritz Erler, der beim Treffen mit dem damaligen schon völlig debilen Premier  MacMillan in Number Ten zu dem simplen Schluß kommt: „Der Mann ist doch nicht regierungsfähig!“

Sehr beeindruckt war Le Carré auch von der Bereitschaft der deutschen Öffentlichkeit, den nach einer zu Unrecht verurteilten langen Haftstrafe aus Guantanomo entlassenen Deutsch-Türken Murat Kurnaz erstmal mit Wohlwollen zu begegnen. Das kam seiner radikalen Ablehnung der US-Invasion im Irak und der Lügen über irakische Massenvernichtungswaffen sehr entgegen.

Kurios ist Le Carrés Hollywood-affines, betriebsames Fabrizieren von Drehbüchern, die dann nicht realisiert wurden: Tagelanges „brillantes“ Ausbrüten von Texten – etwa mit Francis Ford Coppola („Unser Spiel“ war die Vorlage) in Napa Valley oder mit Sydney Pollack („Eine kleine Stadt in Deutschland“) – führt trotz euphorischer kreativer Schübe zu Nichts.

Schade, dass der Spezialist für Spionageromane, der allerdings auch einen kitschig-schwülstigen Lore-Roman fabrizierte („The Naive and Sentimental Lover“), sich mit den Fanatikern der Genre-Fraktion, die an seinem literarischen Leben nach dem Kalten Krieg zweifelten, nicht auseinandersetzt. Auch Anthony Burgess kam ja übrigens nie über dieses schubladenhafte „Spy“-Label für Le Carré hinaus. In seiner gönnerhaften Kritik über „The Spy who came in from the Cold“ schwadronierte er damals ja über das offenbar vorhandene Schreibtalent dieses Autors, der aus diesem Thema mal einen „richtigen Roman“ machen sollte.

Le Carrés Suche nach dem richtigen „Post Cold War“-Stoff – deutlich auszumachen im langatmigen „Russia House“, den verschwurbelten „Absolute Friends“ und „Our Game“ – war ja 2001 mit dem Krimi über Machenschaften der Pharmakonzerne „The Constant Gardener“  und dem verspielten „Tailor of Panama“ halbwegs erfolgreich verlaufen. Auch wenn in der Panama-Komödie auffällig war, welch lange Schatten Graham Greenes bissigere, viel pointiertere und überzeugendere Geheimdienst- Satire „Our Man in Havanna“ hier noch produzierte.

Zu meiner kritischen Würdigung gehört wohl auch noch der Hinweis auf die öde, betuliche,  über 100 Seiten herumdümpelnde Exposition von „Our Kind of Traitor“, die Lee Child wahrscheinlich in drei Sätzen erledigt hätte. Nicht fehlen darf natürlich auch ein begeistertes Lob für den „Honourable Schoolboy“.

„Der Taubentunnel“ liefert zwar amüsante und faszinierende Einblicke in Le Carrés  entscheidende Phasen und Erlebnisse. Aus der langen Liste der darin nicht angesprochenen Aspekte nenne ich hier trotzdem einige, deren Thematisierung für mehr Pfeffer und Substanz in diesem Band gesorgt hätten

  • Die konfliktgeladene Debatte mit Salman Rushdie („Satanic Verses“), die sich an Le Carrés angeblicher Islam-Sympathie entzündet hatte – nach der Fatwa gegen Rushdie hatte Le Carré Verständnis für  die Islamisten geäußert und von Rushdie verlangt, sich von seinem Buch zu distanzieren
  • Die Anti-Establishment-Attitüde: Le Carré hat diverse englische Auszeichnungen und Orden abgelehnt, seine Kritik am britischen Establishment ist immer noch vehement – trotzdem nimmt er (wie im „Taubentunnel“ beschrieben) eine Einladung von Margaret Thatcher zum Dinner in Number Ten an, bei dem der holländische Premier anwesend ist, der von John Le Carré noch nie etwas gehört hat. Und Le Carrés Bewunderung für die „eiserne Lady“ während des Falkland-Krieges wird hier ausdrücklich  Als Lehrer am Eton College zu unterrichten, ist sicher auch nicht ehrenrührig, aber warum muss dann permanent diese Anti-Establishment-Haltung betont werden?
  • Britische „Literary Agents“ hatte es ja schon Ende des 19. Jahrhunderts gegeben: Erskine Childers, John Buchan, Somerset Maugham, Graham Greene, Ian Fleming, Tom Driberg u.a. waren alle Geheimagenten und lieferten mit ihren Romanen Erkenntnisse, die zur Gründung der Dienste beitrug (Vgl. „Childers/ „Riddle of the Sands“. Eigentlich also kein Grund zur ewigen Geheimniskrämerei – warum kann Le Carré aber  nicht mal ansatzweise 50 Jahre nach Ende seiner Spionagetätigkeit erklären, welche  Aufgaben er damals als Agent übernommen hatte? Darüber hat sich auch der detailverliebte Biograph Sisman gewundert, der Le Carré fünfzig Stunden lang interviewt hatte und vier Jahre lang an der 650 Seiten starken Biographie arbeitete. Doch angesichts etlicher Unklarheiten und Widersprüche im Verlauf dieser Interviews geht Adam Sisman schon davon aus, bald noch einen weiteren Band schreiben zu müssen. Das Enigma John le Carré hält uns also immer noch in Atem.

Peter Münder

John le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Lebe. (The Pigeon Tunnel, 2016). Deutsch von Peter Torberg, Ullstein Verlag, Berlin 2016. 383 Seiten, 22,- Euro.

Vgl. auch die große Biographie von Adam Sisman: John le Carré. The Biography. Bloomsbury, London 2015. 652 S. 9,99 Pfund. Viele diffuse und widersprüchliche Aspekte zur vita Le Carrés kann Sisman ausführlich und mit zeithistorischen Bezügen aufklären.

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