Posted On 4. August 2012 By In Bücher, Crimemag With 555 Views

Bloody Chops

Bloody Chops – knapp, schnell, auf den Punkt, und manchmal tut’s weh: Thomas Wörtche (TW) zu François Cortegianni/Marc Malès: „Blut und Schweigen“; Frank Rumpel (rum) zu Anne Goldmann: „Triangel“; Anne Kuhlmeyer (AK) zu Katharina Höftmann: „Die letzte Sünde“; Joachim Feldmann (JF) zu Frank Göhre: „I and I“.

Mafia Oper – klassisch gut

(TW) Bei allem Gedöns und Gehype um graphic novels vergisst man gerne, dass Comics eben auch das Kino der kleinen Leute (wer auch immer es zuerst formuliert haben mag) ist.

Die ersten drei, zu einem schönen, kompakten Band zusammengefassten Episoden von „Blut und Schweigen“, getextet von François Cortegianni und gezeichnet von Marc Malès, sind ein schönes Beispiel dafür. Die Story von den zwei Brüdern, die am Anfang des 20. Jahrhunderts wegen einer Vendetta als Knaben aus Sizilien fliehen müssen und in New York City ihr Leben als Gangster der eine, als gefeierter Journalist der andere, neu erfinden müssen, ist eine klassische Mafia-Oper.

Nichts Neues unter der Sonne, aber genau deshalb so gelungen. Eine sorgfältig gemachte Geschichte, konventionell gezeichnet und inszeniert und eben in dieser Konvention ganz großartig. Alles stimmt, der Rhythmus, die Farbdramaturgie, die zeitgeschichtlichen Kontexte und die Figuren auch.

Die Handlung hält sich an die Konventionen – zwei Brüder gehen ihren Weg, das gibt Konflikte in einer konfliktreichen Zeit.

Ein hübscher, kleiner, erfreulich unambitionierter, liebevoll gemachter Film zum Lesen und Betrachten. Schlechte Karten für Exegeten.

François Cortegianni/Marc Malès: Blut und Schweigen (De Silence et de Sang, 2009). Graphic Novel. Deutsch von Resel Rebiersch. München: Schreiber & Leser 2012. 144 Seiten. 22,80 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Hat die Ruhe weg

(rum) Anne Goldmann bleibt sich auch in ihrem zweiten Roman treu und erzählt eine komplexe Geschichte, in der sich alle Protagonisten mit Vermutungen das Leben schwer machen.

Die Vollzugsbeamtin Regina Aigner erfüllt sich den Traum vom Haus im Grünen, zieht zu einer Freundin und erbt das Häuschen, als diese an einem Herzinfarkt stirbt. Bei Bauarbeiten entdeckt sie im Garten ein menschliches Skelett. Aus Angst, die Freundin könnte ihr doch etwas Wichtiges verschwiegen haben, lässt sie die Knochen kurzerhand an anderer Stelle verschwinden und wird fortan von Gewissensbissen geplagt. Gleichzeitig beginnt sie ein Verhältnis mit einem Kollegen. Der allerdings ist krankhaft eifersüchtig und bedrängt sie. Und schließlich setzt ihr noch ein wegen Mordes zu 17 Jahren verurteilter und nun auf Bewährung entlassener Häftling zu, der sich als Neffe der Verstorbenen ausgibt und Regina erpresst, weil er meint, sie habe sich das Haus unrechtmäßig unter den Nagel gerissen.

Anne Goldmann kann hier gleich bei mehreren Themen aus dem Vollen schöpfen. Sie arbeitete einige Jahre selbst in einer Justizanstalt und betreut jetzt Straffällige nach der Haft. Entsprechend präzise und detailreich sind ihre Schilderungen des Gefängnisalltags, die schwierige Situation weiblicher Vollzugsbeamtinnen in einem männlich dominierten Beruf,  aber auch jene des Ex-Häftlings, mit all seinen Zwängen, Ängsten und im Knast erlernten Überlebensstrategien, die draußen nur bedingt taugen.

Spielte ihr erster Roman in einem Wiener Mietshaus, hat sie auch diesmal eine überschaubare Figurenkonstellation gewählt und daraus – noch besser und zwingender, als in ihrem Debüt „Das Leben ist schmutzig“ – eine eng verwobene, beklemmende und lebenskluge Geschichte gemacht, in der keiner der in sich gefangenen Protagonisten zur Wahrheit durchdringt. Da traut keiner dem anderen und sich selbst auch nur bedingt. Die daraus entstehende Spannung aufzubauen und zu halten beherrscht Goldmann prächtig, gerade weil sie als Erzählerin die Ruhe weg hat. Ihr Roman wirkt zunächst etwas behäbig, braucht seine Zeit, um einigermaßen in die Gänge zu kommen. Aber die Autorin sieht nun mal genau hin und geht nah an ihre Figuren heran, die da auf ihrer ungelenken Suche nach Ruhe und Glück, nach einem irgendwie anderen Leben scheitern, weil sie einfach nicht aus ihrer Haut können.

 Anne Goldmann: Triangel. Roman. Hamburg, 2012: Argument-Verlag. 266 Seiten. 11 Euro. Verlagsseite zum Buch.

Altbacken und banal

(AK) Assaf Rosenthal, israelischer Ex-Armeeoffizier und ein netter Typ, freut sich über den Auftrag seiner ersten Mordermittlung, dem an einer ukrainischen Prostituierten, die nahe einer Sprachschule erdrosselt im Matsch gefunden wird. Dezember. In Tel Aviv regnet es. Assaf und Yossi, Rosenthals untergebener Mitarbeiter, ermitteln sich durch die unterschiedlichen Ethnien und Milieus, von denen die Stadt und das ganze Land geprägt sind. Zwei Tage nach dem Mord fällt ihnen endlich ein, die Wohnung der Toten zu durchsuchen. Sie entdecken in ihrem Computer Hinweise auf die Freier, vorwiegend gutbetuchte Geschäftsleute, die von dem neuen Nebengeschäft des Nobel-Bordell-Besitzers, in dem die junge Frau gearbeitet hat – Kokain, Amphetamine, synthetisches Dreckszeug – keine Ahnung zu haben scheinen. Nicht auszuschließen, dass der Mord eine Warnung etablierter Drogenbosse an den Neuling sein könnte …

So weit, so gut.

Jüdisch-religiöses Leben, das Einwandererproblem, mehr oder weniger rassistische Haltungen, Herkunftsfragen, eine Gesellschaft, die mit Angriffen von außen und innen, mit einer extrem heterogenen Bevölkerung, mit einer hoch belasteten Geschichte umgehen muss, werden zwischen den Ermittlern erörtert. Dabei müssten die das doch wissen, wenn sie da leben. Sie wissen es auch, denn sie bestätigen sich unablässig ihre Statements.

So schleppt sich der Roman mühsam durch die sicher kulturell spannenden Viertel Tel Avivs. Die Kriminalhandlung  begleitet fast nebensächlich all das, was über das Leben in Israel einmal erzählt werden müsste, was zweifellos interessant und bunt ist und den durchaus lesenswerten Teil des Romans darstellt. Nur tut es die Autorin in einem behäbigen, altbackenen Stil mit entnervenden Wiederholungen und Phrasen. Sätze wie: „Wir haben einen Mord zu klären.“, oder: „Assaf musste einen Mörder finden und für Gerechtigkeit sorgen.“, machen den Text zäh und mich ärgerlich. Ebenso brav wie banal löst sich der Fall auf.

Besonders bedauere ich, dass der Roman auf diese Weise weder seinem Thema noch dem Ort der Handlung gerecht wird und jede Menge wunderbares Potential verschwendet.

Schade, ich hatte mir mehr versprochen.

Katharina Höftmann:  Die letzte Sünde. Roman. Berlin: Aufbau 2012. 287 Seiten. 9,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Liebevoll

(JF) An vier Augustsamstagen des letzten Jahres erschien auf diesen Seiten ein Amsterdam-Porträt von Frank Göhre. Kein klassischer Reisebericht, sondern eine kunstvoll zusammengestellte Montage aus Beobachtungen, Notizen und Zitaten. Letztere stammten vor allem aus den Romanen Nicolas Freelings und Jan Willem van de Weterings, Klassiker der Kriminalliteratur, die leider ein wenig in Vergessenheit geraten sind. (Die deutschen Ausgaben kann man nur noch antiquarisch beziehen.)

Ich war in diesem Monat verreist und habe daher erst jetzt die erweiterte Fassung dieser Hommage an die niederländische Metropole gelesen. Sie findet sich neben anderen Stories, Reportagen und Essays in dem Band „I and I“, mit dem der Pendragon Verlag bereits zum zweiten Mal (nach „Seelenlandschaften“, 2009) verstreut publizierte Texte des Genrekenners und -liebhabers (u. a. über Daniel Woodrell und Jean-Pierre Melville) vorlegt. Wie es der Zufall will, entdeckte ich just in jenem August irgendwo in den Cotswolds eine Grabbelkiste mit alten Penguin-Krimis, erwarb für 50 Pence pro Stück zwei Romane von Nicolas Freeling und fand in seinem Inspektor van der Valk einen bemerkenswerten Ermittler, der gleichermaßen sensibel mit jugendlichen Missetätern wie mit alten Nazis umzugehen versteht. Dass Frank Göhre mich nun auf unwiderstehliche Weise an mein Vorhaben erinnert, weitere Bände der Reihe zu lesen, ist ein weiteres Verdienst dieses liebevoll zusammengestellten Buches.

Frank Göhre: I and I. Stories und Reportagen. Bielefeld: Pendragon: 2012. 198 Seiten. 10,95 Euro. Verlagsinformation zum Buch. Auswahl der Texte des Bandes bei CultMag: Klassiker-Check: Victor Headly; Amsterdam- Serie, siehe oben; Spotlight – Frank Göhre: Ein Porträt von Marion Michael alias Liane; Tidyman, Crumley-Porträt, Ein BR Fernsehtag, Osborne.

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