Posted On 26. April 2014 By In Bücher, Crimemag With 614 Views

Benjamin Percy: Roter Mond

Benjamin_Percy_Roter MondEines Wolfes Fell nur traf ich im Forst: „Wir“ und „Die Anderen“

Ein Essay von Alf Mayer über Benjamin Percys allegorischen Thriller „Roter Mond“.

Achtung, dies ist deutlich mehr als der normale Werwolf-Roman – ein ohnehin ehrwürdiges, an Subversion nicht armes Subgenre, man denke etwa an Klaus Völkers große, heute aktualisierungsbedürftige Anthologie „Von Werwölfen und anderen Tiermenschen“ (Hanser, 1972). Und noch einmal Achtung, dies ist auch nicht der normale Fantasy-, Horror- oder Science-Fiction-Roman, wie es vielleicht das Verlagsumfeld nahelegen mag.

Benjamin Percy stammt aus dem ländlichen Oregon, die von ihm evozierte Welt hat jedoch mit Stephenie Meyers „Twilight“-Saga aus dem Nachbarstaat Washington so wenig gemein wie ein Schlachtfeld mit einem Kinderspielplatz. Ja, wer diesen Roman liest, betritt ein Schlachtfeld mit viel blood & gore. Was Benjamin Percy in seinem bislang umfangreichsten Buch „Roter Mond“ veranstaltet, ist nichts weniger als eine, pardon the pun, haarsträubend realitätstüchtige zivilisatorische Bestandsaufname. Die Post-9/11-Welt, kenntlich gemacht in einem genresprengenden Thriller und im Umgang mit einer Minderheit – mit den Werwölfen. (Das Wort übrigens kommt im ganzen Buch nicht vor.)Benjamin_Percy_Roter Mond_KLaus Völker von Werwölfen

Was bewegt einen vom Literaturbetrieb bereits seit den ersten Kurzgeschichten anerkannten Autor, einen großen Roman über die atavistischen Abgründe unserer Gegenwart anzugehen und dies in eine politische Parabel zu packen? Was ist es für eine Welt, was sind es für Zeiten, die einen Schriftsteller zu den Mitteln der Verzerrung, Übersteigerung, der Kenntlichmachung in einer alternative history greifen lassen? Ich denke da nicht nur an George Orwell und Genossen, an Swift oder den bei uns kaum wahrgenommenen Richard Condon, kommt mir auch der für seinen Realitätssinn gerühmte Charles McCarry in den Sinn, der der schon 1979 in „The Better Angels“ (Die besseren Engel, dt. 1980) ein Amerika der nahen Zukunft von Selbstmordattentätern heimsuchen ließ.

Die Tür fliegt auf und Menschen sterben

Gleich am Anfang von „Red Moon“ geht ein junger Mann auf eine Reise, sein Vater bringt ihn zum Flughafen. Was sich auf Seite zwei noch wie ein wenig Reisefieber liest – Patricks Magen „fühlt sich an wie eine wund geschlagene Faust“ – erweist sich schnell als Vorhut eines literarischen Punches, eines furiosen Einstiegs in eine mit den Mitteln des Actionthrillers operierende, aber (man denke an das „Vergeltungs“-Debakel Don Winslows) weitaus tiefer schürfende, ja aufwühlende Erzählung. Patrick rückt ein zum Militär, deshalb sein nervöser Magen, der gleich weit Heftigeres auszuhalten hat, denn die Perspektive wechselt auf einen Geschäftsreisenden, frisch und schlecht rasiert, unsicher und nervös, einer jener Passagiere, neben denen man am liebsten nicht zum Sitzen kommt, „das Gesicht blass und verschwitzt. Er zittert, vibriert geradezu, sieht aus wie ein verwackeltes Foto.“

Der Mann stolpert auf die Toilette, bleibt lange, eine kleine Schlange bildet sich. Ein seltsames Geräusch erfüllt das Flugzeug, wie von einem Tier. Da fliegt die Tür auf. Und Menschen sterben. Patrick sieht die Bewegungen nur verschwommen, sieht Haare, Muskeln, Klauen, einen durch die Luft sensenden Arm, spritzendes Blut.

„Natürlich weiß er, was das Ding ist: ein Lykaner. Seit er denken kann, hat er von ihnen gehört, Romane gelesen, in denen sie vorkamen, Geschichtsbücher, Zeitungen, hat Filme und Fernsehsendungen gesehen. Aber er ist noch nie einem begegnet, nicht im echten Leben. Das Gesetz verbietet ihnen, sich zu verwandeln.“

Charles_McCarry_The Better AngelsDer Lykaner bewegt sich „so schnell, dass Patrick mit den Augen kaum folgen kann. Er erkennt nur wenig, lediglich einen mehr oder weniger menschlichen Körper, der von einem Fell bedeckt ist … und blitzende Zähne … Manchmal bewegt sich das Monster auf allen vieren, manchmal aufrecht.“

Einer Frau wird das Gesicht „vom Schädel gerissen wie eine Maske. Ein Bauch platzt auf und die Eingeweide schießen daraus hervor wie von einer Winde abgefeuerte Seile … Die roten Spritzer an den Wänden sehen aus wie Höhlenmalerei. Überall tropft das Blut, überall liegen Leichen in den unterschiedlichsten Verrenkungen wie umgestürzte und zersplitterte Statuen.“Benjamin_Percy_Roter Mon_Lycaon_turned_into_wolf-Goltzius-1589

Der Lykaner bringt das Flugzeug zum Absturz. Auf Seite 32 wissen wir, dass es zeitgleich drei solcher Anschläge gab, wissen wir mehr über den Krieg mit den Lykanern und dass eine neue Qualität der Auseinandersetzungen aufzieht, wissen wir, dass Patrick als einziger Passagier überlebt hat und in den Medien „der Wunderjunge“ genannt wird. Auch Claire hatte schon ihren ersten Auftritt, ein Akademikerkind auf dem Weg zur Abnabelung. (Wenn man eine Weile Percy gelesen hat, schärft sich der Blick für alle die körperlichen Vokabeln unserer Sprache. Weiter unten dazu mehr.)

„Real Men Drive Dodges“

Mit kräftigen Strichen, in ihrer sinnlich-erdigen Art ziemlich einzigartig in der gegenwärtigen US-Literatur – wobei das „country noir“ mit Donald Ray Pollock, Daniel Woodrell nun endlich breitere Aufmerksamkeit findet –, führt Percy seine Protagonisten in schneller Folge ein, immer szenisch, immer interaktiv. Allradtauglich in jedem Gelände, robust und schnell, bildhaft und sinnlich, nimmt uns der Dodge-Fahrer Percy huckepack – es gibt einen schönen Esquire-Text von ihm des Titels „Real Men Drive Dodges“, der Vorspann lautet: „It doesn’t matter his demeanor before he gets in the car. Once a man sits down in a Dodge, he becomes an asshole. A nod to the Dodge Driver.“ Percy wuchs im Kuhdreck auf, in der High Desert von Oregon, einer wunderschönen, aber erbarmungslos ländlichen Gegend, verdiente sich Taschengeld mit Stallausmisten, kokettiert heute mit: „Ich hacke gerne Holz.“

©Jennifer May

©Jennifer May

Weltentwürfe, Personenpsychologie und Handlung verschmelzen in „Roter Mond“. Erstaunlich, wie wenig das alles ruckelt. „Red Moon“, so der Originaltitel, ist ebenso Handlungs- wie Ideenroman. Wie sein Namensvetter großer Walker P. ist Benjamin P. ganz klar ein Kinogänger und jemand, der über die Kunst des Schreibens viel sinniert hat. (Dazu unten etwas mehr.) Percy transportiert uns Leser in eine Welt, die einem seltsam bekannt vorkommt – es ist die von „uns“ und den „anderen“. Nicht um „Das Böse im Blut“ geht es hier, sondern um „das andere“ in uns. Dennoch ist der Hinweis angebracht auf James Carlos Blake, einen erst seit letztem Jahr bei uns übersetzten großen amerikanischen Erzähler. (Zu seinem Porträt geht es hier )

Wenn der Krieg nach Hause kommt

„Die Anderen“, das sind bei Benjamin Percy die Lykaner. Was er in ihrer Geschichte und in ihnen versammelt, das ist der (eben längst nicht nur amerikanische) Umgang mit Minderheiten und Andersartigen. Man kann das für zu viel halten, was Percy hier alles versammelt, von Rassengesetzen, Eugenik und Apartheid bis Bürgerrechtsbewegungen und Zeltlagern im New Yorker Central Park, Sit-Ins an Universitäten, Skinheads und Ku-Klux-Klan, von diffamierten „Hundesoldaten“ (Dog Soldiers im Original), Geronimos Guerillakampf, gewaltfreiem und gewaltpropagierendem Widerstand, eskalierendem Terrorismus und Counterinsurgency, Überwachungsstaat und Bürgerwehren, 3000 Meilen langem Grenzzaun, Survivalisten und Extremisten, Liberalen und Falken, Advokaten von Gewalt und Folter auf allen Seiten der Fronten.

5,2 % der US-Bevölkerung sind von dem Lobos-Prion infiziert, eine gesetzlich vorgeschriebene Zwangsmedikamention unterbindet die durch die Krankheit verursachte Wolfsverwandlung. Wer das nicht will, kann in die Republik Lupos auswandern, einen (man darf an Israel denken) kargen Landstreifen zwischen Finnland und Russland. „Es ist ein bitterkaltes Land mit einem heißglühenden Herzen aus giftigem Erz“, heißt es – dumm nur, dass dort Uran gefunden wurde und unter dem Schutz von US-Besatzungstruppen abgebaut wird. Der Terror dort wird schon im Anfangskapitel ins eigene Land getragen, „der Krieg kommt nach Hause“.

Benjamin_Percy_Roter Mond_GermanWoodcut1722Percy spitzt zu, was unsere jüngere Zivilgesellschaft und ihre tiefliegenden Konflikte ausmacht. Das gibt eine ungemütliche Lektüre, die einen den eigenen Stand zur Welt immer wieder hinterfragen lässt. An wieviel nicht alles hat man sich längst gewöhnt? Nimmt man hin? Schaut weg? Oder ein wenig hin, in den Nachrichten, aber dann doch nicht lang genug für irgendwelche Konsequenzen. „Lykaner“ kann man bei Percy immer wieder ersetzen mit Muslims, Migranten, Illegalen, Homosexuellen, Transsexuellen, Juden, Palästinensern, Schwarzen, Ureinwohnern, AIDS-Kranken, Behinderten, Geisteskranken, Subversiven, Widerständlern, mit Minderheiten und Unterdrückten, Irakern unter amerikanischer Besatzung. Rassismus und Kolonialismus (selten genug in einem US-Buch), die Straßenkämpfe der 1960er und 1970er, der Weather Underground, die Universitäts- und Ghettounruhen, Tage des Zorns, all jene Macht, die auf der Straße liegt oder aus dem Lauf von Gewehren kommt, der „Krieg gegen den Terror“ nach 9/11, dessen Rhetorik Percy rasiermesserscharf einsetzt, all das vereint sich im Konflikt mit den Lykanern, von denen 99,9 Prozent mit allen anderen doch nur in Frieden leben wollen.

Zu viel? Zu wenig? Aber allein schon die Sprache …

Benjamin_Percy_Roter Mond_Wölfe der NachtGewiss lässt sich darüber streiten, wie politisch und subversiv dieses Buch wirklich ist. Vielleicht tut und will es zu viel , vielleicht beißt es letztlich dann doch zu wenig. Erklärtermaßen will es Unterhaltung sein und zugleich Stachel und Messer. Die früh gestorbene Horror- und Science fiction-Autorin Octavia Butler war, etwa in ihrer komplexen Xenogenesis-Serie (Dawn, Adulthood Rites, und Imago), die weitaus schärfere Rassismuskritikerin. Gewiss ist es aber so, dass Benjamin Percy (Jahrgang 1979) zu einer Generation von Autoren gehört, die innerhalb eines großen unterirdischen Selbstfindungsprozesses eine neue (amerikanische) Sicht auf die Welt versuchen.

Bei Percy kommt neben all dem Wissen um innere wie auch gesellschaftliche Ambivalenzen – sein Erstlingsroman „The Wilding/ Wölfe der Nacht“ handelt explizit von dieser unzähmbaren inneren Wildnis – eine Sprachmacht dazu, wie ich sie als einer, der auf einem Bauernhof aufwuchs, in solch erdiger und naturgewaltiger Brillianz schon Jahrzehnte nicht gelesen und geschmeckt habe. (Gerne würde ich mit Percy mal über Hanns Henny Jahnns „Perrudja“ und „Fluß ohne Ufer“ reden …)

Percy ist ein aufregender Erzähler, schon das erste Kapitel von „Roter Mond“ ein Kabinettstück, eine virtuose Demonstration seiner filmisch fließenden Brennschärfen: Nah, Ganz nah, Weit, Zoom, Breitwand, Makro, Überblendung. Einer der Hauptcharaktere wird eingeführt, eine Reise beginnt, ein Flugzeug füllt sich, startet, dann bricht der Terror los und auf nur wenigen Seiten, von den plötzlichen Blutspritzern an der Kabinenwand („wie Höhlenmalereien“ ) bis zum Krieg mit den Lykanern, in den Patrick als Freiwilliger sich mit seiner Reise zu ziehen anschickt, schleudert uns die Erzählung in ihre Welt, umfängt uns mit mehr als nur dem Lese-Sinn. Schickt uns auf eine Reise. Percy weiß um die zwei Bögen, den narrativen und den emotionalen, die eine Geschichte braucht, und weiß auch, wie das eigentlich Befriedigende einer Erzählung die Transformation der Charaktere durch eben die Handlung ist. Ein Actionfilm mit Seele eben – selten genug. Und schwierig. Der Präsensstil verstärkt das Gefühl der Zeitgenossenschaft, zieht ebenso unmittelbar in die Handlung wie er zum detachierten Beobachter macht. Ein Kinogefühl. Andauernd.

Zerteilt und doch zusammen

Das Zerteilte in sich und in der Welt. Die Angst vor dem eigenen Schatten. Die Lust, das Tier in sich loslassen. Der gesellschaftliche Druck, per (letztlich) Lobotomie den Wolf herauszuschneiden. Das Zerteilte und Zerrissene, das doch zusammengehört. Das Patrick schon auf der zweiten Romanseite beim Blick aus dem Autofenster bemerkt:

„Der Himmel hellte sich zu einem Pflaumengrau auf. Sonne, Sterne und Wolken kämpften gegeneinander an. Genau wie hier, denkt Patrick, wie die Landschaft, alles ist zerteilt: Ozean, Wälder, Wüste, Stadt, Wolken, und Sonne und Nebel, so viele Welten, zusammengepfercht in einer.“

Im Original:

„The sky lightens to a plum color – and with the sun and the stars and the clouds at war in the sky, Patrick can’t help but think that’s how things are around here, divided, like the landscape, ocean and forrest and desert and city, clouds and sun and fog, like so many worlds crushed into one.“

Wie ein Blitz durchfährt Claire auf S. 459 die Erkenntnis, dass alles doppelt ist, Infizierte und Nichtinfizierte, die Staaten und die Republik, der Präsident und sein Herausforderer, „die ganze Welt fühlt sich zweigeteilt an“.

Müssen wir uns wundern, in „Roter Mond“ der Montague-Capulet-Konstellation zu begegnen? Der Fehde zweier Häuser, die Shakespeare in „Romeo und Julia“ so universal fasste? Dieser Archetypus ist das Rückgrat von „Roter Mond“. All die weitreichenden Gegensätze und Konflikte von Menschen und Lykanern finden überzeugend anschaulichen Ausdruck in den Hauptfiguren von Patrick und Claire, die sich abstoßen und anziehen, verlieren und finden, die Schauplätze ihrer zerrissenen Welt in sich selbst wie ein Virus tragen. Auch das ist eine der Besonderheiten Percys, dem Wolf/ dem Ungezähmten in sich selbst Ausdruck und Anschauung geben zu können. Wie es sich anfühlt, wenn in einem etwas ist, das man nicht ganz kontrollieren kann oder will – sei es etwas „Tierisches“ oder das Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Oder all die eigenen Grenzüberschreitungen, die man am nächsten Morgen schon bereut. All das Furchtbare in einem, das einen schlimme Dinge tun oder gutheißen lässt. Jekyll & Hyde. So wie wir das alle mehr oder weniger sind. „Zugeständnisse an eine Gesellschaft von Wilden“ nannte Robert Musil unsere Konventionen von Moral.

Robert Musli

Robert Musli

Percys Allegorie wendet sich nach innen und nach außen, seine Individuen sind geradezu altmodisch politisch, dies auch noch in ihrer teilweisen Anstrengung, das eben nicht zu sein. Es geht um den immerwährenden Kampf um Gleichberechtigung im Großen und im Kleinen, um Vorurteile und Diskriminierungen – und im Großen darum, wie Angst doch ein furchtbares Mittel der Politik sein kann. Und von den Scharfmachern aller Art entsprechend eingesetzt wird. „Wenn schon ein Flugzeug voller Sprengstoff einen Krater reißen kann, in dem ein ganzes Land versinkt“, sinniert einmal ein skrupelloser Politiker, dann sei noch vieles möglich. Man müsse nur kaltblütig und skrupellos genug sein, es zu tun.

Eine Bildhaftigkeit zum Niederknien

Enorm detailreich ist Percys Roman, seiner ausdrucksstarken Präzisionsprosa genügen oft wenige Worte für eine lange nachhallende Evokation. Claires Verwandlung etwa liest sich im Original so:
„Her bones stretch and bend and pop, and she yowls in pain, as if she is giving birth, one body coming out of another.“
Der Mond erscheint als Totenschädel, eine Boing 747 rast wie eine übergroße Gewehrkugel über die Startbahn, ein Brustkorb fühl sich an wie ein Gefängnisgitter, eine Tätowierung ist so verblasst, dass sie wie ein Bluterguss aussieht, ein Vulkangipfel ragt auf wie ein Fangzahn, eine alte Frau zeigt Zahnreihen wie gelbe Hügelketten. Medikamente machen stumpf wie drei Flaschen Bier. Ein Rucksack ist „geschwollen und grün“ wie „ein enormer Magensack, der aus einem Hirschkadaver gezogen wurde“, in der Landschaft (ach, die Landschaft alleine bei Percy) blinken weiße Baumstämme wie grinsende Zähne, das Geräusch von Schritten im Wald klingt „wie eine Beschwerde“, ein Seesack wird wie eine Schildkröte bewegt (the bag turtles), Miriams Hände bewegen sich wie Krabben auf der Tischplatte.

Man kann eigentlich jede beliebige Seite aufschlagen und findet eine überraschende Bildhaftigkeit. Alleine die sich durch das Buch ziehenden Beschreibungen der Verwandlung. Sie fühle sich, so heißt es einmal, an „als wäre man wieder Kind – die einzige Zeit im Leben, zu der man wirklich lebendig ist, ungestüm und hungrig“.

Noch mitten im Schlachtgetümmel – seine Sequenzen sind mit das Beste, was ich in letzter Zeit gelesen habe – bleibt Percy hochdifferenziert. Als Patrick bei einer Schießerei in einer Höhle das Blut in den Ohren aufrauscht, was man als Leser ja sofort nachvollzieht, verstärkt Percy den Schreckmoment, indem er das übersteigerte, höllenbetäubende Geräusch einem Riesenschwarm auffliegender Fledermäuse zuordnet. Die deutsche Romanfassung hat leider einige Kriegsszenen geschrumpft, was einen Vergleich mit dem sonstigen Techno-War-Gebabbel (ja, auch das von Winslow) überflüssig macht, der übersetzerische Aufwand für allerlei Militärjargon schien wohl zu groß und die Dynamik der Szenen hätte wohl gelitten, wenn aus MRAPs und IEDs „Mine Resistant Ambush Protected Vehicles“ (Minenwiderstehende und Hinterhalt-geschütze Fahrzeuge) und „Improvised Explosive Devices“ (Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen) werden. Auch ein Hinweis darauf, wie „kriegerisch“ die amerikanische Alltagssprache inzwischen geworden ist im Unterschied zu unserer verhältnismäßig befriedeten Hindu-Kusch-Welt.

Hier nur kurz, wie Miriam der jungen Claire eine Waffeneinweisung gibt, keineswegs als Misstrauensantrag gegen Übersetzer Michael Pfingstl zu verstehen, der eine wunderbare Arbeit gemacht hat, sondern einfach, weil das Englische mehr Lakonie erlaubt:

„Miriam gives her a quick lesson on the Glock 17. Austrian-made semiautomatic pistol. Self-loading. Polymer frame. Checkered grip. Used by virtually every law enforcement agency. Outperforms any other handgun on the market for ease, accuracy, and durability. Seventeen-round double-stack magazine.“ (Im Kapitel 17)

Das Schaurige und das Groteske
M. M. Bachtin

M. M. Bachtin

Benjamin Percy kennt nicht nur seinen H.P. Lovecraft, seinen Stephen King (The Stand), Peter Straub (Ghost Story), und Cormac McCarthy (Blood Meridian), er weiß um den Großen Karneval, um die literaturhistorisch begründeten großen Grotesken des Blutvergießens, um M.M. Bachtins „Gelächter von unten“ (siehe auch TW in „Das Mörderische neben dem Leben“, hier als eBook). Einmal erleben wir eine bachanale Badeszene in einer heißen Quelle, die nach einem Wolfsangriff mit hartgekochten Leichen im sprudelnden Wasser endet. Wir sehen eine Gestalt aus der Beckenschüssel einer Leiche essen, sehen einen Mad-Max-Hardcore Konvoi in der Öde vorbeiziehen, Menschen und Menschenteile auf die Fahrzeuge gebunden wie Trophäen, werden Zeuge, wie Claire von einem Hunderudel angefallen wird, das böseste Tier ein wilder Pudel. „Buh!“, sagt da der Wolf in Claire zu dem konsternierten Tier. Eine der heftigsten Szenen ist ein Bombenanschlag auf den Weihnachtsmarkt von Portland, als gerade der Weihnachtsbaum illuminiert wird (S. 291 ff).

„Die Helligkeit der Explosion verscheucht für ein paar Sekunden die Nacht und taucht den Platz in teuflisches Tageslicht … Menschliche Körper liegen übereinander gehäuft, manche bewegen sich noch, manche nicht. Ihre Haut ist schwarz und übersät von roten Schlitzen, die aussehen wie offen stehende Münder. Auf einer Bank sitzt eine Frau ohne Schädeldecke… Blut rinnt ihr übers Gesicht und durchtränkt ihren Anorak. Sie scheint die Verletzung nicht zu spüren und blickt auf das Display ihres Smartphones als überlege sie, jemanden anzurufen …“

Wie abgefallene Verbände hängen einem verletzten Mann die Kleider vom Leib. Einer hat keine Nase mehr, ein anderer keine Zähne. „Hilfe“, sagt eine Frau. „Kann mir jemand helfen?“ Der Weihnachtsmann liegt auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt. Sein Hals endet in einem roten Stumpf. Des Rentiers Rudolphs rote Nase blinkt wie die Karikatur eines Notrurfsignals.

Nicht wenige der 638 intensiven Seiten weisen Gewaltmomente auf, Percy lässt das nie aus dem Ruder laufen, suhlt sich nicht darin. Ganz im Gegenteil. Wie ein Hitchcock im Schneideraum assembliert er sorgfältig und skrupulös. „Roter Mond“ ist keine „novel of gore and slick violence“, Percy Blick auf den Schrecken und Horror ist eher journalistisch, seine Stimme lyrisch und hypnotisch. Man will den Blick nicht wenden. Und was man sieht, lässt die eigene Verletzlichkeit spüren.

Percy und das Blutvergießen

Über Blutvergießen hat Percy eine Menge nachgedacht. „Spilling Blood. The Art of Writing Violence“ heißt ein Essay vom Mai/Juni 2011 in „Poets & Writers“, in dem er zusammen mit dem Schriftstellerkollegen Aaron Gwyn (dessen „The World Benath“ leider unübersetzt) der Wirkungsmacht der Andeutung nachspürt. Percy setzt sich hierin deutlich von Cormac McCarthy, James Carlos Blake oder Peter Straub ab.

„Ein Mensch in einer Gewaltsituation“, zitiert der Text Flannery O’Connor, „zeigt darin jene Eigenschaften, der er sich am allerwenigsten entledigen kann, jenen Charakter, der ihm als einziges bleibt, wenn er an der Schwelle zur Ewigkeit steht.“ Gewalt bei Flannery O’Connor demaskiert ihre Charaktere, zeigt, wer sie wirklich sind. Wie man sie zeigt, und wie viel davon oder wie ausführlich, das diskutiert der Artikel dann länger, hebt auf die Mitwirkung des Zuschauers (beim Film) oder des Lesers ab und argumentiert mit Beispielen von Hitchcock oder auch den griechischen Tragödien, in denen man die Grausamkeiten selbst nie sah, sondern „nur“ vom Chor geschildert bekam.

Wie in der Dusch-Szene von „Psycho“ setze sich ein wirksames, „großes“ Schreckensbild eher aus geradezu stroboskopischen Einzelbildern zusammen, die für sich alleine relativ harmlos wären bzw. nur kurz aufflackern, in der Gesamtwirkung aber tief in die Psyche fahren. Wie einen Tumor trage man solch einen von außen angeregten und in sich selbst erst zusammengesetzten, also „selbst erfundenen“ Schrecken dann in sich. „We invent the violence, and in doing so, the story becomes our own and we carry it with us like a red-veined tumor.“

Hitchcock, meint Percy, wusste darum, dass die Vorstellungskraft eine weit dunklere Kraft hat als alles, was man zeigen können. Gewalt ist für Percy eine notwendige Wiederspiegelung der Welt, in der wir leben. Um den Schrecken zu finden, müsse man da gar nicht so weit gehen. Ein Blick auf die Schlagzeilen des Tages genüge. Die Aufgabe des Schriftstellers sei es, gelegentlich das Licht auf diese dunklen Ecken der menschlichen Existenz zu richten. Nichts anderes tue er.

„Violence is a necessary reflection oft he world we live in. You don’t have to look far to find the horror. A glance at the morning headlines will suffice. Our job as writers, no matter how uncomfortable it can be, is occasionally but responsibly shine a lamp into those daark corners of human existence.“

Benjamin_Percy_Refresh RefreshEin interessantes kleines Monster also, dieses Buch. Benjamin Percy ist ein Autor, der definitiv unter Beobachtung gehört. „Roter Mond“ befindet sich derzeit in Entwicklung als Fernsehserie, „The Wilding“ und der Erzählband „Refresh, Resfesh“ werden verfilmt. Für Herbst 2014 angekündigt ist ein neuer Roman, „The Dead Lands“, in dem Percy die Reise von Lewis und Clark als „apocalyptic reinvention“ anlegt.

PS: Benjamin Percy ist alles andere als ein Fantasy- oder Reißbrettschreiber. Einen kleinen Eindruck seiner Vielschichtigkeiten und seines ungewöhnlichen wachen Auges für die dünne Haut unserer Zivilisation gibt die CrimeMag Besprechung seines Erstlingsromans „Wölfe der Nacht“.

PPS: Zu weitführend hier, welch magischen Raum der Werwolf in den Kulturen der Welt vor den heutigen „Twilight“-Teenhysterien schon immer eingenommen hat – vom Gilgamesch-Epos zu Ovids „Metamorphosen“, von Islands-Sagas bis zur aus dem Nordischen sich speisenden Wagner-Oper „Die Walküre“, in der Siegmund von seinem Leben im Wald mit dem Vater und dann dessen Verlust erzählt: „Eines Wolfes Fell nur traf ich im Forst: leer lag das vor mir, den Vater fand ich nicht.“ Michael Jackson verwandelte sich in „Thriller“ in einen Werwolf, Victor Pelevin legte mit „Das heilige Buch der Werwölfe“ (Luchterhand, 2006) eine surrealistische Phantasmorgie vor. Der leider bei einem Einsatz ums Leben gekommene New Yorker Polizist Nicholas Pekearo erfand für seine Noir-Perle „Wolfsrache“ (Rowohlt 2009) einen Werwolf-Detektiv. Der Galaxien-Satiriker Douglas Adams legte 1992 eine Kulturgeschichte vor: „The Beast Within: A History of the Werewolf“. Eine große Liste verwandlungshaltiger Literatur findet sich unter: transformationlist.com

PPS: Percy, noch einmal im Original, ein Blick auf das Umland von Portland, Oregon:

„He doesn’t mind the landscape. The deep-rutted glaciers glowing from the Cascades. The thickly forested foothills with their hiking trails and bear-grass meadows and whitewater rivers. And then, to the east, the sprawl of the sage flats interrupted by the occasional striped canyon, the bulge of a cinder cone. Hanging above all of this sky, that high-altitude sky, as clear and blue as the stripe inside a marble.”

PPS. Percy und die Gewalt, die Szene aus dem Flugzeug zu Beginn:

„The lycan moves so quickly it is difficult for Patrick to make sense of it—to secure an image of it—except that it looks like a man, only covered in a downy gray hair, like the hair of a possum. Teeth flash. Foam rips from a seat cushion like a strip of fat. Blood splatter, decorating the porthole window, dripping from the ceiling. It is sometimes on all fours and sometimes balanced on its hind legs. Its back is hunched. Its face is marked by a pronounced blunt snout that flashes teeth as long and sharp as bony fingers, a skeleton’s fist of a smile. And its hands—oversize and pouched and decorated with long nails—are greedily outstretched and slashing the air. A woman’s face tears away like a mask. Ropes of intestine are yanked out of a belly. A neck is chewed through in a terrible kiss. A little boy is snatched up and thrown against the wall, his screams silenced.”

buchtrailer:

Benjamin Percy: Roter Mond (Red Moon, 2013). Deutsch von Michael Pfingstl. München: Penhaligon Verlag 2014. 640 Seiten. 19.99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch und zur Homepage des Autors.

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  • zeilentiger

    Da kann die Rezension schon als Gänsehaut erregender Text für sich stehen.